Lieber Tod, wir müssen reden (Buchtipp)

»Ich werde ruhig, wenn ich Menschen leben höre.« (S. 8)

Es ist ein regnerischer Tag im Juli diesen Jahres, als ich Muriel Marondel zum ersten Mal treffe. Wir kannten uns natürlich schon vorher. Der Tod hat uns zusammengeführt. Oder besser gesagt das, was darauf folgt: die Trauer.
Dazwischen liegen fast zwei Jahre. Wir haben gelegentlich Kontakt, ich weiß, Muriel schreibt ein Buch über das Thema. Irgendwann verrät sie mir den Titel, schickt mir ein Bild vom Cover. Ich werde neugierig, sie lädt mich zu sich nach Berlin ein. Und da sitzen wir in einem hellen Raum, inmitten von Pflanzen, Büchern, Kleidung; hinter mir hängt eine Fotografie ihres Vaters – dem großen Manitu.

»Es ist seltsam zu lachen, wenn es einem eigentlich hundsmiserabel geht.« (S. 36)

Wir erzählen uns unsere Geschichten. Es sind Erlebnisse, die nicht gleich, aber sehr ähnlich sind. Es geht um Gefühle, die ‚roh‘ waren und sich merklich verändert haben, ein Gesicht bekamen und im Laufe der Zeit etwas fassbarer geworden sind.
Ich kann während des Gesprächs oft nur nicken, zustimmen, wenn Muriel von ihren Erfahrungen erzählt. Und plötzlich spüre ich so etwas wie Dankbarkeit. Denn es ist sehr selten, jemanden zu treffen, bei dem man sich so wohlfühlen kann mit seinen Gedanken, die sonst immer Unsicherheit oder Distanz auslösen, oft sogar erschrockene Gesichter entblößen. Angst.
Und das beschreibt auch das Buch von Muriel. Aber es erlaubt. Es erlaubt Gefühle. Nicht nur die der Autorin, die ihren Vater in jungen Jahren verloren hat, sondern auch die eigenen, die des Lesers.

»Ich will sterben. Ich will das nicht fühlen. Nicht auch noch das. Ich will nicht mehr atmen. Ich halte die Luft an. Ich will zu meinem Vater, dorthin, wo er ist. Ich will sterben. Alles brennt. Alles in mir brennt. Ich glaube, durchzudrehen. Ich gehe um den Block, ich zittere. Ich stelle mir vor, in das nächste Auto zu laufen und mich überfahren zu lassen. Irgendwann ende ich auf einer Parkbank. Dort sitze ich und starre stundenlang in die Nacht.« (S. 42)

Das Buch lässt vieles zu, ist schonungslos, aber in all seiner Offenheit nicht radikal; es fährt einem nicht über den Mund oder die eigenen Gedanken. Es bietet Möglichkeiten, Weite, die nötig ist, wenn nach dem Tod eines Menschen, den man liebt, die Zukunft einmal durchgeschüttelt aber auch recht klein wird.

Ja, es geht auch um Zukunft. Die Zukunft des eigenen Lebens; weil Leben der Indikator ist, aus dem dieses Buch vermutlich überhaupt erst entstand. Muriels Leben, das Leben ihres Vaters, welches sie posthum noch ein wenig erforscht.
Sie stochert in der Zwischenmenschlichkeit herum, erzählt von Abschieden, Trennungen, dem innerlichen Wahnsinn, der folgt. Von Gesprächen mit Fremden über den Tod, der beiden bekannt ist, aber normalerweise ja immer eine Grenze zwischen Personen zieht, die sich kennen. Muriel Marondel transportiert Mut. Bietet Denkanstöße und Versuche. Sich an und in das Unbekannte wagen. In andere Gefühlswelten zum Beispiel. Sich dem Unbehagen vor dem Tod in einem anderen Leben zu stellen. Und auch der Angst vor dem eigenen Tod gelegentlich den Mittelfinger zu zeigen.

Sie kann einem die Verzweiflung, die Wut und die Traurigkeit nicht nehmen, aber man findet auf eine traurig-schöne Weise ein Gegenüber, das versteht. Etwas, das sehr selten aber wichtig ist für die Zeit der Trauer. Sie sagt dabei nicht: »So geht es richtig.« Muriel erzählt bloß ganz offen von ihrem Weg. Vom Reinfallen und wieder Herausklettern. Ohne ein Tempo vorzugeben. Das Buch ist ein/e Freund/in, wartend, ein Wegbegleiter, wie der Tod, das Sterben.
Und Muriel tut etwas, was wir vielleicht alle gerne mal machen würden. Es ist nicht nur der Titel des Buches, sondern es passiert wirklich: Sie redet mit dem Tod.
Tod: »Mit dem Plan, immer ein besseres Leben als jetzt zu leben, giert man in Richtung Zukunft, und dabei verpasst man sein Leben, verstehst du?« (S. 144)

BUCH10449Lieber Tod, wir müssen reden, Muriel Marondel
Komplett-Media, 220 Seiten
18,99 €

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