Du bist die Welt

 

Ich habe noch deine Stimme im Ohr, wie du sagtest: Is nüscht, ick werde schon wieder jesund, ick bin doch immer jesund jeworden.
Ich habe noch deine Stimme im Ohr, die, die nie Angst hatte, die immer mutig war. Die Stimme, die versprach, was sie nicht halten konnte.

In der Bahn sitzen Menschen. Menschen mit kahlen Gesichtern und bunten Mützen, geringelt und einfarbig. Monotone Stimmen hinter mir, Gelächter ganz vorne, laut, schrill, wie eine Konfettikanone. Bald ist Karneval, Rosenmontag und mein Geburtstag. Ich habe einen großen Koffer dabei und einen Rucksack, Kleidung und Bücher – ich bin auf Reisen. Vieles daran ist schön, manches aber auch sehr anstrengend. Ich frage mich, wieso du immer unterwegs warst. Wieso du nicht einmal an einem Ort geblieben bist. Aber oft kann ich dich verstehen. Die Suche endet nie, ich merke es ja selbst, das Suchen hört nicht auf, genau wie das Vermissen. Das Vermissen von irgendwas, das Fehlen von Personen.

In der Bahn sammeln sich kleine und große Leute, ängstlich und mutig, frei und wild. Dort sammeln sich Geschichten, erfundene, wahre, grenzwertige und banale. Ich habe manchmal das Gefühl, in meinem Leben gibt es nur eine Geschichte und das ist die von dir. Sie ist wahr und gleichzeitig scheint es so, als hätte sich das jemand ausgedacht und mir bloß erzählt. Eine Sage. Dass du tot bist, meine ich, dass du angeblich nicht mehr lebst, ich aber doch deine Stimme noch in allen Farben im Ohr habe. Dann, wenn du mal wieder nicht zwischen lachen und weinen unterscheiden konntest, weil in deinem Gehirn etwas nicht mehr funktionierte, dieses Quietschen, als müsste nur ein bisschen Öl zwischen deine Stimmbänder und alles wäre wieder okay. Dann, wenn du dir sicher warst, dass du für immer lebst und frohen Mutes in einen Butterkeks gebissen hast und mit vollem Mund sagtest, du würdest noch einmal die ganze Welt bereisen. Die ganze Welt, denke ich mir jetzt, die bereist du nun. Denn das ist eine schöne Vorstellung. Die einzige Vorstellung, die mir deinen erstarrten Anblick nimmt. Du, durch den Atlantik schwimmend, mit einer warmen Milch im Rucksack, und irgendwo kommst du an. Denn überall ist die Welt, das darf man nicht vergessen. Überall ist ein Stück Welt, deswegen bist du auch immer da, hier, bei mir. Und im Sommer kommen deine Sommersprossen so stark hervor, dass ich sie in meinem Gesicht sehen kann. Sie stehen mir.

In der Bahn küssen sich Menschen, wie in einem Traum vom happy End. Ein endloses Lippen an Lippen reiben, Zungen umkreisen. Die Hände an den Hüften, einander festhalten. Das ist schön. Ich mag solche Bilder, die brechen immer erst, wenn ich nicht mehr hingucke, das ist gut so, denn ich mag die Illusion von der Liebe, der ewigen meine ich. Wie in einer Familie. Bis nach dem Tod.

Eine Frau steht auf, ihr Haar hat dieses matte braun, weißt du, so wie meines, das habe ich von dir. Sie lächelt und ist in Begleitung, es ist ihr Kind, nehme ich an. Sie laufen durch die schaukelnde Bahn, arbeiten sich vor und peilen eine bestimmte Person an.
“Hey”, sagt sie, ihr stummes Lächeln wird zu einem kindlichen Kichern. “Ich habe euch gar nicht gesehen”, erwidert eine Stimme. Mit der Hand fasst sie einem älteren Herren auf die Schulter. “Dass wir dich hier treffen, ist aber auch wirklich ein Zufall”, sagt sie überrascht. “So klein ist die Welt”, sagt der Mann emotionslos und starrt durch die Scheiben in die vorbeiziehende Stadt. So klein ist die Welt, denke ich, während der jüngere Mann dem alten an die Mütze fasst und sagt: “Tja, Opa, dich erkennt man immer an dieser schrecklichen schwarzen Mütze.” Das hättest du sein können. Das hätte ich sein können. Das sind wir. Denn so klein ist die Welt und sie ist überall.

Es ist schön, dass wir uns so ähnlich sind, dass wir beide auf unsere Art die Welt bereisen, dass wir uns treffen können und ich dich manchmal erkenne, an deinen Hosenträgern oder deiner Stimme, die immer anders ist, aber immer da, die nichts mehr verspricht, die unverhofft kommt, wie jede Begegnung, die prägt und beschützt, in den kalten Zeiten, in der grauen Stadt, in der ich aussteige, bevor ich in ein paar Tagen weiter fahre. Ich stehe am Bahnhof, ich bin viel unterwegs, doch ich bleibe. Immer da, wo du bist. Denn du bist die Welt, die Welt ist hier, ich weine.

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4 Comments

  1. ‚[…] und ich dich manchmal erkenne, an deinen Hosenträgern oder deiner Stimme, die immer anders ist, aber immer da, die nichts mehr verspricht, die unverhofft kommt, wie jede Begegnung, die prägt und beschützt […]

    Wunderschöner, sehr treffender Text, danke dafür!
    ___________________________________

    ‚Wenn ich tot bin, darfst du gar nicht trauern.
    Meine Liebe wird mich überdauern
    Und in fremden Kleidern dir begegnen
    Und dich segnen.‘

    Joachim Ringelnatz, An M.

    Gefällt 3 Personen

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