Billy

Mein Vater hat nie darauf gehört, was andere sagten. Es war ihm schlichtweg egal. Wenn der Arzt sagte: „Jetzt ist es vorbei“, hat er sich zusammengerissen und einfach weitergeatmet. Er hat überlebt, als wäre es nur eine seiner dummen Ideen gewesen, ein Scherz oder eine Marotte von ihm, endliche Diagnosen zu sammeln, wie andere Pfandflaschen.

Ich kenne niemanden, mit einem so exorbitanten Lebenswillen. Keinen, der so durstig darauf ist, noch mehr Menschlichkeit zu trinken statt Cocktails am Strand. Denn mein Vater hatte nie eines dieser besonderen Leben. Für ihn war es mit Sicherheit besonders, aber nicht für die Masse; er hatte gar keinen Bock auf Prestige. Er war Hausmeister, oder besser gesagt Hausmester. Er hat Wasserhähne repariert, verstopfte und stinkende Abflüsse gereinigt, sich um die Kloschüsseln und Türschlösser anderer gekümmert. Unter dem schwarzen Schnurrbart trug er dabei immer ein aufrichtiges Lächeln. Auf den Lippen einen Scherz. So war er. Er hat Freude verströmt. Sein Leben fand in einer Latzhose statt. Kittel und Werkzeugkoffer waren seine Ausrüstung. Seine Reiseziele waren Wohnblocks. Mit Kippe im Mundwinkel ging er durchs Leben oder fuhr – ganze fünfzehn Jahre ohne Führerschein. Er hatte nie ein kleines Leben geplant, dachte mit siebzig noch, dass er irgendwann groß raus kommt, dass ich seine Memoiren aufschreibe, ein Buch über einen Mann, den niemand kennt, der dem Rest der Welt scheißegal ist und dem der Rest der Welt scheißegal war. An Krankenhausbetten hat er mir diktiert: „Und eenmal, da sind wa nach Bayern jezogen und da hatt’ick…“ So begannen sie immer, die kleinen Geschichten über einen kleinen Mann, der ein durchweg kleines Leben führte, aber immer in irgendwas reingerutscht ist, über das ich heute lache, weil ich denke: Einmal, da wollte ich bloß ein Buch über dich schreiben, Papa, aber ich brauchte ganz dringend einen Anwalt und 100.000 Euro. Und im Grunde bin ich mein eigener Vater geworden. Ich führe ein genauso kleines Leben, rutsche ständig in die größte Scheiße, die man sich nur vorstellen kann und schäme mich nicht dafür, sondern schiebe mir eine Kippe in den Mundwinkel, lache darüber und gehe weiter. Mit mir und meinem manchmal etwas zu wilden Herz.

Aber was soll ein großes Leben auch sein? Ständig auf der Autobahn, in Flugzeugen oder auf Grillpartys abzuhängen, Whisky trinken und Zigarren rauchen?
Die Welt von meinem Vater war immer schon sehr klein. Es gab da nie eine Steigerung oder einen sichtbaren Abfall. Es gab Skatnächte, in denen er alkoholfreies Bier trank, weil er eenmal eine Kneipe hatte und es dort immer so nach Schnaps und Pisse stank, dass er sich das Trinken niemals angewöhnte. Skatnächte, das waren Momente, in denen er mal alles verlor und manchmal zu viel gewann. Aber sie waren selten. So selten wie teure Kleidung oder besondere Lebensmittel. Er war ein Genussmensch, ja, aber einer der genoss, wenn es angebracht war, der kein stetes „Ich muss mir neben der harten Arbeit auch mal was gönnen“, als sein Motto bezeichnete. Wenn ich als „Teenager“ manchmal bei ihm war, an verkaterten Samstagen zum Beispiel, dann kochte er viel zu viel und viel zu gut, setzte mir große Packungen Eis vor die Nase, Schokolade, Gummibärchen, Kuchen. Wir spielten Karten und teilten uns auf Marzipanbrot kauend die Tageszeitung. Wir rätselten, gingen spazieren; da erzählte er mir manchmal Geschichten von sich, lakonisch, nur angedeutet erfuhr ich zwischen Hochhäusern und dem Lärm der Straßenbahn, wer er war, als er so alt war, wie ich jetzt. Dass er zu viel arbeitete, wie alle Eltern. Dass er andere Pläne hatte, nein, keine großen, nur andere, und dass er gerne ein Wohnmobil hätte im Alter, weil er nochmal rum wollte. „Wohin“, fragte ich. Und er sagte: „Ma’ sehn.“
Wenn ich dann weg war, aß er wieder hartes Brot mit Weichkäse oder ging in die Markthalle und aß irgendwas preiswertes. Er unterhielt sich mit dem Spätibesitzer von Gegenüber und bekam beim Schrippen kaufen immer einen kleinen Rabatt oder eine Tasse Kaffe(e) umsonst. Solche Dinge waren von Bedeutung für ihn. Dieses Miteinander, ein Geben und Nehmen; denn im Notfall schraubte er auch um Mitternacht noch einen neuen Wasserhahn an. Und Notfälle gab es in seinem Beruf häufiger, als man denkt.

Mein Vater hatte immer nur sich und diese Art, die, wenn ich nur einen Hauch davon abbekommen habe, die halbe Miete für ein lustig-chaotisches Leben ist, in dessen Mitte nicht der Bestseller steht, sondern ein paar laue Abende mit den drei Freunden, die ich habe, ein ständiges Geben und Nehmen und nicht jeden verdammten Cent dreimal umdrehen. Mein Vater hatte nur sich, seine Kindheit und Familie, als Form in die er sich legte, Bekannte, die er nicht besonders gut kannte, weil in einer Stadt wie Berlin bleibt man sich oft fremd, da klüngelt man mal mit diesem oder jenem, man zieht um, man trifft sich wieder. Und das sind dann die großen Freuden in einem Leben: Ein Wiedersehen. Wenn nichts planbar ist, weil man ein Fähnchen im Wind ist, der nur Eckdaten hat, drei Vornamen, für die Geburts- und die Sterbeurkunde, wenn dazwischen nur ein Billy ist, der nicht mal im Ansatz so heißt, aber sich genauso benimmt, dann bleibt da immer dieser jemand, der, der eigentlich in einer Latzhose in seinem Sterbebett hätte liegen müssen.
Aber wenn keiner sagt, dass das möglich ist und man nur den Quatsch aus den Filmen glaubt, in denen die Verstorbene in einem Herr von Eden Anzug leichenblass geschminkt liegen, mit gefalteten Händen auf dem Bauch und einer Rose auf dem Nachttisch, dann macht man das genauso. Und auch wenn es immer eine witzige Anekdote bleiben wird und wir am Tag seines Todes darüber lachten, dass er nichts zum Anziehen hatte, außer einer Jogginghose und ausgeleierten T-Shirts (aber das wäre unmöglich für den Rest der Familie gewesen) sah er scheiße aus im Hochzeitsanzug meines Bruders. Er sah fremd aus, nicht wie dieser kleine Mann, der zwar Anzüge besaß, aber in einer Latzhose lebte.

Wenn er nochmal sterben würde, würde er die schönste Latzhose bekommen, er würde einen Werkzeugkoffer bekommen, er würde er sein können: Billy.

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