Meine Glieder, mein Lächeln, mein Herzschlag

Es hat 34 Montage gedauert, bis sich der Teppich, den ich vom Dachboden geholt und in mein Wohnzimmer gelegt habe, einigermaßen geglättet hat. Ein paar Wölbungen hat er noch immer. In den Mulden liegt Konfetti, von einer Einweihungsparty 2013. Diese kleinen Papierschnipsel, die aussehen wie Dreck, sind etwas Gutes, sie sind schön. Sie sind Erinnerungen, Farbe und Frohsinn auf ein paar Zentimetern Boden. Keine Deko, sondern manchmal ein rettender Anker.
Eingerollt lag er da oben, neben Umzugskartons und Tischen; zwischen den Stühlen. Ein festes Band hielt ihn so eng zusammen, dass er sich nicht regen konnte. Mehr als drei Jahre. Eine Weile lag er nämlich zuvor in Hamburg, auch dort schon ein paar Wochen in einem fremden Keller, eingerollt, wie ein Häufchen Elend. Ich bin nicht der Teppich, aber der Teppich ist ich.

Ich habe mich ausgerollt, wie der Teppich, Stück für Stück. Das war Arbeit, die ich nicht mitbekam – zum Glück. Mein Herz, ein ewig nur rudimentär schlagender Muskel in meinem Körper, arbeitet von sieben Uhr am Morgen bis nach Mitternacht auf Hochtouren, dann wird er langsamer, ganz gleichmäßig, weniger gierig aufs Leben.
Aber das war ja nicht immer so. Dass mein Herz schlägt schon, aber nicht, dass es sich an Tages- oder Nachtzeiten hält, dass es sich so gemütlich in mir gemacht hat und sich rhythmisch einem Alltag zu wendet, mich verliebt macht, mich wach werden lässt, aber nicht mehr wach hält. Es war vollgepumpt mit schlechten Gefühlen, high davon, wie ein Junkie auf Heroin. „Meine Glieder, mein Lächeln, mein Herzschlag“ weiterlesen

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