Am Rande der Wunde

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Du versuchst nichts. Du ruhst dich auf den Dingen aus, die du kannst und kennst, die dich schon immer begleiten, die dir zwar Sorgen bereiten aber auch Sicherheit geben. In Zeiten, in denen Menschen und Geld an Wert verlieren, im schlimmsten Fall verloren gehen, versteckst du dich in deinen vier Wänden, denn erfahrungsgemäß ist es nicht leicht, rauszugehen und sich auf das eigene Leben und das Leben eines anderen einzulassen.

Wenn du mit dem Zug fahren musst, dann fragst du vorher jemanden, der schon mal unterwegs war, wie man das macht, wie du dich zurechtfinden kannst, was passieren könnte. Du notierst dir Haltestellen, malst Pfeile hinter Namen und hast Ausstiegsmöglichkeiten im Kopf. Du weißt, wo der Notfallknopf ist und dass du zurück kannst, wenn du willst. Und du willst immer zurück. Du schleppst ein zerknittertes DIN A4 Blatt mit dir herum, darauf verzerrte Nachbildungen einer Stadt, jedwede Abzweigung ist eingezeichnet; du hast ein Worst-Case-Szenario im Kopf, denn unterwegs sind ja überall so viele Möglichkeiten, um vom Weg abzukommen, um das Ziel zu verfehlen, um irgendwann zu vergessen, was das Ziel überhaupt war. Zu weit fahren ist eigentlich ausgeschlossen.

Aber manchmal ist das Ziel keine Stadt, sondern verdammt nochmal die verdammte Liebe. Denn irgendwo muss man ja mal ankommen, sich niederlassen, sich ausruhen. Wo, wenn nicht in der Liebe, verdichtet mit einem anderen Körper. Die Liebe also. Die bis über den Tod hinaus, jaja, fick dich, die bescheuertste Form der Ewigkeit eben, ein für immer immer immer. Aber auf dem Weg dorthin, also zu diesem finalen Gefühl, zu der Ruhe im Kopf und in den Gliedern, ist ja noch so viel anderes. Schmetterlinge, Probleme, Schmetterlinge, Fehler, zwei Menschen, zwei einsame Herzen, zwei Vergangenheiten und zweimal Angst. Angst, die in dir herumkullert, wie eine Murmel, die den Ausgang nicht findet. Da sind Menschen, die dich streifen, prüfen, werten, für schön oder hässlich, für dumm oder schlau halten, die dich davon überzeugen, dass du so bist und nicht anders und dich somit davon abhalten, so zu sein, wie du wirklich bist. Da ist zu viel Vergangenheit, die die Wut im Bauch immer wieder nach außen kehrt. Auf dem Weg sind viele interessante Haltestellen, man könnte früher aussteigen, wenn man will. Und ein paar Umwege und Menschen später, stehst du dann ganz verloren am anderen Ende in der immer noch gleichen Stadt – weit bist du nicht gekommen. Du guckst dich um und dir wird klar, dass das nie und nimmer das Ziel sein kann, dass das eine scheiß Idee vom scheiß Schicksal sein muss, dich hier irgendwo auszusetzen, mit null Cent in der Tasche und bleiernen Beinen. Also hältst du an, du guckst dich um, du weißt, dass hier ist nicht die Liebe, sondern war immer nur weglaufen, rennen im Sitzen. Das wusstest du die ganze Fahrt schon, dir war klar, dass du hier falsch sein wirst, weil du immer und überall falsch bist. Du hättest umdrehen oder vorher irgendwo aussteigen müssen. Aber du wolltest ankommen. Ankommen, in einem Arm am Ende der Strecke, in einem Zuhause, in einem Herz.

Nach einer Pause und vielen Atemzügen, hast du dich wieder in den Zug gesetzt, neben einem Menschen, der dich angelächelt hat, irgendwann mal, ganz unauffällig hat er zu dir geguckt, ohne zu merken, dass er dich ansieht und dass du etwas in ihm siehst, was du kennst: Unsicherheit, Scheu, Angst. Und plötzlich saß er in diesem Zug neben dir, ihr habt ein paar Abkürzungen genommen. Du hast deinem Sitznachbar deine Wunden und Narben gezeigt. Hier, an dieser Stelle, hast du gesagt, da ist mein Vater gestorben und an der nächsten hast du erzählt, was das mit dir gemacht hat. “Es hat mich verrückt gemacht. Jahrelang.” Du hattest keine Tränen in den Augen, du hast gelacht und gesagt: “Dieses Geräusch hier, das hat er beim Sterben gemacht. Hast du sowas schon mal gehört? Kennst du dich damit aus? Kennst du Trauer und Schmerz und Wunden, die nie so ganz abheilen, auf denen immer eine ganz dünne Schicht Schorf bleiben wird?” Dein Sitznachbar, der das gleiche Ziel hatte wie du, sagt ja. Er nickt und sagt ja und sagt auch noch, dass er Schmerz kenne und Narben und Traurigkeit, und dieses müde Gesicht, das du Stundenlang hast, das kenne er auch, aber anders, er könne deines jetzt nicht nachvollziehen, er wüsste nicht, also, wieso du so guckst, so traurig irgendwie, schließlich seid ihr gerade unterwegs, gemeinsam, ihr seid doch auf dem Weg ins Glück, in das ganz große, ihr seid doch glücklich oder nicht, fragt er. Da gibt es doch kein Traurigsein. Also Traurigkeit ist doch jetzt wirklich unangebracht. “Wieso weinst du denn nun auch noch?”, fragt dein Sitznachbar. Er wiederholt die Frage, wird lauter, seine Stimme übertönt den Zug, er spricht so laut, dass der Gedanke an das Ziel, dieses Zuhause, ganz leise wird. Deine Traurigkeit bläht sich auf, wie ein Ballon in deinem Bauch, der auf die umliegenden Organe drückt. Du hast ein flaues Gefühl im Magen und dein Herz wird träge. Das Schlagen fällt ihm schwer.

Ein paar Mal kommt dir der Gedanke, dass du zurück möchtest. Die Vernunft sagt dir, dass du in diesem Abteil nicht richtig bist, einige Male stehst du auf, zufällig immer dann, wenn der Kontrolleur durch die Gänge hastet, um zu fragen, ob noch jemand neues dazu gestiegen ist. Aber es steigt nie jemand neues ein. Dein Sitznachbar denkt, dass das ein Spiel ist. Also spielt ihr dieses Spiel einfach weiter. Abwechselnd steht ihr auf, ihr ärgert euch gemeinsam, ihr lacht gemeinsam, ein paar Mal steht ihr sogar gemeinsam. Dann schaut ihr euch tief in die Augen, nehmt euch in den Arm und du weißt: Ab jetzt gibt es keine Umkehrmöglichkeit, das ist ein Zeichen, du musst bleiben, du siehst das Ziel doch schon.

Dein Sitznachbar holt Tee und Snacks und sagt, dass diese Reise ja eigentlich ganz schön ist. “Guck doch mal”, sagt er und zeigt auf die vorbeiziehende Landschaft draußen. Sie zieht so schnell vorbei, dass du die Bilder nicht fassen kannst, deshalb guckst du apathisch in den Wust aus nackten Ästen und farblosen Grashalmen. Die Sonne fehlt am Himmel. Vieles da draußen ist so trist, wie dein Innenleben. Ohne Konturen aber voller Grenzen. Zwischendurch wird alles eine Nuance lebendiger. Dein Sitznachbar macht Witze und du hältst dir die Hände vor deinen Mund, weil du nicht gern Zähne zeigst oder Haut oder die Tatsachen darunter. Du versuchst deine Freude zu unterdrücken, wie all die gemachten Fehler, weil zwischen lachen und weinen immer ein fließender Übergang herrscht. Aber du musst so lachen, dass du wirklich irgendwann weinst, denn das alles ist so herzzerreißend schön, anders als erwartet zwar, aber trotzdem ganz fantastisch. Sonst warst du ja immer alleine in diesen Zügen auf irgendeiner ziellosen Reise und plötzlich ist da eine Hand, die nun beim Aussteigen deine nimmt. Es ist nur ein Zwischenhalt, ihr müsst eine Weile warten. Jemand trägt deine Tasche, jemand schiebt Haarsträhnen aus deinem Gesicht, jemand hält dir eine Flasche Wasser hin und sagt: „Trink mal etwas.“ Jemand ist einfach da.

Ihr geht spazieren. Solange Zeit ist und kein Regen, dreht ihr unter freiem Himmel eure Kreise, verschwendet die Stunden, tätschelt einander manchmal die Fingerspitzen oder den Rücken, die Wange, das Haar. Irgendwo ist eine Sehenswürdigkeit. “Schön”, sagst du. “Schön”, sagt er. Ihr seid euch einig und das ist ein guter Anfang.
Dann geht die Fahrt weiter. Ihr seid müde vom Laufen, du lehnst deinen Kopf an seine Schulter, er lehnt seinen Kopf an deinen, ihr lasst das Rauschen des fahrenden Zuges einfach auf euch rieseln, voller Erwartung, wo es hingehen wird, wann ihr da seit, wie lange es wohl noch dauert. Zwischendurch juckt es mal an der Schulter, also rutschst du ein Stück weg, kratzt dich, fragst dich, wieso es juckt. Du denkst kurz nach. Dein Sitznachbar fragt: “Wieso guckst du so nachdenklich? Was ist los?” Du sagst: “Eine meiner Narben hat gejuckt, da heilt etwas, da schließt sich etwas.” “Wo?”, fragt dein Sitznachbar. “Zeig mir das mal, lass mal sehen, ey, ich möchte das jetzt sehen, zeig, los, wieso zeigst du mir das nicht, hey, das ist gemein!” Du guckst aus dem Fenster, siehst stillgelegte Bahnhöfe und bekommst es mit der Angst zu tun. Das Aussteigen ist unmöglich, aber der Sauerstoff ist plötzlich zu wenig. Dir wird heiß und kalt und die Wunde beginnt zu Puckern. Dein Sitznachbar kratzt solange mit Worten am Schorf herum, bis es blutet, bis alles wieder offen ist. “Sag jetzt, los, jetzt sag es, los!”

Du fängst an und sagst: “Damals”, dann brichst du ab, weil Damals lange her ist, weil Damals in einer ganz anderen Zeit liegt, weil das nicht angemessen ist jetzt, ihr befindet euch doch in der Gegenwart und all die Häuser, die du mal irgendwo gebaut hast, liegen doch brach hinter dir, wie Tote, das weißt du natürlich, aber er soll das ja nicht wissen. Er soll nicht wissen, dass du unfähig bist, etwas wirklich Haltbares zu bauen, dass du voller Mängel steckst und durch die vielen Malessen in all den Häusern irgendwie auch obdachlos. Er soll nicht wissen, dass es keine Behausung für dein Herz und deinen Kopf gibt, dass es ständig reingeregnet hat in all den Jahren aus Verlust und Angst und Depression, sodass deine Haut jetzt ganz löchrig ist, weil du stellenweise rostest, wie ein Nagel, der, wenn er in ein anderes Herz sticht, entzündlich wirkt. Dein Sitznachbar würde eine Sepsis kriegen, er würde Schmerzen haben, er würde sterben, wenn du zu nahe rangehst. Also schweigst du eisern die Fensterscheibe an, du schweigst eisern in deinen Schal, du schweigst eisern in sein Gesicht, du schweigst eisern, bis der Kontrolleur euer Abteil passiert und ihr synchron aufspringt und lacht und euch küsst und euch lachend küsst und du denkst: So ein Glück, scheiß auf rostige Nägel und Fehler und Angst. Nie mehr zurück.
Dein Sitznachbar tätschelt deine Schulter wieder, behutsam, du zuckst zusammen, du kicherst, du zuckst wieder zusammen und du erinnerst etwas. Kurz möchtest du schreien und rennen, aber dann legst du deinen Kopf in den Nacken, guckst auf die Gepäckablage, siehst eure Sachen und du erzählst von einer dieser Narben und von einer anderen, von einer noch nicht ganz verheilten Wunde, erzählst von Wut und wirst wütend, du erzählst von Traurigkeit und wirst traurig. Plötzlich bemerkst du die gedankliche Abwesenheit deines Sitznachbarn, du spürst das Loslassen deiner Hand. Zwischen euren Körpern ist eine Kluft entstanden. Wo vorher nicht mal Platz für ein DIN A4 Blatt war, passt jetzt ein ganzer Mensch. Irgendwo wird er sein, dieser Mensch, er wird kommen, er wird weniger kalt sein, als du, er wird wenig schweigen und von den schönen Seiten des Lebens erzählen. Dieser Mensch wird wissen, wo es hingehen soll. “Jetzt müssen wir wohl aussteigen”, sagst du. Dein Sitznachbar nickt, sagt ja, sagt: „Es war eine schöne Reise mit dir, es war nett, angenehm, ja, aber manchmal war es auch schwer. Dein Schweigen war schlimm. Manchmal war es wirklich kaum auszuhalten, aber trotzdem okay, es war eine lehrreiche Fahrt für mich.“ Er wünscht dir eine gute Weiterreise, wohin auch immer, sagt er, schick mal eine Karte, wenn du angekommen bist, meld dich mal, lass es dir gut gehen, alles wird gut, sagt er, dann verschwindet er. Um dich herum hasten die Menschen, sie rennen. Du guckst auf Tafeln und suchst Schilder, die dir sagen, wo du nun hin musst. Es gibt weder einen Anschlusszug, noch einen Notausgang. Und kein Stück Papier auf dem steht, was du jetzt tun musst. Du steigst zurück in den Waggon, setzt dich auf den alten Platz. Du willst dir die Ohren zu halten, ob der plötzlichen Stille. Du stehst auf, als der Kontrolleur vor dir steht und sagst: “Ja ich, ich bin gerade zugestiegen.” Der Schmerz lässt sich in dir nieder, denn am Rande der Wunde ist noch genug Platz und was nicht weh tut, ist ja auch nie wirklich passiert.

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