Wir können alles, nur nicht trauern

Der Tod ist existentiell. Er ist lebendiger als das Leben. Wir merken ihn doch viel mehr. Wieso sollen wir ihn also verdrängen? Ich bin dafür, ihm den Raum zu lassen, den er benötigt. Ich möchte dem Tod den Raum geben, um sich auszuleben, zu toben, zu wüten, zu lachen und zu weinen.

„Der Tod macht sprachlos. Gelebte Trauer kann die lähmende Sprachlosigkeit durchbrechen.“ (Fritz Roth)

Es war nie der Rede wert

Mein Vater ist tot. Es ist jetzt ein Jahr und 17 Tage her. Ich habe gelacht und geweint. Manchmal wurde ich auf Partys eingeladen. Manchmal wurde ich gefragt, wieso ich nicht komme. Vielleicht war das die Motivation, um über das Thema Trauerkultur nachzudenken. Vielleicht ist auch ein inneres Bedürfnis der Auslöser um darüber zu schreiben.

Ein Jahr und 17 Tage.

Wenn man Kalenderblätter stapeln würde, wäre das eine ganze Menge Papier. Aber vor allem waren es viele Nächte, viele Texte, wenige Lebensabschnitte – aber es gab ja einen großen, das reicht erst mal. Im Prinzip ist das, dieser Verlust, alles auf einen Schlag für einen einzigen Menschen zu viel, für den Kopf, für das Herz. Weil das mehr Empfindungen hervorruft, als man je glaubte fühlen können.

Es war ganz viel Rausch und Wahn, unermessliche Fassungslosigkeit, Kälte, Ehrfurcht, es war Traurigkeit und auch Angst. Das klingt komisch, denn wieso sollte man noch Angst haben, wenn es eh vorbei ist.

Es war die nachhaltige Angst, die kommt, wenn man sich erinnert. Wenn Männer im schicken Anzug den Leichensack schließen. Ein Sarg hätte nicht durch die schmalen Türen gepasst. Deswegen liegt er nun im Sack. Du stehst im kalten Flur und durch die geöffnete Tür kommt Wind, es ist Herbst. Du hörst das Schließen des Reißverschlusses. Das Quietschen von Gummisohlen. Die Hände bewegen sich, der Sack geht immer ein Stück weiter zu. Darunter das tote Gesicht deines Vaters, da bewegt sich gar nichts mehr. Sie schieben die Bahre über die Kanten des Fußbodens durch die Türzarge, danach hörst du das Knallen der Haustür. Du stellst dich ans Fenster, guckst in den Abend, siehst, wie sie deinen Vater, wie Ware, in ein Auto verfrachten, es ist ein weißer Mercedes. Und alles was du denkst ist: seine letzte Fahrt im besten Wagen. Sie schließen die Autotüren und fahren mit ihm weg. Wo kommt er eigentlich hin? In den Himmel?

Da weißt du dann ganz kurz, du siehst ihn jetzt wirklich nie wieder. Aber wem erzählst du anschließend von genau diesem Gefühl, von dieser Angst? Wem erzählst du ein Jahr und 17 Tage davon, was in vier Sekunden passiert ist. Nämlich der Tod, er ist schnell, so plötzlich und dann ist er auch vorbei. Weil Tod ja ein Ende impliziert. Aber danach fängt doch eigentlich alles erst an. Ein Jahr und 17 Tage. Das sind unglaublich viele Gefühle. Aber es war nie der Rede wert.

In dem vergangenem Jahr habe ich getrauert. Ich weiß zwar nicht, ob es dafür einen Maßstab gibt, so wie für alle Handlungen im Leben, aber ich glaube schon, dass ich wirklich getrauert habe. Ich habe geweint, geflucht und den Tod gehasst. Ich habe nie versucht die Endlichkeit zu romantisieren, habe nicht gesagt: „Er hat es jetzt geschafft. Er ruht jetzt in Frieden.“ So wie sich alle den Tod schönreden.

Aber ich habe sowieso nie viel darüber geredet. Weil nie jemand nachgefragt oder zugehört hat. Aber ich habe geschrieben. Hätte ich das Schreiben nicht, ich wäre vermutlich implodiert, oder verloren gegangen unter den ganzen Fragen. Der Tod ist eine Zumutung. Ein Jahr später, jetzt, habe ich ein Resümee gezogen, was das aktive Trauern betrifft.

Neben dem Tod ist jedes „Problem“ nur ein Füllwort

Ich habe mich selbst beim Trauern beobachtet, mir zugeguckt. Vielleicht habe ich wenig Zugang zum Leben gefunden, aber diese Selbstbeobachtung lehrt einen. Sie lehrt, auch die anderen zu hinterfragen. Denn was einem dabei auffällt, ist, dass der Mensch ja nicht einmal das Leben zulassen kann, er findet doch immer Gründe, es nicht zu mögen. Zu hassen, anstatt zu lieben. Er findet dauernd Gründe wütend zu sein, zu meckern, herumzuschreien, anderen Vorhaltungen zu machen. Oder zu sagen: „Ich hasse mein Leben.“ Aber wenn es dann mal drauf an kommt, kann er nicht mehr sprechen. Nicht mal mehr nachfragen, nicht mal mehr zuhören. Dabei redet der Mensch doch sonst pausenlos, über alles, aber vor allem über Probleme.

Neben dem Tod ist jedes „Problem“ nur ein Füllwort, um den Nachmittag voll zu bekommen. Ein Füllwort, wie beispielsweise Ikea. „Ich kann da nie an den Kerzen vorbei, kennste, oder. Das ist sooo schrecklich.“ Ja, schrecklich. Kenne ich aber nicht.

Alles krankt ja schon an der passenden Wortwahl. Jemandem zu sagen, der gerade ein Elternteil verloren hat, dass sein Leben „verloren“ ist, weil er im Seminar nicht der Beste war, setzt voraus, dass in deinem Leben alles okay zu sein scheint, obschon du dauernd an das leere Bett denkst. An die Tage davor.

„Kommt Sarah heute auch noch”, hat er gefragt und mich angeschaut.

„Papa, ich bin doch da“, habe ich geantwortet.

Vielleicht weiß er nicht einmal, dass ich bis zu seinem Tod noch da war, seine Atemzüge zählte, schlechte Popsongs im Radio hörte, ihn zudeckte, über seine kalte Stirn strich. Vielleicht hat er mich und das Leben am Ende gar nicht mehr erkannt.

Aber wem erzählst du das, ohne das Gefühl zu haben, deine Erzählung sei genauso fragwürdig wie deine derzeitige Erscheinung. Du ernährst dich von Instant-Kohlenhydraten. Am Morgen klebt eine knusprige Nudel auf deinem Schlafanzug. Du lachst darüber. Du lachst viel. Auch über die traurigen Erinnerungen. Du lachst auch über den Tod. Und das ist in Ordnung.

Ich habe mich also selbst beobachtet und wenn man sich dann nur noch in seiner eigenen Haut befindet und nur durch seine Augen das Leben sieht, lernt man vieles dazu. Du hinterfragst ja nicht nur dauernd den Tod, sondern auch das Leben. Vielleicht die gesamte Lebenskultur. Du fragst dich, ob es die überhaupt gibt, eine Kultur des Lebens, denn gäbe es die, wäre das Trauern völlig normal, es würde dazu gehören wie eben das Sterben. Aber davon merkst du nichts. Die Mitmenschen zeigen dir sonnige Urlaubsfotos, feiern Hochzeiten, beenden Beziehungen, weinen darüber und trinken darauf. Sie erzählen dir von dem Unfall von dem Bekannten einer Bekannten mit Todesfolgen. Das tut dir leid. Du denkst in Zahlen, denn es gibt jetzt ein bestimmtes Datum, das steht nicht im Kalender, das hat sich von ganz alleine in dein Hirn manifestiert.

Jeden 25. denkst du noch mal an den Tag. Und du denkst an Normalität, meckerst über den Verkehr und den schlechten Lieferdienst. Wachst morgens auf und deine Schminke liegt neben dir auf dem Kissen, ein Konglomerat aus Mascara und Tränen. Da merkst du dann wieder, dass das mit der Normalität vielleicht einfach noch nicht geht. Du denkst in Hoffnung. Du denkst in Heiterkeit. Du denkst an die Zukunft. Du denkst dich um Kopf und Kragen und schreibst deine eigenen Floskeln auf. Die schreibst du dir am Ende des Tages sogar hinter deine Ohren. Das klingt albern, aber es macht Sinn. Es macht Sinn, sich die Dinge zu merken, die man empfindet. Du sitzt neben dir und denkst: Ich habe herausgefunden, das Leben maßgeblich das einzige Glück ist. Glück in seiner ganzen Schlichtheit. Denn der Tod kann es nicht sein. Und die beiden Dinge stehen im Wert direkt nebeneinander. Wenn also Leben nicht Glück bedeutet, was soll Glück dann sonst sein? Das ist vielleicht keine Neuentdeckung, aber es ist ein tröstlicher Gedanke. Es ist doch einfach schön zu wissen, dass man noch lebt, nicht in einem Leichensack liegt, dass man sich noch bewegt.

Der Tod lebt davon, dir Dinge zu erklären

Die Menschen in meinem Leben reden gerne. Sie reden gerne über Menschen, über den perfekten Stromanbieter, Leistungen, Hoffnungslosigkeit, Computerspiele. Sie wollen dauernd helfen. „Ich fahre Einkaufen, brauchst du noch was?”

Sie sagen dir: „Du bist so stark.“ „Ich glaube, ich hätte das nicht geschafft.“ „Komm mit, das lenkt dich ab.“

Die Menschen lieben Verdrängung. Auch wenn man den Tod gar nicht verdrängen möchte, weil man dadurch ja auch den Verstorbenen verdrängt, sagen sie dir, dass es besser ist, wenn du mit zur Kostümparty gehst. „Nein, nein“, denkst du. Ich will in Leid und Schmerz baden. Ich will für mich da sein. Denn ein anderer übernimmt das nicht, ein anderer trägt die Konsequenzen nicht. Die anderen ertragen den Tod einfach nicht. Du musst loslassen, sagen sie dir. Aber das geht nicht so einfach. Denn der Tod ist existentiell. Er ist lebendiger als das Leben. Wir merken ihn doch viel mehr. Wieso sollen wir ihn also verdrängen. Ich bin dafür, ihm den Raum zu lassen, den er benötigt. Ich möchte dem Tod den Raum geben, um sich auszuleben, zu toben, zu wüten, zu lachen und zu weinen. Das klingt paradox, aber als Hinterbliebene braucht man das. Denn was nach dem Tod kommt ist für niemanden erwartbar und keiner kennt sich damit aus. Vielleicht sollte man ausprobieren, was er machen kann, sich darauf einlassen, aufhören, die Gefühle kalkulieren zu wollen. Genauso wie in der Liebe.

Man muss offen sein, um zu leben, und zum Leben gehört nun mal auch unser Verfallsdatum. Zu unserem Leben gehört unser Tod. Ob daran jetzt jemand Anteil nimmt, das steht in den Sternen, dort wo die leblosen Herzen fliegen. Nicht jedes Ereignis wird gleich wahrgenommen. Wenn jemand ein Kind bekommt, freuen sich alle. Wenn jemand stirbt, ist das bloß deine Sache. Erst fühlst du eine tonnenschwere Aversion dem Tod gegenüber. Dann akzeptierst du ihn. Dann erzählt er dir was vom Leben. Denn der Tod lebt genau davon, dir Dinge zu erklären.

Über den Tod reden wir in Ellipsen, weil wir zu mehr nicht fähig sind

Der Mensch neigt dazu, sich dem Schicksal anderer anzunehmen. Unter Freundinnen läuft es meistens so: Nach einer gescheiterten Beziehung stehen Freunde neben und hinter dir. Sie putzen dir die Nase und trocknen deine Tränen, sie sagen: „Wenn du willst, kannst du mit mir darüber reden. Du kannst Tag und Nacht anrufen. Oder bei mir schlafen.“ Es wird viel darüber gesprochen. Alle Abläufe werden mehrmals geschildert. Keiner stellt infrage, ob es nun wichtig ist, fünf Mal darüber zu reden, ob das Gesagte jetzt wirklich so gemeint war. Keine kommt sich komisch vor. Es wird getrunken, geweint und gelacht. Ein Liebeskummer kann okay sein, denn du weißt, dass unten jemand steht, der das Sprungtuch hält, falls es dir nicht so gut geht.

Wenn in deren Mitte aber jemand stirbt, eine Oma zum Beispiel, dann sagt sie nur: „Die Oma ist gestorben. Sie ist ganz friedlich eingeschlafen.“ Und sie weiß gar nicht genau, was sie dann als Antwort erwartet. Es bleibt für sie selbst im Unklaren, ob sie eine Beileidsbekundung möchte, die sie dann zu den vierzig anderen in ihrem Kopf stellt, oder eine Umarmung. Oder vielleicht eine Geschichte darüber, wie es bei einer Freundin war, als ihre Großmutter starb. Dann wird die Situation schwierig.

Die Frau kann ihrer Gefühlslage keine Worte beimessen, weil sie ihre Gefühle nicht kennt. Weil sie diese Gefühle nicht sooft in ihrer Nähe sieht oder hört. Sie weint vielleicht. Oder sie lässt es gleich bleiben. Wenn sie ein Gespräch darüber führt, dann sind ihre „Sätze“ eher Ellipsen. Alles Satzanfänge. Keine Enden.

Sie schmückt den Tod nicht mit Lampions aus oder erzählt von DVD-Abenden. Sondern lässt den Tod den Tod sein und denkt im Stillen, was das jetzt eigentlich zu bedeuten hat und wohin das nun führt. Dass da jemand gestorben ist, hört man ja dauernd. Deswegen ist es „normal“. Doch es scheint dann doch nicht so normal zu sein, dass es zu einem Gespräch führt, welches die gesamte Nacht andauert. Die Frau findet sich plötzlich in einem Moment wieder, in dem sie nicht begreifen kann, was passiert ist, aber auch nicht sagen kann, wie es ihr geht. Die Frau versucht sich zurechtzufinden in diesem neuen Leben. Sie übt sich in der besten Art und Weise. Sie trauert in Verschwiegenheit, unter Haut und Haaren. Denn sie merkt auf einmal, wie begrenzt die Optionen sind, wenn es darum geht, den Tod wirklich zu verstehen. Und wenn sie merkt, dass sie niemanden hat, mit dem sie darüber reden kann, will sie sich dafür rechtfertigen, denn der Tod passiert ja schließlich nicht jeden Tag in jedem Leben. Der Tod löst eine Art von Kummer aus, der die Fähigkeit zum Reden nimmt.

Dabei möchte sie so gerne erklären, wie sie empfindet. Sie möchte sagen, dass sich das Sehnen nach jemanden anfühlt, wie ein Phantomschmerz im Herzen. Sie will sagen, dass sie nicht kapiert, wie sie sich gerade fühlt. Sie möchte ihre Wahrheit in die Ohren ihrer Freundinnen schmeißen, so wie es immer war, und erklären: „Mein Vater ist gestorben. Er ist nicht friedlich eingeschlafen. Er wollte noch leben. Er hat den Kampf verloren.“

Und sie will fragen, ob jemand bei ihr sitzt, eine Nacht lang, einen Film mit ihr guckt und mit ihr weint. Die Frau wünscht sich mehr Solidarität ihrer Freundinnen. So, wie sie es aus anderen Situationen kennt. Sie will, dass ihre Krankenschwester-Freundin ihr eine Injektion Hoffnung spritzt. Sie will nicht, dass sie sagt: „Tote habe ich schon tausend Mal gesehen. Das ist echt crazy. Aber man gewöhnt sich daran.“

Der Mensch weiß ungefähr worum es im Leben geht. Aber er hat keine Ahnung vom Trauern

Meine Theorie ist so: Das der Mensch nicht weiß, wie er mit dem Tod umgehen soll, liegt daran, dass in den letzten Jahren viel, viel weniger getrauert wird. Es wird weniger schwarz getragen, weil „der Verstorbene das sicher nicht gewollt hätte.“ Es gibt eine Begrenzung der „Trauerphase“, weil man ja wie gewohnt weiter machen muss, funktionieren will. Eine stille Abmachung gar, die niemand ausgesprochen hat, die aber jeder zu kennen scheint. Denn: Das Leben geht ja weiter. Das wissen wir. Das wird uns ja immer gesagt, egal welche Problematik das Leben gerade bereithält.

Der Mensch versucht sich in Stärke. Der Mensch hat Vorbilder. Die Vorbilder sind zumeist “starke” Persönlichkeiten. Wir sind stark. Das der Tod aber keine banale Problematik des Lebens ist, müssen wir erst lernen. Und das Trauern keine Schwäche ist, werden wir vielleicht nie kapieren. Wir müssen das Trauern erlernen, um damit umgehen zu können.

Und ja, das Leben geht weiter. Die Tage verstreichen einfach wie zuvor auch. Man wird älter, die Haut schlägt Falten. Die Menschen reden weiter von verrückten Katzenvideos und verlinken dich unter irgendwelchen hippen Torten, die du unbedingt mal backen musst. Dir backt aber niemand einen Kuchen. Auf dich wird bloß gewartet. Mal gefragt: „Kommst du mit zur Party.“ Oder: „Wann bist du wohl wieder soweit.“
Wann ist man wohl soweit zu leben? Wann ist man wohl wieder in Ordnung, wann hat man fertig „getrauert“ und wann kann man wieder raus gehen, so, als wäre nichts gewesen? Die Antwort darauf lautet: Wenn es soweit ist. Das ist nämlich der Clou an der Trauerkultur. Von der weiß nur keiner.

Wir sehen keine Menschen die einen Verstorbenen erinnern, „weil das dauernde Erinnern hätte der Tote sicher nicht gewollt.“

Der Tod ist keine Adaption und er ist auch keine Erfindung von Hollywood. Es ist ein Irrtum, zu glauben, dass wir durch eine Sendung verstehen, was er in uns auslösen kann. Es ist sowieso alles Unsinn, so lange wir glauben, wir könnten mit diesem oder jenem per se umgehen. Können wir nämlich nicht. Aber wir können es lernen, wenn wir nicht immer so tun als ob, sondern ehrlich zugeben: „Ich weiß jetzt auch nicht, was ich dazu sagen soll.“ Wir können auch nur Satzanfängen zu hören, und versuchen ein Ende zu finden und damit vielleicht ein kleines bisschen stützen, wenn die Körperspannung eines anderen gerade instabil ist.

Die letzten Jahre haben uns nach und nach zu Menschen konzipiert, die die Realität pausenlos vor Augen haben. Und zur Realität gehört auch, dass wir ständig wissen, dass der Tod passiert. Dass es ihn gibt und dass er ganz normal ist, dass er kein Beinbruch darstellt, weil wir anderen leben ja definitiv weiter.

Der Tod hat sich in einer Form etabliert, in der wir ihn nicht mehr hinterfragen, weil wir glauben, alles über ihn und die dazugehörigen Gefühle zu wissen. Dass der Tod einen viel heftigeren Lebenskummer darstellt, als der uns bekannte Liebeskummer wissen wir gar nicht. Weil wir selten Trauernde mitbekommen, in schwarzer Kleidung, mit dunklen Schatten unter den Augen. Wir sehen keine Menschen, die einen Verstorbenen erinnern, „weil das dauernde Erinnern hätte der Tote sicher nicht gewollt.“ Wir sind auf eine naive Weise darauf getrimmt, den Tod klein zu halten. Ihn nicht sichtbar zu machen.

Daraus resultiert, dass der Angehörige sich entweder nicht anmerken lässt, dass ihn das Gefühl, welches er nicht kennt, verunsichert, oder sich in einem Internetforum anmeldet, um ein bisschen Austausch zu haben und sich mit anderen Angehörigen zu solidarisieren, ein Gefühl von Sicherheit zu bekommen, vielleicht sogar Verständnis für das eigene, innere Unbehagen. Nach dem Motto: Du bist nicht alleine. Was oft auch so viel heißt wie: Ich bin nicht alleine.

Das virtuelle Trauern mag hilfreich sein, doch erschließt sich mir nicht so Recht der Sinn daran. Das Internet ist ein Ort den ich gerne und oft besuche, doch die Gefühle in mir, die würde ich gerne mit mir nahestehenden Menschen sezieren.
Im Internet schämt man sich aber nicht dafür, zu weinen. Man kann da offen schreiben: „Es tut so unfassbar weh. Ich kann nicht glauben, dass die Person jetzt weg ist“, und das klingt da einfach nicht albern. Weil man darauf ein Echo erhält. Denn man ist ja genau in jenem Forum, in dem es darum geht, das auszusprechen, was sonst keiner hören kann oder will. Das virtuelle Trauern bedeutet aber keineswegs wirkliche Hilfe, denn so grenzt sich der Hinterbliebene bloß von der Zivilisation ab, hält sich meist genau dort auf, wo er Zuflucht findet. Er kann neben seinem PC eine Kerze anzünden, ein Foto aufstellen, drei Flaschen Wein trinken, einen Platz schaffen, an dem er erinnert, weil er ja eigentlich erinnern möchte. Nur fühlt er sich dazu selten berechtigt, weil einem das Recht auf das Trauen abgesprochen wurde, weil man es sich selbst verbietet. Wir sind hier schließlich alle stark. Das ist natürlich ein ungeschriebenes Gesetz. Aber niemand fragt gern: „Willst du mit mir weinen?“ Also tut er es alleine. Still für sich. Und erstickt dabei an Einsamkeit und den ganzen Worten die im Hals hängenbleiben.

Die Präsenz der Leere ist unermesslich

Dass es sich aber wesentlich besser im Internet trauern lässt, kommt daher, dass die Mitmenschen, die nicht betroffen sind, den Tod nicht greifen können. Im Kopf ist kein Platz für den Tod. Außerdem ist der Tod zu groß, zu sperrig, wie ein Sarg, der passt nicht ins Herz der Mitmenschen. Denn da sind alle Kapazitäten ausgeschöpft. Da wimmelt es von Hoffnungslosigkeit. Oder sie verstehen nicht, was er wirklich bedeutet und das tun sie nicht, weil die Auseinandersetzung damit nicht im Alltag stattfindet und er deswegen weiterhin etwas befremdliches bleibt. Die geistige Umnachtung geschieht erst, wenn man selbst betroffen ist. Und betroffen bedeutet, dass ein naher Verwandter ableben muss. Die gesehenen Filme, nach denen man Rotz und Wasser geheult hat, weil man so sehr mitgefühlt hat, weil man dachte: das hätte ja auch meine Mutter sein können, wie ist es wohl, wenn Mama mal tot ist, die dauern nur sieben Tage an, höchstens. Und der Tod eines Neffen einer Bekannten deren Cousine, das hält vielleicht zwei Wochen an. Da schmeißt man mit Mitleid um sich und sagt: „Der Sohn von der Simone ist gestorben, ist das nicht traurig.“ Und dann geht das schnell wieder unter. Wenn aber jemand aus dem engsten Kreis stirbt, dann geht das nicht einfach im Alltag verschütt, das sieht man pausenlos, weil etwas, das weg ist, auf einmal ganz sichtbar ist. Die Präsenz der Leere ist unermesslich. Es mutiert innen. Tage und Wochen. Und immer wieder dieser Gedanke: Jetzt sehe ich ihn wirklich nie wieder, den man niemanden beschreiben kann.

Und dazwischen nur ein einziges Mal hören: „Ich weiß zwar nicht, wie du dich fühlst, aber ich höre dir zu“, das wäre schön. Zu wissen, dass unten jemand steht, der das Sprungtuch hält, wenn es einem nach einem großen Verlust „mal“ nicht gut geht, wäre hilfreicher, als zu glauben, der Umgang mit dem Tod sei uns in die Wiege gelegt worden und dann irgendwann festzustellen, dass das eine Lüge ist. Zuhören und im Herz ein einziges Mal Platz schaffen, für etwas, dass wir alle niemals verstehen werden. Aber was wir lernen könnten, wenn wir aufhören zu glauben, dass wir alles können. Wir können ja auch alles, nur nicht trauern. Aber wenn wir wollen, können wir selbst das lernen.

Mein Vater ist tot. Es ist jetzt ein Jahr und 17 Tage her. Das sind unendlich viele Gefühle, ich erinnere in diesem Text an ihn, denn es ist mir egal, ob das der Verstorbene so gewollt hätte.

Anm.: Dieser Text erschien zu erst (12. 11. 2015) bei Edition F. Er war der Antrieb für Wir sind noch hier. Und ich glaube, auch für viele andere Texte die danach zum Thema Tod und Trauer geschrieben wurden.

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