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Seitdem ich sowohl in die Augen eines Sterbenden, wie auch in die Augen eines Toten geguckt habe, bin ich dem Leben sehr zugeneigt. Ich glitzere von innen nach außen und bin trotz Hochwasser da draußen und einer sich aufkeimenden Depression irgendwie lebensfroh. Das machen Momente, wenn man sie zulässt, und Erfahrungen, wenn man sie als solche (an)erkennt.

Erst schnürte mir dieser Moment, der die voraussehbare Vergänglichkeit des Lebens in der extremsten Form zeigte, die Luft ab und nach und nach lockerte sich dieser Würgegriff, er machte mich stärker und dadurch dem Leben gegenüber weicher. Ja, sehr weich sogar.
Ich bin offen und ehrlich geworden, ich bin frei und wild und kann jetzt einfach sagen, wenn nicht alles okay ist. Denn oft nach dem Tod eines Menschen, den man liebt, ist nicht alles okay. Auch fast drei Jahre später nicht.
Ich kann mir Fehler eingestehen und deshalb kann ich auch weiterhin mit gutem Gewissen welche machen. Aber eines, das will ich nicht mehr vergeigen: Dinge ungefragt mit dem Tod gehen lassen.

Mein Vater war zum Beispiel auch nicht unfehlbar, aber es würde mir den letzten Nerv rauben, wenn ich ihm noch etwas vorwerfen würde. Seine Krankheiten zum Beispiel. Wenn ich ihm vorwerfen würde, dass durch seinen Hirnschlag kurz vor meinem 18. Geburtstag, ein paar Monate meines Erwachsenwerdens draufgegangen sind. Es würde mich quälen, wenn ich all die Jahre nicht für ihn eingekauft, gebügelt oder an Krankenhausbetten neben ihm gesessen hätte. Ich habe geflucht, klar, das machen Anfänger-Erwachsene so. Ich habe ganz alleine das Schicksal angeschrien und gefragt: Wieso zur Hölle es so um die Ecke kommt, mit Krankheiten und Sterblichkeit; Apoplex, COPD, Krebs, Krebs, Tod. Ich hab geweint und gedacht: er muss doch noch für mich da sein. Es geht doch nicht anders, das ist doch ein typisches Vater-Tochter-Ding. Starke Schultern und steter Blickkontakt. Ich bin doch noch viel zu klein, zu jung, nicht erwachsen genug für dieses Andersrum. Ich bin doch zwanzig Jahre zu früh dran. Er war das nicht, wie mir andere bescheinigten, denn mit 73 Jahren kann man sterben, das ist in Ordnung, haben sie gesagt. Für mich war es nicht selbstverständlich, denn ich war immerhin noch (s)ein Kind. Ein vierundzwanzigjähriges zwar, aber ein Kind. Für ihn war es auch nicht okay. Ich habe das ja gesehen, in genau dem Moment, als sein Herz zum allerletzten Mal kräftig schlug, um nochmal anzusetzen, aber da ging nichts mehr, da war es vorbei, er war zu schwach, der Tod zu stark. Und das ist das, was ich dem Schicksal echt übel genommen habe. Aber ich habe ihm verziehen, dass es Menschen einfach so aus seiner gewohnten Umgebung reißt und irgendwo hin bringt, wo derjenige noch nie war. Ein Ort, den ich mir so leer und kalt und dunkel vorstelle. Ohne uns. Er war plötzlich alleine. Dabei konnte er sich ja nicht mal mehr ohne Hilfe die Schuhe anziehen. Er konnte ja nicht mehr richtig atmen. Er konnte doch noch nicht mal alleine sterben. Da waren wir nämlich dabei. Aber totsein muss er jetzt ganz alleine. Das ist traurig und das hat mich 1 Jahr aufgerieben. So wie mich von meiner Volljährigkeit an jede Diagnose aufgerieben hat; die Frage, was macht das mit einem Menschen, wenn es mich schon erschüttert. Diese innere Gebrechlichkeit, der Verlust von Selbstständigkeit. Ich war da, wir waren es als Familie, aber mit seinen Gedanken war er alleine. Mit den Gedanken und der vermeintlichen Angst. Mutterseelenalleine.

Früher haben wir immer zusammen geflucht. Wir haben Ärzte verflucht. Wir haben Krankenhauskaffee verflucht. Wir haben die schlechte Luft in Behandlungsräumen verflucht, genervte Pfleger*innen, Medikamente, verknotete Nasenbrillen und Einläufe. Wir haben das gemeinsam scheiße gefunden und das hat die Sache ein bisschen leichter gemacht. Posthum konnte ich nur noch seinen Tod scheiße finden, ganz alleine. Das habe ich 2 Jahre konsequent gemacht. Echt, ohne wenn und aber. Ohne jaja, ist gut, das ist normal, ist der Lauf des Lebens, komm ich mit klar, ist gut, jaja, ist oke. Danke für diese Erfahrung.
Ich bereue meine Wut nicht, nein, auf keinen Fall. Ich bereue auch die sechs Jahre Krankheiten, Gebrechlichkeit, Zusehen, Händehalten, aushalten nicht. Das Einzige, das ich wirklich bereue, ist, meinen Vater nie danach gefragt zu haben, wie es ihm eigentlich ging all die Jahre mit diesem Wissen, ein Stück höher als der Tumor, im Kopf, wie es ihm ging mit dem Sensemann im Genick.

Ich erlebe inzwischen oft solche Gespräche. Väter meiner Freundinnen erzählen mir, einfach so, dass sie sich vor dem Tod aber nicht vor dem Sterben fürchten. Flüchtig Bekannte raunen mir zwischen Tür und Angel zu, dass sie von ihrer Beerdigung geträumt haben und dass es schlimm war. Sehr, sehr schlimm. Ich frage nach, halte an, höre zu, fühle und denke mir jedes Mal: Was hätte Papa mir erzählt. Was hätte er mir alles über Gefühle, die ich jetzt gerne verstehen würde, sagen können. Aber es hat sich ja nie einfach so ergeben.
Ich sage jetzt immer, als wäre ich meine eigene Großmutter: Fragt eure Eltern. Redet darüber. Findet eine Möglichkeit, findet einen verdammten Grund, um zu erfahren, was Tod für sie bedeutet, dann wird es später, wenn die Endlichkeit dann tatsächlich näher rückt, kein mit-der-Tür-ins-Haus-fallen sein, sondern die Fortsetzung eines schon längst begonnen Gesprächs. Es gibt nichts Schlimmeres, als Monatelang neben einem Sterbenden zu leben, ungewiss, ob seiner Angst. Denn: Vielleicht haben Sterbende gar nicht so eine große Angst, wie ich glaube. Vielleicht erreichen sie tatsächlich nach der Hinnahme die Phase der Akzeptanz und das würde schon ein bisschen was einfacher und vor allem heller machen in den düsteren Zeiten, nachdem ein Arzt dir sagt: „Ihr Vater wird sterben, bald.“ Denn dann hast auch du ziemlich große Angst.

“Es ergibt sich einfach nicht”, sagen mir Freunde. Und das ist ein Synonym für: “Ich habe Schiss, das anzusprechen.” Und ich weiß ja genau, was sie meinen, aber ich weiß aus Erfahrung auch, dass es irgendwann zu spät sein wird. Vor drei Jahren war ich noch eine Dilettantin auf dem Gebiet der Kommunikation vor allem beim Thema Tod. Jetzt bin ich immer noch eine Dilettantin, aber eine mit mehr Mut. Weil das Leben vorbei sein wird, irgendwann, und es einfach total egal ist, ob wir in Wunden fassen, denn sie sind ohnehin da, nur wenn wir uns trauen, werden sie zu einer gemeinsamen und das ist nicht das Schlechteste. Es ist der Anfang, der das Ende leichter macht.

 

Im The End Podcast von Eric Wrede wird zwar nicht mit Sterbenden gesprochen, aber mit verschiedenen Gästen über Leben und Tod. Entspannt, manchmal sogar lustig, hin und wieder bedeutungsschwer entstehen Gespräche, in die ich mich oft einmischen möchte. Ihr vielleicht ja auch? Neben Clemens Schick, hat Eric inzwischen mit Christoph Deckert, Henning Wehland und Balbina gesprochen. Da wird noch was folgen, hoffe ich!

Darf ein Mensch sterben wollen? Macht ein intensives Leben das Ende einfacher oder schwerer? Kann man sich als Schauspieler auf den Moment eines Verlustes besser vorbereiten, weil man sich gut in Situationen hinein versetzen kann? Wie verändert sich Nähe, wenn man seine Mutter zum Sterben nach Berlin holt. Was passiert wenn Dein Zwilling stirbt?

 

Bei Stadt Land Mama erzählt Katharina von dem Moment, in dem ihre Kinder zum ersten Mal mit dem Tod konfrontiert wurden. Mit Fragen wie: „Kann Uroma uns hören vom Himmel aus?“ findet sie einen wahnsinnig einfachen Weg, Fragen, die ich mir als Erwachsene selbst stelle, in eine kindliche Leichtigkeit zu verwandeln. Das ist so angenehm, weil es den Druck, alles wissen und verstehen zu müssen, obwohl das eh nicht geht, von mir nimmt. Wenn die Kinder Fragen über den Tod stellen.

Was ich noch erlebe: Wie gut es ist, wenn man Kinder im Trauerprozess um sich hat. Sieht man sie, sieht man den Kreislauf des Lebens. Alles hat einen Anfang und alles hat ein Ende. Leben kommt und Leben endet. Durch die, die waren entstehen die, die sind.

 

Über das unumgänglich dahinwelkende Leben schreibt die Groschenphilosophin. In ein Sommer der kranken Großeltern reihen sich so viele Bilder aneinander, die ich selbst mit meinem Vater ähnlich erlebt habe. Hinter den Worten liegt eine so unwahrscheinliche Liebe, aber eben auch die Traurigkeit und dieses verfluchte Gefühl, nicht zu wissen, wohin mit diesen Bildern.

Ich kann mich nicht freimachen von dem, was ich sehe. Wie könnte ich auch. Während einem beim gemeinsamen Abendessen das Ende des Seins vor Augen geführt wird, kann ich nicht so tun, als ob es mich nichts anginge, dass mein Opa nicht mehr wiederzuerkennen ist. Seine Vergangenheit vergessen hat, sich nicht an seine Töchter erinnert, oder seine Frau. Als ob ich keine Angst hätte, vor dem was kommt. Und wir wissen alle, was das bedeutet.

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