Meine Glieder, mein Lächeln, mein Herzschlag

Es hat 34 Montage gedauert, bis sich der Teppich, den ich vom Dachboden geholt und in mein Wohnzimmer gelegt habe, einigermaßen geglättet hat. Ein paar Wölbungen hat er noch immer. In den Mulden liegt Konfetti, von einer Einweihungsparty 2013. Diese kleinen Papierschnipsel, die aussehen wie Dreck, sind etwas Gutes, sie sind schön. Sie sind Erinnerungen, Farbe und Frohsinn auf ein paar Zentimetern Boden. Keine Deko, sondern manchmal ein rettender Anker.
Eingerollt lag er da oben, neben Umzugskartons und Tischen; zwischen den Stühlen. Ein festes Band hielt ihn so eng zusammen, dass er sich nicht regen konnte. Mehr als drei Jahre. Eine Weile lag er nämlich zuvor in Hamburg, auch dort schon ein paar Wochen in einem fremden Keller, eingerollt, wie ein Häufchen Elend. Ich bin nicht der Teppich, aber der Teppich ist ich.

Ich habe mich ausgerollt, wie der Teppich, Stück für Stück. Das war Arbeit, die ich nicht mitbekam – zum Glück. Mein Herz, ein ewig nur rudimentär schlagender Muskel in meinem Körper, arbeitet von sieben Uhr am Morgen bis nach Mitternacht auf Hochtouren, dann wird er langsamer, ganz gleichmäßig, weniger gierig aufs Leben.
Aber das war ja nicht immer so. Dass mein Herz schlägt schon, aber nicht, dass es sich an Tages- oder Nachtzeiten hält, dass es sich so gemütlich in mir gemacht hat und sich rhythmisch einem Alltag zu wendet, mich verliebt macht, mich wach werden lässt, aber nicht mehr wach hält. Es war vollgepumpt mit schlechten Gefühlen, high davon, wie ein Junkie auf Heroin.

Es war so, als würde ich nur auf einem Bein stehen, obwohl ich beide habe. Es war so, als hätte ich minus vier Dioptrien und würde keine Brille tragen. Schiefe Bilder, schwammige Menschen. Ich war nicht blind, mein Augenlicht war da, meine Pupillen begriffen meine Umgebung, nahmen wahr, aber nicht an. Meine Sinne spielten nie zusammen, sondern immer alleine, jeder für sich. Ich will etwas mitbekommen, ganz unbedingt, doch der bloße Wille reicht manchmal halt nicht. Um mich herum ist Luftpolsterfolie, ist Schaumstoff, eine Holzverkleidung, durch die nichts dringen kann und mich berührt. Das ist wie Fingerhakeln mit der Wirklichkeit, einer zieht immer den Kürzeren, ich war nie zu zweit. Das einzige, wirklich feststehende Gerüst, ist meine Einsamkeit. Ich bin viel zu oft unter Mensch, aber immer ganz alleine.

Ich habe Musik gehört. Lieder über die Liebe, Lieder über Freundschaften, Lieder über alles Mögliche, ja sogar über Quatsch. Doch auch das Lustige blieb auf der Strecke, trieb so dahin, einer lacht, aber ich bin es nicht, denn der Tod spielte hier die Musik.
Ich habe Bücher gelesen. Über die Liebe, über Freundschaften und über das Sterben. Auch über Quatsch. Doch nichts von dem kam durch die Schallwand.
Ich habe jemanden geküsst, doch ich kenne nicht mal mehr sein Gesicht.

Meine Sinne waren gekräuselt, wie verbranntes Haar.

Ich war draußen, wie ein normaler Mensch. Drei Jahre lang war ich draußen, wenn ich nicht unter zu vielen ungewaschenen Decken und Lethargie lag. Ich war in Supermärkten, Diskos und Wohnungen, umgab mich mit gesichtslosen, sprach mit Menschen, die nicht viel mehr für mich waren, als Legofiguren, die kalt und steif und so unwirklich erschienen, weitergingen, nie blieben.
Mein Herz schlug so heftig und arrhythmisch, dass mir das Meiste, ob meiner zittrigen Finger herunterfiel. Der Boden hebt zwar alles auf, aber der Wind treibt es davon. Mein Kopf war verriegelt und meine Arme waren zu schwach, um etwas wirklich festhalten zu können. So verlieren sich Menschen aus den Augen, aus dem Sinn.

Meine Netzhaut, eine dünne Schicht aus Milchglas, sieht keinen Mann, sieht keine Freunde, sieht nur Ungerechtigkeit. Die eine große Ungerechtigkeit. Die, dass er krank war. Die, dass er sterben musste. Die, dass er tot ist. Mein Herz weiß nicht, wohin mit sich, kennt keine anderen Herzen mehr, kennt kein Wir, kennt nur Belanglosigkeiten, die aus Mündern fallen, wie Spuckefäden. Sie reden und reden und reden. Über diesen einen »Hast du den gesehen?« Über diesen anderen »Der hat auf meine Gefühle getreten.« »Kennst du die, die ist jetzt superschlank« Und »Oh nein, ich bin schon wieder krank. Halsschmerzen, Husten und Heiserkeit. Ich kann kaum noch reden, ich muss mich ins Bett legen. Aber, hast du DEN einen gesehen?«
Ich kenne die nicht, ich habe den nicht gesehen, hab keinen Husten mehr und auch kein Aspirin. Denn ich habe ja nicht mal mehr Schmerzen. Fühle nur ein Puckern im Kopf und ein Rauschen im Ohr. Kein Meeresrauschen. Herzrauschen, als wäre dieser Muskel in der Frequenz verrutscht.

Mein Herz war mir ein bisschen zu schwer.

Und dann, als wäre es über Nacht passiert, kein Herzmuskelkater am Morgen mehr. Dafür ein reines Tohuwabohu an Eindrücken, an Leben in mir. Da ist auf einmal so viel, nein alles. Ein Mann, den seh ich, ein Blumenstrauß, den ich kaufe ich. Diesen einen Teppich, den habe ich doch auch noch. Dieses Buch, das will ich jetzt lesen. Diesen einen Menschen anrufen, diese Hand halten, diesen Mund küssen, diese Strecke laufen, dieses Herz in meiner Brust mit jemandem teilen. Einfach so.
Es ist ganz leicht auf einmal, federleicht sogar. Es stottert nicht mehr, es schlägt wieder mit der Welt, für jemanden, der mir echt gut gefällt. Ich wache auf, an einem Montag, und da wird es mir klar: Das Gefühl, jemanden zu vermissen ist plötzlich da. Es rüttelt mich wach, lässt mich aufschrecken, als wenn etwas passiert wäre, mit dem ich gar nicht mehr gerechnet habe. Denn ich habe etwas gefühlt. Endlich wieder etwas gefühlt.

Das Gefühl, jemanden zu vermissen, der nicht tot ist. Das.

Es spült all die Jahre rein, das Leiden und das stete Alleine-sein. Es macht keinen Tag besser, aber auch nicht schlechter. Es lässt mich riechen, es lässt mich schmecken und fühlen. Ich kann jemanden wahrnehmen, mich nähern, von Liebe sprechen und es nicht lassen, die guten Gefühle zu sehen. Die guten Gefühle anzunehmen. Und ich weiß jetzt: Schlechte Gefühle sind kompostierbar. Sie sind da, aber sie wandeln sich, werden zu Erfahrungen und es lohnt sich, sie sich mal anzusehen. Sie nicht wegzudrücken, sondern genau hinzugucken. Denn einem fallen dabei die Glieder nicht ab. Auch wenn man glaubt, man würde kurzzeitig verfaulen, nie wieder etwas fühlen, abstumpfen. Meistens kommt man aber irgendwie doch glimpflich davon. Man zieht nicht immer einen ganz großen Nutzten daraus, abgesehen davon, dass man weiterlebt, dass man noch da ist. Für andere, aber vor allem für sich selbst. Und das ist eigentlich eine sehr große Sache, eine riesige Bandbreite an Nutzungsfläche, an weißen Blättern für neue Geschichten.

Ich kann zwinkern und grinsen, ich kann loslassen und festhalten, stehen, ich kann sogar gehen. Ich kann den Tod mit einer gesunden Distanz betrachten, wie eine alte Liebe, die weh tat, die immer mal wieder auf dem Bildschirm erscheint, aber nicht mehr glasklar, nicht wie ein Messer zusticht, sondern eine Erfahrung ist, und ein echter Teil von mir bleibt. Und würde es fehlen, dieses Teil, der Tod, die ganzen Unwägbarkeiten, würde ich wahrscheinlich wirklich mein Herz verlieren oder zusammenfallen. Weil mich das stabil macht, mich in meiner jetzigen Persönlichkeit stärkt, weil es weitergeht, auch wenn man das ganz lange nicht kapiert. Aber das alles, das Verlassenwerden, das eine Weile leblos auf der Erde liegen, das Sterben von uns geliebten Menschen gehört dazu, ist eine Bedingung für das Leben. Der Tod ist eine frei liegende Aorta in den Gassen, in denen wir uns bewegen, manchmal in dem Blut beim Versuch zu schwimmen knapp ertrinken, aber doch immer überleben. Eine Aorta, die es zu verbinden gilt, behutsam, Stück für Stück. Nicht mit Hast und Eile, nicht hochmotiviert oder strebsam, wie man ein Projekt beendet. Sondern in dem Maße eines jeden selbst. In Etappen. In winzigen Momenten meist. Denn dafür gibt es keine käuflich zu erwerbenden Verschlusskappen, sondern nur Zeit.

Ich glaube jetzt langsam echt an dieses eine Wunder, dass die Zeit die Dinge heilt. Dass die Dellen auf meiner Herzinnenwand irgendwann verschwinden. Dass die Jahre mit wenig Berührung mir irgendwann etwas nutzen. Denn ich mag meine Freunde wieder. Ich mag das Leben wie nie zuvor, feiere es, lache darüber, trinke darauf. Ich mag meinen Herzschlag, der nicht mehr stolpert oder rennt, dem endlich mal wieder etwas gefällt. Ich stehe auf meinen Beinen und ich gehe raus. Ich bin verknallt wie nie zuvor und lasse meinen Gefühlen freien Lauf. Denn es ist alles noch dran: Meine Glieder, mein Lächeln und mein Herzschlag.

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6 Comments

  1. Willkommen zurück, der Teppich ist ausgerollt, nur für dich! Und du weißt es ja schon, du kannst damit fliegen, wohin immer du willst und (wenn du magst) der Welt Blumensträuße zuwerfen. Hab Dank für diesen Text (der mir den Atem nimmt) von Herz zu Herz, papiertänzerin.

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