Nächster Halt: Isolation

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Das Leben ist schön, es ist kostbar, es ist ungewiss lang, es ist da, ziemlich nah an mir dran. Das Leben, das ich lebe, ist der Imperator für meine Befindlichkeit. Da ist zwar eine harte Fassade, klar, die hat ja jeder, aber innen drinnen ist eine weiche, echt eine ganz weiche, immerzu von Einflüssen formbare Psyche, die dahin schmilzt bei diesem dramatischen Überangebot an Möglichkeiten, genannt Arbeit oder halt Leben.

Aber da gibt es auch Tage, die sind ganz kurz, ohne nennenswerte Ereignisse. Die paar Stunden bloßes existieren würden locker in eine Hosentasche passen, denn sie bestehen nicht wirklich, sie sind ein Dahingleiten eine Art Dahinsiechen zwischen Bett und Klo und Küche. Es sind freie Tage, schön und gut, aber das ist doch kein Leben, also nicht so ein richtiges, nicht das, was es sein sollte, wenn man ab und zu mal keine Verpflichtungen hat, wenn man machen könnte, was man will, doch ich will dann nichts. Ich will mich einfach den ganzen Tag ans Bett binden, um nicht mehr aufstehen zu müssen, um nicht fallen zu können. „Nächster Halt: Isolation“ weiterlesen

Leben und Tod

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Ich gehe selten auf größere Veranstaltungen, eigentlich nie. Vor allem gehe ich nirgendwohin, wo ich vielleicht mit einbezogen werde, Orte, an denen ich etwas sagen kann, könnte. Denn meistens bin ich mir ziemlich sicher, dass ich nichts zu sagen habe, zumindest nichts Kluges, nichts, vom dem ein anderer profitiert, sondern nur Blödsinn, der echt keinem etwas bringt. Ich habe mir nie ein Dazwischen vorgestellt. Dieser Spalt zwischen „Ich weiß, es geht um dieses und jenes, echt, ich weiß das.“ Und „Hihi, vielleicht doch nicht so ganz.“ Aber es gibt diese Lücke und die habe ich genutzt. „Leben und Tod“ weiterlesen

Ohne Anfang

Es fängt damit an, dass ich nicht mehr  „Papa“ sage.

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Und es geht weiter damit, dass mich jemand fragt, wie ich diese Jeans finde, ob die zum Oberteil passt und so weiter. Ich weiß es nicht. Ich habe keine Ahnung, wie ich diese verdammte Hose finde oder auch nur die Situation. Keine Ahnung, wie ich überhaupt etwas finde. Finden, ja ja. Beschissen.
„Ich finde alles beschissen.“
„Ist echt alles scheiße“, findet auch mein Gegenüber.
„Ach ja“, frage ich.
„Uni scheiße, Männer scheiße und das Bier, ey, das Bier schmeckt so richtig scheiße, abgestanden, alt. Der Uwe eben.“ „Ohne Anfang“ weiterlesen

Untergehen, jetzt

Wie man eine Ausnahmesituation überlebt? Eigentlich gar nicht.

Eigentlich ist da immer ein bisschen zu viel. Ein Glas Wein ist zu viel. Eine Flasche Bier ist zu viel. Das Stroboskoplicht macht den Kopf matschig. Alles, was man nur mit den Augen sieht, ist im Innern viel zu viel. Du, ein marodes Fass, eines, das gerade noch so gut zusammenhält, dass nach unten nichts weichen kann, sodass es überläuft, wenn man da noch was rein kippt. Ein Fass, der Inhalt hochexplosiv. Ein Mensch, aus dem Rahmen gefallen, nicht wach, nicht müde, nicht mehr ganz oke, aber heile genug, um zu leben, um mit den anderen mitzugehen. Heile genug, um Bier zu trinken, aber zu kaputt, um zu bedenken, dass das gerade nicht so ganz gut ist, dass da doch eigentlich nichts mehr reingeht, dass alles, was du reinschüttest, den Kopf noch mehr zu Brei macht, weil da kein Platz mehr ist in diesem kleinen Körper, der genug schleppt und hält, der Angst hat und bangt, der weder ein noch aus weiß, der nur ein- und ausatmen kann, weil sich jemand etwas dabei gedacht hat, dass der Körper das irgendwann automatisch macht.

 

Eigentlich ist da nur ein Rausch. Ein ewiger Rausch, da ist ein nicht-mehr-herauskommen aus diesem Rausch, der Tage und Nächte anhält. Betäubte Sinne, betäubte Gedanken. Zu Hause liegt das Sterben, im Kopf ist der Tod, der scheinbar Tote, jedenfalls der, der bald stirbt. Im Körper ein immerzu betrunkenes Herz, nie nüchtern, weil die Gedanken wie Schnaps wirken, 50% mindestens, vielleicht noch mehr, vielleicht ist das schon eine Alkoholvergiftung, chronisch, denn im Magen brennt es, und es zieht, die Übelkeit bleibt immer da, geht nicht mehr weg, versteckt sich im Bauch, so, dass sie niemand sieht und keiner sagt: Hör auf, trink das nächste Bier bitte nicht. Geh nach Hause, leg dich hin, nüchtere aus. Werd einmal wieder nüchtern.

„Untergehen, jetzt“ weiterlesen

Wir plus Angst gleich Mut

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Seit einer Weile begegnen mir häufiger Texte, in denen es um Mut geht. Oder um Angst. Wir haben alle ständig Angst. Aber wir sind auch alle ständig mutig. Das ist das, was mir auffällt und was ich total mag an Ängsten; dass wir sie nämlich überwinden. Dass sie uns überhaupt erst mutig werden lassen, dass wir Dinge tun, die wir uns eigentlich gar nicht zutrauen. Ähnlich ging es mir beispielsweise mit dem Interview, das ich Indre gab. Ich habe Dinge erzählt, die mich ausmachen und die doch eigentlich verdammt persönlich sind. Und meistens ist es ja genau das, was wir nicht sagen wollen, das, was wir zurückhalten, wenn wir uns öffentlich machen. Denn das, was wir dann sagen, sind selten Sachen, bei denen uns jemand auf die Schulter klopft und sagt: »Haste echt toll gemacht.« Ich wäre ehrlich gesagt auch lieber cool, aber irgendwie hat das bisher nie in mein Leben gepasst. Deswegen habe ich mich auch sehr vor dem Moment gefürchtet, als es online ging; ich hatte Herzklopfen, schwitzige Hände und echt weiche Knie. Aber in dem Buch »Alles inklusive« von Mareice Kaiser wird ganz zu Anfang Nicole von Horst zitiert und ich dachte: Ja, das ist es, genau das. „Wir plus Angst gleich Mut“ weiterlesen

Meine Glieder, mein Lächeln, mein Herzschlag

Es hat 34 Montage gedauert, bis sich der Teppich, den ich vom Dachboden geholt und in mein Wohnzimmer gelegt habe, einigermaßen geglättet hat. Ein paar Wölbungen hat er noch immer. In den Mulden liegt Konfetti, von einer Einweihungsparty 2013. Diese kleinen Papierschnipsel, die aussehen wie Dreck, sind etwas Gutes, sie sind schön. Sie sind Erinnerungen, Farbe und Frohsinn auf ein paar Zentimetern Boden. Keine Deko, sondern manchmal ein rettender Anker.
Eingerollt lag er da oben, neben Umzugskartons und Tischen; zwischen den Stühlen. Ein festes Band hielt ihn so eng zusammen, dass er sich nicht regen konnte. Mehr als drei Jahre. Eine Weile lag er nämlich zuvor in Hamburg, auch dort schon ein paar Wochen in einem fremden Keller, eingerollt, wie ein Häufchen Elend. Ich bin nicht der Teppich, aber der Teppich ist ich.

Ich habe mich ausgerollt, wie der Teppich, Stück für Stück. Das war Arbeit, die ich nicht mitbekam – zum Glück. Mein Herz, ein ewig nur rudimentär schlagender Muskel in meinem Körper, arbeitet von sieben Uhr am Morgen bis nach Mitternacht auf Hochtouren, dann wird er langsamer, ganz gleichmäßig, weniger gierig aufs Leben.
Aber das war ja nicht immer so. Dass mein Herz schlägt schon, aber nicht, dass es sich an Tages- oder Nachtzeiten hält, dass es sich so gemütlich in mir gemacht hat und sich rhythmisch einem Alltag zu wendet, mich verliebt macht, mich wach werden lässt, aber nicht mehr wach hält. Es war vollgepumpt mit schlechten Gefühlen, high davon, wie ein Junkie auf Heroin. „Meine Glieder, mein Lächeln, mein Herzschlag“ weiterlesen

Du bist die Welt

 

Ich habe noch deine Stimme im Ohr, wie du sagtest: Is nüscht, ick werde schon wieder jesund, ick bin doch immer jesund jeworden.
Ich habe noch deine Stimme im Ohr, die, die nie Angst hatte, die immer mutig war. Die Stimme, die versprach, was sie nicht halten konnte.

In der Bahn sitzen Menschen. Menschen mit kahlen Gesichtern und bunten Mützen, geringelt und einfarbig. Monotone Stimmen hinter mir, Gelächter ganz vorne, laut, schrill, wie eine Konfettikanone. Bald ist Karneval, Rosenmontag und mein Geburtstag. Ich habe einen großen Koffer dabei und einen Rucksack, Kleidung und Bücher – ich bin auf Reisen. Vieles daran ist schön, manches aber auch sehr anstrengend. Ich frage mich, wieso du immer unterwegs warst. Wieso du nicht einmal an einem Ort geblieben bist. Aber oft kann ich dich verstehen. Die Suche endet nie, ich merke es ja selbst, das Suchen hört nicht auf, genau wie das Vermissen. Das Vermissen von irgendwas, das Fehlen von Personen.

In der Bahn sammeln sich kleine und große Leute, ängstlich und mutig, frei und wild. Dort sammeln sich Geschichten, erfundene, wahre, grenzwertige und banale. Ich habe manchmal das Gefühl, in meinem Leben gibt es nur eine Geschichte und das ist die von dir. Sie ist wahr und gleichzeitig scheint es so, als hätte sich das jemand ausgedacht und mir bloß erzählt. Eine Sage. Dass du tot bist, meine ich, dass du angeblich nicht mehr lebst, ich aber doch deine Stimme noch in allen Farben im Ohr habe. Dann, wenn du mal wieder nicht zwischen lachen und weinen unterscheiden konntest, weil in deinem Gehirn etwas nicht mehr funktionierte, dieses Quietschen, als müsste nur ein bisschen Öl zwischen deine Stimmbänder und alles wäre wieder okay. Dann, wenn du dir sicher warst, dass du für immer lebst und frohen Mutes in einen Butterkeks gebissen hast und mit vollem Mund sagtest, du würdest noch einmal die ganze Welt bereisen. Die ganze Welt, denke ich mir jetzt, die bereist du nun. Denn das ist eine schöne Vorstellung. Die einzige Vorstellung, die mir deinen erstarrten Anblick nimmt. Du, durch den Atlantik schwimmend, mit einer warmen Milch im Rucksack, und irgendwo kommst du an. Denn überall ist die Welt, das darf man nicht vergessen. Überall ist ein Stück Welt, deswegen bist du auch immer da, hier, bei mir. Und im Sommer kommen deine Sommersprossen so stark hervor, dass ich sie in meinem Gesicht sehen kann. Sie stehen mir. „Du bist die Welt“ weiterlesen

Was hält uns eigentlich aus?

Ich bin beschädigt. Ich bin vom Leben gezeichnet. Nicht außen, denn außen sehe ich ganz normal aus, wie eine sechsundzwanzigjährige. Klar, da kommen auch langsam die ersten Lachfältchen auf der Oberfläche, aber das liegt daran, dass ich gerne und viel lache. Anders geht es eben nicht mit dem Leben, vor allem nicht mit dem Tod.

Aber ich bin innen beschädigt. Von den Dingen, die passiert sind. Das hat gar nicht viel mit der Liebe zu tun, denn mit der Liebe mache ich es so, wie ich es den neunjährigen neuerdings erzähle, die mir sagen, dass Jungs doof sind. Mit neun, also ich weiß nicht, mit neun wusste ich den Unterschied zwischen Jungen und Mädchen noch gar nicht. Weiß ich vielleicht auch jetzt noch nicht. Aber ich sage immer: »Lasst euch von denen nicht runterziehen, die sind es nicht wert – noch nicht.« Und meine mit meiner Antwort auch ein bisschen mich. Denn ich habe keine Ahnung, wann ich das letzte Mal das Gefühl hatte, einen Menschen zu lieben. Vielleicht mit zwanzig, vielleicht war das aber auch nur Spaß, ich weiß es einfach nicht.

Ich war da aber auf dieser Party neulich. Und das war in einem Jahr die erste Party, auf der ich war, und tanzte die ganze Nacht. Und da fällt mir auf einmal auf, wie beschädigt ich innen drin bin. Da unter der Haut, das ist nicht ganz am Herzen, das ist in den Blutbahnen, im Verstand, ganz unsichtbar, das sind auch keine Narben, das lag auch nicht am Schnaps; das steht in mir und kippt, wenn ich nicht aufpasse, nach außen.
Ich habe die ganze Nacht getanzt, weil ich nicht weiß, was man sonst auf einer Party macht. Da ist Musik und da bin ich, also tanze ich, denn reden vermeide ich meistens. Was soll ich auch sagen? Ich hasse es, mit Menschen zu reden, die nicht wissen, wie es unter meinem scheiß Kleid und meiner scheiß Strumpfhose aussieht. Die denken ja, ich sei wie alle, aber ich weiß ich bin wie ich. „Was hält uns eigentlich aus?“ weiterlesen

Am Ender der Straße

Nach Niederlagen wünschen wir uns, wir könnten unsere Geschichte ganz neu schreiben. Den einen Moment einfach fallen lassen und den letzten Kuss ausspucken. Wir wünschen uns unsere alte Leichtigkeit zurück und einen entspannten Blick in den Sternenhimmel, ohne zu glauben, dort oben sitzt jemand, dort guckt einer, komm winken wir mal, vielleicht winkt ja einer zurück. Wir wünschen uns keine Geschenke mehr, zumindest keine, die man käuflich erwerben könnte, sondern eine Geste, ein Gefühl und ein großes Stück Hoffnung und wir wünschen uns am Ende dieser Straße, ohne Laternen und ohne Lichter, eine kleine Öffnung, aus die wir schleichen können. „Am Ender der Straße“ weiterlesen