Die Katze tritt die Treppe krumm

Die Katze tritt die Treppe krumm, ist einer der ersten Sätze, den mein Vater vor acht Jahren sagen musste, um die Schwere seiner Schäden festzustellen.

Denn damals im Februar, zwei Wochen vor meiner Volljährigkeit, hatte mein Vater seinen ersten Schlaganfall und ich meine erste Konfrontation mit (tödlichen) Krankheiten, mit dem Fall der Fälle, mit dem Tod. Die Schwere war Lähmung, die Schwere war, dass im Gehirn jetzt für immer etwas kaputt bleibt, die Schwere war die defizitäre Sprache und das nicht-mehr-kauen und somit auch kaum essen zu können.

Am nächsten Tag war Valentinstag. Ich kam abgekämpft am Abend aus dem Krankenhaus und ein Junge, den ich ganz gut kannte, hatte eine rote Rose bei mir abgegeben. Sie stand in einer Vase auf meinem Tisch, aber ich sah sie nicht, denn ich passierte fortan nur noch im Krankenhaus oder in der endlosen Müdigkeit, die mich im Zug jeden Abend auf der Heimfahrt übermannte, als hätte ich nicht den Tag damit verbracht an einem Bett zu sitzen, sondern auf einem Feld Kartoffeln gerodet oder irgendeine andere körperliche Arbeit verrichtet. Es waren nicht die Monitore, nicht die verrücktmachende Geräuschkulisse, es war nicht das große Krankenhaus und nicht die Gespräche mit Ärzten und Pflegepersonal, die mich ermüdeten. Es war die Anwesenheit von mir und die Abwesenheit von ihm und diese dann auch auszuhalten. Mentale Stärke kostet so verdammt viel Kraft.

Ich sagte damals, ein paar Monate vorher, beim Karten spielen zu meinen Schwestern: „Ich kann mir nicht vorstellen, dass Mama oder Papa irgendwann mal tot sind.“ Und meine Schwestern schüttelten den Kopf und sagten mir, dass man sich so etwas auch nicht vorstelle, das macht man nicht, sie leben ja, mehr braucht es nicht. Ich sagte: Okay.

So ein Schlaganfall nistet sich aber nicht, ohne bleibende Schäden, in einem Kopf ein, der bleibt bis ins kleinste Detail an Händen und Füßen haften, vor allem aber in Gedanken. Er hinterlässt Angst in Spuren aus Erinnerungen, er vermittelt immer wieder das Gefühl von Machtlosigkeit: Was, wenn er wieder einen Schlaganfall bekommt, was ist, wenn er ihn dieses Mal nicht überlebt? Er hinterlässt in den Kopf betonierte Befürchtungen.

Er lag ewig auf der Erstversorgungsstation in der Universitätsklinik. Die Schläuche und Kabel blieben eine ganze Weile, denn seine Hypertonie ließ sich, trotz der Blutdrucksenkenden Mittel, die pausenlos in seinen Körper gepumpt wurden, nicht regulieren, daher blieb der Wert konstant viel zu hoch, was bedeutete, dass die Gefahr nicht eliminiert und somit weiterhin der Tod näher war, als das Leben. Er konnte nicht richtig sprechen, nicht richtig kauen und er hatte diese Lähmung auf der linken Seite. Wenn man andere Patienten sah, dachte man: alles halb so wild.

Ich besuchte ihn jeden Tag. Und jeden Tag wartete das Krankenhauspersonal mit irgendwelchen anderen Neuigkeiten auf mich – meistens war das aber nur der Satz, dass der Blutdruck immer noch zu hoch war, daran hatte ich mich irgendwann gewöhnt. An einem Tag aber erwartete mich der Pfleger (Ich nenne ihn Robin) schon auf dem Flur, sein Blick machte mir Angst, ein ziemlich großer Schreck durchfuhr meinen Körper; was ist, wenn er mir sagt, dass mein Vater tot ist?

Er lebte noch, so wie es sich für ihn gehörte.
Robin sagte mir, dass ich mich nicht erschrecken sollte, aber da sie den Blutdruck noch immer nicht in den Griff bekamen, müssen sie den Wert nun direkt messen, um zu gucken. Ich sagte: Alles klar. Obwohl ich keinen blassen Schimmer davon hatte, was „direkte Messung“ bedeutete und wonach sie genau gucken werden. Aber alles klar suggerierte immer, dass ich damit klar kam, dass ich vielleicht noch ein junges Mädchen war, aber es sagte allen anderen und mir, dass ich keine Angst hatte. Vermutlich die größte Lüge meines Lebens.
Direkte Messung bedeutet, dass ein ziemlich dicker Schlauch in der Arterie meines Vaters lag. Bei jeder Bewegung hatte ich Angst, dass er irgendwo hängen blieb, ich hatte Angst, dass er sich weh tut, ich hatte Angst, dass ihm dieser verdammte Schlauch, der so lieblos in seinem Arm steckte, mehr Schmerzen bereitete, als dass er half. Ich hatte Angst, die ganze Zeit, doch ich tat so, als sei das Zusehen, das Beten, das Bangen und Hoffen und Wünsche durch glasklare Fensterscheiben an irgendeinen unsichtbaren Gott schicken, keine sonderlich große Aufgabe, ich tat so, als sei das alles banaler Alltag – schon tausend Mal erlebt. Ich dachte an Kinder, die viel jünger und Eltern die viel kränker waren. Ich dachte die ganze Zeit nach.

Der Bettnachbar bekam jeden Tag Besuch von seiner Frau, die mich stets mitleidig anschaute, nach meinem Alter fragte – irgendwie wurde ich zwischen Fahrstuhl und Zug fahren achtzehn, sie fragte nach meiner Mutter. „Meine Eltern sind geschieden“, und ihr Mitleid wurde größer. Ihr Mann lag entweder regungslos im Bett oder schief in einem breiten Sessel, dann bekam er zu allem noch einen Virus und wir durften das Zimmer eine Weile nur noch mit Mundschutz und blauen Kitteln betreten.
Ein paar Tage später war er tot.

Ich aß Unmengen von Pommes in der Klinik, sah den Mitarbeitern dabei zu, wie sie ihr Leben lebten, in dem sie Leben retteten, während ich mein letztes Kleingeld in Kaffee- und Snackautomaten schmiss, als seien sie meine Lebensversicherung.

Die Rose auf meinem Tisch welkte dahin, der Schock ließ mich weiterhin zittern und alles andere ignorieren. Meinem Vater ging es nach einer Weile wieder besser, doch besser war nicht gut. Dieser Schlauch steckte immer noch in seinem Arm und als er sich einmal zu hastig bewegte, riss er heraus und die gelbe Bettdecke war in Sekundenschnelle knallrot – alles war voll Blut. Der hilflose Blick meines Vaters, das Piepen des Monitors, mein schneller Herzschlag und wie meine Beine sich dann bewegten, sind unvergessene Bilder und Gefühle. Geräusche in meinem Kopf, nicht wie die Vernarbungen im Gehirn, aber ich werde sie bis heute nicht mehr los.

Um zu prüfen, ob sich sein Hirn wieder rehabilitiert hat, musste er beinahe jeden Tag diesen blöden Satz sagen.
„Sagen sie mal: die Katze tritt die Treppe krumm“, befahlen sie, immer. Manchmal wollte er nicht und trotzte wie ein Kleinkind. Und an anderen, besseren, vielleicht kämpferischen Tagen, versuchte er den Satz zu sagen, verhedderte sich an dem Zungenbrecher aber so, dass der Missmut stärker wurde.

Er aß wenig, er wurde wütend. Aber Wut war ein Zeichen von Stärke, irgendwie zumindest.

An einem Tag kam ich ins Krankenhaus, und wollte mich auf der Station melden – wie man das so tat auf der Stroke-Unit in der Klinik dort -, aber Pfleger Robin wartete schon auf dem Krankenhausflur und rief mich, als er mich sah.
Ich dachte wieder: Was ist, wenn er mir sagt, dass er tot ist? Was ist dann eigentlich? Ich sah manchmal Menschen im Fahrstuhl, die aus dem Keller mit einem Beutel Kleidung kamen, mit traurigen Gesichtern, mit dem Tod. Daran dachte ich in diesem Moment. Vielleicht ging ich auch mit einer Plastiktüte nach Hause, mit seiner Kleidung und seinem Gebiss und meinem traurigen Gesicht.
„Wir mussten ihren Vater fixieren“, sagte Robin und ich atmete erleichtert aus. Erleichtert, weil er noch lebte, aber insgeheim war mir nicht Wohl bei der Sache. Fixierung klang nach Freiheitsberaubung und hatte man ihn nicht schon sämtlicher Freiheiten beraubt? Genügte das nicht?
Doch ich sagte wieder: Alles klar, dann weiß ich Bescheid, und ging ins Zimmer. Unter den braunen Gurten lag ein zierlicher Mann, dessen Nahrungsaufnahme sich verbesserte, aber dem beim Nachtisch essen mit dem Joghurt manchmal noch ein Salatblatt von der Vorspeise aus dem Mundwinkel rutschte. Er rüttelte mit der Hand, die nicht vom Schlaganfall betroffen war, daran, aber es half nichts, er müsste ruhiger werden, sagte ich ihm, sonst würde er nicht losgemacht.

Der Schlauch kam aus seinem Arm, das Loch wurde zugenäht, so einfach verschloss man Wunden, so leicht entstanden sichtbare Narben. Der Blutdruck normalisierte sich und die Lähmungserscheinungen nahmen ab, manchmal saß er sogar an der Bettkante oder ging auf die Toilette, anstatt den Stuhl, der im Raum stand oder die „Ente“ zu benutzen. Aber wenn wir rätselten und ich ihm Fragen stellte, und seine Antworten, ob der verwaschenen Sprache, selten verstand, schrillte der Alarm, sein Blutdruck schoss unter Anstrengung trotz all der Medikamente noch in die Höhe. Aber alles fügte sich irgendwann wieder ein bisschen der Normalität. Vielleicht aber auch, weil wir uns an den Linksdrall gewöhnten, oder an den emotionalen Kontrollverlust, den er bis zu seinem Tod acht Jahre später noch hatte. Wir gewöhnten uns, denn Gewöhnung ist am Ende der einzige Halt.
Er sagte: „Die Katze tritt die Treppe krumm“, nie fehlerfrei, aber mit einem Selbstbewusstsein, das ihm half, irgendwann auf die normale Station verlegt zu werden. Er bekam Therapien. Die Logopäden, die Physiotherapeuten, die ganzen vielen Pillen, all das machte meinen Vater wieder ein Stück mehr zu dem, der er einmal war, irgendwann, aber es machte keinen gestandenen, aufrecht gehenden Mann mehr aus ihm, er war nie mehr der, der er zuvor war, kein Vater der Möbel schleppte oder aufbaute, der mit dem Auto in der Gegend rum fuhr, der den Töchtern die Einkaustaschen ins Haus trug, der sich nochmal eine Frau suchte, er war danach für immer sehr schwach und an Medikamente gebunden. Aber er lebte noch und atmen war mehr, als irgendeine Fähigkeit, irgendeine Ausdauer. Auch wenn er irgendwann hauptsächlich am Sauerstoffgerät war, war eine halb arbeitenden Lunge fast mehr wert, als ein einwandfrei funktionierender Kopf oder Körper.

Ich lief mit, als er anfing, wieder zu laufen, ich sah zu, wie er anfing, lachen mit weinen zu verwechseln, ich stellte fest, wie es war, wenn jemand überlebte und ich durchlebte die Fragen, wie es wäre, wenn jemand starb.

Die Rose war am Ende nur noch ein Stiel in einer staubtrockenen Vase. Drumherum ein paar vom Wind vergessene Blütenreste. Es blieb nicht viel von mir, es blieb nicht viel von der vermeintlichen Liebe. Nur ein Zeitabschnitt und Angst.

Seit dem 13. Feburar 2008 schlägt mein Herz für den Tod – nein, es schlug nicht, es raste -und dennoch habe ich mich nicht eine einzige Sekunde wirklich daran gewöhnt. Ich weiß seitdem, dass es bei (tödlichen) Krankheiten immer noch Luft nach oben gibt, aber manchmal zu wenig, um selbst zu atmen. Und ich weiß: die Katze tritt die Treppe gar nicht krumm.

Jetzt ist mein Vater zwar tot und trotzdem sage ich manchmal zu meinen Schwestern: „Ich kann mir nicht vorstellen, dass Papa nicht mehr lebt.“

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9 Comments

  1. Du schreibst, dass es weh tut.
    Ich habe ähnliches durchlebt und doch ganz anders. Einmal als diejenige, die selbst in der Klinik lag, einmal am Bett meines (vermeintlich) sterbenden Vaters. Wir hatten Glück, wir haben beide überlebt.
    Du findest die Worte für das nicht Greif- und Unfassbare. Dafür danke ich Dir.

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  2. „Mentale Stärke,kostet so verdammt viel Kraft“.Großartig hast du das mit dem Kartoffelsalat verbildlicht… und überhaupt wieder wunderbare Worte,für so sprachlose Zeiten gefunden.Man durchlebt es fühlend mit.Einen Dankedrücker dafür ☆♡☆

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  3. Weckt hier beim Lesen Erinnerungen, dass mit dem vielen Kraft kosten auszuhalten und irgendwie weiterzulaufen war hier ähnlich. Ist auch das Gefühl da das wir uns nie davon kräftemässig erholt haben. Irgendwie ist es für uns nie gut aushaltbar geworden.

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