Empfehlungen | Oder auch: was sagt man wirklich?

„Was soll ich denn schreiben?“, fragt M. Sie sitzt auf einem gut gepolstertem Korbsessel, in der Hand hält sie ihr Handy. Ein Freund, im Alter von 46, der weiß, dass der Krebs seinem Leben keine Chance mehr gibt, schreibt, dass der Verfall seines Körpers erschreckend sichtbar ist. Er schreibt, dass sein Kiefer sehr tief hängt, er schreibt, dass er merkt, dass er in den nächsten zwei Monaten verschwinden wird. Er schreibt: Ich werde euch nie vergessen. Was soll M. also schreiben? Minutenlang starren wir in unsere Weinschorlen. Um uns herum blühen die Pflanzen, die Sonne sticht auf unsere gebräunte Haut, aus der Ferne hören wir eine Kuh, die Vögel fliegen tief. „Vielleicht regnet es heute noch“, sagt M. „Ich hänge besser mal die Wäsche ab.“ Sie steht auf, das Chatfenster  noch immer geöffnet. Ich überlege. Nippe zwischen den Gedanken an meinem Kaltgetränk und spüle das beklemmende Gefühl herunter. Nun wissen wir seit Monaten, dass er stirbt, ich habe meinen Vater in den Tod begleitet und dennoch fehlen mir die Worte, weil mir alles so unpassend erscheint. Was sagt man, wenn es einem gut geht, zu jemandem, dem es sehr schlecht geht. Dessen Wein das Morphium ist, das betäubt und ihm gleichzeitig ein bisschen von dieser Lebensqualität gibt, von der ständig alle reden. Was sagt man zu jemanden, dessen weiße Haut kaum noch Farbe kriegt, weil er vielleicht den Sommer gar nicht mehr überlebt. Was sagt man, wenn alles Gesagte auf einmal überflüssig erscheint in der Mangel der Wirklichkeit. Es ist nicht mein Körper, der zerfällt, es ist nicht mein Tod, auf den gewartet wird. Nicht jetzt, nicht hier.
„Wir denken an dich“, schreibt M. Das klingt so stumpf, so unwichtig. Aber es ist die Wahrheit: Seit vielen Monaten sind wir in Gedanken immer bei dir, J.
Aber was sagt man wirklich, frage ich mich.

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In meinen heutigen Empfehlungen geht es auch ein bisschen darum. Mitgefühl, Empathie, richtige und falsche Worte. Aber kein Mensch weiß ja, wie es wirklich geht.

 

@Huebscherei hat nach einem schlimmen Ereignis einen Text darüber geschrieben, dass wirkliches Mitgefühl in der Zwischenmenschlichkeit nur existent scheint, wenn man das Leid auf sich selbst überträgt und die eigentliche Person dabei scheinbar aus den Augen verliert. Das ist sehr schade. Empathie, das ist doch mehr als ich.

Ja, Mitgefühl heißt Mitschmerz aber dieser Schmerz gehört nicht nur uns, er darf nicht dazu genutzt werden, uns Aufmerksamkeit einzufordern und uns im schlimmsten Fall zum Zentrum des Interesses zu machen. Wirklich für jemanden da zu sein, heißt auch, selbst ein Stück weit zurück zu treten, nicht dauerhaft aber für den Moment, in dem uns diese Person braucht.

 

Bei Zeit Online schrieb Joachim Bessing, unabhängig von den 26 Grad im Schatten, einen Text über das Trauern. Ein Text, der mich eine Weile über meine eigene Auseinandersetzung mit dem Tod und meiner offenen Trauer nachdenken ließ. Spannend sind auch die Kommentare dazu, die sehr verschieden sind. Aber ich glaube, genau so muss es sein, wenn man über etwas spricht. #RIP

Trauer kann man weder teilen noch mitteilen, auch wenn öffentliches Teilen mittlerweile so etwas wie Fürsorge bedeutet. Trauern ist etwas Innerliches, etwas, was man mit sich alleine ausmachen muss, wie Bücherlesen. Trauer macht einsam. Man fühlt sich mutterseelenallein. Trauer schlägt nicht zu, sie beschleicht einen, löst ein benommenes Gefühl aus wie nach zu viel Alkohol. Man steigt in sich selbst hinab wie auf einer Wendeltreppe. Es ist dunkel, man hat ständig Angst davor, auszugleiten, und klammert sich mit beiden Händen an ein Geländer, es ist ein kaltes, glitschiges Tau. Vor allem hört das Trauern einfach nicht auf.

 

MeineSchwestertotundichhier ist ja ein Blog, das hoffentlich jeder regelmäßig liest. Kürzlich hat die Autorin des Blogs ein wirklich großartiges Interview gegeben. Wir Kinder und der Tod – Weiterleben ist möglich!

Ich hätte mir Begleitung gewünscht, dass jemand mich gehalten hätte, mir beigestanden hätte, mit mir gesprochen und mich verstanden hätte, an dem Tag, an dem meine Schwester starb, an den Tagen danach, an ihrer Beerdigung. Vielleicht sind Eltern, die gerade eines ihrer Kinder verloren haben, nicht in der Lage für so etwas, aber vielleicht sollte es irgendjemand geben, der das übernimmt.

 

Bei Edition F schreibt Silvia Follmann über Emily McDowell, die nach ihrer Krebserkrankung Karten entwarf, die das sagen, was man in einer solchen Situation wirklich hören möchte. Get Well Soon? Was man zu jemanden sagt, der eine Krankheit hat.

Credit: Emily McDowell

 

Zum Abschluss ein bisschen Musik gegen das Versinken.

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7 Comments

  1. oben das mit dem Mitgefühl/Empathiedingens. Mitgefühl heißt nicht Mitschmerz, das wäre Mitleid und heißt das Du dann mehr mit Dir Selbst bist als mit dem anderen. Mitgefühl heißt sich einfühlen kann aber auch Abstand haben um z.B. für den anderen Da zu sein. Und ich glaube Empathie braucht man um überhaupt Mitgefühl entwickeln zu können.

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  2. In unseren Erfahrungen wurde eigentlich immer das falscheste gesagt oder auch getan. Das ist wohl irgendwie einfacher, vor allem wenn Schuld mit dareinspielt. Oft spiegelt sich die Hilfslosigkeit in den Reaktionen wieder. Richtig oder auch halbrichtig zu verhalten ist keinem gelungen.

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  3. Ich würde wohl keine Whats-App in dem Fall schreiben wollen. Ich würde hinfahren, da sein, hören, was der/die andere erzählt, fragen was er/sie sich jetzt wünscht, weil es eben in solchen Momenten nicht um mich geht, sondern um die/den anderen …

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    1. Liebe Ulli, ich sehe es grundsätzlich genauso wie du (bin damals, als mein Vater im Sterben lag, ja sogar direkt zurückgezogen, weil das sehr viel besser ist – für beide Seiten). Allerdings ist hier die Ausgangssituation eine andere. Und er kann ohnehin seit der letzten gescheiterten Op im Januar und dem voranschreitenden Krebs nicht mehr sprechen, sondern ausschließlich übers Schreiben kommunizieren. Er hat sich das so ausgesucht, im Kreis der Familie zu sein. Deswegen bleiben nur noch die richtigen Worte.

      Danke für deinen Kommentar!
      Liebe Grüße,
      S

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  4. Ich habe letztes Wochenende einen meiner absoluten Lieblingsmenschen verloren. Ich habe einen Dreizeiler darüber gebloggt und dann gemerkt, dass es mir guttat, die Kommentare zu lesen und zu beantworten. Ja, man ist mit Trauer immer allein, es geht einfach nicht anders. Aber kann Erinnerungen teilen (zum Beispiel), und ich finde es tatsächlich tröstlich, von Leuten, die mich kennen, ein ernst gemeintes, simples „Ach, das tut mir so leid für dich wegen …“ zu hören.
    Danke mal wieder für deine Links.
    Liebe Grüße
    Christiane

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    1. Liebe Christiane, danke für deinen Kommentar. Und vor allem: danke ich dir für deine ehrlichen Worte zu deinem persönlichen Verlust. Ich würde gerne mehr tun, außer zu sagen: es tut mir sehr sehr leid für dich. Aber das kann ich leider nicht.

      Ich finde es sehr schön, dass du darüber geschrieben hast und dass dir das gut getan hat. Und vielleicht wirst du irgendwann (wenn dir danach ist) wieder darüber schreiben. Ich glaube, dass es gut ist, wenn wir uns mitteilen. Und es ist ganz egal, ob es „nur“ virtuell passiert.

      Ich wünsche dir alles Liebe und ganz viel Kraft ❤

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