Wie man eine Ausnahmesituation überlebt? Eigentlich gar nicht.

Eigentlich ist da immer ein bisschen zu viel. Ein Glas Wein ist zu viel. Eine Flasche Bier ist zu viel. Das Stroboskoplicht macht den Kopf matschig. Alles, was man nur mit den Augen sieht, ist im Innern viel zu viel. Du, ein marodes Fass, eines, das gerade noch so gut zusammenhält, dass nach unten nichts weichen kann, sodass es überläuft, wenn man da noch was rein kippt. Ein Fass, der Inhalt hochexplosiv. Ein Mensch, aus dem Rahmen gefallen, nicht wach, nicht müde, nicht mehr ganz oke, aber heile genug, um zu leben, um mit den anderen mitzugehen. Heile genug, um Bier zu trinken, aber zu kaputt, um zu bedenken, dass das gerade nicht so ganz gut ist, dass da doch eigentlich nichts mehr reingeht, dass alles, was du reinschüttest, den Kopf noch mehr zu Brei macht, weil da kein Platz mehr ist in diesem kleinen Körper, der genug schleppt und hält, der Angst hat und bangt, der weder ein noch aus weiß, der nur ein- und ausatmen kann, weil sich jemand etwas dabei gedacht hat, dass der Körper das irgendwann automatisch macht.

 

Eigentlich ist da nur ein Rausch. Ein ewiger Rausch, da ist ein nicht-mehr-herauskommen aus diesem Rausch, der Tage und Nächte anhält. Betäubte Sinne, betäubte Gedanken. Zu Hause liegt das Sterben, im Kopf ist der Tod, der scheinbar Tote, jedenfalls der, der bald stirbt. Im Körper ein immerzu betrunkenes Herz, nie nüchtern, weil die Gedanken wie Schnaps wirken, 50% mindestens, vielleicht noch mehr, vielleicht ist das schon eine Alkoholvergiftung, chronisch, denn im Magen brennt es, und es zieht, die Übelkeit bleibt immer da, geht nicht mehr weg, versteckt sich im Bauch, so, dass sie niemand sieht und keiner sagt: Hör auf, trink das nächste Bier bitte nicht. Geh nach Hause, leg dich hin, nüchtere aus. Werd einmal wieder nüchtern.

Aber: Niemand da. Also kippst du einfach noch ein Bier in deinen völlig entzündeten Körper. Und noch eins, weil „Auf einem Bein kann ja niemand stehen.“ Und noch eins, weil es anfängt Spaß zu machen und noch eins und noch eins und noch eins, weil jetzt ist es ja eh schon egal, ist doch schon bis zum Schädelknochen voll der Mensch, mit Gedanken und Alkohol, mit Angst und keine Ahnung, mit: „Wann hört das endlich auf? Wann hört dieser Wahnsinn auf?“ Deswegen: noch eins, denn es ist doch immer und immer wieder scheißegal, ob du überläufst oder absäufst. Da fehlt ja eh schon jemand. Da fehlt eine Person, die das sieht. Da fehlt eine Hand, die zurückhält. Da fehlt ein Herz, dass das Pochen und Reißen in deiner Brust spürt und bemerkt, dass jetzt Schluss ist, dass du nach Hause gehen musst, jetzt und sofort. Der sagt: Du musst ins Bett. Einer der sieht, dass dein Leben ein anhaltender Fiebertraum ist. Der sieht, dass da keine schnöden Wehwehchen sind, die dich so alt und kaputt aussehen lassen, sondern alarmierende Angst. Der sieht, dass du ein Mensch bist, der sich im Gedankenrausch noch das nächste Dosenbier öffnet und noch eins gleich hinterher, weil, ist ja eh schon alles egal. Was kann schon groß passieren, das Schlimmste ist doch der Tag, das Hingucken, das Waschen eines Körpers und Graubrot in kleine Stücke schneiden. Das Schlimme ist der Lebenswille von jemanden, der nichts mehr bringt, weil ein Tumor so kräftig und stark ist, wie kein Mensch der Welt. Also was solls, dann eskaliert das eben. Dann eskaliert das halt immer, wen interessiert es denn? Ich seh keinen, denkst du, weil da niemand ist, der dich sieht. Denkst du.

Es eskaliert. In peinlichen Momenten wachst du auf. Ein Vollrausch, drei Abstürze. Dein Black-Out ist ein schwarzes Loch, das dir deinen Kopf noch sinnloser erscheinen lässt. Wofür hast du den eigentlich? Ach ja, weil die anderen auch alle einen haben. Jeder einen Kopf, der im einwandfreien Zustand ist, der sieht und abspeichert was passiert, ein Kopf der noch sortiert, der noch bei Sinnen ist, der den Verstand nicht so leicht verliert, wie du. Du bist die Ausnahmesituation. Du bist eine Hand, die jemanden berührt, ein Kuss, ein rotierendes Stück Fleisch, mir doch egal, denkst du immer und immer wieder. Du bist doch jemand, der das Meiste schon verloren hat – Bodenhaftung zum Beispiel, Freiheit vielleicht auch und die Liebe sowieso.  Du bist jemand, der jeden Tag sieht, wie einer das Leben, also wirklich alles alles alles verliert.

 

Irgendwann deeskalierst du. Du wirst nach einer Weile wieder jemand, der das Datum kennt und sagen kann, was letzte Nacht passiert ist. Du weißt wieder, was du tust und was du nicht willst, nie wolltest, jemand, der nicht mehr so voller Sorge ist und ständig bangt, der nicht mehr hofft und wäscht und Tablettenblister entsorgt. Der nicht mehr so mutig sein muss, jeden Tag, der nicht mehr so unter Druck und geführt von Angst agiert. Der nicht mehr resigniert und kein egal mehr kennt, der seinen Herzschlag im Griff hat, nicht mehr trinkt und in den Nächten nüchtern im Bett liegt und schläft. Du hast ein Leben, vielleicht zurückerobert, vielleicht einfach Glück gehabt. Eine Struktur und Zuversicht, ein bisschen mehr Hoffnung als nötig. Und dann kommt ein Tag. Vielleicht ist es ein 1. Mai im Jahr 2017. Du arbeitest. Du servierst und räumst ab, schiebst Stühle an Tische und lächelst die Menschen an. Du denkst gar nicht mehr über die Vergangenheit, über alles was passiert ist und nie passieren sollte, nach, der Tod ist nicht mehr dein ständiger Begleiter, weil du in der Gegenwart lebst. Aber da sind dann welche, die dich kenne. Die kennen dich vom Sehen und Hören, aus Geschichten und Momenten, Bruchstücke zusammengesetzt, passt schon irgendwie, leimen wir mal mit Spucke und Bier und noch einen Schnaps dazwischen, dann hält das besser, dann ist das homogener. Und dann legen sie die Geschichten, die du vergessen hast oder verdrängen wolltest, auf den Tisch, denn sie können sich erinnern, sie wissen noch wer du bist. Das ist doch die, sagen sie dann. Und die fragen nicht, wieso du die bist. Die sagen dir, wie es war damals, als du den Verstand verloren hattest und auf der Erde um deinen eigenen Scheiterhaufen herumgekrochen bist. Die sagen dir dann, in welcher Form du eskaliert, wie sehr du aus dem Rahmen gefallen bist. Die sagen dir dann, wer du bist und meinen eigentlich nur, dass du absolut gescheitert bist.

Du bist plötzlich wieder drei Jahre jünger. Du bist die Ausnahmesituation. Ein Kopf, der nicht mehr klar denkt. Ein Mädchen, das Angst um ihren Vater hat. Du bist die Kaputte, die, die sich nicht zusammenreißen kann. Du bist wieder die, die du nie sein wolltest, du bist entzündet von Kopf bis Fuß, bist der Brandbeschleuniger für Langeweile, ein Gerücht, vielleicht zu viel Wahrheit. Du bist auf einmal wieder so sehr in der Vergangenheit, dass es weh tut. Dass du die fehlenden Händen auf den Schultern deutlich spüren kannst, die Traurigkeit über das alleine-sein. Du bist wütend über deine eigene Verantwortungslosigkeit. Du bist traurig und wütend, wie damals. Fühlst deine hitzigen Wangen, ein Glas fällt beim Rennen vom Tablett. Du spürst dich und deine eigene Bedeutungslosigkeit wie einen Hammer in der Körpermitte. Da sind sie wieder. Deine alles entscheidenden Jahre. Du als dreiundzwanzigjährige. Und du mit vierundzwanzig. Randvoll mit Bier und Schnaps und Angst und außen nur eine dünne Hülle. Deine eigene Rücksichtslosigkeit knallt wie ein Sturm gegen deine Wangen. Du hast dich fallen lassen in all den Schmerz auf Turnhallenböden, die zu Tanzflächen umfunktioniert jeden Idioten aufgefangen haben. Sogar dich. Dich und eben die anderen, die da sitzen und lachen, über dich und deine Hemmungslosigkeit. Die anderen, die dich vom Sehen und vom Hören kennen. Das ist ja die. Die eine, die tanzt bis es hell wird und dann nackt übers Feld rennt. Die mit offenen Knien und einem offenen Herzen, versucht zu vergessen, was am Tag nicht auszuradieren ist: Das Sterben. Die kompensiert und versucht und scheitert. Die versucht ganz normal zu sein, ganz so, wie die anderen und die genau daran scheitert. Das ist die, die so sein will, wie alle in ihrem Alter. Die tanzen, weil es Spaß macht, die knutschen, weil es Spaß macht. Und die nicht verstehen, was du da eigentlich machst, weil es einfach keinen Spaß macht, die Tochter eines Sterbenden zu sein und in einer Allee aus Krebszellen zu wohnen. Weil sie nicht wissen, was dein Alltag ist und wie sich der Wahnsinn wie bestialischer Gestank in deinem ganzen Leben ausbreitet. Die anderen, dass sind die, die Spaß haben, wenn einer tanzt und dabei weint, wenn einer zwischen zwei Welten jeden Morgen zusammengedrückt wird und ob der Erschütterung auseinanderfällt. Du bist die, die scheitert, weil da einer ist, der dich kennt von damals. Ein Mädchen, das unter einem Fiebertraum den Verstand verloren hat. Jeden Tag. Jede Nacht.

Da stehst du also. In deinen 156 Zentimetern Körper, wieder ganz alleine. Gefüllt mit Scham und Angst und Ekel. Du willst eine Raucherpause von deinem Leben. Du willst die längste Zigarette der Welt.

Wie man eine Ausnahmesituation überlebt? Wenn du die Ausnahmesituation bist, gar nicht. Denn dann müsstest du dich selbst überleben.

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