Mein Vater hatte ein sehr altes, sehr kleines Mobiltelefon. Vor ein paar Tagen hatte ich es in der Hand, denn die Kinder benutzen es jetzt als Spielzeug. Ich hielt es auf einer Familienfeier an mein Ohr und tat so, als würde ich mit jemanden sprechen. „Hallo, hallo, wie geht’s denn so?“, fragte ich und lachte, weil die Kinder auch lachten. Und ich stellte mir die Frage, wie mein Vater es bediente, wie er mit seinen dicken Fingern eigentlich diese zarten Tasten gedrückt bekam. Hat er jemals damit telefoniert? Ja, hat er. Zweimal vielleicht. Aber meistens war es aus. Hat er je den Akku geladen? Ja, hat er. Zweimal mindestens. Wenn er ins Krankenhaus musste, sagten wir manchmal, er solle bitte sein Handy mitnehmen, damit er anrufen und Bescheid sagen kann, was ist. Denn wir konnten ja letztlich nicht dauerhaft vor Ort sein, obschon wir wirklich die meiste Zeit in seiner Nähe waren. Immer war ein schwieriges Wort und ein kräftezehrendes Unterfangen, und ein Mobiltelefon war ja gerade deswegen produziert worden, damit man auch von unterwegs kommunizieren konnte. Wenn er aber zum Beispiel entlassen wurde, hatte er sein Handy natürlich nicht dabei, also wartete er oft einen halben Tag mit gepackter Tasche im Bistro darauf, dass einer von uns kam um ihn abzuholen. Ein traurig schauender alter Mann der von Hosenträgern zusammengehalten wurde, mit Entlassungspapieren in der Hand und Krebs im Körper. Aber er wollte nie daraus lernen, er wollte, so glaube ich es manchmal, gar keinen Fortschritt.

Er hat noch immer das Handy, aber er lebt nicht mehr. Was würden wir darauf finden, wenn wir den Akku laden und es anstellen würden? Entgangene Anrufe? Nachrichtenentwürfe? Wollen wir das überhaupt wissen? Haben wir je darüber gesprochen? Nein, das haben wir nicht.
Er ist war Jahrgang 1940, er hat hatte mit der Digitalisierung gar nichts zu tun. Natürlich weiß wusste er nicht einmal, was das Internet eigentlich ist. Er hat manchmal davon gesprochen, dass er „irgendwann“ mal einen Computerkurs machen will, irgendwann halt, also nie. Was hätte er auch im Internet gewollt? Das Internet wäre nichts für ihn gewesen, viel zu viele Informationen, alles zu laut. Aber was wäre gewesen wenn? Wie wird es sein, wenn meine Mutter einmal stirbt, sie mag das Internet, sie hat ein Smartphone und viele Kontakte. Was machen wir mit ihrem Facebook-Profil und den Fotos auf Instagram? Wie wird es bei meinen Freunden und Geschwistern später sein, wenn sie sterben, ich aber noch lebe? Was passiert, wenn jemand stirbt, eigentlich mit den digitalen Spuren?

Elisabeth Rank schreibt darüber im Zeit Magazin. Das Internet der letzten Dinge

Doch wenn wir die Schränke ausräumen, wird es real. Wenn wir die Dinge desjenigen aussortieren, der nicht mehr weiterlebt, wenn wir entscheiden, was bleiben darf und gehen muss. Wenn wir das letzte Mal die Wohnung abschließen oder abschließen lassen, gibt es kein Zurück. Deswegen klammern wir uns an das, was wir noch eine Weile mitnehmen können. Dateien wiegen nicht so viel. Wir verlängern den Abschied, erneuern die Erinnerung mit jedem Blick auf ein Foto, einen geschriebenen Satz, wir lassen nicht los. Erst einmal nicht. In einer Situation der totalen Kontrolllosigkeit, wie der Tod sie nun einmal ist, holen wir uns so ein Stück Selbstbestimmtheit zurück. Wir geben vor, noch ein kleines bisschen beieinander zu sein, halten die Luft an. Manchmal sprechen wir sogar mit dem Toten, und wenn es nur in Gedanken ist. Wir entscheiden selbst, wann wir die Bilder auf eine andere Festplatte ziehen, wann wir das digitale Zimmer verlassen. Und auch, wann wir dorthin zurückkehren.

 

In meiner von Hoffnung getragenen Vorstellung von einer offenen Sterbe- und Trauerkultur besprechen wir solche Dinge. Wir reden zu Lebzeiten mit unseren engen Freunden und der Familie darüber. So wie wir irgendwann zu unseren Eltern sagen: „Könnt ihr bitte eine Patientenverfügung ausfüllen? Wir möchte am Ende nicht über euer Leben oder euren Tod entscheiden.“ So wünsche ich mir meine Generation mit dem digitalen Nachlass. So wünsche ich mir meine Freunde im Umgang mit ihrer eigenen Sterblichkeit. Sagen, was ist. Nicht hinterher ahnen müssen, was sie geantwortet hätten.

 

Julia Feller schrieb bereits vor einer ganzen Weile etwas zu ihrer eigenen Sterblichkeit. Weil wir sterben

Ich habe bei Youtube eine Playlist mit dem Titel „Trauerfeier“ erstellt. Das klingt komisch, vielleicht sogar morbid. Aber wenn − nicht falls − der Umstand des Todes eintrifft, überlasse ich nur ungern die Organisation anderen. Man stelle sich vor, die eigenen Eltern, in all ihrer Trauer und Hilflosigkeit bespielen die Gäste mit dem Beerdigungs-Klassiker Nr. 1: „Time to say goodbye“. Um dem vorzubeugen und um das Musik-Arrangement nicht dem Geschmack der Hinterbliebenen zu überlassen, fixierte ich also digital diese Liste. Hierbei geht es vordergründig nicht um den vermeintlich herzustellenden Tränenfluss, sondern um Memoria. Erinnerung an meinen schlechten Musikgeschmack,  an (un-)geteilte Erlebnisse, die die Stücke ausdrücken. Trotzdem: Zwischen Hildegard Knef und Oasis darf dann natürlich auch in die Taschentücher gerotzt werden.
Auch über den Stil der Trauerfeier habe ich ein Moodboard in der Schublade. „Skandinavisch-Fancy“, würde ich dieses beschreiben.

 

Der Text von Julia Feller war für mich ein kleiner Appell, um mir weitere Gedanken zu meiner eigenen Beerdigung zu machen, meine Sterblichkeit nicht nur in Betracht zu ziehen, sondern sie aktiv zu (be)denken. Er hat mich dazu veranlasst, andere auf ihr Sterben aufmerksam zu machen und Fragen zu stellen. Er provoziert ja quasi, die scheiß Bucket List, die in allen Köpfen oder sogar Schubladen schlummert, zu entsorgen und mit einem Moodboard zu dem in jedem Fall eintreffenden eigenen Tod zu ersetzen. Dazu gehört auch viel drumherum. Wer soll meinen Schmuck eigentlich haben? Und wohin mit den vielen Texten, die ich irgendwann mal schrieb aber unveröffentlicht ließ? Es gibt so viel zu planen, das könnte man echt vorher machen, zum Beispiel dann, wenn man auf die To-Do-Liste schreibt: „Emails beantworten, Mama zurückrufen und einkaufen gehen“, kann man ganz unten noch anfügen „Beerdigung planen, Moodboard erstellen, digitales Testament.“ Das tut gar nicht weh, aber macht am Ende vieles leichter. Wieso aber sträuben wir uns so sehr davor? Ist es Bequemlichkeit oder Angst? Online und Offline gehen Hand in Hand. Nach unserem Tod leben wir nicht nur in einer Erinnerung, sondern in unseren Spuren und Fingerabdrücken weiter an beiden Orten.

Und wenn man schon mal dabei ist, kann man ja auch mal mit anderen darüber sprechen oder fragen, was sie sich für ihre vielen Profilfotos wünschen, die Löschung oder ein ewiges Grinsen, Unendlichkeit in blauweiß, Facebook halt. Irgendwo stolpert man zwar immer über Erinnerungen, Gerüche oder das scheußliche Vermissen, das auch ohne digitalem Nachlass existiert, aber ob Spuren bleiben oder nicht, sollte man vielleicht dennoch zu Lebzeiten entscheiden. Und ganz nebenbei kann man den Menschen, die man mag, auch mal sagen, dass das so ist. Tut von Angesicht zu Angesicht weniger weh, als es hinterher in eine Urne zu flüstern oder unter Tränen einen Nachruf zu tippen.

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3 Kommentare zu „Digitale Fingerabdrücke

  1. Und diese Gedanken wollen sich so viele nicht machen.
    Wie die Beerdigung ausschauen soll, wo man beerdigt werden will und was mit den Internetspuren passieren soll.
    „Ach ich doch nicht, ich bin doch noch so jung“ „Das können meine Angehörigen machen“
    Es ist wohl unangenehm und macht einen die eigene Sterblichkeit scheinbar zu deutlich…

    Dabei ist es doch nur fair da irgendwie ne Hilfestellung zu geben und dem Ganzen einen eigenen Touch zu geben…
    (hatte dazu anfang des Jahres gebloggt: https://wolkerosa.wordpress.com/2016/01/04/wir-sollten-mal-ueber-den-tod-reden-oder-wie-haettest-du-eigentlich-gerne-deine-beerdigung/)

    Danke für Deine Texte.

    K.

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  2. Oh, wie wahr! Danke fürs Erinnern.

    Mein erstes „Testament“
    schrieb ich mit 18 Jahren.
    Inzwischen ist mir meine Hinterlassenschaft egal. Ich weiß mich sterblich, finde das okay und bin letztlich nicht unersetzlich.

    Ein Testament wäre allenfalls sinnvoll, damit die andern (Nachkommen hab ich leider nicht) ein bisschen weniger selbstentscheiden müssen, wie ich es haben wollen könnte. Doch letztlich denke ich inzwischen, dass die Trauerfeier für die Lebenden nicht für die Toten ist.

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  3. Liebe Sarah, da sagst du was, ich habe zwar verfügt, dass die vielen gedankenauffangbücher mit mir zusammen verbrannt werden sollen, aber was mache ich mit den digitalen Fingerabdrücken? Verschwinden sie nach gewisser Zeit von allein oder bitte ich meine Kinder alles zu löschen, darüber muss ich also noch nachdenken- danke
    liebe Grüße
    Ulli

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