Der Tod ist kein Gespenst

Rückblick in Fragmenten

Ich war wunschlos unglücklich, nicht bloß an ein paar schlechten Tagen, sondern mehrere Jahre. Ich war gefangen hinter speckigen Fensterscheiben. Der Blick daraus ein nüchterner, das Draußen verschwommen, manchmal sogar einfach weg. 
Die Menschen wie Reptilien, meine Arbeit ein großer Windstoß. Ein Dagegenstemmen machte mich müde, machte mich kraftlos, mutlos, taub, blind; unsichtbar für alles und alle. Dann ein Zusammenbruch unter Schichten von Haut, nicht sichtbar für Freunde, nicht sichtbar für eine Leserschaft, nur ein paar Wörter: Ich höre auf. Ich gehe raus.
Aber: Ich legte mich schlafen, nahm das Bett wie eine Übergangsjacke, ein paar Tage; Stunden zur Erholung für einen Kopf, in dem die Gedanken sich jagten, wie Unwetter. Ein Kopf, der so viel denken wollte, aber nicht mehr konnte, der verstehen und begreifen wollte und in der ganzen Verständnislosigkeit nichts verstanden hat.
Nur der Tod. Immer und immer wieder. Ein letzter Atemzug. Ein Haus aus vergangenen Bildern. Und diese ohrenbetäubende Sprachlosigkeit auf allen Seiten. Dieser Moment danach, dieses Gerede und Getue danach, als hätte ich auch nur irgendwas verstanden.

Aber auf einmal ist mir die Welt auf den Kopf gefallen. Und ich habe gesehen, wie elastisch dieses Leben ist. Wie weit man es dehnen kann, wie tief die Traurigkeit und wie hoch die Lebensfreude sein kann. Mir ist viel Gutes passiert in diesem Jahr. Aber die Sichtbarkeit dieser schönen Dinge wurde manchmal wieder von einem Schwamm Trübsinn verdeckt. Ein Schwamm, der vor meinen Augen und Sinnen herumschruppte, säubern wollte, was nicht zu säubern ging, denn den Verlust kann man nicht aufwischen, wie eine Rotweinpfütze. Doch die Fensterscheiben wurden klar, die Haut an mir noch ein bisschen labbrig, ein weites Kleid, das Wörter und Gefühle verdeckte, ein Versteck. Ich war weg. Aber jetzt bin ich wieder da.* Denn ich bin noch hier. Wir, wir sind noch hier.

Ein Blick zurück und zwei nach vorne

In den letzten Monaten hörte ich mich manchmal sagen: »In diesem Jahr möchte ich etwas Großes erreichen.« Ich hörte andere sagen: »Ich möchte erfolgreicher werden.« Oder: »Ich möchte dieses Projekt beenden.« »Ich will heiraten und Kinder haben, aber auch meine gute Figur nicht ruinieren.« Ich hörte Menschen weinen und lachen und ich habe geweint und ich habe gelacht. Denn genau das ist es wonach wir streben: Leben.

Ich habe aufgehört, darüber zu schreiben, denn ich wollte anfangen, darüber zu reden. Das alles habe ich mir in der Theorie aber viel einfacher vorgestellt; so, Mund auf, lass alles mal raus. Dass ich aber zuvor immer Gespräche über den Tod einleitend mit: »Da habe ich letztens drüber geschrieben«, begann, machte die Sache auf einmal ganz schwer, denn wo fängt man eigentlich an?
Das Gegenüber macht ein langes Gesicht, wenn du mit all deiner Trauer hereinbrichst, mit diesen echten scheiß Gefühlen, nicht als eine Aufgabe, der du dich »schreibend« stellst. Schon der Satz: »Mein Vater ist tot«, ist für die wenigsten Alltag.
Ich weine nicht, wenn ich das sage, wieso auch? Es ist meine Normalität geworden. Dieser Satz stabilisiert mich, wenn ich einen Tiefpunkt habe, dieses Wissen nähert mich, wenn ich mich mal wieder frage, was ich eigentlich erreicht habe, was ich eigentlich geschafft habe, und wieso die anderen das Gefühl haben, dass ich still stehe, obwohl ich doch soweit gegangen, obwohl ich über mich hinaus gewachsen bin. Aber woher sollen „die anderen“ das wissen, wenn sie nicht fragen, nicht hingucken, nicht zuhören?

»Ich habe großen Respekt vor dem was Du Dir mit deiner Arbeit zumutest.«

Mein Leben besteht vorrangig außerhalb des Netzes, an einem kleinen Ort in einem winzigen Raum. Inmitten von Papier und Texten und Anforderungen, an denen ich mich manchmal schneide. Zwischen Zapfhahn und Schnitzel panieren führte ich Gespräche über den Tod, die doch immer eher einer Erzählung glichen und nie meinem persönlichen Gefühl, einem Empfinden; meiner Wirklichkeit. Es lässt sich besser reden, wenn man so tut, als wäre der Tod ein Gegenstand, der im Raum herum steht, über den man stolpert und man sagt einfach: »Vorsicht, da liegt der Tod. Er ist gut verpackt, aber links und rechts ragen Spitzen heraus, an denen kann man sich schneiden. Geh langsam durch mein Leben, gib Acht, stoß dich nicht daran, denn das tut weh.« Ich milderte meine Umstände ab, denn ich habe Erfahrungen gesammelt wie Muscheln am Strand; gesagte Sätze, die aufbauen sollen, aber einen gegenteiligen Effekt haben. Der Tod ist eine Zumutung, ja, aber nicht das Gespräch darüber.

Doch nun ist es zwei Jahre und zwei Monate her. Der Tod ist alt für andere, der Tod ist nicht mehr in der Präsenz sichtbar für meine Mitmenschen, wie für mich. Das Fehlen bemerkt ja niemand, das letzte Bild kennt keiner, den Herzstillstand kann man sich nicht vorstellen. Es ist mein Tod, es sind meine Bilder und Ängste und es ist mein Vermissen, das nicht übertragbar ist, das unsichtbar bleibt.

Das Große wird auf einmal ganz klein

Ich habe nichts erreicht, keine Preise gewonnen, nicht geheiratet und mich schon einmal gar nicht erst verliebt. Ich habe keine Kinder bekommen; mein Körper hat sich trotzdem verändert. Er sieht anders aus, er ist weniger geworden. Den Fressattacken aus der Sterbe- und der Trauerzeit ist ein normales Essverhalten gewichen. Es ist nicht so, dass ich das geplant habe, es ist einfach so geschehen. Ich weiß nicht, ob das bleibt, ich weiß nicht, ob das viel wert ist, ob ein okayer Körper hilft, sich besser zu fühlen. Aber es ist gar nicht mein Körper, der mich mit Stolz erfüllt, es ist die Tatsache, dass es wieder eine Normalität gibt, etwas, das geklappt hat, für das ich mich aber nicht quälen musste. Eine Wandlung, unterbewusst, die mir zeigt, dass es weitergeht mit mir und dass Erfolg nicht immer provoziert werden muss, sondern passiert. Ganz klein, still, nur für mich alleine.

Auf den Satz: »Der Tod ist für mich ein Tabu«, habe ich angefangen zu erzählen, wie es war, als der Körper meines Vaters sich auf die Hälfte reduzierte, die Ohren sich verformten, die Atmung zu einem unvergesslichen Rasseln wurde und wie der Moment des Todes sich auf meine Netzhaut tätowierte. Und ich habe gesehen, wie sich die Zuhörer unsichtbare Ohropax in die Ohren stopften. Ich habe gehört, wie sie riefen: »Nein, nein, erzähl nicht weiter. Oh nein, wie schrecklich. Oh nein!« Es ist traurig, aber in Ordnung, dass Menschen das nicht hören möchten. Es ist erschreckend, aber gesund für diejenigen, die das alles erst noch vor sich haben, irgendwann in der Zukunft, irgendwann mit vierzig oder fünfzig, denn irgendwann ist nämlich jeder mal dran. Aber ich bin froh zu wissen, dass ich es ausgehalten habe. Dass ich erlebt habe, wovor sich alle fürchten, etwas, bei dem die Angst größer ist, als die Menschlichkeit, etwas, bei dem der Respekt vor den Gebeutelten kleiner wird, aus Angst, die eigenen Komfortzone zu verlassen. Alles ist plötzlich okay, auch wenn ich nicht so erfolgreich bin wie die anderen, nicht so jugendlich geblieben bin, wie meine Freundinnen, wenn die Ringe unter meinen Augen gerissen sind, so dass ich meine Vergangenheiten zusammenknoten kann, damit sie sich gegenseitig halten. Es ist okay für mich, dass niemand zuhören will, denn das zeigt mir nur, mit wem ich überhaupt noch reden möchte.

Der Tod ist kein Gespenst

Die Konfirmanden haben am Totensonntag 11 Kerzen angezündet. Für jeden Verstorbenen eine. Seitdem hat es noch zweimal geläutet und das Jahr hat noch ein paar Tage. Auf die Einwohnerzahl (ca 800) gesehen, ist das ein riesengroßer Haufen Menschen. Ein eigentlich nicht zu ignorierender Teil, eine Masse an Leben. Wie eskapistisch können Menschen sein, den Tod zu übersehen. Wie kann es passieren, dass wir die Sterbenden auf einmal nicht mehr wahrnehmen, nur, weil sie nicht mehr nebenan wohnen, nur, weil sie nicht mehr atmen, nur, weil sie nicht mehr schimpfen und reden, nur, weil wir Angst haben, nur weil sie tot sind und wir leben?
Der Tod ist einfach kein Gespenst, der Tod war mal ein Mensch. Das ist wichtig zu wissen, im Umgang mit Toten, im Umgang mit Angehörigen, im Umgang mit unserem eigenen kleinen, fragilen Leben.

Ich bin nicht am Tod gescheitert. Ich bin an ihm gewachsen.

Ich habe mich aus dem Netz zurückgezogen. Aber ich muss für mich einen Abschluss finden, keinen Jahresrückblick, nur einmal umdrehen, zurück gucken und dann wieder Richtung Zukunft, Richtung Leben.
Ich muss gucken und erzählen, wohin mich das Verziehen gebracht hat. Ins Leben? Ja. Mit kleinen, tapsigen Schritten, vergleichbar mit denen meiner jüngsten Nichte, zögerlich, aber unvermeidbar. Irgendwann ein bisschen schneller, kein Rennen, eher ein in-Fahrt-Kommen.
Ich bin ins Leben und ich habe Menschen getroffen, mal wieder, ich habe über die kleinsten Dinge geredet, und über die für mich Großen. Ich habe wahrhaftige Gespräche geführt. Gespräche mit jemanden, der zuhört, der antwortet, der weiß wovon ich rede und der weiß wovon er spricht. Ein Mensch, der kluge Sätze formuliert, keine Phrasen, sondern der aus Erfahrung spricht. M. sagt, man müsse voran trauern. Und genau das habe ich im vergangenen Jahr getan. Ich habe mich nicht geschubst, ich habe mich zu nichts gezwungen. Ich habe mir vier Grabkerzen gekauft und ein Adventsgesteck daraus gebastelt. Ich habe am zweiten Todestag die Augen geöffnet und geheult, den ganzen Tag lang. Ich habe angefangen, den Tod in mein Leben einzubauen, ohne einen Blogtext darüber zu schreiben, ohne, dass ich darauf hoffen musste, dass Fremde mich verstehen, weil die die mir nahe sind, mich manchmal übersehen.
Ich habe Dinge gelernt und verstanden: Ich bin nicht irre. Und Trauer ist nicht pathologisch, denn dann wären wir alle für den Rest unseres Lebens krank. Trauernde brauchen keine Gesprächstherapie, sondern manchmal einfach einen guten Freund oder Leser, die sie ein bisschen verstehen. Das habe ich kapiert, das ist ein Erfolg, es ist schön zu wissen, dass wir weitergehen und dass wir vorantrauern können, wenn wir uns denn nur lassen. Wenn wir Begleiter haben und welche sind, wenn wir Hände reichen und ab und an mal nach ihnen greifen. Wenn wir auch mal gierig sind, mal nehmen und uns mal wieder vollstopfen mit der Schönheit des Lebens.

Die Trauer übersommert und sie überwintert. Sie ist eine Torte, an seinem Geburtstag, eine Zahl aus Zuckerschrift, die jetzt eigentlich gar nicht stimmt. Die Trauer ist der Dominostein morgens um halb sieben und die verbrannten Kekse aus unserer kleinen Weihnachtsbäckerei, die er so liebte. Trauer ist das Atom, das immer weiterrollt, mitgeht, sich verändert und wandelt, mit mir wächst und mit mir taumelt und mir trotzdem ständig irgendwie Kraft gibt oder mich festhält, wo andere weggehen.

Für das nächste Jahr wünsche ich mir mehr Verbundenheit zwischen den Lebenden und den Toten, ich wünsche mir, dass wir Feste für die Toten feiern, das Gewesen zelebrieren, wie Neujahr, dass wir weinen dürfen in Bussen und Zügen, dass wir lachen und uns einfach mal wieder ins Leben verlieben. Ich wünsche mir, dass Hoffnung nicht einfach nur ein Wort bleibt, dass wir uns stützen und halten, dass wir an Gräbern stehen und uns selbst nicht aus den Augen verlieren. Ich wünsche mir Demut, Dankbarkeit und Respekt. Ich wünsche mir, dass wir voller Wünsche sind und trotzdem glücklich.

* Bis zum Jahresende werden hier alte Texte von mir erscheinen. Texte, über Verluste und Veränderung, über Anfänge und Enden. Über das Leben eben, denn darin ist alles enthalten.

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3 Comments

  1. Es fällt mir viel zu oft schwer, mich kurz zu fassen. Jetzt, nachdem ich deinen Beitrag gelesen habe, gibt es aber nur eines, was ich dir gerne und von Herzen antworten möchte, nämlich DANKE!

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  2. Ich schließe mich Deinen Wünschen für das kommende Jahr an.
    Auch das Gewesene möchte ich feiern, so, wie das, was noch ist.
    Meine Mutter ist an Muttertag gestorben. Der erste Jahreswechsel ohne sie steht bevor. Ich nehme sie überall hin mit.

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