Wir plus Angst gleich Mut

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Seit einer Weile begegnen mir häufiger Texte, in denen es um Mut geht. Oder um Angst. Wir haben alle ständig Angst. Aber wir sind auch alle ständig mutig. Das ist das, was mir auffällt und was ich total mag an Ängsten; dass wir sie nämlich überwinden. Dass sie uns überhaupt erst mutig werden lassen, dass wir Dinge tun, die wir uns eigentlich gar nicht zutrauen. Ähnlich ging es mir beispielsweise mit dem Interview, das ich Indre gab. Ich habe Dinge erzählt, die mich ausmachen und die doch eigentlich verdammt persönlich sind. Und meistens ist es ja genau das, was wir nicht sagen wollen, das, was wir zurückhalten, wenn wir uns öffentlich machen. Denn das, was wir dann sagen, sind selten Sachen, bei denen uns jemand auf die Schulter klopft und sagt: »Haste echt toll gemacht.« Ich wäre ehrlich gesagt auch lieber cool, aber irgendwie hat das bisher nie in mein Leben gepasst. Deswegen habe ich mich auch sehr vor dem Moment gefürchtet, als es online ging; ich hatte Herzklopfen, schwitzige Hände und echt weiche Knie. Aber in dem Buch »Alles inklusive« von Mareice Kaiser wird ganz zu Anfang Nicole von Horst zitiert und ich dachte: Ja, das ist es, genau das. „Wir plus Angst gleich Mut“ weiterlesen

Meine Glieder, mein Lächeln, mein Herzschlag

Es hat 34 Montage gedauert, bis sich der Teppich, den ich vom Dachboden geholt und in mein Wohnzimmer gelegt habe, einigermaßen geglättet hat. Ein paar Wölbungen hat er noch immer. In den Mulden liegt Konfetti, von einer Einweihungsparty 2013. Diese kleinen Papierschnipsel, die aussehen wie Dreck, sind etwas Gutes, sie sind schön. Sie sind Erinnerungen, Farbe und Frohsinn auf ein paar Zentimetern Boden. Keine Deko, sondern manchmal ein rettender Anker.
Eingerollt lag er da oben, neben Umzugskartons und Tischen; zwischen den Stühlen. Ein festes Band hielt ihn so eng zusammen, dass er sich nicht regen konnte. Mehr als drei Jahre. Eine Weile lag er nämlich zuvor in Hamburg, auch dort schon ein paar Wochen in einem fremden Keller, eingerollt, wie ein Häufchen Elend. Ich bin nicht der Teppich, aber der Teppich ist ich.

Ich habe mich ausgerollt, wie der Teppich, Stück für Stück. Das war Arbeit, die ich nicht mitbekam – zum Glück. Mein Herz, ein ewig nur rudimentär schlagender Muskel in meinem Körper, arbeitet von sieben Uhr am Morgen bis nach Mitternacht auf Hochtouren, dann wird er langsamer, ganz gleichmäßig, weniger gierig aufs Leben.
Aber das war ja nicht immer so. Dass mein Herz schlägt schon, aber nicht, dass es sich an Tages- oder Nachtzeiten hält, dass es sich so gemütlich in mir gemacht hat und sich rhythmisch einem Alltag zu wendet, mich verliebt macht, mich wach werden lässt, aber nicht mehr wach hält. Es war vollgepumpt mit schlechten Gefühlen, high davon, wie ein Junkie auf Heroin. „Meine Glieder, mein Lächeln, mein Herzschlag“ weiterlesen

Du bist die Welt

 

Ich habe noch deine Stimme im Ohr, wie du sagtest: Is nüscht, ick werde schon wieder jesund, ick bin doch immer jesund jeworden.
Ich habe noch deine Stimme im Ohr, die, die nie Angst hatte, die immer mutig war. Die Stimme, die versprach, was sie nicht halten konnte.

In der Bahn sitzen Menschen. Menschen mit kahlen Gesichtern und bunten Mützen, geringelt und einfarbig. Monotone Stimmen hinter mir, Gelächter ganz vorne, laut, schrill, wie eine Konfettikanone. Bald ist Karneval, Rosenmontag und mein Geburtstag. Ich habe einen großen Koffer dabei und einen Rucksack, Kleidung und Bücher – ich bin auf Reisen. Vieles daran ist schön, manches aber auch sehr anstrengend. Ich frage mich, wieso du immer unterwegs warst. Wieso du nicht einmal an einem Ort geblieben bist. Aber oft kann ich dich verstehen. Die Suche endet nie, ich merke es ja selbst, das Suchen hört nicht auf, genau wie das Vermissen. Das Vermissen von irgendwas, das Fehlen von Personen.

In der Bahn sammeln sich kleine und große Leute, ängstlich und mutig, frei und wild. Dort sammeln sich Geschichten, erfundene, wahre, grenzwertige und banale. Ich habe manchmal das Gefühl, in meinem Leben gibt es nur eine Geschichte und das ist die von dir. Sie ist wahr und gleichzeitig scheint es so, als hätte sich das jemand ausgedacht und mir bloß erzählt. Eine Sage. Dass du tot bist, meine ich, dass du angeblich nicht mehr lebst, ich aber doch deine Stimme noch in allen Farben im Ohr habe. Dann, wenn du mal wieder nicht zwischen lachen und weinen unterscheiden konntest, weil in deinem Gehirn etwas nicht mehr funktionierte, dieses Quietschen, als müsste nur ein bisschen Öl zwischen deine Stimmbänder und alles wäre wieder okay. Dann, wenn du dir sicher warst, dass du für immer lebst und frohen Mutes in einen Butterkeks gebissen hast und mit vollem Mund sagtest, du würdest noch einmal die ganze Welt bereisen. Die ganze Welt, denke ich mir jetzt, die bereist du nun. Denn das ist eine schöne Vorstellung. Die einzige Vorstellung, die mir deinen erstarrten Anblick nimmt. Du, durch den Atlantik schwimmend, mit einer warmen Milch im Rucksack, und irgendwo kommst du an. Denn überall ist die Welt, das darf man nicht vergessen. Überall ist ein Stück Welt, deswegen bist du auch immer da, hier, bei mir. Und im Sommer kommen deine Sommersprossen so stark hervor, dass ich sie in meinem Gesicht sehen kann. Sie stehen mir. „Du bist die Welt“ weiterlesen

Was hält uns eigentlich aus?

Ich bin beschädigt. Ich bin vom Leben gezeichnet. Nicht außen, denn außen sehe ich ganz normal aus, wie eine sechsundzwanzigjährige. Klar, da kommen auch langsam die ersten Lachfältchen auf der Oberfläche, aber das liegt daran, dass ich gerne und viel lache. Anders geht es eben nicht mit dem Leben, vor allem nicht mit dem Tod.

Aber ich bin innen beschädigt. Von den Dingen, die passiert sind. Das hat gar nicht viel mit der Liebe zu tun, denn mit der Liebe mache ich es so, wie ich es den neunjährigen neuerdings erzähle, die mir sagen, dass Jungs doof sind. Mit neun, also ich weiß nicht, mit neun wusste ich den Unterschied zwischen Jungen und Mädchen noch gar nicht. Weiß ich vielleicht auch jetzt noch nicht. Aber ich sage immer: »Lasst euch von denen nicht runterziehen, die sind es nicht wert – noch nicht.« Und meine mit meiner Antwort auch ein bisschen mich. Denn ich habe keine Ahnung, wann ich das letzte Mal das Gefühl hatte, einen Menschen zu lieben. Vielleicht mit zwanzig, vielleicht war das aber auch nur Spaß, ich weiß es einfach nicht.

Ich war da aber auf dieser Party neulich. Und das war in einem Jahr die erste Party, auf der ich war, und tanzte die ganze Nacht. Und da fällt mir auf einmal auf, wie beschädigt ich innen drin bin. Da unter der Haut, das ist nicht ganz am Herzen, das ist in den Blutbahnen, im Verstand, ganz unsichtbar, das sind auch keine Narben, das lag auch nicht am Schnaps; das steht in mir und kippt, wenn ich nicht aufpasse, nach außen.
Ich habe die ganze Nacht getanzt, weil ich nicht weiß, was man sonst auf einer Party macht. Da ist Musik und da bin ich, also tanze ich, denn reden vermeide ich meistens. Was soll ich auch sagen? Ich hasse es, mit Menschen zu reden, die nicht wissen, wie es unter meinem scheiß Kleid und meiner scheiß Strumpfhose aussieht. Die denken ja, ich sei wie alle, aber ich weiß ich bin wie ich. „Was hält uns eigentlich aus?“ weiterlesen

Am Ender der Straße

Nach Niederlagen wünschen wir uns, wir könnten unsere Geschichte ganz neu schreiben. Den einen Moment einfach fallen lassen und den letzten Kuss ausspucken. Wir wünschen uns unsere alte Leichtigkeit zurück und einen entspannten Blick in den Sternenhimmel, ohne zu glauben, dort oben sitzt jemand, dort guckt einer, komm winken wir mal, vielleicht winkt ja einer zurück. Wir wünschen uns keine Geschenke mehr, zumindest keine, die man käuflich erwerben könnte, sondern eine Geste, ein Gefühl und ein großes Stück Hoffnung und wir wünschen uns am Ende dieser Straße, ohne Laternen und ohne Lichter, eine kleine Öffnung, aus die wir schleichen können. „Am Ender der Straße“ weiterlesen

Der Tod ist kein Gespenst

Rückblick in Fragmenten

Ich war wunschlos unglücklich, nicht bloß an ein paar schlechten Tagen, sondern mehrere Jahre. Ich war gefangen hinter speckigen Fensterscheiben. Der Blick daraus ein nüchterner, das Draußen verschwommen, manchmal sogar einfach weg. 
Die Menschen wie Reptilien, meine Arbeit ein großer Windstoß. Ein Dagegenstemmen machte mich müde, machte mich kraftlos, mutlos, taub, blind; unsichtbar für alles und alle. Dann ein Zusammenbruch unter Schichten von Haut, nicht sichtbar für Freunde, nicht sichtbar für eine Leserschaft, nur ein paar Wörter: Ich höre auf. Ich gehe raus.
Aber: Ich legte mich schlafen, nahm das Bett wie eine Übergangsjacke, ein paar Tage; Stunden zur Erholung für einen Kopf, in dem die Gedanken sich jagten, wie Unwetter. Ein Kopf, der so viel denken wollte, aber nicht mehr konnte, der verstehen und begreifen wollte und in der ganzen Verständnislosigkeit nichts verstanden hat.
Nur der Tod. Immer und immer wieder. Ein letzter Atemzug. Ein Haus aus vergangenen Bildern. Und diese ohrenbetäubende Sprachlosigkeit auf allen Seiten. Dieser Moment danach, dieses Gerede und Getue danach, als hätte ich auch nur irgendwas verstanden. „Der Tod ist kein Gespenst“ weiterlesen

Wir können trauern, jetzt und immer

Wir können alles, nur nicht trauern – das ist eine Weile her.
Denn im letzten Jahr konnte ich beobachten, wie sich Stück für Stück der Tod und das Trauern im Internet ausgebreitet haben. Sorgsam vorsichtig, nicht mit der Tür ins Haus, nicht scheppernd, nicht laut, sondern so, dass es wirklich niemandem mehr Angst macht. Und wenn doch, dann echt nur noch ein kleines bisschen.

Ich bin sehr froh darum. Sogar dankbar. Nichts mehr habe ich mir gewünscht. Und nicht viel mehr habe ich mir erhofft, als auch ich im Januar Wir sind noch hier gegründet habe. Bloß ein bisschen Tod im Leben, ein bisschen wütend und traurig sein dürfen, einfach mal erzählen, wie das eigentlich war, als meine Blutbahnen erst voller Angst und nach dem Tod meines Vaters dann ganz leer waren. Als es weh tat und in mir brannte. Als der Tod in meinem Kopf mit dem Leben kollidierte. Und vielleicht irgendwie verstanden werden.

Aber: Es ist vorbei. Meine Geschichte ist auserzählt. Ich habe nichts mehr zu sagen, ich habe keinen Ansatz mehr, ich komme nicht mehr dahin zurück und das ist eigentlich ganz gut. Lange genug war der Tod wie Napalm, war wie ein Messer, immer wieder ein Stich, immer wieder alter Schmerz in einem neuen Monat, in einer anderen Gestalt. Sooft Trauer, so viele Tränen, so viele Wörter und Gedankenstücke, wie Fleischbrocken, an denen ich zu ersticken drohte. „Wir können trauern, jetzt und immer“ weiterlesen

Satelliten

Als das Sterben meines Vaters anfing zu leben, habe ich nicht nur Urinmengen und Körpertemperaturen auf einem Blatt notiert, sondern auch das, was unter meinen Hautschichten zwischen meinen Zellen tobte. Hier sind zwei dieser „Texte“, die ich heute wieder gefunden habe. Sie sind schon sehr alt, aber sie erinnern mich an diese neun Monate „Wartezeit“.

23/02

1.
Es gibt nur noch ein Wort und ein Wanken, nur ein Atmen und ein Lachen. Es gibt nur noch dich und mich und uns, und ein Flüstern, das die lärmende Stille bricht.
Es gibt nur noch ein Wort und nur eine Angst, nur noch ein Hoffen und das ist Wissen. Es gibt nur noch ein Staunen und ein Fallen, an jedem Morgen.
Fallen, in den Tag und Stolpern über die eigene Kraft.
Es gibt nur noch ein Hocken, nur ein Lachen, nur ein Bangen, nur ein Gehen, nur ein Reden, nur ein Thema und nur ein Sinken, in die knisternden Kissen.
2.
Es gibt keine Schmerzen mehr, nur noch Übelkeit und leichtes Bauchweh. Nur noch kribbeln in den Zehenspitzen und ein leichtes Jucken unter der Haut.
Es gibt kein Geheule mehr, nur noch Tränen, die leise fallen. Es gibt keine Hoffnung mehr, nur noch ein leichtes Aufflackern alter Tage, das sich in Gebrechlichkeit verwandelt hat.
Es gibt kein Hinfallen mehr, nur noch Taumeln, das aussieht wie Gehen, nur noch Flüchten, das aussehen soll wie Rennen.
Es gibt nur noch eins: Der Moment, das hier und jetzt, und den, den gibt es für immer. „Satelliten“ weiterlesen

Digitale Fingerabdrücke

Mein Vater hatte ein sehr altes, sehr kleines Mobiltelefon. Vor ein paar Tagen hatte ich es in der Hand, denn die Kinder benutzen es jetzt als Spielzeug. Ich hielt es auf einer Familienfeier an mein Ohr und tat so, als würde ich mit jemanden sprechen. „Hallo, hallo, wie geht’s denn so?“, fragte ich und lachte, weil die Kinder auch lachten. Und ich stellte mir die Frage, wie mein Vater es bediente, wie er mit seinen dicken Fingern eigentlich diese zarten Tasten gedrückt bekam. Hat er jemals damit telefoniert? Ja, hat er. Zweimal vielleicht. Aber meistens war es aus. Hat er je den Akku geladen? Ja, hat er. Zweimal mindestens. Wenn er ins Krankenhaus musste, sagten wir manchmal, er solle bitte sein Handy mitnehmen, damit er anrufen und Bescheid sagen kann, was ist. Denn wir konnten ja letztlich nicht dauerhaft vor Ort sein, obschon wir wirklich die meiste Zeit in seiner Nähe waren. Immer war ein schwieriges Wort und ein kräftezehrendes Unterfangen, und ein Mobiltelefon war ja gerade deswegen produziert worden, damit man auch von unterwegs kommunizieren konnte. Wenn er aber zum Beispiel entlassen wurde, hatte er sein Handy natürlich nicht dabei, also wartete er oft einen halben Tag mit gepackter Tasche im Bistro darauf, dass einer von uns kam um ihn abzuholen. Ein traurig schauender alter Mann der von Hosenträgern zusammengehalten wurde, mit Entlassungspapieren in der Hand und Krebs im Körper. Aber er wollte nie daraus lernen, er wollte, so glaube ich es manchmal, gar keinen Fortschritt. „Digitale Fingerabdrücke“ weiterlesen