Ich weiß nur, dass immer etwas passiert.
Auch wenn es nach einer endlosen Stille klingt, ist da ein Geräusch. Da ist immerhin Laub, das raschelt und Meer, das rauscht. Wellen, die etwas bewegen. Und da sind Menschen, die auf mich einreden. Da ist Musik, die irgendwo gespielt wird. Vielleicht bin ich nicht immer da. Aber niemand ist immer da. Niemand ist immer laut, redet pausenlos, und keiner hält dauernd (an) irgendwas fest. Es reicht, wenn sich außen alles weiter bewegt.

Man hält aber die Erinnerung fest. Man hält sie fest zusammen. Und dann erinnert man sich. Den Klang der Ruhe, den Geruch von Minzetee, gemischt mit Hagebutte. Den Geruch von Wetter; Wind und Regen, Sturm und Tränen, alles erinnert man, egal wie viel Wehren in dir tobt, du erinnerst dich.
Man kann sich dem Geräusch von vor einem Jahr nicht entziehen, auch wenn jetzt Stille herrscht. Man kann sich sträuben, rausgehen, streunern. Aber man kann auch einfach den Minzetee noch trinken, die Sendungen noch schauen, nur eine ausgewaschene Hülle sein, wie vor 12 Monaten. Nachdem möglicherweise das letzte wirkliche Ereignis war.

Die Heizung bollert. Genauso wie es einmal war. Die Wärme, die sich im Raum verteilt, ist genau die Gleiche, wie früher. Das fühlt sich komisch auf der Hand an, auf meiner Haut. Aber ich kann nichts machen, kann die Heizung nicht ausstellen, weil ich dann noch mehr friere. Ich kann nichts anderes hören. Ich weiß, dass manche Worte nicht verhallen, auch wenn ich sie gerade nicht mehr finde. Ich weiß wo wir sind. Wir sind hier. Ich weiß wer wir waren. Wir sind wir. Auf eine komische Art und Weise bleiben wir stehen, weigern uns immer, endlich unterzugehen, atmen immer noch das ganze lächerliche Leben ein, toben uns in Langeweile aus, streben nach Glück, hoffen darauf, dass da wieder ein richtiger Traum kommt, einer, der das Nein endlich ersetzt.

Manchmal möchte ich mir ein Messer in den Rücken tätowieren lassen. Merken, dass etwas anderes noch weh tun kann. Riechen und fühlen, wie das Blut aus mir heraus fließt und hören, wie es auf den staubigen Boden fällt, erst seelenruhig da liegt, und sich dann ausbreitet.
Damit man mal wieder etwas tun kann. Sich weh und leid tun, zum Beispiel. Und sich anschließend hinsetzen und ein Lamento aus Jahren schreiben. Oder bloß durchwischen.

Und dann, ganz plötzlich: Ein Seitenumbruch.

Da ist jemand: Ein Gegenüber, ein Erlebnis, ein kleines Gespräch mit großer Wirkung, reich an Intensität. Keine leeren Versprechungen, nur ein paar Tage okay sein, sich mit Luftpolsterfolie absichern. Ein verdammter Gegenüber, aus Watte, der die kalte Hand an meinem Arm hält. Der mir entgegen kommt, wenn ich nicht weiterkomme, der meine Last erträgt, wenn ich ihm davon erzähle. Der stehen bleibt, wenn ich kurz raste und halte und still bin und sage, dass ich nächstes Jahr wieder mitkomme und weiter mache, wieder rede, es mir auf jeden Fall mal überlege. Auf jeden Fall, versprochen.
Und im nächsten Jahr ist dann doch niemand mehr da. Weil ich wieder mal losgelassen hab, keine Kraft, keine Lust.

Wie ein Vollidiot sitzt man auf einmal in seinem eigenen Leben und steuert dauernd diese Helligkeit an. Einen Menschen vielleicht. Und dann passiert es eines Tages sogar nochmal. Ein kleines Bisschen Sonne nur, die kriecht rein, setzt sich neben dich auf das Bett und auf einmal denkt man, dass das jetzt jeden Tag so ist. Jeden Morgen aufwachen und da sitzt die verdammte Sonne und sie lächelt auch noch und das Leben wird auf einmal gut, denkt man. Aber Zwischenmomente existieren nur dazwischen. Sie sind kleine Wahrscheinlichkeiten. Sie kommen nur zwischen zwei Scheißmomenten, ganz kurz, so wie Menschen. Und sie sagen nicht mal tschüss, wenn sie dann nach zwei Tagen wieder verschwinden, sind einfach weg. Wie Hoffnung, wie Rotwein, den man austrinkt, ohne es zu merken, weil man echt wenig merkt. Und wie Menschen, die sterben oder die einfach ihr Leben weiterleben, so, wie es sich halt gehört. Und das bekommt man nicht mal mit. Weil man sich selbst ja kaum noch mitbekommt. Weil man sich selbst nichts mehr zu sagen hat. Weil man sich das Reden nach und nach abgewöhnt. Schweigen und gucken, die maximale Kommunikation.

Ich möchte mir ein Messer in den Rücken tätowieren lassen. Merken, dass etwas anderes noch weh tun kann. Riechen und fühlen, wie das Blut aus mir heraus fließt und hören, wie es auf den staubigen Boden fällt.
Damit man mal wieder etwas tun kann. Sich weh und leid tun, zum Beispiel. Und die Wunde zuhalten, damit da etwas ist, das man festhalten kann, damit man nicht sinnlos in seinem eigenen Leben herumsteht. Alleine. Wie die einsamste Spielfigur auf einem Brettspiel. Bloß halten, was noch da ist. Eine Erinnerung, oder zwei, eine Flasche Wein, einen Gegenüber, der vielleicht wirklich mal anhält und bleibt. Die Hand ausstrecken, zupacken und halten. Festhalten, weil das bedeutet, dass es noch etwas gibt, etwas, das außerhalb des eigenen Spielfeldes ist. Ein Spielfeld auf dem auch mal jemand fällt, runterkippt, kaputt geht, stirbt. Auf dem jemand stehen bleibt und sich ungefragt zu dir gesellt.

Manchmal möchte ich mir bloß meinen Körper aufreißen. Öffnen. Etwas in die Welt schreien. Jemandem alle meine Erinnerungen zuflüstern, in einen fremden Kopf legen, loswerden, was wie Blei an den Füßen hängt. So tun, als würde ich reden, mich wie einen Umzugskarton auseinanderfalten, weil man muss sich ja mal öffnen, sonst fängt der Körper irgendwann an von innen nach außen zu verschimmeln.

Dieser Text erschien ursprünglich im Oktober letzten Jahres auf meinem anderen Blog fuerhilde.

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5 Kommentare zu „Lamento

  1. Ich würde so gerne etwas sagen, doch ich kann es nicht. Nicht mal wirklich fühlen … nur so ganz vorsichtig, weil deine ehrlichen kompromisslosen Worte jedes Mal hineinspringen in mich und etwas zutiefst bewegen, das ich mir erst mal selbst klar machen muss.
    Ich steh halt auch nur so rum in meinem eigenen Leben und denke „Wofür das alles“ …
    Immerhin begrüße ich mittlerweile den Schmerz, denn nichts ist schlimmer als das Abdriften in absolute Gefühlslosigkeit.
    Ich lese dich und bin dankbar, dass du hier schreibst.
    Die Muschelfinderin

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  2. Es wird immer wieder gut, und dann wieder schlimm, und wieder von vorn oder im Kreis. Aber eben: Für das kleine bisschen gut lohnt es sich vielleicht.
    Oder nicht.
    Wenn ich es wüsste.
    Auf dem Sterbebett weiß ich es hoffentlich – aber was wissen wir schon vom Sich-lohnen? Wirklich – meine ich.

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  3. Hey, dass Du deinen Twitter Account löschst hast Du aber nicht gesagt, sonst hätte ich ein Veto eingelegt. Finde ich schade. Habe Deinen Account und Deine Texte sehr gerne gelesen.
    Ich hoffe, es geht Dir gut.

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