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Ich gehe selten auf größere Veranstaltungen, eigentlich nie. Vor allem gehe ich nirgendwohin, wo ich vielleicht mit einbezogen werde, Orte, an denen ich etwas sagen kann, könnte. Denn meistens bin ich mir ziemlich sicher, dass ich nichts zu sagen habe, zumindest nichts Kluges, nichts, vom dem ein anderer profitiert, sondern nur Blödsinn, der echt keinem etwas bringt. Ich habe mir nie ein Dazwischen vorgestellt. Dieser Spalt zwischen „Ich weiß, es geht um dieses und jenes, echt, ich weiß das.“ Und „Hihi, vielleicht doch nicht so ganz.“ Aber es gibt diese Lücke und die habe ich genutzt.

Ich war, auf Einladung von Meike Wengler, beim Blogger_Innen-Treffen auf der Leben und Tod Messe, ein Fachkongress, der sich um diese Themen dreht. Leben, Sterben, Tod und alles, was drumherum noch passiert. Die letzten Schritte, sprich die Versorgung. Es ging um Bestattungen und um die Trauer, über die wir ohnehin noch mehr reden wollen. Wieso ich trotz Muffensausen hingefahren bin? Weil ich mir mit sechsundzwanzig, also vor wenigen Monaten, für mein kommendes Lebensjahr vorgenommen habe, mehr Dinge zu tun, die ich eigentlich gerne mal machen will, vor denen ich aber immer Angst habe oder die ich mir schlicht und einfach nicht zu traue. Wie z.B. mal auf einer Bühne stehen, nur das geht echt nicht, weil ich nicht singen kann, nein wirklich, nicht mal ein bisschen. In den Zugsteigen und gucken was mich erwartet, das sollte ich doch aber hinbekommen, hab ich gedacht.

Und es hat geklappt. Ich bin einfach eingestiegen.

Mit der Messe geliebäugelt hatte ich ohnehin schon eine ganze Weile, ja, weil mich alles rund um das Thema interessiert, immer noch oder besser gesagt: Immer wieder. Dass dann die Einladung kam, war ja im Prinzip der letzte Stoß, es war ein Muss, und ich bin froh, dass ich manchmal einfach irgendwelche Zufälle als Zeichen deute. Auch wenn sie Zufälle sind und eigentlich bleiben, sie werden plötzlich besonders, sie machen auf einmal Sinn.

Ich habe mehr erlebt, als ich geplant hatte. Geplant hatte ich sowieso nur, dass ich wahrscheinlich einfach Fehl am Platz bin, so wie immer, so wie überall. Dass ich der Elefant im Porzellanladen sein werde, der sagt: „Mein Vater ist tot und das war irgendwie schlimm für mich.“ Und alle anderen schütteln den Kopf, weil das Gespräch darüber unangenehm ist. Aber falsch gedacht, denn dort wurde über den Tod gesprochen, als wäre er etwas ganz normales und hey: Er ist es tatsächlich. Ich habe so viel gehört und fast durchgehend genickt, dass mir am nächsten Tag der Hals weh tat, vom Staunen und ja sagen, vom Freuen und Mögen. Mögen: Die Sätze der anderen, die Vorträge der Fachleute; David Roth und Barbara Rolf, oder meine Begleitung, die großartige Claudia von Meineschwestertotundichhier. Ich habe diesen Tag, so aufreibend er auch war, so sehr gemocht, dass ich ihn gedanklich gerne immer und immer wieder Revue passieren lasse. Ich würde gerne mehr erzählen. Ich würde gerne sagen, wie großartig schon alleine das gemeinsame Mittagessen beim Blogger_Innen-Treffen war, was wir für tolle Gespräche führten und wie wahnsinnig froh ich über die einzelnen Erzählungen war und noch immer bin. Aber so oft ich darüber nachdenke und versuche Worte dafür zu finden, wie dieser Tag für mich war, so viele Ebenen finde ich und da werde ich dann ein bisschen sprachlos. Ich finde keine Worte dafür, wie toll es wirklich war. Deswegen möchte ich euch einfach die Leben und Tod Messe im nächsten Jahr ans Herz legen, auch wenn ihr Angst vor dem „Thema“ habt, lasst euch darauf ein, es ist nicht schlimm, wir haben sogar gelacht, echt jetzt. Und ich möchte euch diejenigen ganz nahe ans Herz legen, die ich dort kennen lernen durfte.

Sarah Benz von den Sarggeschichten
Kai Sender von Trauer.de
Claudia Möller von Meineschwestertotundichhier
Thomas Achenbach von Trauer ist Leben
Johanna Wilke von Trauer in Liebe
Roxana Hennigs von Erinnerungs-film.de

Guckt und staunt. Freut euch bitte mit mir darüber, dass es irgendwo diese Menschen gibt, die mir das Herz erwärmen, mit ihrer Arbeit, der Hingabe für diese Themen und mit diesem frohen Gemüt, denn niemand, wirklich niemand von all denen ist ein trauriger, verlorener Mensch. Traut euch zu, darüber nachzudenken und zu reden, lasst es zu. Denn: Wir sind noch hier. Und hinterher fragt keiner mehr: „Wie wollt ihr euch mal bestatten lassen?“

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