Digitale Fingerabdrücke

Mein Vater hatte ein sehr altes, sehr kleines Mobiltelefon. Vor ein paar Tagen hatte ich es in der Hand, denn die Kinder benutzen es jetzt als Spielzeug. Ich hielt es auf einer Familienfeier an mein Ohr und tat so, als würde ich mit jemanden sprechen. „Hallo, hallo, wie geht’s denn so?“, fragte ich und lachte, weil die Kinder auch lachten. Und ich stellte mir die Frage, wie mein Vater es bediente, wie er mit seinen dicken Fingern eigentlich diese zarten Tasten gedrückt bekam. Hat er jemals damit telefoniert? Ja, hat er. Zweimal vielleicht. Aber meistens war es aus. Hat er je den Akku geladen? Ja, hat er. Zweimal mindestens. Wenn er ins Krankenhaus musste, sagten wir manchmal, er solle bitte sein Handy mitnehmen, damit er anrufen und Bescheid sagen kann, was ist. Denn wir konnten ja letztlich nicht dauerhaft vor Ort sein, obschon wir wirklich die meiste Zeit in seiner Nähe waren. Immer war ein schwieriges Wort und ein kräftezehrendes Unterfangen, und ein Mobiltelefon war ja gerade deswegen produziert worden, damit man auch von unterwegs kommunizieren konnte. Wenn er aber zum Beispiel entlassen wurde, hatte er sein Handy natürlich nicht dabei, also wartete er oft einen halben Tag mit gepackter Tasche im Bistro darauf, dass einer von uns kam um ihn abzuholen. Ein traurig schauender alter Mann der von Hosenträgern zusammengehalten wurde, mit Entlassungspapieren in der Hand und Krebs im Körper. Aber er wollte nie daraus lernen, er wollte, so glaube ich es manchmal, gar keinen Fortschritt. „Digitale Fingerabdrücke“ weiterlesen

Empfehlungen | Oder auch: was sagt man wirklich?

„Was soll ich denn schreiben?“, fragt M. Sie sitzt auf einem gut gepolstertem Korbsessel, in der Hand hält sie ihr Handy. Ein Freund, im Alter von 46, der weiß, dass der Krebs seinem Leben keine Chance mehr gibt, schreibt, dass der Verfall seines Körpers erschreckend sichtbar ist. Er schreibt, dass sein Kiefer sehr tief hängt, er schreibt, dass er merkt, dass er in den nächsten zwei Monaten verschwinden wird. Er schreibt: Ich werde euch nie vergessen. Was soll M. also schreiben? Minutenlang starren wir in unsere Weinschorlen. Um uns herum blühen die Pflanzen, die Sonne sticht auf unsere gebräunte Haut, aus der Ferne hören wir eine Kuh, die Vögel fliegen tief. „Vielleicht regnet es heute noch“, sagt M. „Ich hänge besser mal die Wäsche ab.“ Sie steht auf, das Chatfenster  noch immer geöffnet. Ich überlege. Nippe zwischen den Gedanken an meinem Kaltgetränk und spüle das beklemmende Gefühl herunter. Nun wissen wir seit Monaten, dass er stirbt, ich habe meinen Vater in den Tod begleitet und dennoch fehlen mir die Worte, weil mir alles so unpassend erscheint. Was sagt man, wenn es einem gut geht, zu jemandem, dem es sehr schlecht geht. Dessen Wein das Morphium ist, das betäubt und ihm gleichzeitig ein bisschen von dieser Lebensqualität gibt, von der ständig alle reden. Was sagt man zu jemanden, dessen weiße Haut kaum noch Farbe kriegt, weil er vielleicht den Sommer gar nicht mehr überlebt. Was sagt man, wenn alles Gesagte auf einmal überflüssig erscheint in der Mangel der Wirklichkeit. Es ist nicht mein Körper, der zerfällt, es ist nicht mein Tod, auf den gewartet wird. Nicht jetzt, nicht hier.
„Wir denken an dich“, schreibt M. Das klingt so stumpf, so unwichtig. Aber es ist die Wahrheit: Seit vielen Monaten sind wir in Gedanken immer bei dir, J.
Aber was sagt man wirklich, frage ich mich.

//

In meinen heutigen Empfehlungen geht es auch ein bisschen darum. Mitgefühl, Empathie, richtige und falsche Worte. Aber kein Mensch weiß ja, wie es wirklich geht. „Empfehlungen | Oder auch: was sagt man wirklich?“ weiterlesen