Wir können trauern, jetzt und immer

Wir können alles, nur nicht trauern – das ist eine Weile her.
Denn im letzten Jahr konnte ich beobachten, wie sich Stück für Stück der Tod und das Trauern im Internet ausgebreitet haben. Sorgsam vorsichtig, nicht mit der Tür ins Haus, nicht scheppernd, nicht laut, sondern so, dass es wirklich niemandem mehr Angst macht. Und wenn doch, dann echt nur noch ein kleines bisschen.

Ich bin sehr froh darum. Sogar dankbar. Nichts mehr habe ich mir gewünscht. Und nicht viel mehr habe ich mir erhofft, als auch ich im Januar Wir sind noch hier gegründet habe. Bloß ein bisschen Tod im Leben, ein bisschen wütend und traurig sein dürfen, einfach mal erzählen, wie das eigentlich war, als meine Blutbahnen erst voller Angst und nach dem Tod meines Vaters dann ganz leer waren. Als es weh tat und in mir brannte. Als der Tod in meinem Kopf mit dem Leben kollidierte. Und vielleicht irgendwie verstanden werden.

Aber: Es ist vorbei. Meine Geschichte ist auserzählt. Ich habe nichts mehr zu sagen, ich habe keinen Ansatz mehr, ich komme nicht mehr dahin zurück und das ist eigentlich ganz gut. Lange genug war der Tod wie Napalm, war wie ein Messer, immer wieder ein Stich, immer wieder alter Schmerz in einem neuen Monat, in einer anderen Gestalt. Sooft Trauer, so viele Tränen, so viele Wörter und Gedankenstücke, wie Fleischbrocken, an denen ich zu ersticken drohte. „Wir können trauern, jetzt und immer“ weiterlesen

Satelliten

Als das Sterben meines Vaters anfing zu leben, habe ich nicht nur Urinmengen und Körpertemperaturen auf einem Blatt notiert, sondern auch das, was unter meinen Hautschichten zwischen meinen Zellen tobte. Hier sind zwei dieser „Texte“, die ich heute wieder gefunden habe. Sie sind schon sehr alt, aber sie erinnern mich an diese neun Monate „Wartezeit“.

23/02

1.
Es gibt nur noch ein Wort und ein Wanken, nur ein Atmen und ein Lachen. Es gibt nur noch dich und mich und uns, und ein Flüstern, das die lärmende Stille bricht.
Es gibt nur noch ein Wort und nur eine Angst, nur noch ein Hoffen und das ist Wissen. Es gibt nur noch ein Staunen und ein Fallen, an jedem Morgen.
Fallen, in den Tag und Stolpern über die eigene Kraft.
Es gibt nur noch ein Hocken, nur ein Lachen, nur ein Bangen, nur ein Gehen, nur ein Reden, nur ein Thema und nur ein Sinken, in die knisternden Kissen.
2.
Es gibt keine Schmerzen mehr, nur noch Übelkeit und leichtes Bauchweh. Nur noch kribbeln in den Zehenspitzen und ein leichtes Jucken unter der Haut.
Es gibt kein Geheule mehr, nur noch Tränen, die leise fallen. Es gibt keine Hoffnung mehr, nur noch ein leichtes Aufflackern alter Tage, das sich in Gebrechlichkeit verwandelt hat.
Es gibt kein Hinfallen mehr, nur noch Taumeln, das aussieht wie Gehen, nur noch Flüchten, das aussehen soll wie Rennen.
Es gibt nur noch eins: Der Moment, das hier und jetzt, und den, den gibt es für immer. „Satelliten“ weiterlesen

Digitale Fingerabdrücke

Mein Vater hatte ein sehr altes, sehr kleines Mobiltelefon. Vor ein paar Tagen hatte ich es in der Hand, denn die Kinder benutzen es jetzt als Spielzeug. Ich hielt es auf einer Familienfeier an mein Ohr und tat so, als würde ich mit jemanden sprechen. „Hallo, hallo, wie geht’s denn so?“, fragte ich und lachte, weil die Kinder auch lachten. Und ich stellte mir die Frage, wie mein Vater es bediente, wie er mit seinen dicken Fingern eigentlich diese zarten Tasten gedrückt bekam. Hat er jemals damit telefoniert? Ja, hat er. Zweimal vielleicht. Aber meistens war es aus. Hat er je den Akku geladen? Ja, hat er. Zweimal mindestens. Wenn er ins Krankenhaus musste, sagten wir manchmal, er solle bitte sein Handy mitnehmen, damit er anrufen und Bescheid sagen kann, was ist. Denn wir konnten ja letztlich nicht dauerhaft vor Ort sein, obschon wir wirklich die meiste Zeit in seiner Nähe waren. Immer war ein schwieriges Wort und ein kräftezehrendes Unterfangen, und ein Mobiltelefon war ja gerade deswegen produziert worden, damit man auch von unterwegs kommunizieren konnte. Wenn er aber zum Beispiel entlassen wurde, hatte er sein Handy natürlich nicht dabei, also wartete er oft einen halben Tag mit gepackter Tasche im Bistro darauf, dass einer von uns kam um ihn abzuholen. Ein traurig schauender alter Mann der von Hosenträgern zusammengehalten wurde, mit Entlassungspapieren in der Hand und Krebs im Körper. Aber er wollte nie daraus lernen, er wollte, so glaube ich es manchmal, gar keinen Fortschritt. „Digitale Fingerabdrücke“ weiterlesen

Empfehlungen | Oder auch: was sagt man wirklich?

„Was soll ich denn schreiben?“, fragt M. Sie sitzt auf einem gut gepolstertem Korbsessel, in der Hand hält sie ihr Handy. Ein Freund, im Alter von 46, der weiß, dass der Krebs seinem Leben keine Chance mehr gibt, schreibt, dass der Verfall seines Körpers erschreckend sichtbar ist. Er schreibt, dass sein Kiefer sehr tief hängt, er schreibt, dass er merkt, dass er in den nächsten zwei Monaten verschwinden wird. Er schreibt: Ich werde euch nie vergessen. Was soll M. also schreiben? Minutenlang starren wir in unsere Weinschorlen. Um uns herum blühen die Pflanzen, die Sonne sticht auf unsere gebräunte Haut, aus der Ferne hören wir eine Kuh, die Vögel fliegen tief. „Vielleicht regnet es heute noch“, sagt M. „Ich hänge besser mal die Wäsche ab.“ Sie steht auf, das Chatfenster  noch immer geöffnet. Ich überlege. Nippe zwischen den Gedanken an meinem Kaltgetränk und spüle das beklemmende Gefühl herunter. Nun wissen wir seit Monaten, dass er stirbt, ich habe meinen Vater in den Tod begleitet und dennoch fehlen mir die Worte, weil mir alles so unpassend erscheint. Was sagt man, wenn es einem gut geht, zu jemandem, dem es sehr schlecht geht. Dessen Wein das Morphium ist, das betäubt und ihm gleichzeitig ein bisschen von dieser Lebensqualität gibt, von der ständig alle reden. Was sagt man zu jemanden, dessen weiße Haut kaum noch Farbe kriegt, weil er vielleicht den Sommer gar nicht mehr überlebt. Was sagt man, wenn alles Gesagte auf einmal überflüssig erscheint in der Mangel der Wirklichkeit. Es ist nicht mein Körper, der zerfällt, es ist nicht mein Tod, auf den gewartet wird. Nicht jetzt, nicht hier.
„Wir denken an dich“, schreibt M. Das klingt so stumpf, so unwichtig. Aber es ist die Wahrheit: Seit vielen Monaten sind wir in Gedanken immer bei dir, J.
Aber was sagt man wirklich, frage ich mich.

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In meinen heutigen Empfehlungen geht es auch ein bisschen darum. Mitgefühl, Empathie, richtige und falsche Worte. Aber kein Mensch weiß ja, wie es wirklich geht. „Empfehlungen | Oder auch: was sagt man wirklich?“ weiterlesen

Lamento

Ich weiß nur, dass immer etwas passiert.
Auch wenn es nach einer endlosen Stille klingt, ist da ein Geräusch. Da ist immerhin Laub, das raschelt und Meer, das rauscht. Wellen, die etwas bewegen. Und da sind Menschen, die auf mich einreden. Da ist Musik, die irgendwo gespielt wird. Vielleicht bin ich nicht immer da. Aber niemand ist immer da. Niemand ist immer laut, redet pausenlos, und keiner hält dauernd (an) irgendwas fest. Es reicht, wenn sich außen alles weiter bewegt.

Man hält aber die Erinnerung fest. Man hält sie fest zusammen. Und dann erinnert man sich. Den Klang der Ruhe, den Geruch von Minzetee, gemischt mit Hagebutte. Den Geruch von Wetter; Wind und Regen, Sturm und Tränen, alles erinnert man, egal wie viel Wehren in dir tobt, du erinnerst dich.
Man kann sich dem Geräusch von vor einem Jahr nicht entziehen, auch wenn jetzt Stille herrscht. Man kann sich sträuben, rausgehen, streunern. Aber man kann auch einfach den Minzetee noch trinken, die Sendungen noch schauen, nur eine ausgewaschene Hülle sein, wie vor 12 Monaten. Nachdem möglicherweise das letzte wirkliche Ereignis war.

Die Heizung bollert. Genauso wie es einmal war. Die Wärme, die sich im Raum verteilt, ist genau die Gleiche, wie früher. Das fühlt sich komisch auf der Hand an, auf meiner Haut. Aber ich kann nichts machen, kann die Heizung nicht ausstellen, weil ich dann noch mehr friere. Ich kann nichts anderes hören. Ich weiß, dass manche Worte nicht verhallen, auch wenn ich sie gerade nicht mehr finde. Ich weiß wo wir sind. Wir sind hier. Ich weiß wer wir waren. Wir sind wir. Auf eine komische Art und Weise bleiben wir stehen, weigern uns immer, endlich unterzugehen, atmen immer noch das ganze lächerliche Leben ein, toben uns in Langeweile aus, streben nach Glück, hoffen darauf, dass da wieder ein richtiger Traum kommt, einer, der das Nein endlich ersetzt. „Lamento“ weiterlesen

Frühling, Sommer, Herbst und Trauer?

Für mich war es sehr unpassend, dass mein Vater im Herbst starb, denn im Herbst ist ohnehin alles so trist und düster. Außerdem ist der Winter fest an diese Jahreszeit angeschlossen und nach dem Herbst gibt es dann keine Sonne oder ein Lichtblick, sondern Dunkelheit. Es war aber auch im Frühling darauf, ein halbes Jahr später, sehr unpassend, denn da wollte ich gerne mit den Menschen, die ich mag, den Frühling genießen, anstatt sie für ihre Leichtigkeit zu beneiden. Und im Sommer darauf, fiel mir dann ein, wie schön der letzte Sommer doch war, der, in dem mein Vater noch lebte, der Sommer, der der Letzte im Leben eines Toten war. Meine Trauer hat mir nie gepasst, genauso wie mir der Tod meines Vaters nicht passte, aber ich konnte ihn nicht verhindern und so auch nicht das, was er mit mir anstellte: der Fall ins Trauern. Ich trauerte, weil mein Inneres gar nicht danach gefragt hat, wann es mir passt, es hat getrauert, mein Herz, mein ganzer Körper. Aber was mir seitdem noch weniger passt, sind Menschen, die glauben, dass Trauer nicht passt. Oder sogar unnötig ist. „Frühling, Sommer, Herbst und Trauer?“ weiterlesen

Die Katze tritt die Treppe krumm

Die Katze tritt die Treppe krumm, ist einer der ersten Sätze, den mein Vater vor acht Jahren sagen musste, um die Schwere seiner Schäden festzustellen.

Denn damals im Februar, zwei Wochen vor meiner Volljährigkeit, hatte mein Vater seinen ersten Schlaganfall und ich meine erste Konfrontation mit (tödlichen) Krankheiten, mit dem Fall der Fälle, mit dem Tod. Die Schwere war Lähmung, die Schwere war, dass im Gehirn jetzt für immer etwas kaputt bleibt, die Schwere war die defizitäre Sprache und das nicht-mehr-kauen und somit auch kaum essen zu können.

Am nächsten Tag war Valentinstag. Ich kam abgekämpft am Abend aus dem Krankenhaus und ein Junge, den ich ganz gut kannte, hatte eine rote Rose bei mir abgegeben. Sie stand in einer Vase auf meinem Tisch, aber ich sah sie nicht, denn ich passierte fortan nur noch im Krankenhaus oder in der endlosen Müdigkeit, die mich im Zug jeden Abend auf der Heimfahrt übermannte, als hätte ich nicht den Tag damit verbracht an einem Bett zu sitzen, sondern auf einem Feld Kartoffeln gerodet oder irgendeine andere körperliche Arbeit verrichtet. Es waren nicht die Monitore, nicht die verrücktmachende Geräuschkulisse, es war nicht das große Krankenhaus und nicht die Gespräche mit Ärzten und Pflegepersonal, die mich ermüdeten. Es war die Anwesenheit von mir und die Abwesenheit von ihm und diese dann auch auszuhalten. Mentale Stärke kostet so verdammt viel Kraft.

Ich sagte damals, ein paar Monate vorher, beim Karten spielen zu meinen Schwestern: „Ich kann mir nicht vorstellen, dass Mama oder Papa irgendwann mal tot sind.“ Und meine Schwestern schüttelten den Kopf und sagten mir, dass man sich so etwas auch nicht vorstelle, das macht man nicht, sie leben ja, mehr braucht es nicht. Ich sagte: Okay. „Die Katze tritt die Treppe krumm“ weiterlesen

Empfehlungen ||||

In den letzten Tagen habe ich mich in mir drinnen eingesperrt. Ich habe, anders als sonst, sehr wenig geschrieben und auch nicht ganz so viel gelesen. Aber ein paar Sachen möchte ich an dieser Stelle doch ganz gerne empfehlen.

Nämlich das: Vom (Buch-)Schreiben von Mareice Kaiser.

Die letzten Monate des Jahres 2015 habe ich hauptsächlich schreibend verbracht. Oder, genauer: Das Internet bis zur letzten Seite durchlesend und die letzten Minuten des Arbeitstages dann doch noch ein paar Seiten schaffen. Das Ziel lag gefühlt unerreichbar vor mir: Ein Buch. Mein Buch. Ein Buch, das aus dem Leben mit meiner behinderten Tochter erzählt. Kurze Zeit nachdem das Manuskript fertig ist, stirbt Kaiserin 1.

Ein unaufgeregter Text über das Vermissen von Natashaneverland. und immer im mai

und immer im mai hoffe ich,
dass es dir gut geht, wo auch immer du bist,
dass du ab und an mal auf mich runterschaust,
mir den weg weist, wenn ich vor einer kreuzung stehe,
mir ein zeichen schickst, wenn ich es am meisten brauche.

Dieser Text wurde mir von einer Leserin empfohlen und ich finde ihn immer wieder sehr lesenswert. Darin sind viele kluge Sätze über den Tod und man lernt ein wenig über den gefürchteten Frei Tod. Wichtig in jeder Hinsicht. Frei Tod von Denise Maurer

Ich wünsche uns Mut, den Tod von seinen dunklen Gewändern zu befreien, denn noch immer werden der Tod und ganz besonders der Freitod dämonisiert. Unsere tolerante Gesellschaft verhält sich, wenn es um das Thema «freie Wahl» in Bezug auf Leben und Tod geht, zurückhaltend, um nicht zu sagen ignorant. Nimmt sich jemand das Leben, machen Urteile, machen Vorurteile die Runde, und es beginnt eine Suche nach Schuldigen.

Posthum Love ist ein etwas älterer Text von mir, den ich auf fuerhilde geschrieben habe. Ich bin kürzlich über einen Beitrag* im Netz gestolpert, der davon erzählt, wie einsam ältere Menschen sind. Ich fand diesen Text einer unverwandten sehr berührend und wichtig, obschon ich ja immer dafür plädiere, einfach als Teil einer Familie mal nachzuschauen, wie es der Oma geht. Aber mich fragt ja niemand.

Ich habe das ja noch nie verstanden, dass Menschen sich Jahrelang nicht bei ihren Großeltern blicken lassen, oder nur schwermütig, fast quälend, und nach ihrem Ableben weinen sie dicke Tränen, sind fassungslos, schreien, sind fassungslos, trauern und haben ihre Großeltern auf einmal furchtbar lieb. Das ist posthum Liebe. Verdammt. Aber man hat ja eigentlich nur diese Großeltern. Eben wie wir nur unsere Eltern haben. Bis sie sterben. Danach reden sie nicht mehr mit uns, schweigen sich über unsere Kaufsucht aus, sind nur noch ein Verlust.

*Was ist eigentlich, wenn man übrig bleibt handelt von einer vorbildlichen Nachbarschaft. Wenn schon nicht die eigenen Enkel regelmäßig zu Besuch kommen, dann gibt es da draußen hoffentlich ganz viele solcher Menschen wie die Autorin dieses Textes.

Dass viele seit Jahren nicht mehr mit dem Vornamen angesprochen wurden, weil alle persönlichen Kontakte tot sind und sie nur noch mit Ärzten und Ämtern und Apothekern sprechen, dass viele seit Jahrzehnten nicht mehr berührt wurden und sich zu Hausärzten schleppen, nur, damit sie mal wieder eine Hand am Rücken spüren.

Wie wollt ihr euch mal bestatten lassen?

„Ich will kein normales Grab“, sagt F. und pustet Zigarettenqualm in die Luft. „So ein normales Begräbnis hat immer was mit der Kirche zu tun und die Kirche mag ich nicht.“

Es ist Montag, die Sonne scheint durch die großen, alten Bäume auf die Grabsteine und durchleuchtet die Gänge, als bräuchten wir besonders viel Licht, um zu sehen, was es auf dem Friedhof zu sehen gibt.

Es gibt viel zu sehen. Gräber – das Wissen um all die Toten. Es gibt Namen, Besonderheiten, sogar Fotos und Gestecke. Zerbrochene Steine, kunterbunte Blumen, Ordnung und Fragen. Ja, zu der vermeintlichen Stille gesellen sich Fragen. „Wie wollt ihr euch mal bestatten lassen“, fragt S., als wir auf einer Bank sitzen, halb Sonne, halb Schatten auf unseren Rücken, die Blicke auf ein großes Kreuz gerichtet. Wie wollt ihr euch mal bestatten lassen?

Wir sind alle drei Mitte zwanzig und soweit wir wissen auch alle kerngesund. Ich kann mich kaum daran erinnern, jemals mit meinen Freunden über die eigene Beerdigung gesprochen zu haben, aber falls wir das mal gemacht haben, irgendwann in den ganzen zehn, fünfzehn Jahren, die wir uns nun schon kennen, dann hatte ich mit Sicherheit damals noch eine andere Meinung. Da hielt ich es noch für sinnlos, sich Zeit zu nehmen, um etwas schönes auszusuchen und viel Geld an die Seite zu legen, um mir jene Beerdigung dann auch leisten zu können, denn dann wäre ich ja eh tot.
F. sagt jedenfalls, dass sie diese „normale“ Beerdigung nicht möchte, wegen der Kirche, und ich frage mich die ganze Zeit, was die verdammte Kirche mit dem Tod zu tun haben muss, wieso man nicht ohne an die Kirche zu denken, an sein Begräbnis denken kann. F. möchte auf den Friedwald, das wäre schön, sagt sie, das stelle sie sich toll vor – ihr Name an einem Baum. S. möchte, so wie ich, eine traditionelle Beerdigung, mit besonderem Grabstein auf dem Friedhof. Mit meinem heutigen Wissen, das überholt und voller Erfahrungen ist, bedeutet so ein klassisches Begräbnis mit Sicherheit nichts „uncooles“, sondern bloß, dass man sich irgendwann mal Gedanken darum gemacht hat. Ich finde es nicht verkehrt, nicht mehr albern, nicht mehr zu früh, ich finde, wir sollten spätestens in fünf Jahren noch mal darüber reden. Vielleicht ändert sich bis dahin wieder etwas in meiner Ansicht, vielleicht bleibe ich aber auch dabei und suche mir irgendwann meinen Sarg und meinen Grabstein aus. „Von mir aus kann man meine Beerdigung dann auch periscopen, aber sie soll schön sein und es dürfen auch gerne alle weinen“, denke ich noch so, sage es aber nicht. Wir stehen auf und laufen weiter. Der Friedhof ist groß und reich an Erinnerungsstücken, Menschen, die tot sind, aber immer noch erzählen, wer sie mal waren. Außer uns sind keine Lebenden da, keine Besucher, keine Freunde oder Familien. Es ist Montag, die Sonne scheint, meine Sommersprossen werden mehr. „Wie wollt ihr euch mal bestatten lassen?“ weiterlesen

Eine Frage der Zeit

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Vor ein paar Jahren erzählte meine Mutter mir, dass innerhalb von Familien meist ein Kind geboren wird, wenn jemand stirbt. Es gäbe da aber keine Regel – manchmal geschieht es davor und manchmal danach, manchmal auch gar nicht. Das variiere, aber die Natur habe das eigentlich so vorgesehen. Sie erzählte mir auch, dass damals, als meine Schwester zur Welt kam, im etwa gleichen Zeitraum die Mutter meines Vaters starb, meine Großmutter also, eine Frau, die ich nicht kannte, da sie starb, bevor ich geboren wurde, die ich mir aber anhand der schwarzweiß Fotos und der Erzählungen meiner Eltern wie das weibliche Pendant zu meinem Vater vorstellte. Die spitze Nase, der scharfe Blick auf das Leben, der ausgeprägte Sinn für Lustiges.

Ich glaubte diese Geschichte vom geschenkten und gleichzeitig gestohlenem Leben nicht. Es klang so bemüht positiv, verquer und romantisiert. Als wolle es einem um jeden Preis die Traurigkeit nehmen, albern.

Schon vor dem Tag, an dem feststand, dass mein Vater sterben wird, stand auch fest, dass er meine Kinder nicht mehr kennen lernen wird. Das bedeutete gleichzeitig auch, dass meine Kinder ihren Opa nie kennen lernen würden, obschon mir das immer sehr schmerzlich schien und ich das sehr bedauerte, musste ich es hinnehmen, ich musste es akzeptieren.
Ich kenne Menschen in meinem Alter, mit genauso „alten“ Vätern, die Kinder bekamen, damit deren Großvater sie aufwachsen sehen konnte. Ich fand das ist eine sehr schöne Idee, eine tolle Maßnahme, um gegen die Natur zu rebellieren, aber ich stellte mir das Kinderkriegen anders vor und ich wollte meine Mutterschaft nie von dem Tod meines Vaters abhängig machen. Auch wenn ich mir sicher bin, dass er sich gefreut hätte, meine Kinder kennen zu lernen und sie „Räuberrieke“ „Niesfisch“ oder „Räuber“ zu nennen. Aber das Leben ist nicht erzwingbar und der Tod nicht aufzuhalten. Das eine war bisweilen nicht geplant und das andere absehbar. Mehr als das ganze abzunicken, war nicht drin.

Dann starb mein Vater und das war ein natürlicher, vorhersehbarer aber dennoch unglaublich katastrophaler Umstand, und ich war wütend auf die Natur und den scheiß „Lauf des Lebens“. Aber sechs Tage später war meine Schwester M. Schwanger und neun Monate später war dann dieses große und starke Mädchen auf dieser Welt, mit ganz vielen schwarzen Haaren und der dunklen Haut – ein unglaublicher Anblick, so zart und klein, so dicht am Tod und so verrückt, dass ich darüber mehr als einmal weinen musste. „Eine Frage der Zeit“ weiterlesen