17933762_413228812385707_3807004770032418816_n

 

Das Leben ist schön, es ist kostbar, es ist ungewiss lang, es ist da, ziemlich nah an mir dran. Das Leben, das ich lebe, ist der Imperator für meine Befindlichkeit. Da ist zwar eine harte Fassade, klar, die hat ja jeder, aber innen drinnen ist eine weiche, echt eine ganz weiche, immerzu von Einflüssen formbare Psyche, die dahin schmilzt bei diesem dramatischen Überangebot an Möglichkeiten, genannt Arbeit oder halt Leben.

Aber da gibt es auch Tage, die sind ganz kurz, ohne nennenswerte Ereignisse. Die paar Stunden bloßes existieren würden locker in eine Hosentasche passen, denn sie bestehen nicht wirklich, sie sind ein Dahingleiten eine Art Dahinsiechen zwischen Bett und Klo und Küche. Es sind freie Tage, schön und gut, aber das ist doch kein Leben, also nicht so ein richtiges, nicht das, was es sein sollte, wenn man ab und zu mal keine Verpflichtungen hat, wenn man machen könnte, was man will, doch ich will dann nichts. Ich will mich einfach den ganzen Tag ans Bett binden, um nicht mehr aufstehen zu müssen, um nicht fallen zu können.

Ich arbeite echt gerne, leidenschaftlich, voll. Immer mit allen Gliedern und dem ganzen Kopf. Mit dem, der ein bisschen schief auf meinem Rumpf sitzt und dem selten ein „Nein, heute echt nicht“ aus dem Mund fällt. Ich arbeite eigentlich immer zu viel. Kaum zählbar in Minuten oder Stunden, weil Arbeit für mich nicht nur mit Geld verdienen zusammenhängt, sondern oft auch mit dem, was man gemeinhin als „Hilfe“ bezeichnet. Denn es ist immer so: „Kannst du mal bitte?“ „Hilfst du mir kurz?“ „Könntest du vielleicht nochmal schnell den Schrank in den anderen Raum tragen?“ Natürlich. Selbstverständlich trage ich den Schrank noch. Ich trage den Schrank ein Stück und stehe dann eine Weile mit den Händen in den Hüften gestemmt da und überlege, wie das Ding durch die Türzarge passt. Es passt nicht. Weil das ja immer so ist. Also nehme ich irgendein Werkzeug, Dinge, von denen ich überhaupt keine Ahnung habe, probiere, experimentiere, drehe, schraube, schneide mir in den Finger, nehme ein Tuch, verbinde selbstständig die Wunde, drehe, schraube und schleppe dann die Einzelteile, die ich am liebsten einfach nur verbrennen würde, in den anderen Raum. Dort, mit einem noch immer blutenden Finger, drehe und schraube ich wieder: Das Ding steht, aber es ist schief. Wie mein Kopf. Ich sage: „Tut mir leid.“ Ich höre: „Können wir das nicht noch irgendwie…“ Klar, können wir! Ich drehe und schraube und schneide mich erneut. Und schließlich steht der Schrank da, wie er soll, das Blut läuft aus mir heraus. Aber der Schrank steht immerhin. Gerade, fest, an der richtigen Stelle. Ich gehe.

Schneller, schneller, schneller.

Ich gehe nach Hause. Durch eine Tür, die ich hinter mir schließen kann. Und doch dringt alles hinein. Das Zuviel an Müssen, der ganze Stress. Der Stress, der wie ein sehr sehr scharfes Messer meine Nerven aufschneidet und in die Öffnungen eiskalten klaren Wodka kippt. Es tut weh. Mir ist heiß. Mir ist schwindelig. Ich bin so müde. Mir ist kalt. Ich lege mich hin. Alles dreht sich. Ich drehe mich. Schraube und drehe, wie an dem Schrank, versuche meine Gedanken zu begradigen, wie den Schrank, versuche zu ertragen, was zu schwer ist, zu tragen, was mich so sehr quält, die Masse an Gedanken, die nicht zu bändigen sind. Die Vielfalt der Dinge, die ein Tag sind, die sich wie drei anfühlen, wie vier, manchmal, wie eine Woche ohne Schlaf. Und das ist dann jeden Morgen da: Das Gefühl, gar nicht geschlafen zu haben. Noch nie im ganzen Leben den Kopf ausgestellt zu haben, das Wissen, dass das nicht stimmt, und dass man einfach nur spinnt – schon wieder -, der Albtraum. Eine Rotation. Und dieser schlimme Gedanke: Stehe ich morgen wieder auf?

Ich stehe auf und gehe arbeiten. Natürlich. Denn es ist eine Selbstverständlichkeit, dass man jeden Morgen wieder aufsteht, solange, wie der Körper und der Kopf und das ganze scheiß System da in einem drin, das mitmacht. Solange wie es geht, macht man das halt und meistens geht es (zu) lange. Aufstehen, Rausgehen, mit Menschen reden, helfen, reden, helfen, reden, Schränke tragen und Einkaufstüten, Kinder bespaßen und den Hund der Nachbarin ausführen, weil die nicht kann: Migräne. Die Tage sind immer viel. Die Nächte sind stumm. Bis auf den Fernseher ist da nichts, das rauscht und surrt. Da ist nichts, außer meiner Müdigkeit die mit dem nicht-schlafen-können kollidiert.

Und ich weiß jetzt endlich warum ich in den vergangenen Jahren zwischen Bett und Disko pendelte, wieso mich der Lärm und die Menschen weniger zerstört haben, als ich dachte. Denn er hat mich so sehr ermüdet, der Lärm, dass ich ein- und durchschlafen konnte. Und die Menschen haben mich lebendig gemacht, eine ist-mir-egal-Lebendigkeit ist immer noch besser als eine ich-kann-nicht-mehr-ich-kann-wirklich-nicht-mehr-Leblosigkeit, für die man keine Argumente auf die Frage: „Aber wieso ist das denn jetzt auf einmal wieder so, wiesowiesowiesowieso?, mehr findet, weil: Ich weiß nicht, wann ich zum letzten Mal wirklich geschlafen habe, also so richtig, mit Motor aus und so, so wie jeder schläft, so ohne Nachdenken und ohne komische Träume. Ohne dieses beklommene Gefühl, das, was mich so aufwühlt und schlapp werden lässt. Ja, schlapp, kraftlos, matt. Und wütend. Es macht mich auch wütend. Aber ich weiß nicht weshalb, ich kann nicht sagen: Mein Leben ist mir zu viel geworden. Denn mein Leben ist mir nicht zu viel. Nein, nicht mein Leben, zumindest nicht das alleine, sondern gepaart mit dem Außen, mit den Bedürfnissen der anderen und meiner Hilfsbereitschaft; dieses „Kannst du mal“ und „Machst du noch“ und „Können wir mal schnell“. Dieses Schnell. Mich macht es wütend, dass es immer um Schnelligkeit geht. Dass wir jetzt unbedingt alle reisen müssen zum Beispiel, weil irgendwann ist es angeblich zu spät.
Doch ich kann gerade nicht, es geht nicht, ich komme nicht voran, nicht weg, nicht woandershin, denn man kann nur gehen, wenn man einigermaßen in Ordnung ist. Und ich bin nicht okay. Ich kann nicht gehen, denn ich bin eine offene Wunde. Eine offene aber unscheinbare Wunde. Und die Wörter und Handlungen, meine und die der anderen, sind scheiß Bakterien, die es sich da schön bequem machen. Darauf folgt eine Entzündung, Blutvergiftung. Dann das Koma. Das ewige nicht mehr Aufstehen können: Isolation.

Es ist nicht so, dass ich meinem Tod plötzlich nahe stehe oder dass ich totsein will, da ist nicht mal der Gedanke ans Sterben oder aufhören oder umdrehen. Es ist bloß die Erkenntnis, dass mir leben zu schwer ist, manchmal, dass ich kläglich scheitere an Gedanken und Alltäglichem. Ich will doch nur nicht mehr depressiv lachen, nicht mehr depressiv bügeln, arbeiten und den Müll rausbringen. Ich will nicht mehr essen mit einem Kloß im Hals oder aushalten, was für alle anderen völlig normal ist und nur mir so schwerfällt. Ich will es können, dieses Leben zu leben und nicht Meer.

Aber das eine geht ohne das andere nicht. Denn das Leben ist ein verdammt großes unüberschaubares Meer, kalt und tief und unruhig, und es passiert, dass, wenn ich so weit rausschwimme, wie die anderen, von einer Welle verschluckt oder von den Haien gefressen werde. Das ist jetzt gerade: Ich werde vom Leben verschlungen.

Es macht mich wütend, dass ich Schritt halten will, aber nicht kann. Dass ich durchhalten möchte, aber der Druck aus meinem Kopf nicht weichen will, weil das nicht von ganz alleine geht. Es macht mir Angst, dass ich befürchte, dass mir der Kopf platzt, weil mir keiner ein Loch in die Stirn bohrt, damit all die Gedanken rausfallen können, die mich so unglaublich müde machen und gleichzeitig nicht schlafen lassen. Ich bin so traurig, weil es nicht leicht ist, einen für andere plausiblen Grund zu nennen, für das Stillstehen im eigenen Körper, obwohl man doch rennt und rennt und rennt und nicht mal offensichtlich am Boden liegt, sondern nur in Gedanken auf die Fresse fällt, das aber ständig. Es macht mich wütend, dass keiner sieht, dass mir das Leben weh tut, wie ein Fersensporn, und dass ich damit nicht weiter laufen kann und  für den Augenblick eine Pause brauche.

Was wäre, wenn mein Fuß geschient, meine Hand gebrochen, mein Rücken ein bisschen kaputt wäre? Was wäre eigentlich, wenn mein Kopf humpeln, wenn man das Wanken und Taumeln sehen würde? Was wäre eigentlich, wenn jemand versuchen müsste, meinen Kopf, meine bleischwere Müdigkeit, mein nicht-mehr-Können; wenn jemand mein Leben irgendwohin, durch irgendeine Türzarge schleppen müsste um es auf der anderen Seite ordentlich wieder aufzubauen. Was wäre, wenn mir mal jemand hilft?

Advertisements