Als das Sterben meines Vaters anfing zu leben, habe ich nicht nur Urinmengen und Körpertemperaturen auf einem Blatt notiert, sondern auch das, was unter meinen Hautschichten zwischen meinen Zellen tobte. Hier sind zwei dieser „Texte“, die ich heute wieder gefunden habe. Sie sind schon sehr alt, aber sie erinnern mich an diese neun Monate „Wartezeit“.

23/02

1.
Es gibt nur noch ein Wort und ein Wanken, nur ein Atmen und ein Lachen. Es gibt nur noch dich und mich und uns, und ein Flüstern, das die lärmende Stille bricht.
Es gibt nur noch ein Wort und nur eine Angst, nur noch ein Hoffen und das ist Wissen. Es gibt nur noch ein Staunen und ein Fallen, an jedem Morgen.
Fallen, in den Tag und Stolpern über die eigene Kraft.
Es gibt nur noch ein Hocken, nur ein Lachen, nur ein Bangen, nur ein Gehen, nur ein Reden, nur ein Thema und nur ein Sinken, in die knisternden Kissen.
2.
Es gibt keine Schmerzen mehr, nur noch Übelkeit und leichtes Bauchweh. Nur noch kribbeln in den Zehenspitzen und ein leichtes Jucken unter der Haut.
Es gibt kein Geheule mehr, nur noch Tränen, die leise fallen. Es gibt keine Hoffnung mehr, nur noch ein leichtes Aufflackern alter Tage, das sich in Gebrechlichkeit verwandelt hat.
Es gibt kein Hinfallen mehr, nur noch Taumeln, das aussieht wie Gehen, nur noch Flüchten, das aussehen soll wie Rennen.
Es gibt nur noch eins: Der Moment, das hier und jetzt, und den, den gibt es für immer.

Satelliten

Wenn man Kind ist, dann hat man so viele Vorstellungen vom Leben. So viele hinreißende Gedanken, die manchmal zum Erbrechen schön sind. Man will groß werden, groß sein, keine Treppe herunterstürzen und man will nicht wissen, dass andere Menschen irgendwas vermissen, dass sie nachts in ihren Betten liegen und sich unter Tränen in den Schlaf wiegen. Man möchte nur spielen, das ganze Leben lang spielen. Mit der Zukunft und den Jungs, mit den Lippen und seinem Gewissen. Was ist schon Moral, wenn es Tote gibt, was ist schon brutal, wenn es Tumore gibt, was ist schon schön, wenn es die Sterblichkeit gibt.

Wenn man Kind ist, sind die Eltern wie Satelliten, die um dich herumkreisen, beschützend Hände und Grenzen um dich herum aufbereiten. Satelliten die dir glaubhaft vorgaukeln, dass nie etwas kommt, das dich erschüttern könnte, dass es nie etwas schlimmeres geben könnte, als Fernsehverbot und Brennnesseln. Wenn man Kind ist, dann hat man noch so viel Mut sich dennoch reinzustürzen, mit dem Wissen, dass es hinterher kribbelt, dass dich dieser Moment ganz kurz schüttelt, aber du weißt ja, dass du Eltern hast, Eltern die sagen, morgen ist es wieder gut.

Wenn man das Kind von einem todkranken Mann ist, dann hat man zwei Leben. Dann muss man gucken wie man das verbindet. Einmal jenes Leben, in dem man etwas erlebt, manchmal schwebt, versucht gerade zu gehen und nicht zu hinken unter den Gedanken über das Sterben, über Karzinome, Tablettenblister, Geräusche von Maschinen und dem Atem, an dem man sich immer festhält, immer versucht ihn zu hören. Versucht, einen Atem im Ohr und im Kopf und im Körper zu behalten, dieses Geräusch für immer zu verwalten.

Wenn man das Kind von einem todkranken Mann ist, dann hat man manchmal auch drei Leben. Man guckt mal wie das funktioniert, wie sich Köpfe an Diskokugeln reiben und man am nächsten Tag ohne Beule und ohne Krater am Herzen versucht da zu sein und zu lächeln und nicht zu kapieren, wie das gehen soll, dass du mal so laut lachst und mal so bitterlich weinst, dass deine Tränen in Kissen tropfen und deine Gefühle dem Verfall trotzen. Dass du schwitzt und vibrierst beim Tanzen in Massen, und dass du manchmal liegst unter Scharen von Gedanken und du wieder aufstehst, dank der Musik, die durch deine Blutbahnen schießt. Und dass du am nächsten Tag wieder du bist, wieder da bist, so nah dran an dieser scheiß Realität, dieser ekligen Wirklichkeit. Und keiner kommt und sagt: Morgen ist es vorbei. Keiner kreist wie ein Satellit um dich herum und gibt dir ein Küsschen, und hält ein Kühlakku auf die Beulen und legt ein Pflaster auf die Schrammen. Niemand ist noch da, der am Ende dich versorgt.

Wenn du kein Kind mehr bist, sondern ein Mensch versteckt hinter fünf Filtern auf Fotos, und einem Gedicht über Liebe, dann kreisen Erinnerungen um dich wie sieben Satelliten. Ein Satellit aus der Vergangenheit, als die Welt noch groß war und die Geschichten über ein für immer zu immer größeren Lügen wurden. Später werden wir, und irgendwann tun wir, und Morgen lassen wir mal wieder Drachen in den Himmel steigen, und sieh doch, dass wir alle noch da sind, dass wir hier bleiben, wir stehen neben dir, hinter dir, sind um dich herum und unsere Gedanken sind bei dir, all unsere Worte sind für dich und wenn wir gehen, dann auch nicht freiwillig. Wir schielen in die eine Richtung und hoffen, dass wir trotz allem, trotz der Wirklichkeit für immer deine Satelliten bleiben.

Und was, wenn ein für immer nun auf der Haut juckt wie eine allergische Reaktion, wenn ein für immer brennt und deine Wangen glühen, und die Flügel aus deiner Kindheit brechen und du glaubst mit all diesem verlogenen für-immer-Dreck zu krepieren. Und was ist, wenn du vorgestern noch an all das Schöne geglaubt und Liebe aufgesaugt hast, wenn du dich auf Dielen gelegt und dein Herz bewegt hast. Was ist, wenn du dem Lauf der Zeit nicht folgen kannst, weil dein Hirn zu langsam und das Schicksal viel zu schnell war. Wenn du zwanzig Jahre zu früh dran bist, und wenn andere zwanzig Jahre zu früh dran sind, und wenn wir jetzt all, jetzt und hier, etwas in den Himmel steigen lassen, dann sind das keine Drachen mehr, sondern unsere Satelliten, die nie wieder um uns und unsere Herzen kreisen, sich nie wieder an uns und unseren Seelen reiben. Dann sind wir Kinder, ohne Satellit.

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