Wir plus Angst gleich Mut

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Seit einer Weile begegnen mir häufiger Texte, in denen es um Mut geht. Oder um Angst. Wir haben alle ständig Angst. Aber wir sind auch alle ständig mutig. Das ist das, was mir auffällt und was ich total mag an Ängsten; dass wir sie nämlich überwinden. Dass sie uns überhaupt erst mutig werden lassen, dass wir Dinge tun, die wir uns eigentlich gar nicht zutrauen. Ähnlich ging es mir beispielsweise mit dem Interview, das ich Indre gab. Ich habe Dinge erzählt, die mich ausmachen und die doch eigentlich verdammt persönlich sind. Und meistens ist es ja genau das, was wir nicht sagen wollen, das, was wir zurückhalten, wenn wir uns öffentlich machen. Denn das, was wir dann sagen, sind selten Sachen, bei denen uns jemand auf die Schulter klopft und sagt: »Haste echt toll gemacht.« Ich wäre ehrlich gesagt auch lieber cool, aber irgendwie hat das bisher nie in mein Leben gepasst. Deswegen habe ich mich auch sehr vor dem Moment gefürchtet, als es online ging; ich hatte Herzklopfen, schwitzige Hände und echt weiche Knie. Aber in dem Buch »Alles inklusive« von Mareice Kaiser wird ganz zu Anfang Nicole von Horst zitiert und ich dachte: Ja, das ist es, genau das.

»Die eigene Geschichte zu erzählen und die Geschichte von anderen zu hören und anzuerkennen, gehört zusammen. Es sind beides radikale Akte, die die Welt verändern. Und sei es nur die Welt eines einzelnen Menschen.« Nicole von Horst »The Stories We Tell«

Meine Geschichte ist nicht weltbewegend. Und ich werde damit nichts verändern, aber darum geht es ja auch gar nicht. Es geht darum, dass ich mich getraut habe. Und dass wir uns alle etwas trauen, dass wir mutig sind, obwohl die Angst ganz oft viel zu groß für uns scheint. Dass wir denken, wir seien ganz allein damit, dass wir uns glaubhaft machen, dass nur wir Feiglinge sind, uns liebevoll Angsthase nennen und das auch noch, wenn wir es schon getan haben. Wir schämen uns oft für die Angst davor, anstatt hinterher zu sagen: Ich habs getan, alter, trotz Muffensausen. Es geht darum, dass wir ein bisschen was von uns mit anderen teilen, um zu erkennen: wir sind wirklich nicht alleine. Nicht mit unserer Angst und auch nicht mit unserem Mut. Und es geht darum, dass wir uns das mal häufiger vor Augen führen sollten. Denn ein anderer macht das nicht, das ist klar, ne?

Ich liebe Geschichten, die mich persönlich überhaupt nicht betreffen, deswegen mag ich zum Beispiel auch Reiseblogs, weil ich nämlich nie reise (abgesehen von ein paar Zugfahrten). Anidenkt. von Anika Landsteiner ist einer dieser Blogs, die ich regelmäßig lese. Ani schrieb vor ein paar Wochen auch über Angst. Angst oder: Warum das, was ich befürchte, nie eintrifft.

»Ich möchte meine Angst nicht verteufeln, dann wird sie nur noch größer, und komplett furchtlose Menschen sind Blender. Ich möchte sie beim Namen nennen, sagen, dass sie in meinem Leben eigentlich überflüssig ist, weil es mir viel zu gut geht, um Angst zu haben und sollte wirklich etwas passieren, sollte mir etwas passieren, dann hat mir die Angst im Vorfeld nichts gebracht. Denn die Sache ist die: Die Dinge laufen weiter, immer. Die Frage ist nur: Will ich mich dem Leben stellen mit all seinen Herausforderungen, die sich meist als versteckte Geschenke entpuppen – oder will ich vor ihnen Angst haben und mich selbst verstecken?«

Ich erinnere mich noch gut daran, wie ich mal betrunken mit jemandem beschloss nach Paris zu fahren. Gesagt, getan. Nüchtern saßen wir dann am nächsten Tag im Auto. Wir waren insgesamt drei Tage mit einem ziemlich alten Wagen unterwegs. Erst in Saarbrücken, dann in Metz und zuletzt in Paris – am Eiffelturm, natürlich. Wir schliefen und aßen im Auto, geduscht haben wir nie. Da fing es dann irgendwann an, dass mich der Mut verließ. Ich wollte nach Hause. Aber ich weiß noch genau: Ich habs getan.

So wie Julia von Themagnoliablossom, die gerade einfach mal spontan nach London gereist ist. Einfach so. Ich bin ein bisschen neidisch aber ich freue mich total für sie. Mut ist nämlich eigentlich die Kurzform von machen. UND PLÖTZLICH WAR ES DREI.

»Mit einem leichten Kribbeln im Bauch und einem viiiiiel zu schweren Koffer bin ich in den Flieger gestiegen, ohne England überhaupt wirklich zu mögen. Aber irgendetwas war da. Und ist da immer noch. Diesem Gefühl zu vertrauen fühlt sich gut an.«

Sich in ein anderes Leben zu denken ist auch eine Art zu reisen und vor allem braucht es dafür Mut. Das hat Lotta Schönberger gemacht. Sie hat, nachdem der Vater ihrer Freundin Tina gestorben ist, ihren Mut zusammen genommen und nachgefragt, was sie hätte anders machen sollen im Umgang mit Tinas Trauer. Daraus ist ein wirklich schöner Beitrag entstanden. In dem auch Silke Szymura von In lauter Trauer zu hören ist. Vom schwierigen Umgang mit Trauernden: Lieber nichts sagen als was Falsches.

Abschließend noch ein bisschen Liebe. Einfach, weil ich diesen Text von Corinne vom Makellosmag sehr mag.

»Jetzt ist dies mein Zuhause, lange schon und so selbstverständlich vertraut. Es ist schön, ein wenig Feenstaub auf die eigenen Träume zu streuen, aber mein Glück liegt hier, inmitten dieses Schaumes, du bist es, ihr seid es. Du bist der Eine. Dabei weiß ich als aufgeklärter Mensch natürlich, dass dieses Glück nur Zufall sein kann und auf keinen Fall Bestimmung. Es wäre zu hoffnungsvoll-spirituell zu glauben, dass es diesen einen Menschen tatsächlich geben sollte. Hoffnungsvoll-spirituell, aber nicht auf die gute Art, wie wenn man sich kleine Buddhastatuen und Meditationskissen in die Wohnung holt, sondern nur naiv. Es würde schließlich heißen, dass ich eine Art kosmische Halbkugel wäre, genau wie Aristoteles sie beschreibt, immer auf der Suche nach ihrem Gegenstück, ihrer Ergänzung. «

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6 Comments

  1. Ängste und der Mut sie auch zuzulassen und zuzugeben – das beschäftigt mich derzeit auch sehr. Und sogar diesen Satz hier nur als Kommentar abzuschicken, kostet mich etwas Überwindung und erfordert ein Stück weit Mut.
    Daher: Danke für deine Worte! ❤
    Mein Lieblingszitat in dieser Hinsicht im Moment ist daher auch:
    „What if I fall?“ – „Oh, my Darling, what if you fly?“ ❤
    Trifft es perfekt im Moment!

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    1. Liebe Nadine, ganz ehrlich: mir geht es jedes Mal so, wenn jemand etwas kommentiert. Obschon ich mich gleichzeitig riesig über Rückmeldungen freue, klopft trotzdem beständig mein Herz, da ich ja nie weiß, was da kommen mag. Ich würde dir gerne irgendwas kluges sagen, das dir und auch mir diese Ängste nimmt, aber ich weiß leider keine Lösung – noch nicht. Sieh es einfach so: wir sitzen alle im gleichen Boot und irgendwann fahren wir damit auch los. Ich bin mir sicher.

      Danke für das Zitat, das ist wirklich sehr passend!
      Herzlichst
      S

      Gefällt 1 Person

      1. Liebe Sarah,
        so wie du mit Worten umgehst, mag man fast nicht glauben, dass es dir bei jedem Kommentar hier noch so geht. Andererseits wundert es mich gar nicht, denn gerade mit deinen Texten offenbarst du oft so viel von dir – da ist man ja automatisch ein Stück weit verletzlicher durch Andere.
        Umso mehr freut es mich, dass du immer wieder diese Ängste in Kauf nimmst und solche tollen Texte mit uns teilst.
        Danke auch für deine Worte – egal ob sie vermeintlich klug waren oder nicht. Sie haben auf jede, n Fall schon ein wenig geholfen. Und wenn nur für den Moment.
        Das ist, denke ich, sowieso die Hauptaufgabe: erst einmal zu lernen, wie man für den akuten Moment mit den Ängsten umgeht – ohne in ihnen unterzugehen. Ich arbeite noch an einer Lösungsstrategie…
        Das Zitat hängt inzwischen in Form einer Postkarte in meinem Wohnzimmer – gut sichtbar!
        Herzlichst
        Nadine

        Gefällt 1 Person

  2. Hallo Sarah, Deine Art zu schreiben ist Nähe pur und träg sich dennoch auf Worten. Aktuell tauche ich täglich in das Buch „Anam Cara“ ein. Hier wird alles Einsckränkende nicht ausgerenzt. Es gehört zu einer einzigartigen Persönlichkeit wie seine Gliedmaßen und alles ist wertvoll und verdient Beachtung. In der Angst liegt auch viel Kraft, die nur noch nicht eingebunden ist. Purer Mut kann manchmal auch blind sein. Wenn ich es schaffe, sehe ich meiner Angst ins Gesicht, sehe in sie hinein gehe, erkenne ihre innere Bedeutung und nehme sie als Stärke an. Gerade in der Schwäche liegt eine unglaubliche Kraft. Ein Fels in der Brandung wird früher oder später abgetragen. Ein Häufchen Sand kann die Brandung noch so oft hin und her zerren, es bleibt Sand und kommt an den Strand wieder zurück. Die trosende See kann den Sand nicht halten. Sarah, Deine Angst führt Dich auch zu neuen Gestaden, die dennoch gleich um die Ecke liegen. Du musst gar nicht weit reisen. Aber lass Dich einfach mitreißen, du gehst nicht verloren. Ich freue mich auf neue Texte von Dir, Herbert

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