Für mich war es sehr unpassend, dass mein Vater im Herbst starb, denn im Herbst ist ohnehin alles so trist und düster. Außerdem ist der Winter fest an diese Jahreszeit angeschlossen und nach dem Herbst gibt es dann keine Sonne oder ein Lichtblick, sondern Dunkelheit. Es war aber auch im Frühling darauf, ein halbes Jahr später, sehr unpassend, denn da wollte ich gerne mit den Menschen, die ich mag, den Frühling genießen, anstatt sie für ihre Leichtigkeit zu beneiden. Und im Sommer darauf, fiel mir dann ein, wie schön der letzte Sommer doch war, der, in dem mein Vater noch lebte, der Sommer, der der Letzte im Leben eines Toten war. Meine Trauer hat mir nie gepasst, genauso wie mir der Tod meines Vaters nicht passte, aber ich konnte ihn nicht verhindern und so auch nicht das, was er mit mir anstellte: der Fall ins Trauern. Ich trauerte, weil mein Inneres gar nicht danach gefragt hat, wann es mir passt, es hat getrauert, mein Herz, mein ganzer Körper. Aber was mir seitdem noch weniger passt, sind Menschen, die glauben, dass Trauer nicht passt. Oder sogar unnötig ist.

Was mich immer wieder verwirrt und irgendwie auch in meinem Schreiben verunsichert, sind Leute, die glauben, der Tod sei etwas so abstraktes, fast ausgedachtes, dass sie sich damit nicht auseinandersetzen müssten. Klar, außer es stirbt ein Promi, dann setzen sich alle mit dem Tod auseinander, vor allem diverse Redaktionen. Tut mir leid, aber das hat meiner Meinung nach kaum etwas „mit dem Tod“ an sich zu tun. Denn in welcher Form nimmt das Einfluss auf das eigene Leben, in welcher Form trauert man da? Ich finde es völlig legitim zu sagen, dass man traurig darüber ist, dass ein Musiker oder ein Schauspieler, ein Literat oder Sportler, der einen das halbe Leben begleitete, gestorben ist, und dass das auch irgendwie ein klitzekleines Bisschen ins Leben einschneidet und dass man öffentlich den Angehörigen in einem Posting oder einem ganzen Zeitungsartikel vielleicht sogar das Beileid ausspricht*. Aber mal ehrlich, wenn man das bei jemandem tut, den man gar nicht direkt kannte, wieso wird der Tod permanent im eigenen Bekanntenkreis verleugnet? Ja, er macht depressiv. Ja, er ist scheiße. Ja, ich habe mit zwanzig auch nicht gedacht, dass ich sechs Jahre später, die meiste Zeit damit verbringe, Texte darüber zu schreiben, aber anhand der Kommentare die ich dazu bekomme, bin ich immer wieder schockiert, wie wenig selbstverständlich die Auseinandersetzung damit ist. Wieso fühlen sich Leute in ihrer Trauer so wenig verstanden? Warum gibt es niemanden, mit dem sie wirklich darüber reden können? Genau diese Fragen sind der Grund, weshalb ich nicht aufhöre damit, wieso ich einfach immer weiter schreibe, wenn es sonst auch kaum ein anderer tut, weil es nicht passt, weil es nicht gefällt, weil es die Klickzahlen minimiert.

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Kommentare zu meinem Text „Wir können alles, nur nicht trauern“

 

 

Das Traurige: Jeder hat eine Meinung zu Böhmermann oder dem Wetter, zum Drogenkonsum anderer oder dem neusten Bestseller, aber wenn man mal sagt, dass der Tod verdammt krass und ein scheiß Zyniker ist, dann gucken alle auf ihre Handys oder in ihre ohnehin schon verwelkten Beziehungen, ist halt keine Satire, sondern bloß Realität, ist halt kein Promi, sondern nur der Tod.
Es muss ja auch nicht jeder jeden Tag darüber nachdenken, aber sich mal bewusster werden, dass es im Freundeskreis vielleicht Menschen gibt, die jemanden verloren haben und die dadurch trauern, oder die sterben werden, und was Tod eigentlich für ein Menschenleben heißt, unabhängig von der Floskel „Wir werden alle sterben“ das kann man mal machen. Auch bei einem Bier. Auch wenn Kinder geboren werden. Auch wenn man gerade glücklich ist. Ich bin nämlich auch nicht unglücklicher, als andere, nur weil ich mich damit auseinandersetze. Man muss sich echt nicht „in den Tod stürzen“, aber eine Meinung haben oder andere auffangen, das wäre schon mal ein Anfang.

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Ich meine ja nur, wir können alle jederzeit ganz schlimm krank werden oder jemanden, ob einer tödlichen Krankheit oder eines Unfalls verlieren und dann haben alle wieder das Gefühl, zum ersten Mal vom Tod und der dazugehörigen Trauer gehört zu haben. Ich will den Tod nicht „kultivieren“, aber dass ich ihn mit einer Selbstverständlichkeit, die andere verschreckt, wahr- und ernst nehme, das ist doch schon ein bisschen verrückt, oder? Der Tod ist da und das von dem Moment, an dem wir geboren werden. Es wäre wirklich mal an der Zeit, die eigene Angst gerade zu rücken und mal nachzugucken, ob dahinter nicht ein bisschen Mut lauert. Denn sowohl zum Leben gehört Mut, wie auch über den verdammten Tod zu reden. Und für ein Gespräch über Ängste und Unwohlsein zum Thema Tod und Trauer bin ich jederzeit offen, auch bei einem Grillabend im Sommer unter Lampions und Sonne im farbenfrohen Blumenkleid.

Und: Der Redakteur, der sich traut(!) im Sommer ein Special über das Trauern zu machen, der hat das Leben verstanden!

*(Überraschung: passiert auch im Hochsommer, wird dann im Biergarten auf dem Smartphone gelesen)

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6 Kommentare zu „Frühling, Sommer, Herbst und Trauer?

  1. Ein schöner Kommentar. Danke! Mein Vater ist letztes Jahr im Februar verstorben. Das fand ich besonders traurig, weil ich ihm gewünscht hätte, diese Erde nicht in so einem trostlosen Zustand verlassen zu müssen. Es hätte mich gefreut, wenn er nochmal seinen erblühenden Garten erlebt hätte.
    So aber hat es uns nach seinem Tod etwas geholfen, dass die Sonne im Frühling länger schien und Blüten und Blätter sprießten.
    Die Reaktion des Redakteures finde ich daneben. Völlig unsensibel und Profit-orientiert. Aber ich kann sie inhaltlich nachvollziehen.

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    1. Liebe Sarah,
      danke für deinen Kommentar und deine offenen Worte zum Tod deines Vaters und die Zeit für euch danach.

      Aber für mein Verständnis muss ich noch mal kurz nachfragen: Du findest die Aussage des Redakteurs inhaltlich nachvollziehbar? Aus welchem Grund?

      Liebe Grüße
      Sarah

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  2. Liebe Sarah,
    es vergeht wohl kaum ein Tag, an dem ich nicht in irgendeiner Weise an den (eigenen) Tod oder den meiner Lieben denke. Es ist in mir drin, es war zwar nicht immer ganz so, aber es hat mich schon immer mehr beschäftigt als es vielleicht andere Menschen beschäftigt. Warum das so ist, kann ich nicht genau sagen. Ich denke, es hat damit zu tun, dass ich gerne vorbereitet bin. Auf alles. Schon immer. Über eine bevorstehende OP muss ich immer alles so genau wie möglich wissen, um der Situation einigermaßen begegnen zu können. Andere Menschen lassen es einfach auf sich zukommen und fertig. Und beim Thema Tod versuche ich das auch. Also setze ich mich innerlich damit auseinander, ob es mir etwas bringt, lasse ich mal dahingestellt. Aber mich schockiert ein Gespräch über den Tod bei einem Sommerfest etc. nicht, im Gegenteil, ich wünschte, mehr Menschen würden etwas tiefere Gespräche führen wollen und nicht nur über Banales und Alltägliches sprechen. Vielleicht würde es unserer Gesellschaft gut tun und uns helfen, das Leben besser zu verstehen.
    Eins möchte ich aber noch loswerden: Trauern ist wichtig, sogar essentiell und sowieso unvermeidlich- aber: Trauern darf dich nicht krank machen. Ich schreibe das aus gutem Grund. Eine gute Schulfreundin von mir hat ihren Mann verloren, Knall auf Fall ist er vom Stuhl gefallen und tot. Sie waren erst kurz verheiratet und ich weiß, dass es ihr Traumpartner war, der ihr wirklich alles und noch viel mehr bedeutet hat. Sie war nach seinem Tod nur noch eine Hülle ihrerselbst, ohne Lebensperspektive, ohne Kraft. Sie fand und hatte nur sehr wenige Menschen um sich, die auch nur annähernd verstehen konnten, was sie durchmachte. Auch nach einem Jahr verlief kein Telefongespräch ohne dass sie bitterlich weinen musste. Drei Tage nach unserem letzten Telefongespräch erhielt ich die Nachricht, dass meine Freundin verstorben ist. Ich dachte sofort an Suizid, aber dem war nicht so. Sie war jung und starb an Nierenversagen durch ein gebrochenes Herz, im wahrsten Sinne des Wortes. Das ist gar nicht so selten. Und seitdem weiß ich: der Körper macht nicht alles mit. Exzessive Trauer greift den eigenen Organismus mehr an, als man glaubt. Ich hoffe, dass dein schöner Blog dir hilft, mit deiner Trauer besser umzugehen und dass du dich wenn es ganz schlimm ist, an einen Arzt wendest.
    Liebe Grüße
    Nina

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  3. Ich habe (nach einem schweren Schädel-Hirn-Trauma vor einem Jahr) kürzlich vom Psychologen gelernt: Bis vor wenigen Jahrzehnten war der Tod hierzulande im Leben alltäglich, immer auch dabei.

    Vorher kannte ich diesen Gedanken nicht, heute ist er meist präsent.

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