Billy

Mein Vater hat nie darauf gehört, was andere sagten. Es war ihm schlichtweg egal. Wenn der Arzt sagte: „Jetzt ist es vorbei“, hat er sich zusammengerissen und einfach weitergeatmet. Er hat überlebt, als wäre es nur eine seiner dummen Ideen gewesen, ein Scherz oder eine Marotte von ihm, endliche Diagnosen zu sammeln, wie andere Pfandflaschen.

Ich kenne niemanden, mit einem so exorbitanten Lebenswillen. Keinen, der so durstig darauf ist, noch mehr Menschlichkeit zu trinken statt Cocktails am Strand. Denn mein Vater hatte nie eines dieser besonderen Leben. Für ihn war es mit Sicherheit besonders, aber nicht für die Masse; er hatte gar keinen Bock auf Prestige. Er war Hausmeister, oder besser gesagt Hausmester. Er hat Wasserhähne repariert, verstopfte und stinkende Abflüsse gereinigt, sich um die Kloschüsseln und Türschlösser anderer gekümmert. Unter dem schwarzen Schnurrbart trug er dabei immer ein aufrichtiges Lächeln. Auf den Lippen einen Scherz. So war er. Er hat Freude verströmt. Sein Leben fand in einer Latzhose statt. Kittel und Werkzeugkoffer waren seine Ausrüstung. Seine Reiseziele waren Wohnblocks. Mit Kippe im Mundwinkel ging er durchs Leben oder fuhr – ganze fünfzehn Jahre ohne Führerschein. Er hatte nie ein kleines Leben geplant, dachte mit siebzig noch, dass er irgendwann groß raus kommt, dass ich seine Memoiren aufschreibe, ein Buch über einen Mann, den niemand kennt, der dem Rest der Welt scheißegal ist und dem der Rest der Welt scheißegal war. An Krankenhausbetten hat er mir diktiert: „Und eenmal, da sind wa nach Bayern jezogen und da hatt’ick…“ So begannen sie immer, die kleinen Geschichten über einen kleinen Mann, der ein durchweg kleines Leben führte, aber immer in irgendwas reingerutscht ist, über das ich heute lache, weil ich denke: Einmal, da wollte ich bloß ein Buch über dich schreiben, Papa, aber ich brauchte ganz dringend einen Anwalt und 100.000 Euro. Und im Grunde bin ich mein eigener Vater geworden. Ich führe ein genauso kleines Leben, rutsche ständig in die größte Scheiße, die man sich nur vorstellen kann und schäme mich nicht dafür, sondern schiebe mir eine Kippe in den Mundwinkel, lache darüber und gehe weiter. Mit mir und meinem manchmal etwas zu wilden Herz.

Aber was soll ein großes Leben auch sein? Ständig auf der Autobahn, in Flugzeugen oder auf Grillpartys abzuhängen, Whisky trinken und Zigarren rauchen?
Die Welt von meinem Vater war immer schon sehr klein. Es gab da nie eine Steigerung oder einen sichtbaren Abfall. Es gab Skatnächte, in denen er alkoholfreies Bier trank, weil er eenmal eine Kneipe hatte und es dort immer so nach Schnaps und Pisse stank, dass er sich das Trinken niemals angewöhnte. Skatnächte, das waren Momente, in denen er mal alles verlor und manchmal zu viel gewann. Aber sie waren selten. So selten wie teure Kleidung oder besondere Lebensmittel. Er war ein Genussmensch, ja, aber einer der genoss, wenn es angebracht war, der kein stetes „Ich muss mir neben der harten Arbeit auch mal was gönnen“, als sein Motto bezeichnete. Wenn ich als „Teenager“ manchmal bei ihm war, an verkaterten Samstagen zum Beispiel, dann kochte er viel zu viel und viel zu gut, setzte mir große Packungen Eis vor die Nase, Schokolade, Gummibärchen, Kuchen. Wir spielten Karten und teilten uns auf Marzipanbrot kauend die Tageszeitung. Wir rätselten, gingen spazieren; da erzählte er mir manchmal Geschichten von sich, lakonisch, nur angedeutet erfuhr ich zwischen Hochhäusern und dem Lärm der Straßenbahn, wer er war, als er so alt war, wie ich jetzt. Dass er zu viel arbeitete, wie alle Eltern. Dass er andere Pläne hatte, nein, keine großen, nur andere, und dass er gerne ein Wohnmobil hätte im Alter, weil er nochmal rum wollte. „Wohin“, fragte ich. Und er sagte: „Ma’ sehn.“
Wenn ich dann weg war, aß er wieder hartes Brot mit Weichkäse oder ging in die Markthalle und aß irgendwas preiswertes. Er unterhielt sich mit dem Spätibesitzer von Gegenüber und bekam beim Schrippen kaufen immer einen kleinen Rabatt oder eine Tasse Kaffe(e) umsonst. Solche Dinge waren von Bedeutung für ihn. Dieses Miteinander, ein Geben und Nehmen; denn im Notfall schraubte er auch um Mitternacht noch einen neuen Wasserhahn an. Und Notfälle gab es in seinem Beruf häufiger, als man denkt.

Mein Vater hatte immer nur sich und diese Art, die, wenn ich nur einen Hauch davon abbekommen habe, die halbe Miete für ein lustig-chaotisches Leben ist, in dessen Mitte nicht der Bestseller steht, sondern ein paar laue Abende mit den drei Freunden, die ich habe, ein ständiges Geben und Nehmen und nicht jeden verdammten Cent dreimal umdrehen. Mein Vater hatte nur sich, seine Kindheit und Familie, als Form in die er sich legte, Bekannte, die er nicht besonders gut kannte, weil in einer Stadt wie Berlin bleibt man sich oft fremd, da klüngelt man mal mit diesem oder jenem, man zieht um, man trifft sich wieder. Und das sind dann die großen Freuden in einem Leben: Ein Wiedersehen. Wenn nichts planbar ist, weil man ein Fähnchen im Wind ist, der nur Eckdaten hat, drei Vornamen, für die Geburts- und die Sterbeurkunde, wenn dazwischen nur ein Billy ist, der nicht mal im Ansatz so heißt, aber sich genauso benimmt, dann bleibt da immer dieser jemand, der, der eigentlich in einer Latzhose in seinem Sterbebett hätte liegen müssen.
Aber wenn keiner sagt, dass das möglich ist und man nur den Quatsch aus den Filmen glaubt, in denen die Verstorbene in einem Herr von Eden Anzug leichenblass geschminkt liegen, mit gefalteten Händen auf dem Bauch und einer Rose auf dem Nachttisch, dann macht man das genauso. Und auch wenn es immer eine witzige Anekdote bleiben wird und wir am Tag seines Todes darüber lachten, dass er nichts zum Anziehen hatte, außer einer Jogginghose und ausgeleierten T-Shirts (aber das wäre unmöglich für den Rest der Familie gewesen) sah er scheiße aus im Hochzeitsanzug meines Bruders. Er sah fremd aus, nicht wie dieser kleine Mann, der zwar Anzüge besaß, aber in einer Latzhose lebte.

Wenn er nochmal sterben würde, würde er die schönste Latzhose bekommen, er würde einen Werkzeugkoffer bekommen, er würde er sein können: Billy.

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Der Anfang, der das Ende leichter macht

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Seitdem ich sowohl in die Augen eines Sterbenden, wie auch in die Augen eines Toten geguckt habe, bin ich dem Leben sehr zugeneigt. Ich glitzere von innen nach außen und bin trotz Hochwasser da draußen und einer sich aufkeimenden Depression irgendwie lebensfroh. Das machen Momente, wenn man sie zulässt, und Erfahrungen, wenn man sie als solche (an)erkennt.

Erst schnürte mir dieser Moment, der die voraussehbare Vergänglichkeit des Lebens in der extremsten Form zeigte, die Luft ab und nach und nach lockerte sich dieser Würgegriff, er machte mich stärker und dadurch dem Leben gegenüber weicher. Ja, sehr weich sogar.
Ich bin offen und ehrlich geworden, ich bin frei und wild und kann jetzt einfach sagen, wenn nicht alles okay ist. Denn oft nach dem Tod eines Menschen, den man liebt, ist nicht alles okay. Auch fast drei Jahre später nicht.
Ich kann mir Fehler eingestehen und deshalb kann ich auch weiterhin mit gutem Gewissen welche machen. Aber eines, das will ich nicht mehr vergeigen: Dinge ungefragt mit dem Tod gehen lassen.

Mein Vater war zum Beispiel auch nicht unfehlbar, aber es würde mir den letzten Nerv rauben, wenn ich ihm noch etwas vorwerfen würde. Seine Krankheiten zum Beispiel. Wenn ich ihm vorwerfen würde, dass durch seinen Hirnschlag kurz vor meinem 18. Geburtstag, ein paar Monate meines Erwachsenwerdens draufgegangen sind. Es würde mich quälen, wenn ich all die Jahre nicht für ihn eingekauft, gebügelt oder an Krankenhausbetten neben ihm gesessen hätte. Ich habe geflucht, klar, das machen Anfänger-Erwachsene so. Ich habe ganz alleine das Schicksal angeschrien und gefragt: Wieso zur Hölle es so um die Ecke kommt, mit Krankheiten und Sterblichkeit; Apoplex, COPD, Krebs, Krebs, Tod. Ich hab geweint und gedacht: er muss doch noch für mich da sein. Es geht doch nicht anders, das ist doch ein typisches Vater-Tochter-Ding. Starke Schultern und steter Blickkontakt. Ich bin doch noch viel zu klein, zu jung, nicht erwachsen genug für dieses Andersrum. Ich bin doch zwanzig Jahre zu früh dran. Er war das nicht, wie mir andere bescheinigten, denn mit 73 Jahren kann man sterben, das ist in Ordnung, haben sie gesagt. Für mich war es nicht selbstverständlich, denn ich war immerhin noch (s)ein Kind. Ein vierundzwanzigjähriges zwar, aber ein Kind. Für ihn war es auch nicht okay. Ich habe das ja gesehen, in genau dem Moment, als sein Herz zum allerletzten Mal kräftig schlug, um nochmal anzusetzen, aber da ging nichts mehr, da war es vorbei, er war zu schwach, der Tod zu stark. Und das ist das, was ich dem Schicksal echt übel genommen habe. Aber ich habe ihm verziehen, dass es Menschen einfach so aus seiner gewohnten Umgebung reißt und irgendwo hin bringt, wo derjenige noch nie war. Ein Ort, den ich mir so leer und kalt und dunkel vorstelle. Ohne uns. Er war plötzlich alleine. Dabei konnte er sich ja nicht mal mehr ohne Hilfe die Schuhe anziehen. Er konnte ja nicht mehr richtig atmen. Er konnte doch noch nicht mal alleine sterben. Da waren wir nämlich dabei. Aber totsein muss er jetzt ganz alleine. Das ist traurig und das hat mich 1 Jahr aufgerieben. So wie mich von meiner Volljährigkeit an jede Diagnose aufgerieben hat; die Frage, was macht das mit einem Menschen, wenn es mich schon erschüttert. Diese innere Gebrechlichkeit, der Verlust von Selbstständigkeit. Ich war da, wir waren es als Familie, aber mit seinen Gedanken war er alleine. Mit den Gedanken und der vermeintlichen Angst. Mutterseelenalleine.

Früher haben wir immer zusammen geflucht. Wir haben Ärzte verflucht. Wir haben Krankenhauskaffee verflucht. Wir haben die schlechte Luft in Behandlungsräumen verflucht, genervte Pfleger*innen, Medikamente, verknotete Nasenbrillen und Einläufe. Wir haben das gemeinsam scheiße gefunden und das hat die Sache ein bisschen leichter gemacht. Posthum konnte ich nur noch seinen Tod scheiße finden, ganz alleine. Das habe ich 2 Jahre konsequent gemacht. Echt, ohne wenn und aber. Ohne jaja, ist gut, das ist normal, ist der Lauf des Lebens, komm ich mit klar, ist gut, jaja, ist oke. Danke für diese Erfahrung.
Ich bereue meine Wut nicht, nein, auf keinen Fall. Ich bereue auch die sechs Jahre Krankheiten, Gebrechlichkeit, Zusehen, Händehalten, aushalten nicht. Das Einzige, das ich wirklich bereue, ist, meinen Vater nie danach gefragt zu haben, wie es ihm eigentlich ging all die Jahre mit diesem Wissen, ein Stück höher als der Tumor, im Kopf, wie es ihm ging mit dem Sensemann im Genick.

Ich erlebe inzwischen oft solche Gespräche. Väter meiner Freundinnen erzählen mir, einfach so, dass sie sich vor dem Tod aber nicht vor dem Sterben fürchten. Flüchtig Bekannte raunen mir zwischen Tür und Angel zu, dass sie von ihrer Beerdigung geträumt haben und dass es schlimm war. Sehr, sehr schlimm. Ich frage nach, halte an, höre zu, fühle und denke mir jedes Mal: Was hätte Papa mir erzählt. Was hätte er mir alles über Gefühle, die ich jetzt gerne verstehen würde, sagen können. Aber es hat sich ja nie einfach so ergeben.
Ich sage jetzt immer, als wäre ich meine eigene Großmutter: Fragt eure Eltern. Redet darüber. Findet eine Möglichkeit, findet einen verdammten Grund, um zu erfahren, was Tod für sie bedeutet, dann wird es später, wenn die Endlichkeit dann tatsächlich näher rückt, kein mit-der-Tür-ins-Haus-fallen sein, sondern die Fortsetzung eines schon längst begonnen Gesprächs. Es gibt nichts Schlimmeres, als Monatelang neben einem Sterbenden zu leben, ungewiss, ob seiner Angst. Denn: Vielleicht haben Sterbende gar nicht so eine große Angst, wie ich glaube. Vielleicht erreichen sie tatsächlich nach der Hinnahme die Phase der Akzeptanz und das würde schon ein bisschen was einfacher und vor allem heller machen in den düsteren Zeiten, nachdem ein Arzt dir sagt: „Ihr Vater wird sterben, bald.“ Denn dann hast auch du ziemlich große Angst.

“Es ergibt sich einfach nicht”, sagen mir Freunde. Und das ist ein Synonym für: “Ich habe Schiss, das anzusprechen.” Und ich weiß ja genau, was sie meinen, aber ich weiß aus Erfahrung auch, dass es irgendwann zu spät sein wird. Vor drei Jahren war ich noch eine Dilettantin auf dem Gebiet der Kommunikation vor allem beim Thema Tod. Jetzt bin ich immer noch eine Dilettantin, aber eine mit mehr Mut. Weil das Leben vorbei sein wird, irgendwann, und es einfach total egal ist, ob wir in Wunden fassen, denn sie sind ohnehin da, nur wenn wir uns trauen, werden sie zu einer gemeinsamen und das ist nicht das Schlechteste. Es ist der Anfang, der das Ende leichter macht.

 

Im The End Podcast von Eric Wrede wird zwar nicht mit Sterbenden gesprochen, aber mit verschiedenen Gästen über Leben und Tod. Entspannt, manchmal sogar lustig, hin und wieder bedeutungsschwer entstehen Gespräche, in die ich mich oft einmischen möchte. Ihr vielleicht ja auch? Neben Clemens Schick, hat Eric inzwischen mit Christoph Deckert, Henning Wehland und Balbina gesprochen. Da wird noch was folgen, hoffe ich!

Darf ein Mensch sterben wollen? Macht ein intensives Leben das Ende einfacher oder schwerer? Kann man sich als Schauspieler auf den Moment eines Verlustes besser vorbereiten, weil man sich gut in Situationen hinein versetzen kann? Wie verändert sich Nähe, wenn man seine Mutter zum Sterben nach Berlin holt. Was passiert wenn Dein Zwilling stirbt?

 

Bei Stadt Land Mama erzählt Katharina von dem Moment, in dem ihre Kinder zum ersten Mal mit dem Tod konfrontiert wurden. Mit Fragen wie: „Kann Uroma uns hören vom Himmel aus?“ findet sie einen wahnsinnig einfachen Weg, Fragen, die ich mir als Erwachsene selbst stelle, in eine kindliche Leichtigkeit zu verwandeln. Das ist so angenehm, weil es den Druck, alles wissen und verstehen zu müssen, obwohl das eh nicht geht, von mir nimmt. Wenn die Kinder Fragen über den Tod stellen.

Was ich noch erlebe: Wie gut es ist, wenn man Kinder im Trauerprozess um sich hat. Sieht man sie, sieht man den Kreislauf des Lebens. Alles hat einen Anfang und alles hat ein Ende. Leben kommt und Leben endet. Durch die, die waren entstehen die, die sind.

 

Über das unumgänglich dahinwelkende Leben schreibt die Groschenphilosophin. In ein Sommer der kranken Großeltern reihen sich so viele Bilder aneinander, die ich selbst mit meinem Vater ähnlich erlebt habe. Hinter den Worten liegt eine so unwahrscheinliche Liebe, aber eben auch die Traurigkeit und dieses verfluchte Gefühl, nicht zu wissen, wohin mit diesen Bildern.

Ich kann mich nicht freimachen von dem, was ich sehe. Wie könnte ich auch. Während einem beim gemeinsamen Abendessen das Ende des Seins vor Augen geführt wird, kann ich nicht so tun, als ob es mich nichts anginge, dass mein Opa nicht mehr wiederzuerkennen ist. Seine Vergangenheit vergessen hat, sich nicht an seine Töchter erinnert, oder seine Frau. Als ob ich keine Angst hätte, vor dem was kommt. Und wir wissen alle, was das bedeutet.

Nächster Halt: Isolation

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Das Leben ist schön, es ist kostbar, es ist ungewiss lang, es ist da, ziemlich nah an mir dran. Das Leben, das ich lebe, ist der Imperator für meine Befindlichkeit. Da ist zwar eine harte Fassade, klar, die hat ja jeder, aber innen drinnen ist eine weiche, echt eine ganz weiche, immerzu von Einflüssen formbare Psyche, die dahin schmilzt bei diesem dramatischen Überangebot an Möglichkeiten, genannt Arbeit oder halt Leben.

Aber da gibt es auch Tage, die sind ganz kurz, ohne nennenswerte Ereignisse. Die paar Stunden bloßes existieren würden locker in eine Hosentasche passen, denn sie bestehen nicht wirklich, sie sind ein Dahingleiten eine Art Dahinsiechen zwischen Bett und Klo und Küche. Es sind freie Tage, schön und gut, aber das ist doch kein Leben, also nicht so ein richtiges, nicht das, was es sein sollte, wenn man ab und zu mal keine Verpflichtungen hat, wenn man machen könnte, was man will, doch ich will dann nichts. Ich will mich einfach den ganzen Tag ans Bett binden, um nicht mehr aufstehen zu müssen, um nicht fallen zu können. „Nächster Halt: Isolation“ weiterlesen

Ohne Anfang

Es fängt damit an, dass ich nicht mehr  „Papa“ sage.

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Und es geht weiter damit, dass mich jemand fragt, wie ich diese Jeans finde, ob die zum Oberteil passt und so weiter. Ich weiß es nicht. Ich habe keine Ahnung, wie ich diese verdammte Hose finde oder auch nur die Situation. Keine Ahnung, wie ich überhaupt etwas finde. Finden, ja ja. Beschissen.
„Ich finde alles beschissen.“
„Ist echt alles scheiße“, findet auch mein Gegenüber.
„Ach ja“, frage ich.
„Uni scheiße, Männer scheiße und das Bier, ey, das Bier schmeckt so richtig scheiße, abgestanden, alt. Der Uwe eben.“ „Ohne Anfang“ weiterlesen

Untergehen, jetzt

Wie man eine Ausnahmesituation überlebt? Eigentlich gar nicht.

Eigentlich ist da immer ein bisschen zu viel. Ein Glas Wein ist zu viel. Eine Flasche Bier ist zu viel. Das Stroboskoplicht macht den Kopf matschig. Alles, was man nur mit den Augen sieht, ist im Innern viel zu viel. Du, ein marodes Fass, eines, das gerade noch so gut zusammenhält, dass nach unten nichts weichen kann, sodass es überläuft, wenn man da noch was rein kippt. Ein Fass, der Inhalt hochexplosiv. Ein Mensch, aus dem Rahmen gefallen, nicht wach, nicht müde, nicht mehr ganz oke, aber heile genug, um zu leben, um mit den anderen mitzugehen. Heile genug, um Bier zu trinken, aber zu kaputt, um zu bedenken, dass das gerade nicht so ganz gut ist, dass da doch eigentlich nichts mehr reingeht, dass alles, was du reinschüttest, den Kopf noch mehr zu Brei macht, weil da kein Platz mehr ist in diesem kleinen Körper, der genug schleppt und hält, der Angst hat und bangt, der weder ein noch aus weiß, der nur ein- und ausatmen kann, weil sich jemand etwas dabei gedacht hat, dass der Körper das irgendwann automatisch macht.

 

Eigentlich ist da nur ein Rausch. Ein ewiger Rausch, da ist ein nicht-mehr-herauskommen aus diesem Rausch, der Tage und Nächte anhält. Betäubte Sinne, betäubte Gedanken. Zu Hause liegt das Sterben, im Kopf ist der Tod, der scheinbar Tote, jedenfalls der, der bald stirbt. Im Körper ein immerzu betrunkenes Herz, nie nüchtern, weil die Gedanken wie Schnaps wirken, 50% mindestens, vielleicht noch mehr, vielleicht ist das schon eine Alkoholvergiftung, chronisch, denn im Magen brennt es, und es zieht, die Übelkeit bleibt immer da, geht nicht mehr weg, versteckt sich im Bauch, so, dass sie niemand sieht und keiner sagt: Hör auf, trink das nächste Bier bitte nicht. Geh nach Hause, leg dich hin, nüchtere aus. Werd einmal wieder nüchtern.

„Untergehen, jetzt“ weiterlesen

Wir plus Angst gleich Mut

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Seit einer Weile begegnen mir häufiger Texte, in denen es um Mut geht. Oder um Angst. Wir haben alle ständig Angst. Aber wir sind auch alle ständig mutig. Das ist das, was mir auffällt und was ich total mag an Ängsten; dass wir sie nämlich überwinden. Dass sie uns überhaupt erst mutig werden lassen, dass wir Dinge tun, die wir uns eigentlich gar nicht zutrauen. Ähnlich ging es mir beispielsweise mit dem Interview, das ich Indre gab. Ich habe Dinge erzählt, die mich ausmachen und die doch eigentlich verdammt persönlich sind. Und meistens ist es ja genau das, was wir nicht sagen wollen, das, was wir zurückhalten, wenn wir uns öffentlich machen. Denn das, was wir dann sagen, sind selten Sachen, bei denen uns jemand auf die Schulter klopft und sagt: »Haste echt toll gemacht.« Ich wäre ehrlich gesagt auch lieber cool, aber irgendwie hat das bisher nie in mein Leben gepasst. Deswegen habe ich mich auch sehr vor dem Moment gefürchtet, als es online ging; ich hatte Herzklopfen, schwitzige Hände und echt weiche Knie. Aber in dem Buch »Alles inklusive« von Mareice Kaiser wird ganz zu Anfang Nicole von Horst zitiert und ich dachte: Ja, das ist es, genau das. „Wir plus Angst gleich Mut“ weiterlesen

Meine Glieder, mein Lächeln, mein Herzschlag

Es hat 34 Montage gedauert, bis sich der Teppich, den ich vom Dachboden geholt und in mein Wohnzimmer gelegt habe, einigermaßen geglättet hat. Ein paar Wölbungen hat er noch immer. In den Mulden liegt Konfetti, von einer Einweihungsparty 2013. Diese kleinen Papierschnipsel, die aussehen wie Dreck, sind etwas Gutes, sie sind schön. Sie sind Erinnerungen, Farbe und Frohsinn auf ein paar Zentimetern Boden. Keine Deko, sondern manchmal ein rettender Anker.
Eingerollt lag er da oben, neben Umzugskartons und Tischen; zwischen den Stühlen. Ein festes Band hielt ihn so eng zusammen, dass er sich nicht regen konnte. Mehr als drei Jahre. Eine Weile lag er nämlich zuvor in Hamburg, auch dort schon ein paar Wochen in einem fremden Keller, eingerollt, wie ein Häufchen Elend. Ich bin nicht der Teppich, aber der Teppich ist ich.

Ich habe mich ausgerollt, wie der Teppich, Stück für Stück. Das war Arbeit, die ich nicht mitbekam – zum Glück. Mein Herz, ein ewig nur rudimentär schlagender Muskel in meinem Körper, arbeitet von sieben Uhr am Morgen bis nach Mitternacht auf Hochtouren, dann wird er langsamer, ganz gleichmäßig, weniger gierig aufs Leben.
Aber das war ja nicht immer so. Dass mein Herz schlägt schon, aber nicht, dass es sich an Tages- oder Nachtzeiten hält, dass es sich so gemütlich in mir gemacht hat und sich rhythmisch einem Alltag zu wendet, mich verliebt macht, mich wach werden lässt, aber nicht mehr wach hält. Es war vollgepumpt mit schlechten Gefühlen, high davon, wie ein Junkie auf Heroin. „Meine Glieder, mein Lächeln, mein Herzschlag“ weiterlesen

Du bist die Welt

 

Ich habe noch deine Stimme im Ohr, wie du sagtest: Is nüscht, ick werde schon wieder jesund, ick bin doch immer jesund jeworden.
Ich habe noch deine Stimme im Ohr, die, die nie Angst hatte, die immer mutig war. Die Stimme, die versprach, was sie nicht halten konnte.

In der Bahn sitzen Menschen. Menschen mit kahlen Gesichtern und bunten Mützen, geringelt und einfarbig. Monotone Stimmen hinter mir, Gelächter ganz vorne, laut, schrill, wie eine Konfettikanone. Bald ist Karneval, Rosenmontag und mein Geburtstag. Ich habe einen großen Koffer dabei und einen Rucksack, Kleidung und Bücher – ich bin auf Reisen. Vieles daran ist schön, manches aber auch sehr anstrengend. Ich frage mich, wieso du immer unterwegs warst. Wieso du nicht einmal an einem Ort geblieben bist. Aber oft kann ich dich verstehen. Die Suche endet nie, ich merke es ja selbst, das Suchen hört nicht auf, genau wie das Vermissen. Das Vermissen von irgendwas, das Fehlen von Personen.

In der Bahn sammeln sich kleine und große Leute, ängstlich und mutig, frei und wild. Dort sammeln sich Geschichten, erfundene, wahre, grenzwertige und banale. Ich habe manchmal das Gefühl, in meinem Leben gibt es nur eine Geschichte und das ist die von dir. Sie ist wahr und gleichzeitig scheint es so, als hätte sich das jemand ausgedacht und mir bloß erzählt. Eine Sage. Dass du tot bist, meine ich, dass du angeblich nicht mehr lebst, ich aber doch deine Stimme noch in allen Farben im Ohr habe. Dann, wenn du mal wieder nicht zwischen lachen und weinen unterscheiden konntest, weil in deinem Gehirn etwas nicht mehr funktionierte, dieses Quietschen, als müsste nur ein bisschen Öl zwischen deine Stimmbänder und alles wäre wieder okay. Dann, wenn du dir sicher warst, dass du für immer lebst und frohen Mutes in einen Butterkeks gebissen hast und mit vollem Mund sagtest, du würdest noch einmal die ganze Welt bereisen. Die ganze Welt, denke ich mir jetzt, die bereist du nun. Denn das ist eine schöne Vorstellung. Die einzige Vorstellung, die mir deinen erstarrten Anblick nimmt. Du, durch den Atlantik schwimmend, mit einer warmen Milch im Rucksack, und irgendwo kommst du an. Denn überall ist die Welt, das darf man nicht vergessen. Überall ist ein Stück Welt, deswegen bist du auch immer da, hier, bei mir. Und im Sommer kommen deine Sommersprossen so stark hervor, dass ich sie in meinem Gesicht sehen kann. Sie stehen mir. „Du bist die Welt“ weiterlesen

Was hält uns eigentlich aus?

Ich bin beschädigt. Ich bin vom Leben gezeichnet. Nicht außen, denn außen sehe ich ganz normal aus, wie eine sechsundzwanzigjährige. Klar, da kommen auch langsam die ersten Lachfältchen auf der Oberfläche, aber das liegt daran, dass ich gerne und viel lache. Anders geht es eben nicht mit dem Leben, vor allem nicht mit dem Tod.

Aber ich bin innen beschädigt. Von den Dingen, die passiert sind. Das hat gar nicht viel mit der Liebe zu tun, denn mit der Liebe mache ich es so, wie ich es den neunjährigen neuerdings erzähle, die mir sagen, dass Jungs doof sind. Mit neun, also ich weiß nicht, mit neun wusste ich den Unterschied zwischen Jungen und Mädchen noch gar nicht. Weiß ich vielleicht auch jetzt noch nicht. Aber ich sage immer: »Lasst euch von denen nicht runterziehen, die sind es nicht wert – noch nicht.« Und meine mit meiner Antwort auch ein bisschen mich. Denn ich habe keine Ahnung, wann ich das letzte Mal das Gefühl hatte, einen Menschen zu lieben. Vielleicht mit zwanzig, vielleicht war das aber auch nur Spaß, ich weiß es einfach nicht.

Ich war da aber auf dieser Party neulich. Und das war in einem Jahr die erste Party, auf der ich war, und tanzte die ganze Nacht. Und da fällt mir auf einmal auf, wie beschädigt ich innen drin bin. Da unter der Haut, das ist nicht ganz am Herzen, das ist in den Blutbahnen, im Verstand, ganz unsichtbar, das sind auch keine Narben, das lag auch nicht am Schnaps; das steht in mir und kippt, wenn ich nicht aufpasse, nach außen.
Ich habe die ganze Nacht getanzt, weil ich nicht weiß, was man sonst auf einer Party macht. Da ist Musik und da bin ich, also tanze ich, denn reden vermeide ich meistens. Was soll ich auch sagen? Ich hasse es, mit Menschen zu reden, die nicht wissen, wie es unter meinem scheiß Kleid und meiner scheiß Strumpfhose aussieht. Die denken ja, ich sei wie alle, aber ich weiß ich bin wie ich. „Was hält uns eigentlich aus?“ weiterlesen