Dein Anfang sucht dich nicht

Die Trennung tut mir weh.”
“Das tut mir leid.”
“Mir tut sie weh.”
“Ich weiß es nicht.”

Ich weiß bisweilen nicht, ob das Verlassenwerden von jemandem, der danach glücklicher ist, der weiterlebt, der lacht, der atmet und Geschichten erzählt, genauso krass ist, wie dieses Verlassenwerden, bei dem jemand nie wieder vor einem steht. Ich weiß es nicht, weil ich nur im Moment leben kann. Was ich aber weiß, in diesem jetzt, aus dem Moment heraus, ist, dass man in sich drinnen sehr stark frieren kann. Ich weiß jetzt, dass Kälte nichts mit Winter und Hagel und Minusgraden und auch nichts mit durch den Schnee stapfen oder in Kühlhäusern liegen zu tun hat, sondern ganz weit im Innern anfängt, dort wo kein Abend am Kamin etwas bewirken kann. Man kann soweit drinnen frieren und so sehr frieren, dass Heizungsluft und Wärme deiner Nächsten ungerichteter Arbeit an dir abprallt. Und du denkst: niemand würde je wieder die Schicht aus Eis, die von innen nach außen reicht, die dich umhüllt, schmilzen können. Es ist so kalt, dass es brennt, dort wo manchmal Schmetterlinge fliegen oder etwas explodiert, wenn Menschen den letzten Atemzug nehmen. Es ist so kalt, dass du im Sommer Pullis trägst und Tee trinkst und unter Decken eingekauert hoffst, nicht zu erfrieren in deiner eigenen Kälte. Du hoffst, nicht abzusaufen in deinem inneren Becken aus Tränen, in dem Eiswürfel schwimmen und gegen dich schlagen, dir nicht nur den Kopf demolieren, sondern auch dein Herz und vor allem deine Hoffnung gefrieren.

Aber ich habe eine Idee: In meiner Vorstellung ist da ein Gebäude. Ein Gebäude auf das ich gerne mal klettern würde. Aber ich habe Höhenangst und Angst und ich habe gelernt, dass man etwas hinter sich lassen muss um etwas vor sich zu finden. Manchmal lässt man dann auch den Mut hinter sich und das Wissen darüber, was man alles schon mal gemacht hat. Und dann sitzt man in einer unendlichen Tiefe, von wo aus so ein Gebäude noch höher aussieht und man denkt so: “Hier komme ich nicht mehr weg, nie mehr hoch”. Aber klar kommst du da weg, du kommst hoch, sagen sie dir. Weil du doch schon zehn Mal da weg gekommen bist. Und immer wieder hoch.

Und genau da liegt ja auch das Problem im Vermissen und Verlassenwerden. Weil der Imperator deines Lebens nicht mehr das Wissen ist, sondern die Unwissenheit im Verstand. Eine Lücke. Und weil der Indikator für deine lächerlichen Vorstellungen nicht die Hoffnung, sondern das obsessive Vermissen ist. Und weil du keine Ahnung hast, wo sich Ende und Anfang finden und verknüpfen können. Das Ende ist da, ganz klar, ganz offensichtlich, doch der Anfang verkümmert, versteckt sich. Was du nicht weißt: Dein Anfang sucht dich nicht.

Da ist also dieses Gebäude und das ist so verdammt hoch. Und wenn ich mir vorstelle, dass ich da oben stehe, werden meine Beine schon weich und sie zittern und mein Herz macht verwirrte Schläge, das hat nicht mal mehr was mit Herzrhythmusstörungen zu tun, sondern mit bloßer, kalter Angst. Angst, die mir den Rücken hoch klettert und die auch in den Armen und in den Beinen ist. Ich trenne meinen Kopf vom Körper – und ab gehts. Aber da geht nichts ab. Alles bleibt wo ich bin. In meinem Kopf, in meinem Bauch. Und auch ich in meinem bescheuerten Becken aus Kälte, ohne Sinn. Das Gebäude eine Unendlichkeit. Das Hinaufkommen eine Unmöglichkeit.

Aber da ist nun mal jetzt dieses Gebäude, das kann man nicht übersehen, und das ragt so weit in den Himmel, dass ich es mir natürlich nur ausgedacht habe, weil so ein hohes Haus gibt es nicht. Nichts war jemals so hoch, dass man, wenn man oben war, zu den verdammten Sternen greifen konnte, was auch wieder eine ziemlich dämliche Phrase ist. Als hätte jemand schon mal wirklich “zu den Sternen gegriffen”. So was kann man sich echt nur ausdenken, denke ich mir. Aber, ich denke auch, wenn “zu den Sternen greifen” einen Anfang finden bedeutet, dann ist das schon wieder eine völlig neue Sicht. Was aber bleibt ist diese verfluchte Höhenangst. Aber mir tut jetzt schon der Rücken vom liegen und der Nacken vom nach oben schauen weh. Also richte ich mich auf, stelle mich nach Ewigkeiten auf meine Füße, gehe ein paar Schritte, recke und strecke mich. Ich atme wieder vernünftig ein und ich atme auch wieder vernünftig aus. Sauerstoffversorgung für meinen müden Verstand.

Die Betrachtung auf das Gebäude, auf den Anfang, auf das Leben ist jetzt eine völlig neue. Das Rückrat grade, der Verstand aufgetaut, von Kopf bis Fuß wird wieder alles durchblutet. Und wo ich schon mal stehe und gucke und auch ein bisschen lache, vor Schwindel und Hoffnung, rede ich mir ein, wenn man zu den scheiß Sternen greifen kann, dann kann man, wenn man oben ist, auch die Fingerspitzen eines Toten berühren. Na klar kann man das. Und dieser Gedanke ist so grotesk und lächerlich und schön und wahnsinnig, dass man jedwede Angst und Höhenangst vergisst, denn man möchte noch einmal hallo sagen und mal sehen, wie es demjenigen eigentlich geht. Man will doch nur noch mal wissen, ob er glücklich ist, da wo er jetzt lebt. Aber er lebt ja nicht mehr, das ist der Unterschied. Und wenn man da oben ist, mit ekelhaft wackeligen Beinen nach noch weiter oben greift und nach unten guckt, wenn sich dann genau da Ende und Anfang, Tod und Leben berühren und vermischen, dann schafft man alles. Nicht nur das, was man schon zehn Mal, mindestens eigentlich zwanzig Mal, gemacht hat, nämlich jeden Sturz überleben, sondern man schafft noch mehr. Man kann aufhören zu vermissen, es zu müssen, es als Obsession auszuüben. Man kann endlich anfangen, denn was du nicht weißt: Dein Anfang sucht dich nicht. Er findet dich sowieso.

Die Trennung tut immer noch weh.”
“Das tut mir leid.”
“Sie tut noch weh.”
“Ich weiß.”

Dieses Gebäude gibt es bloß in meiner Vorstellung, weil das Verlassenwerden von jemandem, der nicht mehr lebt, Kitsch und Hoffnung und Traum und Geschrei in Wahnvorstellungen umwandelt und das macht besoffen und auch ein bisschen frei. Das Gefühl von Betrunkenheit, das wärmt und die Wärme die macht Mut und Mut kannst du dir so vorstellen: als bestünde wirklich jede Möglichkeit. So, als bestünde überhaupt noch eine Möglichkeit. So, als gäbe es nur einen offenen Moment und einen Traum und einen Kuss zwischen Anfang und Ende und damit einen wirklichen Schluss und Amen. Und dann ist man sich vielleicht sogar zum ersten Mal sicher, dass es aufhört, dass man sich dauernd fragt, immer wieder, wie sich das anfühlt, wenn jemand da oben im Himmel lebt, trotz Höhenangst, aber eigentlich weiß man, dass da oben keiner leben kann, weil unten schon gestorben wird. Aber wenn du oben auf diesem Gebäude stehst, im Leben, mittendrin, dann findet man eine Erinnerung und wieder mehr Sinn und weil das Leben dem Tod zum verwechseln ähnlich sieht, du dich erinnerst und auch wieder verliebst, bleibt derjenige der fort ist, eine Momentaufnahme und kein Gespenst und das Ende irgendwie offen und die Berührung mit den Fingerspitzen keine profane Vorstellung sondern ein schöner Wunsch.

Die Trennung tut wieder mehr weh.”
“Das tut mir leid.”
“Sie tut so, so, so weh.”
“Ich weiß es nicht.”

Ich weiß nur, dass Verlassenwerden von jemandem nicht das Ende eines Lebens bedeutet. Ich weiß nur, dass das Vermissen die Hoffnung für einen langen Moment durchschneidet. Ich weiß nur, dass das einzige was Tote und diejenigen die verlassen haben, wollen und sollen, ihre Ruhe ist. Und dass jeder Verlassene zunächst in ein Becken aus Kälte fällt und darin ein paar Monate ohne Seepferdchen schwimmt. Ich weiß nur, dass das Ende so deutlich und Irreversible ist und dass daran nicht zu rütteln ist. Und ich weiß nur, dass dein Anfang dich nicht sucht, denn er findet dich.

Und da fällt das Gebäude in sich zusammen.

3 Kommentare zu „Dein Anfang sucht dich nicht

  1. Ich bin so betroffen, berührt wie kaum zuvor in meinem Leben. Diese Beiträge sind für mich wie ein Geschenk. Heute 3:00 in der früh bin ich unendlich dankbar

    Liken

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s