„Ich will kein normales Grab“, sagt F. und pustet Zigarettenqualm in die Luft. „So ein normales Begräbnis hat immer was mit der Kirche zu tun und die Kirche mag ich nicht.“

Es ist Montag, die Sonne scheint durch die großen, alten Bäume auf die Grabsteine und durchleuchtet die Gänge, als bräuchten wir besonders viel Licht, um zu sehen, was es auf dem Friedhof zu sehen gibt.

Es gibt viel zu sehen. Gräber – das Wissen um all die Toten. Es gibt Namen, Besonderheiten, sogar Fotos und Gestecke. Zerbrochene Steine, kunterbunte Blumen, Ordnung und Fragen. Ja, zu der vermeintlichen Stille gesellen sich Fragen. „Wie wollt ihr euch mal bestatten lassen“, fragt S., als wir auf einer Bank sitzen, halb Sonne, halb Schatten auf unseren Rücken, die Blicke auf ein großes Kreuz gerichtet. Wie wollt ihr euch mal bestatten lassen?

Wir sind alle drei Mitte zwanzig und soweit wir wissen auch alle kerngesund. Ich kann mich kaum daran erinnern, jemals mit meinen Freunden über die eigene Beerdigung gesprochen zu haben, aber falls wir das mal gemacht haben, irgendwann in den ganzen zehn, fünfzehn Jahren, die wir uns nun schon kennen, dann hatte ich mit Sicherheit damals noch eine andere Meinung. Da hielt ich es noch für sinnlos, sich Zeit zu nehmen, um etwas schönes auszusuchen und viel Geld an die Seite zu legen, um mir jene Beerdigung dann auch leisten zu können, denn dann wäre ich ja eh tot.
F. sagt jedenfalls, dass sie diese „normale“ Beerdigung nicht möchte, wegen der Kirche, und ich frage mich die ganze Zeit, was die verdammte Kirche mit dem Tod zu tun haben muss, wieso man nicht ohne an die Kirche zu denken, an sein Begräbnis denken kann. F. möchte auf den Friedwald, das wäre schön, sagt sie, das stelle sie sich toll vor – ihr Name an einem Baum. S. möchte, so wie ich, eine traditionelle Beerdigung, mit besonderem Grabstein auf dem Friedhof. Mit meinem heutigen Wissen, das überholt und voller Erfahrungen ist, bedeutet so ein klassisches Begräbnis mit Sicherheit nichts „uncooles“, sondern bloß, dass man sich irgendwann mal Gedanken darum gemacht hat. Ich finde es nicht verkehrt, nicht mehr albern, nicht mehr zu früh, ich finde, wir sollten spätestens in fünf Jahren noch mal darüber reden. Vielleicht ändert sich bis dahin wieder etwas in meiner Ansicht, vielleicht bleibe ich aber auch dabei und suche mir irgendwann meinen Sarg und meinen Grabstein aus. „Von mir aus kann man meine Beerdigung dann auch periscopen, aber sie soll schön sein und es dürfen auch gerne alle weinen“, denke ich noch so, sage es aber nicht. Wir stehen auf und laufen weiter. Der Friedhof ist groß und reich an Erinnerungsstücken, Menschen, die tot sind, aber immer noch erzählen, wer sie mal waren. Außer uns sind keine Lebenden da, keine Besucher, keine Freunde oder Familien. Es ist Montag, die Sonne scheint, meine Sommersprossen werden mehr.

Wir laufen eine ganze Weile über den Friedhof und alles ist so schön und so ruhig, wir machen Fotos und zeigen einander die verschiedensten Grabsteine. Ich frage mich, inwieweit man Gräber fotografieren darf und ob es so ähnlich ist, wie fremde Menschen in der Öffentlichkeit abzulichten. Ist es okay, wenn ich einen Grabstein fotografiere oder hat das etwas mit Respekt dem Toten gegenüber zu tun?

Auf dem Friedhof ist aber kein Fotoverbot, deswegen fotografieren wir weiter alles, was uns gefällt. Denn der Friedhof ist der einzige Ort voller Geschichten, die nicht schreien, um gehört zu werden, sie sind einfach da, diese Geschichten. Er ist der Ort voller Menschen, die nicht versuchen, cool oder anders zu sein, sondern die einfach da sind, unter uns weilen, bleiben.

 

 

 

 

 

 

DSC_5616
Hauptfriedhof, Kassel – Als Ort der Lebenden.
DSC_5619
F. & S. ❤
DSC_5633
Mausoleum.
DSC_5609
Oh, Jesus.
DSC_5637
S. liest die Spuren der Toten.
DSC_5630
Ehrengrab: Ludwig Emil Grimm.

DSC_5623

DSC_5643
Leben zwischen den Toten.
DSC_5664
Hier ruht.
DSC_5627
Das Bunte, das Leben.
Advertisements

10 Kommentare zu „Wie wollt ihr euch mal bestatten lassen?

  1. Vor zwei Wochen war ich bei einer Einäscherungsfeier in Ruhleben (Berlin). Es war so schön, wenn man das in Bezug auf einen derart traurigen Anlass sagen kann, dass ich dachte: so möchte ich auch bestattet werden. Was mit der Asche geschieht sollen die bestimmen, die um mich trauern. Wenn sie einen Ort der Andacht brauchen, sollen sie ihn bekommen. Wenn nicht, dann sol man die Asche einfach verstreuen.

    Gefällt 2 Personen

    1. Danke für deinen Kommentar!

      Ich finde es gut, dass du diesen Anlass als schön bezeichnest. Man hat ja all zu oft das Gefühl, man dürfe so etwas nicht als schön empfinden, weil das morbide klingt, aber dadurch entsteht ja sofort diese Kluft zwischen Leben und Tod und eben das finde ich wirklich schade.

      Dass die Hinterbliebenen am Ende entscheiden sollen, ob es für dich einen Ort geben soll, ist wahrscheinlich die richtige Entscheidung!

      Gefällt 1 Person

  2. Ich gehe auch gerne Friedhöfe besuchen. Jedes Mal wenn ich wieder in Deutschland bin schau ich bei meinem Stadtfriedhof vorbei. Hier in Amerika gibt es leider nicht so viele historische Friedhöfe. Aber zum Beispiel die übererdigen Gräber in New Orleans sind sehr interessant. In meiner Stadt gibt es einen alten Siedlerfriedhof mit vielen Gräbern vom irischen Einwanderern.

    Ich hatte vor einigen Tagen an deinen Blog gedacht. Has du zufällig das Buch ‚A Monster Calls‘ gelesen? Wenn nicht kann ich das sehr empfehlen. Es ist relativ kurz, mit sehr schönen Zeichnungen, und handelt von einem Jungen, der lernen muss, dass seine Mutti höchstwahrscheinlich von Krebs sehr bald stirbt. Ich bin gerade dabei eine kleine Zusammenfassung auf meinem Blog zu schreiben.

    Gefällt 1 Person

  3. Ich bin sehr auf auf Friedhöfen, genieße die Ruhe, lausche den Geschichten. Und natürlich fragt man sich da auch mal, wie man selbst bestattet werden will. Ich finde die Vorstellung von einem FriedWald schön. In der Natur bestattet werden, eins mit der Natur werden. Aber im Grunde müssen sich doch die Angehörigen aussuchen, wo sie trauern wollen. Denn am Ende sind sie es, die an diesen Ort gehen um dem Verstorbenen zu Gedenken.

    Gefällt 1 Person

    1. Ja, da hast du Recht. Am Ende sind es die Angehörigen, die entweder einen Ort brauchen oder eben nicht. Aber wie ich es ja kürzlich in einem Text schrieb, fehlt mir diese Stelle bei meinem Vater sehr. Und die Frage, wohin ich einmal mit meinen Kindern gehe, wenn wir ihren „Opa“ besuchen, regt mich immer wieder dazu an, vermehrt über Beerdigungen nachzudenken.
      Aber vielleicht haben meine Kinder/Freunde/Geschwister später gar nicht den Wunsch nach einem Ort, an dem ich weiterhin „bin“.

      Ich danke dir für deinen Kommentar dazu. Eins mit der Natur werden, klingt auch total schön!

      Gefällt mir

  4. Hallo zusammen,
    Am 12.12.16 ist meine Oma im stolzen Alter von 86 Jahren gestorben. Friedlich neben meinem Opa eingeschlafen. Meinem Opa geht es nicht gut, macht sich Vorwürfe, lebt in seiner eigenen kleinen Welt. Wir passen auf Ihn auf bis die beiden wieder vereint sind. Die Bestattung meiner Oma war eine Feuerbestattung im klassischen Sinne, aber sehr stilvoll, schön und respektvoll. Ehrenvollerabschied von meiner Oma, die Ihr Leben gelebt hat mit Höhen und Tiefen und immer für jeden da war. Es ist komisch zu wissen das Sie nicht mehr da ist. Einerseits freut man sich das Sie gehen durfte und nicht mehr gesundheitlich leiden muss und anderseits ist man traurig, weil man den überfallen Liebenden Menschen nicht mehr drücken kann und nicht mehr sieht. Ihr Platz auf dem Friedhof ist wunderschön, umringt von prachtvollen Bäumen, fernab von Lärm und Stress. Mein Opa und meine Mutter suchten diesen Ort für sie aus. Ich finde das haben die beiden trotz Ihren großen Verlustes und dem Schmerz sehr gut hin bekommen. Wenn ich an meinem eigenen Tod denke, weiß ich nicht so Recht, wie das von statten gehen soll bzw. wie ich mir das vorstelle. Ich bin auch der Meinung, dass es den zurück geblieben entscheiden sollen, wie sie mich zu Grabe tragen möchten und wie sie mich in Zukunft sehen möchten. Ich hoffe doch positiv😊. Der Tod ist unser Begleiter im Leben was wir akzeptieren müssen. Das Lied „Die Rose“ von Helene Fischer trifft es so wie ich es auch sehe. Für alle die auch im Moment in Trauer schweben wünschen ich viel Kraft, dass das traurige verschwindet und Platz macht für die schönen Erinnerungen die der Verstorben hinter lassen hat. Beste Wünsche Eure Mandy

    Gefällt mir

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s