Meine Glieder, mein Lächeln, mein Herzschlag

Es hat 34 Montage gedauert, bis sich der Teppich, den ich vom Dachboden geholt und in mein Wohnzimmer gelegt habe, einigermaßen geglättet hat. Ein paar Wölbungen hat er noch immer. In den Mulden liegt Konfetti, von einer Einweihungsparty 2013. Diese kleinen Papierschnipsel, die aussehen wie Dreck, sind etwas Gutes, sie sind schön. Sie sind Erinnerungen, Farbe und Frohsinn auf ein paar Zentimetern Boden. Keine Deko, sondern manchmal ein rettender Anker.
Eingerollt lag er da oben, neben Umzugskartons und Tischen; zwischen den Stühlen. Ein festes Band hielt ihn so eng zusammen, dass er sich nicht regen konnte. Mehr als drei Jahre. Eine Weile lag er nämlich zuvor in Hamburg, auch dort schon ein paar Wochen in einem fremden Keller, eingerollt, wie ein Häufchen Elend. Ich bin nicht der Teppich, aber der Teppich ist ich.

Ich habe mich ausgerollt, wie der Teppich, Stück für Stück. Das war Arbeit, die ich nicht mitbekam – zum Glück. Mein Herz, ein ewig nur rudimentär schlagender Muskel in meinem Körper, arbeitet von sieben Uhr am Morgen bis nach Mitternacht auf Hochtouren, dann wird er langsamer, ganz gleichmäßig, weniger gierig aufs Leben.
Aber das war ja nicht immer so. Dass mein Herz schlägt schon, aber nicht, dass es sich an Tages- oder Nachtzeiten hält, dass es sich so gemütlich in mir gemacht hat und sich rhythmisch einem Alltag zu wendet, mich verliebt macht, mich wach werden lässt, aber nicht mehr wach hält. Es war vollgepumpt mit schlechten Gefühlen, high davon, wie ein Junkie auf Heroin.

Es war so, als würde ich nur auf einem Bein stehen, obwohl ich beide habe. Es war so, als hätte ich minus vier Dioptrien und würde keine Brille tragen. Schiefe Bilder, schwammige Menschen. Ich war nicht blind, mein Augenlicht war da, meine Pupillen begriffen meine Umgebung, nahmen war, aber nicht an. Meine Sinne spielten nie zusammen, sondern immer alleine, jeder für sich. Ich will etwas mitbekommen, ganz unbedingt, doch der bloße Wille reicht manchmal halt nicht. Um mich herum ist Luftpolsterfolie, ist Schaumstoff, eine Holzverkleidung, durch die nichts dringen kann und mich berührt. Das ist wie Fingerhakeln mit der Wirklichkeit, einer zieht immer den Kürzeren, ich war nie zu zweit. Das einzige, wirklich feststehende Gerüst, ist meine Einsamkeit. Ich bin viel zu oft unter Mensch, aber immer ganz alleine.

Ich habe Musik gehört. Lieder über die Liebe, Lieder über Freundschaften, Lieder über alles Mögliche, ja sogar über Quatsch. Doch auch das Lustige blieb auf der Strecke, trieb so dahin, einer lacht, aber ich bin es nicht, denn der Tod spielte hier die Musik.
Ich habe Bücher gelesen. Über die Liebe, über Freundschaften und über das Sterben. Auch über Quatsch. Doch nichts von dem kam durch die Schallwand.
Ich habe jemanden geküsst, doch ich kenne nicht mal mehr sein Gesicht.

Meine Sinne waren gekräuselt, wie verbranntes Haar.

Ich war draußen, wie ein normaler Mensch. Drei Jahre lang war ich draußen, wenn ich nicht unter zu vielen ungewaschenen Decken und Lethargie lag. Ich war in Supermärkten, Diskos und Wohnungen, umgab mich mit gesichtslosen, sprach mit Menschen, die nicht viel mehr für mich waren, als Legofiguren, die kalt und steif und so unwirklich erschienen, weitergingen, nie blieben.
Mein Herz schlug so heftig und arrhythmisch, dass mir das Meiste, ob meiner zittrigen Finger herunterfiel. Der Boden hebt zwar alles auf, aber der Wind treibt es davon. Mein Kopf war verriegelt und meine Arme waren zu schwach, um etwas wirklich festhalten zu können. So verlieren sich Menschen aus den Augen, aus dem Sinn.

Meine Netzhaut, eine dünne Schicht aus Milchglas, sieht keinen Mann, sieht keine Freunde, sieht nur Ungerechtigkeit. Die eine große Ungerechtigkeit. Die, dass er krank war. Die, dass er sterben musste. Die, dass er tot ist. Mein Herz weiß nicht, wohin mit sich, kennt keine anderen Herzen mehr, kennt kein Wir, kennt nur Belanglosigkeiten, die aus Mündern fallen, wie Spuckefäden. Sie reden und reden und reden. Über diesen einen »Hast du den gesehen?« Über diesen anderen »Der hat auf meine Gefühle getreten.« »Kennst du die, die ist jetzt superschlank« Und »Oh nein, ich bin schon wieder krank. Halsschmerzen, Husten und Heiserkeit. Ich kann kaum noch reden, ich muss mich ins Bett legen. Aber, hast du DEN einen gesehen?«
Ich kenne die nicht, ich habe den nicht gesehen, hab keinen Husten mehr und auch kein Aspirin. Denn ich habe ja nicht mal mehr Schmerzen. Fühle nur ein Puckern im Kopf und ein Rauschen im Ohr. Kein Meeresrauschen. Herzrauschen, als wäre dieser Muskel in der Frequenz verrutscht.

Mein Herz war mir ein bisschen zu schwer.

Und dann, als wäre es über Nacht passiert, kein Herzmuskelkater am Morgen mehr. Dafür ein reines Tohuwabohu an Eindrücken, an Leben in mir. Da ist auf einmal so viel, nein alles. Ein Mann, den seh ich, ein Blumenstrauß, den ich kaufe ich. Diesen einen Teppich, den habe ich doch auch noch. Dieses Buch, das will ich jetzt lesen. Diesen einen Menschen anrufen, diese Hand halten, diesen Mund küssen, diese Strecke laufen, dieses Herz in meiner Brust mit jemandem teilen. Einfach so.
Es ist ganz leicht auf einmal, federleicht sogar. Es stottert nicht mehr, es schlägt wieder mit der Welt, für jemanden, der mir echt gut gefällt. Ich wache auf, an einem Montag, und da wird es mir klar: Das Gefühl, jemanden zu vermissen ist plötzlich da. Es rüttelt mich wach, lässt mich aufschrecken, als wenn etwas passiert wäre, mit dem ich gar nicht mehr gerechnet habe. Denn ich habe etwas gefühlt. Endlich wieder etwas gefühlt.

Das Gefühl, jemanden zu vermissen, der nicht tot ist. Das.

Es spült all die Jahre rein, das Leiden und das stete Alleine-sein. Es macht keinen Tag besser, aber auch nicht schlechter. Es lässt mich riechen, es lässt mich schmecken und fühlen. Ich kann jemanden wahrnehmen, mich nähern, von Liebe sprechen und es nicht lassen, die guten Gefühle zu sehen. Die guten Gefühle anzunehmen. Und ich weiß jetzt: Schlechte Gefühle sind kompostierbar. Sie sind da, aber sie wandeln sich, werden zu Erfahrungen und es lohnt sich, sie sich mal anzusehen. Sie nicht wegzudrücken, sondern genau hinzugucken. Denn einem fallen dabei die Glieder nicht ab. Auch wenn man glaubt, man würde kurzzeitig verfaulen, nie wieder etwas fühlen, abstumpfen. Meistens kommt man aber irgendwie doch glimpflich davon. Man zieht nicht immer einen ganz großen Nutzten daraus, abgesehen davon, dass man weiterlebt, dass man noch da ist. Für andere, aber vor allem für sich selbst. Und das ist eigentlich eine sehr große Sache, eine riesige Bandbreite an Nutzungsfläche, an weißen Blättern für neue Geschichten.

Ich kann zwinkern und grinsen, ich kann loslassen und festhalten, stehen, ich kann sogar gehen. Ich kann den Tod mit einer gesunden Distanz betrachten, wie eine alte Liebe, die weh tat, die immer mal wieder auf dem Bildschirm erscheint, aber nicht mehr glasklar, nicht wie ein Messer zusticht, sondern eine Erfahrung ist, und ein echter Teil von mir bleibt. Und würde es fehlen, dieses Teil, der Tod, die ganzen Unwägbarkeiten, würde ich wahrscheinlich wirklich mein Herz verlieren oder zusammenfallen. Weil mich das stabil macht, mich in meiner jetzigen Persönlichkeit stärkt, weil es weitergeht, auch wenn man das ganz lange nicht kapiert. Aber das alles, das Verlassenwerden, das eine Weile leblos auf der Erde liegen, das Sterben von uns geliebten Menschen gehört dazu, ist eine Bedingung für das Leben. Der Tod ist eine frei liegende Aorta in den Gassen, in denen wir uns bewegen, manchmal in dem Blut beim Versuch zu schwimmen knapp ertrinken, aber doch immer überleben. Eine Aorta, die es zu verbinden gilt, behutsam, Stück für Stück. Nicht mit Hast und Eile, nicht hochmotiviert oder strebsam, wie man ein Projekt beendet. Sondern in dem Maße eines jeden selbst. In Etappen. In winzigen Momenten meist. Denn dafür gibt es keine käuflich zu erwerbenden Verschlusskappen, sondern nur Zeit.

Ich glaube jetzt langsam echt an dieses eine Wunder, dass die Zeit die Dinge heilt. Dass die Dellen auf meiner Herzinnenwand irgendwann verschwinden. Dass die Jahre mit wenig Berührung mir irgendwann etwas nutzen. Denn ich mag meine Freunde wieder. Ich mag das Leben wie nie zuvor, feiere es, lache darüber, trinke darauf. Ich mag meinen Herzschlag, der nicht mehr stolpert oder rennt, dem endlich mal wieder etwas gefällt. Ich stehe auf meinen Beinen und ich gehe raus. Ich bin verknallt wie nie zuvor und lasse meinen Gefühlen freien Lauf. Denn es ist alles noch dran: Meine Glieder, mein Lächeln und mein Herzschlag.

Du bist die Welt

 

Ich habe noch deine Stimme im Ohr, wie du sagtest: Is nüscht, ick werde schon wieder jesund, ick bin doch immer jesund jeworden.
Ich habe noch deine Stimme im Ohr, die, die nie Angst hatte, die immer mutig war. Die Stimme, die versprach, was sie nicht halten konnte.

In der Bahn sitzen Menschen. Menschen mit kahlen Gesichtern und bunten Mützen, geringelt und einfarbig. Monotone Stimmen hinter mir, Gelächter ganz vorne, laut, schrill, wie eine Konfettikanone. Bald ist Karneval, Rosenmontag und mein Geburtstag. Ich habe einen großen Koffer dabei und einen Rucksack, Kleidung und Bücher – ich bin auf Reisen. Vieles daran ist schön, manches aber auch sehr anstrengend. Ich frage mich, wieso du immer unterwegs warst. Wieso du nicht einmal an einem Ort geblieben bist. Aber oft kann ich dich verstehen. Die Suche endet nie, ich merke es ja selbst, das Suchen hört nicht auf, genau wie das Vermissen. Das Vermissen von irgendwas, das Fehlen von Personen.

In der Bahn sammeln sich kleine und große Leute, ängstlich und mutig, frei und wild. Dort sammeln sich Geschichten, erfundene, wahre, grenzwertige und banale. Ich habe manchmal das Gefühl, in meinem Leben gibt es nur eine Geschichte und das ist die von dir. Sie ist wahr und gleichzeitig scheint es so, als hätte sich das jemand ausgedacht und mir bloß erzählt. Eine Sage. Dass du tot bist, meine ich, dass du angeblich nicht mehr lebst, ich aber doch deine Stimme noch in allen Farben im Ohr habe. Dann, wenn du mal wieder nicht zwischen lachen und weinen unterscheiden konntest, weil in deinem Gehirn etwas nicht mehr funktionierte, dieses Quietschen, als müsste nur ein bisschen Öl zwischen deine Stimmbänder und alles wäre wieder okay. Dann, wenn du dir sicher warst, dass du für immer lebst und frohen Mutes in einen Butterkeks gebissen hast und mit vollem Mund sagtest, du würdest noch einmal die ganze Welt bereisen. Die ganze Welt, denke ich mir jetzt, die bereist du nun. Denn das ist eine schöne Vorstellung. Die einzige Vorstellung, die mir deinen erstarrten Anblick nimmt. Du, durch den Atlantik schwimmend, mit einer warmen Milch im Rucksack, und irgendwo kommst du an. Denn überall ist die Welt, das darf man nicht vergessen. Überall ist ein Stück Welt, deswegen bist du auch immer da, hier, bei mir. Und im Sommer kommen deine Sommersprossen so stark hervor, dass ich sie in meinem Gesicht sehen kann. Sie stehen mir.

In der Bahn küssen sich Menschen, wie in einem Traum vom happy End. Ein endloses Lippen an Lippen reiben, Zungen umkreisen. Die Hände an den Hüften, einander festhalten. Das ist schön. Ich mag solche Bilder, die brechen immer erst, wenn ich nicht mehr hingucke, das ist gut so, denn ich mag die Illusion von der Liebe, der ewigen meine ich. Wie in einer Familie. Bis nach dem Tod.

Eine Frau steht auf, ihr Haar hat dieses matte braun, weißt du, so wie meines, das habe ich von dir. Sie lächelt und ist in Begleitung, es ist ihr Kind, nehme ich an. Sie laufen durch die schaukelnde Bahn, arbeiten sich vor und peilen eine bestimmte Person an.
“Hey”, sagt sie, ihr stummes Lächeln wird zu einem kindlichen Kichern. “Ich habe euch gar nicht gesehen”, erwidert eine Stimme. Mit der Hand fasst sie einem älteren Herren auf die Schulter. “Dass wir dich hier treffen, ist aber auch wirklich ein Zufall”, sagt sie überrascht. “So klein ist die Welt”, sagt der Mann emotionslos und starrt durch die Scheiben in die vorbeiziehende Stadt. So klein ist die Welt, denke ich, während der jüngere Mann dem alten an die Mütze fasst und sagt: “Tja, Opa, dich erkennt man immer an dieser schrecklichen schwarzen Mütze.” Das hättest du sein können. Das hätte ich sein können. Das sind wir. Denn so klein ist die Welt und sie ist überall.

Es ist schön, dass wir uns so ähnlich sind, dass wir beide auf unsere Art die Welt bereisen, dass wir uns treffen können und ich dich manchmal erkenne, an deinen Hosenträgern oder deiner Stimme, die immer anders ist, aber immer da, die nichts mehr verspricht, die unverhofft kommt, wie jede Begegnung, die prägt und beschützt, in den kalten Zeiten, in der grauen Stadt, in der ich aussteige, bevor ich in ein paar Tagen weiter fahre. Ich stehe am Bahnhof, ich bin viel unterwegs, doch ich bleibe. Immer da, wo du bist. Denn du bist die Welt, die Welt ist hier, ich weine.

Was hält uns eigentlich aus?

Ich bin beschädigt. Ich bin vom Leben gezeichnet. Nicht außen, denn außen sehe ich ganz normal aus, wie eine sechsundzwanzigjährige. Klar, da kommen auch langsam die ersten Lachfältchen auf der Oberfläche, aber das liegt daran, dass ich gerne und viel lache. Anders geht es eben nicht mit dem Leben, vor allem nicht mit dem Tod.

Aber ich bin innen beschädigt. Von den Dingen, die passiert sind. Das hat gar nicht viel mit der Liebe zu tun, denn mit der Liebe mache ich es so, wie ich es den neunjährigen neuerdings erzähle, die mir sagen, dass Jungs doof sind. Mit neun, also ich weiß nicht, mit neun wusste ich den Unterschied zwischen Jungen und Mädchen noch gar nicht. Weiß ich vielleicht auch jetzt noch nicht. Aber ich sage immer: »Lasst euch von denen nicht runterziehen, die sind es nicht wert – noch nicht.« Und meine mit meiner Antwort auch ein bisschen mich. Denn ich habe keine Ahnung, wann ich das letzte Mal das Gefühl hatte, einen Menschen zu lieben. Vielleicht mit zwanzig, vielleicht war das aber auch nur Spaß, ich weiß es einfach nicht.

Ich war da aber auf dieser Party neulich. Und das war in einem Jahr die erste Party, auf der ich war, und tanzte die ganze Nacht. Und da fällt mir auf einmal auf, wie beschädigt ich innen drin bin. Da unter der Haut, das ist nicht ganz am Herzen, das ist in den Blutbahnen, im Verstand, ganz unsichtbar, das sind auch keine Narben, das lag auch nicht am Schnaps; das steht in mir und kippt, wenn ich nicht aufpasse, nach außen.
Ich habe die ganze Nacht getanzt, weil ich nicht weiß, was man sonst auf einer Party macht. Da ist Musik und da bin ich, also tanze ich, denn reden vermeide ich meistens. Was soll ich auch sagen? Ich hasse es, mit Menschen zu reden, die nicht wissen, wie es unter meinem scheiß Kleid und meiner scheiß Strumpfhose aussieht. Die denken ja, ich sei wie alle, aber ich weiß ich bin wie ich.

Ich atme aus, nach vier Stunden tanzen, atme ich aus, trinke den letzten Schluck warmes Bier, der ekelhaft schmeckt, und gucke nach rechts. Da steht er. Ein großer Typ mit Haaren bis zum Kinn und lächelt grenzdebil, betrunken, sehr betrunken.
»Wie gehts?«, fragt er. Und ich sage, dass ich nicht reden möchte. Er zuckt mit den Schultern und fragt: »Wie heißt du?« Ich sage, dass ich mich nicht unterhalten möchte, bloß meine Ruhe will.
Es ist fünf Uhr oder halb sechs und die meisten Menschen, die vorher auch getanzt haben, sind weg oder ziehen sich gerade ihre Jacken an. Der Boden ist ein Swimminpool gefüllt mit Bier und Schnaps und Menschenresten. Speichel, vielleicht Liebe, eventuell sogar Urin, ich will mir das gar nicht vorstellen.
Der Typ steht immer noch neben mir und fragt, wo ich herkomme. Ich sage: »Ich hab keinen Bock auf Smalltalk.« Er zuckt wieder mit den Schultern und nippt an seinem Getränk und stellt weiter irgendwelche Fragen, die ich hasse.
Er wiederholt sich. »Wie heißt du?« »Wo kommst du her?« »Wollen wir zu mir gehen?« »Ich bin der Stefan.«
»Schön für dich«, sage ich. Er bleibt stehen und ich denke mir: »Verpiss dich einfach.« Er bleibt stehen.
»Du kannst ja hier stehen bleiben und wir können uns unterhalten. Aber ich will mit dir echt nicht darüber reden, wer du bist und wo du her kommst. Erzähl mir doch, was dich bewegt. Vielleicht macht dich etwas traurig, das weiß man ja nie«, sage ich, »Dass Menschen etwas traurig macht, sieht man ja keinem an.«
Er nippt wieder an seinem Getränk und ich glaube, in seinem Becher ist das Gleiche, wie in seinem Blick: Leere.
Er räuspert sich. »Wie meinst du das?«, fragt er. »Ja wie ich es sage. Ist vielleicht gerade jemand gestorben?«
Er sagt nichts und guckt in die Leere in seinem scheiß roten Becher und denkt nach.
»Also ich studiere Geschichte«, sagt er.
»Ja, genau, das ist es, was ich nicht wissen wollte.«
Wir schweigen und ich genieße es, dass Stefan nichts sagt und keine Fragen stellt, die auch nichts sagen, weil es nichts über mich aussagt, wenn ich sage, dass ich schreibe. Und es sagt mir auch nichts, dass er Geschichte studiert, dass er Stefan heiße, dass er betrunken ist.
»Was soll ich dir denn erzählen?«
»Du kannst mir alles, wirklich alles sagen. Wir sehen uns wahrscheinlich eh nicht wieder, weil ich hier nicht sehr oft bin. Macht dich etwas traurig?«, frage ich. Stefan guckt auf den Boden. Eine ganze Weile liegen seine dunkelblonden Haare in seinem Gesicht, dann schaut er mich an und mit ihm ein paar Tränen.
»Hey«, sage ich. »Was ist?«
Er schüttelt wild mit dem Kopf und die Tränen fallen nach links und rechts in die noch warmen Menschenreste auf dem Boden.
»Sag schon«, fordere ich ihn auf und schiebe mit meinen Fingerspitzen die Tränen von seinen Wangen. Es kommen immer wieder neue nach, das Licht geht an und dann steht da ein Typ und sagt: »Stefan, wir müssen los, die Bahn kommt gleich.« Er verschwindet und ich frage Stefan wieder, was los ist und stelle meine leere Bierflasche auf die Erde, genau zwischen uns, damit es klirrt, falls wir uns zu nahe kommen. Er schüttelt den Kopf und sagt: »Das kann man niemandem sagen.« Und ich sage: »Mir kannst du es erzählen.«
Wir gucken uns lange in die Augen und plötzlich ist Stefan kein betrunkener Typ mehr, der mich abschleppen will, sondern ein Mensch. Wir umarmen uns zum Abschied und ich sage ihm, wie ich heiße und dass er sich melden kann, ich hab ein offenes Ohr – jederzeit. Die Bierflasche zwischen uns kippt lärmend um.

Stefan meldet sich nicht, nie. Weil wir die Geschichten nicht erzählen, die keiner hören soll. Er studiert Geschichte, das ist alles, was ich von ihm weiß.
Ich hasse mich dafür, dass ich das Leben nicht aushalte und die anderen dazu anstifte, es auch nicht zu tun. Dass ich Menschen zum Weinen bringe, wenn sie eigentlich glücklich sind. Ich hasse es, dass man ständig davon reden muss, wer man ist und nicht einfach mal sagt, wieso man so ist. Ich hasse es, dass keiner fragt, weshalb man die Menschen nicht mehr aushält.
Wenn wir das Leben nicht aushalten, hält es uns dann noch aus? Wahrscheinlich nur gemeinsam.

Foto: Emotionen sind Herdentiere cc: Michèle Hügin/Emma denkt.

Am Ender der Straße

Nach Niederlagen wünschen wir uns, wir könnten unsere Geschichte ganz neu schreiben. Den einen Moment einfach fallen lassen und den letzten Kuss ausspucken. Wir wünschen uns unsere alte Leichtigkeit zurück und einen entspannten Blick in den Sternenhimmel, ohne zu glauben, dort oben sitzt jemand, dort guckt einer, komm winken wir mal, vielleicht winkt ja einer zurück. Wir wünschen uns keine Geschenke mehr, zumindest keine, die man käuflich erwerben könnte, sondern eine Geste, ein Gefühl und ein großes Stück Hoffnung und wir wünschen uns am Ende dieser Straße, ohne Laternen und ohne Lichter, eine kleine Öffnung, aus die wir schleichen können. A. sagt, dass das doch irgendwie skurril ist, weil wir doch einen großen Sommer hatten und dass ja jetzt nicht nur jemand fehlt, sondern dass es so aussieht, als sei dieser ganze lange Augenblick einfach verloren gegangen. Das liegt nicht am Winterblues und auch nicht daran, dass jemand auf einmal nicht mehr da ist, sondern weil wir binnen weniger Tage einfach das Lockersein verlernt haben, weil uns die Naivität fehlt und der Irrsinn zum Ende des Sommers in eine Bierflasche gefallen sein muss und sich die Ernsthaftigkeit jetzt ganz schön breit macht. Sie liegt abends einfach unter dem Kissen und sie steht morgens am Bett und zieht uns an den Haaren. Aber nichts kitzelt mehr nur unter den Fußsohlen und Wunder schon mal sowieso nicht. Wir trinken nun den Wein aus den warmen Monaten, um beim Entkorken das Ploppen zu hören, in der Hoffnung, dass dann aus der Flasche alles herauskriecht – eine Replik des Sommers vielleicht. Wir hoffen so ein bisschen auf all die tobenden Erinnerungen, die uns lachend in den Arm nehmen. Und jetzt trinken wir manchmal, damit uns überhaupt mal wieder etwas umarmt, auch wenn es nun die Vergänglichkeit ist. Die Vergänglichkeit, die zwischen all den Geistern von früher, nun am verlässlichsten ist und am Ende der Straße auf uns wartet.

*Und damit wünsche ich euch allen einen guten Rutsch und ein spannendes, aufregendes und hoffentlich ruhiges Jahr.

Der Tod ist kein Gespenst

Rückblick in Fragmenten

Ich war wunschlos unglücklich, nicht bloß an ein paar schlechten Tagen, sondern mehrere Jahre. Ich war gefangen hinter speckigen Fensterscheiben. Der Blick daraus ein nüchterner, das Draußen verschwommen, manchmal sogar einfach weg. 
Die Menschen wie Reptilien, meine Arbeit ein großer Windstoß. Ein Dagegenstemmen machte mich müde, machte mich kraftlos, mutlos, taub, blind; unsichtbar für alles und alle. Dann ein Zusammenbruch unter Schichten von Haut, nicht sichtbar für Freunde, nicht sichtbar für eine Leserschaft, nur ein paar Wörter: Ich höre auf. Ich gehe raus.
Aber: Ich legte mich schlafen, nahm das Bett wie eine Übergangsjacke, ein paar Tage; Stunden zur Erholung für einen Kopf, in dem die Gedanken sich jagten, wie Unwetter. Ein Kopf, der so viel denken wollte, aber nicht mehr konnte, der verstehen und begreifen wollte und in der ganzen Verständnislosigkeit nichts verstanden hat.
Nur der Tod. Immer und immer wieder. Ein letzter Atemzug. Ein Haus aus vergangenen Bildern. Und diese ohrenbetäubende Sprachlosigkeit auf allen Seiten. Dieser Moment danach, dieses Gerede und Getue danach, als hätte ich auch nur irgendwas verstanden.

Aber auf einmal ist mir die Welt auf den Kopf gefallen. Und ich habe gesehen, wie elastisch dieses Leben ist. Wie weit man es dehnen kann, wie tief die Traurigkeit und wie hoch die Lebensfreude sein kann. Mir ist viel Gutes passiert in diesem Jahr. Aber die Sichtbarkeit dieser schönen Dinge wurde manchmal wieder von einem Schwamm Trübsinn verdeckt. Ein Schwamm, der vor meinen Augen und Sinnen herumschruppte, säubern wollte, was nicht zu säubern ging, denn den Verlust kann man nicht aufwischen, wie eine Rotweinpfütze. Doch die Fensterscheiben wurden klar, die Haut an mir noch ein bisschen labbrig, ein weites Kleid, das Wörter und Gefühle verdeckte, ein Versteck. Ich war weg. Aber jetzt bin ich wieder da.* Denn ich bin noch hier. Wir, wir sind noch hier.

Ein Blick zurück und zwei nach vorne

In den letzten Monaten hörte ich mich manchmal sagen: »In diesem Jahr möchte ich etwas Großes erreichen.« Ich hörte andere sagen: »Ich möchte erfolgreicher werden.« Oder: »Ich möchte dieses Projekt beenden.« »Ich will heiraten und Kinder haben, aber auch meine gute Figur nicht ruinieren.« Ich hörte Menschen weinen und lachen und ich habe geweint und ich habe gelacht. Denn genau das ist es wonach wir streben: Leben.

Ich habe aufgehört, darüber zu schreiben, denn ich wollte anfangen, darüber zu reden. Das alles habe ich mir in der Theorie aber viel einfacher vorgestellt; so, Mund auf, lass alles mal raus. Dass ich aber zuvor immer Gespräche über den Tod einleitend mit: »Da habe ich letztens drüber geschrieben«, begann, machte die Sache auf einmal ganz schwer, denn wo fängt man eigentlich an?
Das Gegenüber macht ein langes Gesicht, wenn du mit all deiner Trauer hereinbrichst, mit diesen echten scheiß Gefühlen, nicht als eine Aufgabe, der du dich »schreibend« stellst. Schon der Satz: »Mein Vater ist tot«, ist für die wenigsten Alltag.
Ich weine nicht, wenn ich das sage, wieso auch? Es ist meine Normalität geworden. Dieser Satz stabilisiert mich, wenn ich einen Tiefpunkt habe, dieses Wissen nähert mich, wenn ich mich mal wieder frage, was ich eigentlich erreicht habe, was ich eigentlich geschafft habe, und wieso die anderen das Gefühl haben, dass ich still stehe, obwohl ich doch soweit gegangen, obwohl ich über mich hinaus gewachsen bin. Aber woher sollen „die anderen“ das wissen, wenn sie nicht fragen, nicht hingucken, nicht zuhören?

»Ich habe großen Respekt vor dem was Du Dir mit deiner Arbeit zumutest.«

Mein Leben besteht vorrangig außerhalb des Netzes, an einem kleinen Ort in einem winzigen Raum. Inmitten von Papier und Texten und Anforderungen, an denen ich mich manchmal schneide. Zwischen Zapfhahn und Schnitzel panieren führte ich Gespräche über den Tod, die doch immer eher einer Erzählung glichen und nie meinem persönlichen Gefühl, einem Empfinden; meiner Wirklichkeit. Es lässt sich besser reden, wenn man so tut, als wäre der Tod ein Gegenstand, der im Raum herum steht, über den man stolpert und man sagt einfach: »Vorsicht, da liegt der Tod. Er ist gut verpackt, aber links und rechts ragen Spitzen heraus, an denen kann man sich schneiden. Geh langsam durch mein Leben, gib Acht, stoß dich nicht daran, denn das tut weh.« Ich milderte meine Umstände ab, denn ich habe Erfahrungen gesammelt wie Muscheln am Strand; gesagte Sätze, die aufbauen sollen, aber einen gegenteiligen Effekt haben. Der Tod ist eine Zumutung, ja, aber nicht das Gespräch darüber.

Doch nun ist es zwei Jahre und zwei Monate her. Der Tod ist alt für andere, der Tod ist nicht mehr in der Präsenz sichtbar für meine Mitmenschen, wie für mich. Das Fehlen bemerkt ja niemand, das letzte Bild kennt keiner, den Herzstillstand kann man sich nicht vorstellen. Es ist mein Tod, es sind meine Bilder und Ängste und es ist mein Vermissen, das nicht übertragbar ist, das unsichtbar bleibt.

Das Große wird auf einmal ganz klein

Ich habe nichts erreicht, keine Preise gewonnen, nicht geheiratet und mich schon einmal gar nicht erst verliebt. Ich habe keine Kinder bekommen; mein Körper hat sich trotzdem verändert. Er sieht anders aus, er ist weniger geworden. Den Fressattacken aus der Sterbe- und der Trauerzeit ist ein normales Essverhalten gewichen. Es ist nicht so, dass ich das geplant habe, es ist einfach so geschehen. Ich weiß nicht, ob das bleibt, ich weiß nicht, ob das viel wert ist, ob ein okayer Körper hilft, sich besser zu fühlen. Aber es ist gar nicht mein Körper, der mich mit Stolz erfüllt, es ist die Tatsache, dass es wieder eine Normalität gibt, etwas, das geklappt hat, für das ich mich aber nicht quälen musste. Eine Wandlung, unterbewusst, die mir zeigt, dass es weitergeht mit mir und dass Erfolg nicht immer provoziert werden muss, sondern passiert. Ganz klein, still, nur für mich alleine.

Auf den Satz: »Der Tod ist für mich ein Tabu«, habe ich angefangen zu erzählen, wie es war, als der Körper meines Vaters sich auf die Hälfte reduzierte, die Ohren sich verformten, die Atmung zu einem unvergesslichen Rasseln wurde und wie der Moment des Todes sich auf meine Netzhaut tätowierte. Und ich habe gesehen, wie sich die Zuhörer unsichtbare Ohropax in die Ohren stopften. Ich habe gehört, wie sie riefen: »Nein, nein, erzähl nicht weiter. Oh nein, wie schrecklich. Oh nein!« Es ist traurig, aber in Ordnung, dass Menschen das nicht hören möchten. Es ist erschreckend, aber gesund für diejenigen, die das alles erst noch vor sich haben, irgendwann in der Zukunft, irgendwann mit vierzig oder fünfzig, denn irgendwann ist nämlich jeder mal dran. Aber ich bin froh zu wissen, dass ich es ausgehalten habe. Dass ich erlebt habe, wovor sich alle fürchten, etwas, bei dem die Angst größer ist, als die Menschlichkeit, etwas, bei dem der Respekt vor den Gebeutelten kleiner wird, aus Angst, die eigenen Komfortzone zu verlassen. Alles ist plötzlich okay, auch wenn ich nicht so erfolgreich bin wie die anderen, nicht so jugendlich geblieben bin, wie meine Freundinnen, wenn die Ringe unter meinen Augen gerissen sind, so dass ich meine Vergangenheiten zusammenknoten kann, damit sie sich gegenseitig halten. Es ist okay für mich, dass niemand zuhören will, denn das zeigt mir nur, mit wem ich überhaupt noch reden möchte.

Der Tod ist kein Gespenst

Die Konfirmanden haben am Totensonntag 11 Kerzen angezündet. Für jeden Verstorbenen eine. Seitdem hat es noch zweimal geläutet und das Jahr hat noch ein paar Tage. Auf die Einwohnerzahl (ca 800) gesehen, ist das ein riesengroßer Haufen Menschen. Ein eigentlich nicht zu ignorierender Teil, eine Masse an Leben. Wie eskapistisch können Menschen sein, den Tod zu übersehen. Wie kann es passieren, dass wir die Sterbenden auf einmal nicht mehr wahrnehmen, nur, weil sie nicht mehr nebenan wohnen, nur, weil sie nicht mehr atmen, nur, weil sie nicht mehr schimpfen und reden, nur, weil wir Angst haben, nur weil sie tot sind und wir leben?
Der Tod ist einfach kein Gespenst, der Tod war mal ein Mensch. Das ist wichtig zu wissen, im Umgang mit Toten, im Umgang mit Angehörigen, im Umgang mit unserem eigenen kleinen, fragilen Leben.

Ich bin nicht am Tod gescheitert. Ich bin an ihm gewachsen.

Ich habe mich aus dem Netz zurückgezogen. Aber ich muss für mich einen Abschluss finden, keinen Jahresrückblick, nur einmal umdrehen, zurück gucken und dann wieder Richtung Zukunft, Richtung Leben.
Ich muss gucken und erzählen, wohin mich das Verziehen gebracht hat. Ins Leben? Ja. Mit kleinen, tapsigen Schritten, vergleichbar mit denen meiner jüngsten Nichte, zögerlich, aber unvermeidbar. Irgendwann ein bisschen schneller, kein Rennen, eher ein in-Fahrt-Kommen.
Ich bin ins Leben und ich habe Menschen getroffen, mal wieder, ich habe über die kleinsten Dinge geredet, und über die für mich Großen. Ich habe wahrhaftige Gespräche geführt. Gespräche mit jemanden, der zuhört, der antwortet, der weiß wovon ich rede und der weiß wovon er spricht. Ein Mensch, der kluge Sätze formuliert, keine Phrasen, sondern der aus Erfahrung spricht. M. sagt, man müsse voran trauern. Und genau das habe ich im vergangenen Jahr getan. Ich habe mich nicht geschubst, ich habe mich zu nichts gezwungen. Ich habe mir vier Grabkerzen gekauft und ein Adventsgesteck daraus gebastelt. Ich habe am zweiten Todestag die Augen geöffnet und geheult, den ganzen Tag lang. Ich habe angefangen, den Tod in mein Leben einzubauen, ohne einen Blogtext darüber zu schreiben, ohne, dass ich darauf hoffen musste, dass Fremde mich verstehen, weil die die mir nahe sind, mich manchmal übersehen.
Ich habe Dinge gelernt und verstanden: Ich bin nicht irre. Und Trauer ist nicht pathologisch, denn dann wären wir alle für den Rest unseres Lebens krank. Trauernde brauchen keine Gesprächstherapie, sondern manchmal einfach einen guten Freund oder Leser, die sie ein bisschen verstehen. Das habe ich kapiert, das ist ein Erfolg, es ist schön zu wissen, dass wir weitergehen und dass wir vorantrauern können, wenn wir uns denn nur lassen. Wenn wir Begleiter haben und welche sind, wenn wir Hände reichen und ab und an mal nach ihnen greifen. Wenn wir auch mal gierig sind, mal nehmen und uns mal wieder vollstopfen mit der Schönheit des Lebens.

Die Trauer übersommert und sie überwintert. Sie ist eine Torte, an seinem Geburtstag, eine Zahl aus Zuckerschrift, die jetzt eigentlich gar nicht stimmt. Die Trauer ist der Dominostein morgens um halb sieben und die verbrannten Kekse aus unserer kleinen Weihnachtsbäckerei, die er so liebte. Trauer ist das Atom, das immer weiterrollt, mitgeht, sich verändert und wandelt, mit mir wächst und mit mir taumelt und mir trotzdem ständig irgendwie Kraft gibt oder mich festhält, wo andere weggehen.

Für das nächste Jahr wünsche ich mir mehr Verbundenheit zwischen den Lebenden und den Toten, ich wünsche mir, dass wir Feste für die Toten feiern, das Gewesen zelebrieren, wie Neujahr, dass wir weinen dürfen in Bussen und Zügen, dass wir lachen und uns einfach mal wieder ins Leben verlieben. Ich wünsche mir, dass Hoffnung nicht einfach nur ein Wort bleibt, dass wir uns stützen und halten, dass wir an Gräbern stehen und uns selbst nicht aus den Augen verlieren. Ich wünsche mir Demut, Dankbarkeit und Respekt. Ich wünsche mir, dass wir voller Wünsche sind und trotzdem glücklich.

* Bis zum Jahresende werden hier alte Texte von mir erscheinen. Texte, über Verluste und Veränderung, über Anfänge und Enden. Über das Leben eben, denn darin ist alles enthalten.

Wir können trauern, jetzt und immer

Wir können alles, nur nicht trauern – das ist eine Weile her.
Denn im letzten Jahr konnte ich beobachten, wie sich Stück für Stück der Tod und das Trauern im Internet ausgebreitet haben. Sorgsam vorsichtig, nicht mit der Tür ins Haus, nicht scheppernd, nicht laut, sondern so, dass es wirklich niemandem mehr Angst macht. Und wenn doch, dann echt nur noch ein kleines bisschen.

Ich bin sehr froh darum. Sogar dankbar. Nichts mehr habe ich mir gewünscht. Und nicht viel mehr habe ich mir erhofft, als auch ich im Januar Wir sind noch hier gegründet habe. Bloß ein bisschen Tod im Leben, ein bisschen wütend und traurig sein dürfen, einfach mal erzählen, wie das eigentlich war, als meine Blutbahnen erst voller Angst und nach dem Tod meines Vaters dann ganz leer waren. Als es weh tat und in mir brannte. Als der Tod in meinem Kopf mit dem Leben kollidierte. Und vielleicht irgendwie verstanden werden.

Aber: Es ist vorbei. Meine Geschichte ist auserzählt. Ich habe nichts mehr zu sagen, ich habe keinen Ansatz mehr, ich komme nicht mehr dahin zurück und das ist eigentlich ganz gut. Lange genug war der Tod wie Napalm, war wie ein Messer, immer wieder ein Stich, immer wieder alter Schmerz in einem neuen Monat, in einer anderen Gestalt. Sooft Trauer, so viele Tränen, so viele Wörter und Gedankenstücke, wie Fleischbrocken, an denen ich zu ersticken drohte.

Nicht die Trauer aber doch meine Geschichte an dieser Stelle ist nun vorbei und deswegen wird dieser Blog auch gelöscht. Nicht, weil ich mich zwingend von meinen Texten trennen möchte, sondern, weil ich ein bisschen Luft und einen freieren Kopf brauche. Und ich kann das guten Gewissens machen, denn es gibt inzwischen so viele andere tolle und wichtige Blogs und Artikel und Texte und Gedichte und alles, die vielleicht sogar viel mehr sagen, als meine zusammengeschusterten Wörter, in dessen Innern sich das Leben aufzulösen scheint. Am Ende dieses Artikels wird noch ein Text sein, den ich eine Woche hier lasse. Und danach bin ich zwar immer noch da, aber Wir sind noch hier nicht. Ich wollte einfach nicht den polnischen Abgang machen und verabschiede mich deswegen vorerst offiziell aus der Blogwelt.*

Ich habe vor einer gefühlten Ewigkeit einen Text geschrieben, der heißt Nach dem Tod ist Trauer Leben. Ich habe daraus nie etwas veröffentlicht, aber er ist mir sehr wichtig, weil er viel erklärt, weil er viel sagt, weil er weiß, wie ich mich lange fühlte, ein Gefühl, das kein Mensch nachempfinden kann, weil jeder seinen eigenen Schmerz im Vorgarten gießt. In meinem Leben war der Tod nämlich nicht nur so krass, weil der Tod sowieso unglaublich einschneidend ist, sondern, weil das Sterben zuvor mein ganzes Leben auf den Kopf stellte. Es schüttelte meine Zukunft durch, warf meine Pläne in die Kanalisation und schmiss meine Hoffnung zwischen Bahrenfeld und Eppendorf auf die Gleise. Die letzten drei Jahre offenbarten intakte Freundschaften, die vielleicht so sein müssen, denn niemand hat je gesagt, welche Ansprüche man an Menschen haben darf. Und immer, immer der Gedanke, dass Entbehrung etwas ausgedachtes ist, wenn man den Tod so dicht spüren, wenn man ihn mit beiden Augen sehen kann, auch wenn man sie schließt. Das Sterben und der Tod waren viele Jahre meine wichtigsten Begleiter, meine engsten Verbündeten, ja, vielleicht sogar die besseren Freunde, mit wertvolleren Ratschlägen, etwas so ehrliches, so klares, so, wie kein einziger Mensch auf der Welt ist. Dem Tod habe ich nicht misstraut. Der Tod verarscht niemanden, und das Gefühl, nein, die Gefühle, die er auslöst, verebben auch nicht einfach, wie eine alte Liebe. Nichts steht still, wenn man den Tod als Berater hat, denn er scheucht dich immer wieder auf. Auch wenn es viele Momente gibt, in denen du das nicht glaubst. Aber: Nach dem Tod ist Trauer Leben – und damit muss ich irgendwann zum Ende kommen. Und dieses Ende ist jetzt.

Vielen Dank für die kurze aber sehr intensive Zeit hier. Alles Liebe Euch allen, Sarah

 

* Wegen der großen Nachfrage, werde ich Wir sind noch hier bestehen lassen, aber nicht aktiv nutzen.

 

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Und plötzlich ist er tot, meine Gedanken sind nur noch Ellipsen, meine Wahrnehmung sprunghaft. Vielleicht ist das normal, denke ich, vielleicht fühlt sich so trauern an. Vielleicht fühlt sich so verlassen werden an. Sieben Jahre die Frage „Wie ist es, wenn er tot ist?“, sieben Jahre nur eine Simulation in meinem Kopf, eine Gedankenspirale aus Angst. Und am Ende stehe ich dann doch vor der größten Katastrophe meines Lebens.
Ich soll zurück gehen, in diese andere Stadt, zu meiner großen Liebe, zu Hans, sagen die anderen. Aber die anderen sagen auch, dass der Tod normal ist, doch so fühlt es sich für mich nicht an.

Das Zurechtrücken meiner Innerlichkeit ist kein Rückgang, es ist vorwärts gehen nur eben ganz langsam.

Meine Blutbahnen sind plötzlich menschenleer.
Ich bin nur noch ein Zellklumpen, der aus Irrsinn und Trauer besteht. Wie ein Embryo liege ich da und frage mich, wie weit Geburt und Tod eigentlich auseinander liegen. Wie sich sterben anfühlt und wie geboren werden.
Es ist mal wieder mittags und Hans hat sich immer noch nicht gemeldet. Immer noch nicht, seitdem mein Vater tot ist.
Meine Beine sind schwer, mein Magen leer, er knurrt in der Absicht, sich selber aufzufressen. Anschließend die anderen Organe: Leber, Nieren, Darm und dann betrinkt er sich mit dem Blut in meinem Körper und hinterher ist nur noch mein ausgemergeltes Ich da, ausgetrunken, kraftlos, leer. Haut, die in sich zusammenfällt. Ein Toter sieht schöner aus, als ein vergessener Mensch, das weiß ich jetzt.

In der Schublade liegt der Ring, den Papa mir hinterlassen hat, nicht mehr. Und an meinem Finger ist jetzt ein Loch, in das Worte fallen, wie: „Ich habe nicht darauf aufgepasst“ und „was denkt Papa jetzt von mir?“ Sieht er mich von oben, oder habe ich nur Angst, dass er die Verfaulung meines Innenlebens bemerkt?
Zur Traurigkeit kommt Hass, Selbsthass. Drei Wochen darben, schreien, weinen, rumliegen und leblos scheinen. Ich geißele mich jeden Morgen selbst für meine Funktionslosigkeit. Niemand braucht mich, keiner vermisst mich. Liebe, was ist das jetzt eigentlich noch für mich?

Ich falle in eine Muschel, die nicht nach Meer klingt, die nur noch weniger Geräusche macht, als die Einsamkeit. Ich will Ruhe, ich will Ruhe, ich will die Ruhe in Form von Schreien. Ich will, dass mich jemand anschreit, jeden Morgen. Ich will, dass mich jemand sucht. Ich will, dass ich mich wieder finde, in einem Bett, unter der Decke, in einem Frühling, in einem Ferienhaus in Dänemark, vor einem Kamin mit Hans. So wie es geplant war. Das, was mein Leben sein sollte, ist jetzt aber Totentanz im Liegen.

Mir wird klar, dass ich Hans schon auf dem Weg zum Sterbebett verloren habe. Schon in dem Moment, als er mir all die Fragen stellte. Dieses Beharren auf Wir und Uns und was denn noch bliebe, was uns noch verbinde, wenn uns sechs Stunden Zugfahrt trennte. Der Satz: „Wir schaffen das zusammen“, fiel nie ohne ein Vielleicht hinter einem Komma. Die Fragwürdigkeit eines Vielleichts wird mir erst jetzt so richtig klar. Dadurch gab es nie dieses stete, bestimmte Wir. Es gab nur Du und ich. Und ich bin noch hier, alleine.

Die Wut über den Verlust fällt in mich, wie eine Invasion aus Krabbeltieren. Es erschreckt mich, wie wütend ich sein kann und wie schnell das umschwenkt, in bloße, schonungslose Traurigkeit, die zu Fassungslosigkeit wird, und die am Ende in Apathie mündet. Ich will nur liegen. Ich will ständig nur liegen.
Keiner hat mir gesagt, wie schwer die Trauer wiegt. Das ist nicht fair. Es ist nicht richtig, dass ich mich darauf nicht vorbereiten konnte. Ich will es lernen. Ich will es können, wieder aufzustehen, ich möchte die Blumen sehen, die anfangen zu blühen, die Krokusse, die Sonnenstrahlen.
Ich will das Fenster öffnen und die Trauer in den Innenhof werfen. Ich will loslassen, aber ich kann nicht stehen, wenn ich mich nicht mehr festkralle.

Der Tod ist ein wildes Tier, das Menschen frisst. Ein Wolf mit roten Augen, der einfach kommt und zupackt, die Menschen mitnimmt und nicht wieder zurück bringt.
Wir müssen Abschied nehmen. Einen Körper verbuddeln, dessen Sommersprossen und Pigmentstörung ich habe. Einen Körper, dessen Wahn und Witz ich in mir trage. Einen Körper, der aussieht, wie der meines Vaters.
Die Tische sind hübsch gedeckt mit Servietten und dem billigen Geschirr, das Meret kürzlich bei Karstadt zum Sonderpreis gekauft hat. Stolz präsentiert sie mir die Dekoration. Schiffe und Sand zwischen den Kaffeetassen. Bilder unseres Vaters stehen darauf, wie Strandkörbe an der Ostsee. Ein alter, grauer Mann mit Hut. Er fehlt mir so. Aber nicht das Bild suggeriert mir den Verlust noch mal, verdeutlicht die Kraft der Endlichkeit, das Wegsein und nie mehr zurückkommen, sondern, dass er nicht hier ist und mit uns seinen Abschied feiert.

Ich zähle bis drei und alles ist vorbei. So schnell verrinnt eine Trauerfeier, ein offizieller Abschied. Die Sackos liegen auf der Sofalehne. Ein Stapel aus schwarzem Stoff. Ronja trägt ein schwarzes Kleid und schwarzen Schmuck und einen schwarzen Hut. Ich habe die Augenringe in grau und die Hose und die Bluse und die Fingernägel sind so schwarz, wie mein Innen. Ich muss weinen, aber ich schlucke den Schmerz runter. Das geht problemlos. Es brennt ein bisschen, so wie die Schnäpse, die Hans immer runtergeschluckt hat, als wären sie Wasser. Durch ihn weiß ich, dass das geht, problemlos. Ich stelle mir vor, wie sein Magen jetzt ganz kaputt ist. So wie mein Kopf. Zu viel Wirklichkeit, zu viel Promille. Ich frage mich, ob ich die anderen irgendwann mal wiedersehe, ob sie noch leben, wenn ich wieder anfange damit, oder ob sie sich kaputtgemacht haben, in der Freiheit des Lebens.

Niemand hat sich bei mir gemeldet, und gesagt, wie leid ihm mein Verlust tut. Die Menschen, mit denen ich mal die Betten teilte, leben weiter, als wäre ich nie Teil ihres Lebens gewesen. Nicht Philipp und nicht Lars und auch Max hat nicht mal eine Nachricht geschrieben. Als hätten sie nie gewusst, dass es mich gibt und dass mein Vater im Sterben liegt. Aber die Gegend ist so klein, alles Wissen verteilt sich metastasisch in die Köpfe von jedem, der lebt. „Du kennst doch Elise“, wird mal einer gesagt haben. Und Philipp oder Max oder Lars wird genickt und gesagt haben:„Mit der war ich mal zusammen“ und der Gegenüber wird erklärt haben, dass Elises Vater verreckt war. Und dann werden die drei gesagt haben „Oh Mist, das ist ja doof.“ Aber dann sind sie mit dem Rasenmäher weiter ihre Runden gefahren, denn das Gras muss kurz sein und das Leben geht weiter. In der Nachbarschaft wird gegrillt und am Wochenende ist ja auch Viehmarkt.
Ich glaube nicht mehr an die Liebe, die zwei Menschen auf eine rudimentäre Art für immer verbindet, sonst würden nicht dauernd Personen unter fehlenden Worten verloren gehen.
Wir sprachen alle immer von Liebe, von Glück, von Zusammenhalt. Und am Ende ist der Tod nicht mal mehr ein Grund, um dem anderen die sechs Worte zu schreiben, die lauten: Es tut mir leid für dich.
Aber alles wird leichter, wenn man seinen Anspruch an Menschen verringert. Alles wird leichter, wenn man leichter wird. Wenn man die Menschen aus seinem Leben, aus sich heraus rührt, wie die Kohlensäure aus dem Wasser. Am Ende ist man vielleicht Leitungswasser, geschmacklos und langweilig, sogar unsichtbar, weil man auf Partys keine achtzig Menschen mehr begrüßt, sondern allein und verlassen auf der Tanzfläche steht, die Augen geschlossen, aber das Herz schlägt wenigsten noch, es schlägt für das Richtige, weil das Falsche nicht mehr da ist.

Ich muss es einsehen: Man kommt nicht drumherum, die Eltern zu begraben, man kann sich davor einfach nicht drücken, das ist das Fiese am Leben, dass du dich vor dem Tod nicht verstecken kannst, dass du dich nicht umdrehen kannst, um einfach jemanden zu lieben.
Und wenn das Meer dann wieder ruhiger wird, weil die Insel in einem Körper untergegangen ist, muss man von vorne anfangen. Denn nach dem Tod kommt ein neuer Anfang, ein Leben.

Satelliten

Als das Sterben meines Vaters anfing zu leben, habe ich nicht nur Urinmengen und Körpertemperaturen auf einem Blatt notiert, sondern auch das, was unter meinen Hautschichten zwischen meinen Zellen tobte. Hier sind zwei dieser „Texte“, die ich heute wieder gefunden habe. Sie sind schon sehr alt, aber sie erinnern mich an diese neun Monate „Wartezeit“.

23/02

1.
Es gibt nur noch ein Wort und ein Wanken, nur ein Atmen und ein Lachen. Es gibt nur noch dich und mich und uns, und ein Flüstern, das die lärmende Stille bricht.
Es gibt nur noch ein Wort und nur eine Angst, nur noch ein Hoffen und das ist Wissen. Es gibt nur noch ein Staunen und ein Fallen, an jedem Morgen.
Fallen, in den Tag und Stolpern über die eigene Kraft.
Es gibt nur noch ein Hocken, nur ein Lachen, nur ein Bangen, nur ein Gehen, nur ein Reden, nur ein Thema und nur ein Sinken, in die knisternden Kissen.
2.
Es gibt keine Schmerzen mehr, nur noch Übelkeit und leichtes Bauchweh. Nur noch kribbeln in den Zehenspitzen und ein leichtes Jucken unter der Haut.
Es gibt kein Geheule mehr, nur noch Tränen, die leise fallen. Es gibt keine Hoffnung mehr, nur noch ein leichtes Aufflackern alter Tage, das sich in Gebrechlichkeit verwandelt hat.
Es gibt kein Hinfallen mehr, nur noch Taumeln, das aussieht wie Gehen, nur noch Flüchten, das aussehen soll wie Rennen.
Es gibt nur noch eins: Der Moment, das hier und jetzt, und den, den gibt es für immer.

Satelliten

Wenn man Kind ist, dann hat man so viele Vorstellungen vom Leben. So viele hinreißende Gedanken, die manchmal zum Erbrechen schön sind. Man will groß werden, groß sein, keine Treppe herunterstürzen und man will nicht wissen, dass andere Menschen irgendwas vermissen, dass sie nachts in ihren Betten liegen und sich unter Tränen in den Schlaf wiegen. Man möchte nur spielen, das ganze Leben lang spielen. Mit der Zukunft und den Jungs, mit den Lippen und seinem Gewissen. Was ist schon Moral, wenn es Tote gibt, was ist schon brutal, wenn es Tumore gibt, was ist schon schön, wenn es die Sterblichkeit gibt.

Wenn man Kind ist, sind die Eltern wie Satelliten, die um dich herumkreisen, beschützend Hände und Grenzen um dich herum aufbereiten. Satelliten die dir glaubhaft vorgaukeln, dass nie etwas kommt, das dich erschüttern könnte, dass es nie etwas schlimmeres geben könnte, als Fernsehverbot und Brennnesseln. Wenn man Kind ist, dann hat man noch so viel Mut sich dennoch reinzustürzen, mit dem Wissen, dass es hinterher kribbelt, dass dich dieser Moment ganz kurz schüttelt, aber du weißt ja, dass du Eltern hast, Eltern die sagen, morgen ist es wieder gut.

Wenn man das Kind von einem todkranken Mann ist, dann hat man zwei Leben. Dann muss man gucken wie man das verbindet. Einmal jenes Leben, in dem man etwas erlebt, manchmal schwebt, versucht gerade zu gehen und nicht zu hinken unter den Gedanken über das Sterben, über Karzinome, Tablettenblister, Geräusche von Maschinen und dem Atem, an dem man sich immer festhält, immer versucht ihn zu hören. Versucht, einen Atem im Ohr und im Kopf und im Körper zu behalten, dieses Geräusch für immer zu verwalten.

Wenn man das Kind von einem todkranken Mann ist, dann hat man manchmal auch drei Leben. Man guckt mal wie das funktioniert, wie sich Köpfe an Diskokugeln reiben und man am nächsten Tag ohne Beule und ohne Krater am Herzen versucht da zu sein und zu lächeln und nicht zu kapieren, wie das gehen soll, dass du mal so laut lachst und mal so bitterlich weinst, dass deine Tränen in Kissen tropfen und deine Gefühle dem Verfall trotzen. Dass du schwitzt und vibrierst beim Tanzen in Massen, und dass du manchmal liegst unter Scharen von Gedanken und du wieder aufstehst, dank der Musik, die durch deine Blutbahnen schießt. Und dass du am nächsten Tag wieder du bist, wieder da bist, so nah dran an dieser scheiß Realität, dieser ekligen Wirklichkeit. Und keiner kommt und sagt: Morgen ist es vorbei. Keiner kreist wie ein Satellit um dich herum und gibt dir ein Küsschen, und hält ein Kühlakku auf die Beulen und legt ein Pflaster auf die Schrammen. Niemand ist noch da, der am Ende dich versorgt.

Wenn du kein Kind mehr bist, sondern ein Mensch versteckt hinter fünf Filtern auf Fotos, und einem Gedicht über Liebe, dann kreisen Erinnerungen um dich wie sieben Satelliten. Ein Satellit aus der Vergangenheit, als die Welt noch groß war und die Geschichten über ein für immer zu immer größeren Lügen wurden. Später werden wir, und irgendwann tun wir, und Morgen lassen wir mal wieder Drachen in den Himmel steigen, und sieh doch, dass wir alle noch da sind, dass wir hier bleiben, wir stehen neben dir, hinter dir, sind um dich herum und unsere Gedanken sind bei dir, all unsere Worte sind für dich und wenn wir gehen, dann auch nicht freiwillig. Wir schielen in die eine Richtung und hoffen, dass wir trotz allem, trotz der Wirklichkeit für immer deine Satelliten bleiben.

Und was, wenn ein für immer nun auf der Haut juckt wie eine allergische Reaktion, wenn ein für immer brennt und deine Wangen glühen, und die Flügel aus deiner Kindheit brechen und du glaubst mit all diesem verlogenen für-immer-Dreck zu krepieren. Und was ist, wenn du vorgestern noch an all das Schöne geglaubt und Liebe aufgesaugt hast, wenn du dich auf Dielen gelegt und dein Herz bewegt hast. Was ist, wenn du dem Lauf der Zeit nicht folgen kannst, weil dein Hirn zu langsam und das Schicksal viel zu schnell war. Wenn du zwanzig Jahre zu früh dran bist, und wenn andere zwanzig Jahre zu früh dran sind, und wenn wir jetzt all, jetzt und hier, etwas in den Himmel steigen lassen, dann sind das keine Drachen mehr, sondern unsere Satelliten, die nie wieder um uns und unsere Herzen kreisen, sich nie wieder an uns und unseren Seelen reiben. Dann sind wir Kinder, ohne Satellit.