Ich bin beschädigt. Ich bin vom Leben gezeichnet. Nicht außen, denn außen sehe ich ganz normal aus, wie eine sechsundzwanzigjährige. Klar, da kommen auch langsam die ersten Lachfältchen auf der Oberfläche, aber das liegt daran, dass ich gerne und viel lache. Anders geht es eben nicht mit dem Leben, vor allem nicht mit dem Tod.

Aber ich bin innen beschädigt. Von den Dingen, die passiert sind. Das hat gar nicht viel mit der Liebe zu tun, denn mit der Liebe mache ich es so, wie ich es den neunjährigen neuerdings erzähle, die mir sagen, dass Jungs doof sind. Mit neun, also ich weiß nicht, mit neun wusste ich den Unterschied zwischen Jungen und Mädchen noch gar nicht. Weiß ich vielleicht auch jetzt noch nicht. Aber ich sage immer: »Lasst euch von denen nicht runterziehen, die sind es nicht wert – noch nicht.« Und meine mit meiner Antwort auch ein bisschen mich. Denn ich habe keine Ahnung, wann ich das letzte Mal das Gefühl hatte, einen Menschen zu lieben. Vielleicht mit zwanzig, vielleicht war das aber auch nur Spaß, ich weiß es einfach nicht.

Ich war da aber auf dieser Party neulich. Und das war in einem Jahr die erste Party, auf der ich war, und tanzte die ganze Nacht. Und da fällt mir auf einmal auf, wie beschädigt ich innen drin bin. Da unter der Haut, das ist nicht ganz am Herzen, das ist in den Blutbahnen, im Verstand, ganz unsichtbar, das sind auch keine Narben, das lag auch nicht am Schnaps; das steht in mir und kippt, wenn ich nicht aufpasse, nach außen.
Ich habe die ganze Nacht getanzt, weil ich nicht weiß, was man sonst auf einer Party macht. Da ist Musik und da bin ich, also tanze ich, denn reden vermeide ich meistens. Was soll ich auch sagen? Ich hasse es, mit Menschen zu reden, die nicht wissen, wie es unter meinem scheiß Kleid und meiner scheiß Strumpfhose aussieht. Die denken ja, ich sei wie alle, aber ich weiß ich bin wie ich.

Ich atme aus, nach vier Stunden tanzen, atme ich aus, trinke den letzten Schluck warmes Bier, der ekelhaft schmeckt, und gucke nach rechts. Da steht er. Ein großer Typ mit Haaren bis zum Kinn und lächelt grenzdebil, betrunken, sehr betrunken.
»Wie gehts?«, fragt er. Und ich sage, dass ich nicht reden möchte. Er zuckt mit den Schultern und fragt: »Wie heißt du?« Ich sage, dass ich mich nicht unterhalten möchte, bloß meine Ruhe will.
Es ist fünf Uhr oder halb sechs und die meisten Menschen, die vorher auch getanzt haben, sind weg oder ziehen sich gerade ihre Jacken an. Der Boden ist ein Swimminpool gefüllt mit Bier und Schnaps und Menschenresten. Speichel, vielleicht Liebe, eventuell sogar Urin, ich will mir das gar nicht vorstellen.
Der Typ steht immer noch neben mir und fragt, wo ich herkomme. Ich sage: »Ich hab keinen Bock auf Smalltalk.« Er zuckt wieder mit den Schultern und nippt an seinem Getränk und stellt weiter irgendwelche Fragen, die ich hasse.
Er wiederholt sich. »Wie heißt du?« »Wo kommst du her?« »Wollen wir zu mir gehen?« »Ich bin der Stefan.«
»Schön für dich«, sage ich. Er bleibt stehen und ich denke mir: »Verpiss dich einfach.« Er bleibt stehen.
»Du kannst ja hier stehen bleiben und wir können uns unterhalten. Aber ich will mit dir echt nicht darüber reden, wer du bist und wo du her kommst. Erzähl mir doch, was dich bewegt. Vielleicht macht dich etwas traurig, das weiß man ja nie«, sage ich, »Dass Menschen etwas traurig macht, sieht man ja keinem an.«
Er nippt wieder an seinem Getränk und ich glaube, in seinem Becher ist das Gleiche, wie in seinem Blick: Leere.
Er räuspert sich. »Wie meinst du das?«, fragt er. »Ja wie ich es sage. Ist vielleicht gerade jemand gestorben?«
Er sagt nichts und guckt in die Leere in seinem scheiß roten Becher und denkt nach.
»Also ich studiere Geschichte«, sagt er.
»Ja, genau, das ist es, was ich nicht wissen wollte.«
Wir schweigen und ich genieße es, dass Stefan nichts sagt und keine Fragen stellt, die auch nichts sagen, weil es nichts über mich aussagt, wenn ich sage, dass ich schreibe. Und es sagt mir auch nichts, dass er Geschichte studiert, dass er Stefan heiße, dass er betrunken ist.
»Was soll ich dir denn erzählen?«
»Du kannst mir alles, wirklich alles sagen. Wir sehen uns wahrscheinlich eh nicht wieder, weil ich hier nicht sehr oft bin. Macht dich etwas traurig?«, frage ich. Stefan guckt auf den Boden. Eine ganze Weile liegen seine dunkelblonden Haare in seinem Gesicht, dann schaut er mich an und mit ihm ein paar Tränen.
»Hey«, sage ich. »Was ist?«
Er schüttelt wild mit dem Kopf und die Tränen fallen nach links und rechts in die noch warmen Menschenreste auf dem Boden.
»Sag schon«, fordere ich ihn auf und schiebe mit meinen Fingerspitzen die Tränen von seinen Wangen. Es kommen immer wieder neue nach, das Licht geht an und dann steht da ein Typ und sagt: »Stefan, wir müssen los, die Bahn kommt gleich.« Er verschwindet und ich frage Stefan wieder, was los ist und stelle meine leere Bierflasche auf die Erde, genau zwischen uns, damit es klirrt, falls wir uns zu nahe kommen. Er schüttelt den Kopf und sagt: »Das kann man niemandem sagen.« Und ich sage: »Mir kannst du es erzählen.«
Wir gucken uns lange in die Augen und plötzlich ist Stefan kein betrunkener Typ mehr, der mich abschleppen will, sondern ein Mensch. Wir umarmen uns zum Abschied und ich sage ihm, wie ich heiße und dass er sich melden kann, ich hab ein offenes Ohr – jederzeit. Die Bierflasche zwischen uns kippt lärmend um.

Stefan meldet sich nicht, nie. Weil wir die Geschichten nicht erzählen, die keiner hören soll. Er studiert Geschichte, das ist alles, was ich von ihm weiß.
Ich hasse mich dafür, dass ich das Leben nicht aushalte und die anderen dazu anstifte, es auch nicht zu tun. Dass ich Menschen zum Weinen bringe, wenn sie eigentlich glücklich sind. Ich hasse es, dass man ständig davon reden muss, wer man ist und nicht einfach mal sagt, wieso man so ist. Ich hasse es, dass keiner fragt, weshalb man die Menschen nicht mehr aushält.
Wenn wir das Leben nicht aushalten, hält es uns dann noch aus? Wahrscheinlich nur gemeinsam.

Foto: Emotionen sind Herdentiere cc: Michèle Hügin/Emma denkt.

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7 Kommentare zu „Was hält uns eigentlich aus?

  1. Mich berührt dieser Text von allen Texten, die ich heute las, am meisten – tief in mir drin.
    Warum? Weil er genau das widerspiegelt, was ich mir so sehr wünsche: Die Menschen mögen hin und wieder ihre Masken abgelegen, wieder mehr zuhören und erzählen, mehr SIE SELBST sein (dürfen und wollen).
    Ich glaube, Du inspirierst mich zu einem Gedicht.
    Thematisch hatte ich es schon mal angerissen (in Gedichten geht das ja nicht so ausführlich – es sei denn, die sind sehr lang).

    Danke für diesen Beitrag. 💜

    Ich wünsche Dir von Herzen einen wunderbaren Jahreswechsel und einen hoffnungsfrohen Blick in das kommende Jahr.

    Liebe Grüße

    Sylvia

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  2. wir selbst uns schon lange nicht mehr, als antwort auf deine frage. und andere menschen halten wir auch nicht mehr aus, wie wird es also weitergehen. finden deine text anregend in uns zu sehen. gestern hätte unser geschwister geburtstag gehabt, es hat sich vor ca. 27 jahren aus dem leben verabschiedet, wir vermissen es immer noch.

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