Es fängt damit an, dass ich nicht mehr  „Papa“ sage.

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Und es geht weiter damit, dass mich jemand fragt, wie ich diese Jeans finde, ob die zum Oberteil passt und so weiter. Ich weiß es nicht. Ich habe keine Ahnung, wie ich diese verdammte Hose finde oder auch nur die Situation. Keine Ahnung, wie ich überhaupt etwas finde. Finden, ja ja. Beschissen.
„Ich finde alles beschissen.“
„Ist echt alles scheiße“, findet auch mein Gegenüber.
„Ach ja“, frage ich.
„Uni scheiße, Männer scheiße und das Bier, ey, das Bier schmeckt so richtig scheiße, abgestanden, alt. Der Uwe eben.“

Es fängt damit an, dass ich nicht mehr frage: „Papa, wie gehts dir denn heute?“, dass ich nicht mehr sage: „Du musst mehr trinken.“ Oder: „Bitte, bitte trink etwas.“ Dass ich keine Fußnägel mehr schneide, die nicht meine eigenen sind. Dass ich Jacken, schwere klobige Mäntel, gestärkte Hemden und ausgewaschene T-Shirts nehme und ansehe. Ich nehme all diese Kleidungsstücke, mit ihren Löchern und Flecken, mit den Gerüchen und den Wegmarken aus vergilbten Kassenbons und zerknickten Notizzetteln in den Taschen und stopfe sie in einen großen stinkenden Plastiksack. Und sage ein paar Tage später: „Wir haben sein Zimmer ausgeräumt.“ Darauf sehe ich nur ein leichtes Kopfnicken, ein angedeutetes „Okay“, ich spüre ausgestoßene Luft, ein Atemzug, klar, aber ich höre nichts. Kein einziges Wort.
„Wir haben alles weggeworfen“, möchte ich schreien. Mehr als 70 Jahre, ein ganzes, echtes, unscheinbares Leben. Tage. Einen Menschen. Wir haben meinen Vater weggeschmissen. „Einfach so“, sage ich. Aber es ist nicht einfach so passiert. Nichts passiert ja einfach so. Es gab doch einen Grund, ein „deswegen“, es gab ja den Tod, es gab das Ende eines Lebens. Und das bedeutet auch, dass es einen Anfang gab, ein Mittendrin, viele erste Male, ein paar Wiederholungen, es gab Umarmungen, Veränderung, Umzüge, Falten, Hirngespinste, Frisuren, Fehler und Entschuldigungen. Es gab da mal einen Menschen, der diese Klamotten an hatte. Den schwarzen schweren Mantel auf Beerdigungen, das graue löchrige Shirt im Garten, das eine Hemd auf der Taufe von L., das andere auf der Hochzeit von N. Es gab ganz normale Zeiten, die jeder kennt. Tage, ohne Arbeit, Vergnügen, es gab unglückliche Zeiten und das Gegenteil davon. Es gab da viel mehr, als man in Kartons und Säcke und Mülltonnen stopfen könnte, viel mehr, als man mit einem „einfach“ abtun kann. Nein, einfach war er sicher nicht. Er war er. Deswegen ist er ja unersetzlich. Aber es ist ja jetzt nur noch das da; Erinnerungsschleifen und Knoten und Bilder, in Farbe, richtig bunt sogar, die ihn beschreiben würden, die seine Geschichte erzählen könnten, die ihn nur durch das gesprochene Wort sichtbar werden lassen.

Es geht weiter. Es geht weiter mit viel zu vielen fehlenden Umarmungen. Mit zu dünner Haut und zugezogenen Vorhängen an schönen Sommertagen. Ich schwimme, denke ich im Liegen und das möchte ich jemandem sagen. „Ich schwimme in einem großen Gewässer. Viel zu groß für einen einzigen kleinen Menschen. Nackt bin ich. Zum ersten Mal. An der einen Seite trage ich einen Schwimmflügel mit mäßig viel Luft, auf der anderen Seite ist er vor ein paar Tagen abgerutscht. Ich tauche ständig unter. In meinem Ohr ist Wasser und in meinem Auge auch. Meine eine Körperhälfte ist klitschnass, die andere staubtrocken. Ich kann doch gar nicht schwimmen. Verdammt. Ich brauche Hilfe, einen Rettungsring, eine Hand, etwas, das mich über Wasser hält. Ich brauche dich, will ich schreien, in irgendeine Richtung, in irgendein Gesicht. Aber: Ich kann nicht.

Es geht damit weiter, dass ich mich wundere. Ich wundere mich darüber, dass keiner fragt, wieso ich so komisch aussehe. Man sieht doch, dass ich schief liege. Dass auf der einen Seite ein Schwimmflügel ist und dass er auf der anderen Seite fehlt. Man sieht doch mit bloßem Auge, dass meine eine Körperhälfte mehr runterhängt als früher. Das sieht man doch. Man sieht doch, dass da jemand gestorben ist. Das kann man doch überhaupt nicht übersehen. Ich sehe doch auch, dass er da nicht mehr liegt.

„Guck mal durch meine Augen“, will ich brüllen. Doch mir tut schon der Hals bei der Vorstellung weh. Und jedes Wort, das doch eigentlich unausgesprochen da liegen sollte, zwischen mir und den anderen, kostet Mut. Aber es müsste doch da sein, das: „Ich bin fassungslos.“ Es muss doch eine Selbstverständlichkeit sein, dass diese Sätze und Wörter da einfach liegen oder dass da zumindest die Möglichkeit ist, sie zwischen uns zu packen. Es muss doch so sein, dass da wenigstens eine Frage ist und kein einfaches: „Ich lasse dich lieber mal allein.“ Aber es ist doch offensichtlich und ganz natürlich, dass ich die Welt gar nicht mehr verstehe. Es ist doch alles so klar. Eigentlich.

Es steht. Es steht an einer Stelle still, an der ich „doch mal verstehen muss, dass die anderen auch Probleme habe“, zum Beispiel eine zu eng gewordene Hose, (war ja wieder Weihnachten), ein zu Bruch gegangenes Lieblingsglas, eine auf Reisen verlorene Liebe, oder „dass du dich nicht mehr meldest, macht mich wirklich traurig.“
Ich habe Verständnis, klar. Ich höre zu und staune, lobe und applaudiere, wenn es gebraucht wird. An den richtigen Stellen falle ich ins Wort und sage einfach, dass das ja sehr bedauerlich sei oder großartig oder na ja oder wichtig, na klar, alles ist echt wichtig, denke ich, während ich mit diesem gefühlt nur noch einen Arm, mit zu wenig Luft, paddele, um mich über Wasser zu halten, um nicht zu weinen, um nicht zu ertrinken.

Es geht weiter. Es geht die ganze Zeit weiter. Das Leben (zum Glück), das Weinen, die Traurigkeit, das irrsinnige Gelächter über die innere Verrückt-heit. Der Tod geht weiter, immer. Und dass ich nicht mehr „Papa“ sagen kann, weil da keiner mehr ist, endet nie. Es beginnt einfach so, ohne dass ich es beeinflussen kann, eine neue Geschichte. Eine, die keiner hören möchte, denn die handelt von einem Toten. Und vor dem haben alle Angst.

 

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