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Vor ein paar Jahren erzählte meine Mutter mir, dass innerhalb von Familien meist ein Kind geboren wird, wenn jemand stirbt. Es gäbe da aber keine Regel – manchmal geschieht es davor und manchmal danach, manchmal auch gar nicht. Das variiere, aber die Natur habe das eigentlich so vorgesehen. Sie erzählte mir auch, dass damals, als meine Schwester zur Welt kam, im etwa gleichen Zeitraum die Mutter meines Vaters starb, meine Großmutter also, eine Frau, die ich nicht kannte, da sie starb, bevor ich geboren wurde, die ich mir aber anhand der schwarzweiß Fotos und der Erzählungen meiner Eltern wie das weibliche Pendant zu meinem Vater vorstellte. Die spitze Nase, der scharfe Blick auf das Leben, der ausgeprägte Sinn für Lustiges.

Ich glaubte diese Geschichte vom geschenkten und gleichzeitig gestohlenem Leben nicht. Es klang so bemüht positiv, verquer und romantisiert. Als wolle es einem um jeden Preis die Traurigkeit nehmen, albern.

Schon vor dem Tag, an dem feststand, dass mein Vater sterben wird, stand auch fest, dass er meine Kinder nicht mehr kennen lernen wird. Das bedeutete gleichzeitig auch, dass meine Kinder ihren Opa nie kennen lernen würden, obschon mir das immer sehr schmerzlich schien und ich das sehr bedauerte, musste ich es hinnehmen, ich musste es akzeptieren.
Ich kenne Menschen in meinem Alter, mit genauso „alten“ Vätern, die Kinder bekamen, damit deren Großvater sie aufwachsen sehen konnte. Ich fand das ist eine sehr schöne Idee, eine tolle Maßnahme, um gegen die Natur zu rebellieren, aber ich stellte mir das Kinderkriegen anders vor und ich wollte meine Mutterschaft nie von dem Tod meines Vaters abhängig machen. Auch wenn ich mir sicher bin, dass er sich gefreut hätte, meine Kinder kennen zu lernen und sie „Räuberrieke“ „Niesfisch“ oder „Räuber“ zu nennen. Aber das Leben ist nicht erzwingbar und der Tod nicht aufzuhalten. Das eine war bisweilen nicht geplant und das andere absehbar. Mehr als das ganze abzunicken, war nicht drin.

Dann starb mein Vater und das war ein natürlicher, vorhersehbarer aber dennoch unglaublich katastrophaler Umstand, und ich war wütend auf die Natur und den scheiß „Lauf des Lebens“. Aber sechs Tage später war meine Schwester M. Schwanger und neun Monate später war dann dieses große und starke Mädchen auf dieser Welt, mit ganz vielen schwarzen Haaren und der dunklen Haut – ein unglaublicher Anblick, so zart und klein, so dicht am Tod und so verrückt, dass ich darüber mehr als einmal weinen musste.

Meine Schwester M. kommt nach unserer Mutter und hat helles Haar. Ich komme nach unserem Vater und habe die fast schwarzen Haare, die vielen großen Sommersprossen und das „ich esse jeden Tag eine Tafel Schokolade und laufe anschließend einmal um den Block“ von ihm. Oft entdecke ich an mir sogar seine Unarten, das Sprunghafte in den Beinen, die Festigkeit in meinem Denken und in meinem Handeln. Jeder hat etwas anderes von unseren Eltern. N. hat noch dunkleres Haar und dieselbe Nase wie unser Vater, genau wie unsere Brüder. Manchmal sahen wir uns Fotos an oder betasteten unsere Oberflächen, um zu sehen, wer nach wem kommt. Bei dem einen war es immer ganz klar, bei dem anderen suchten wir und fanden es dann im Innern. Sommersprossen aber haben wir alle. M. bekam sie erst während der Schwangerschaft, und die Enkelkinder fangen nach und nach damit an. Ein hübsches Bild und faszinierend, wie sich die Haut optisch aneinanderband, wie ein nicht trennbares Seil.

Da war aber nun dieses Baby, ganz klein und doch irgendwie so groß, so viel wunderschönes, kerngesundes Leben und sie wuchs und wuchs und wächst noch immer. Manchmal sagen wir „Du kleiner Niesfisch“ zu ihr und manchmal denke ich, wie schnell die Zeit vergangen ist. In zwei Monaten wird sie schon ein Jahr alt. Ein ganzes Jahr und daran sieht man, dass die Zeit vergeht, ohne, dass man es merkt. Zeit vergeht so schnell, dass wir oft denken, in dieser Zeitspanne sei nichts passiert, außer eine Seebestattung und zwanzig Mal auf die Knie fallen und die Chipskrümel und das Leben aus einer Sofaritze zu pulen. Aber oft passiert mehr und meistens ganz unbewusst, weil wir hinnehmen, was wir erleben, weil wir nichts notieren, weil es okay ist zu akzeptieren, dass alles vergänglich ist. Ja, auch Zeit.

Vor ein paar Tagen waren wir alle zusammen bei unserer Schwester N. Dort steht ein kleiner Tisch mit einem Gesteck, einer Kerze und vielen Fotos von unserem Vater. Auf einem ist er noch ganz jung und hält eine Schultüte in der Hand und auf dem anderen ist er vielleicht drei Wochen von seinem Tod entfernt und auf vielen anderen ist er gesund, hat graue Haare, einen Schnauzbart und sein altes schelmisches Grinsen. Und die kleine L. robbt auf der Erde herum, klaubt Krümel auf und strahlt dabei so viel hinreißendes Leben aus. Sie schaut sich diese Fotos aus der Ferne an, robbt genau dort hin, nimmt sich eines, kullert auf den Rücken und lacht. Sie lacht, als lebe in ihr ein bisschen dieser alte Mann mit dem Sinn für Lustiges. Und ich sitze am Tisch und sehe ihr dunkles Haar und denke an den Tag an dem sie zur Welt kam, beuge mich zu meinen Schwestern und frage: „Was hat Papa eigentlich damals gesagt, als sie mit diesen vielen Haaren geboren wurde?“

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7 Kommentare zu „Eine Frage der Zeit

  1. Sehr berührend und solcherweise geschrieben, dass ich immer weiter lesen mag.
    Es spricht viel Resümierendes aus Deinem. Trotztrauer sag ich mal so und Du gehst das auf eine Weise an, wie auch ich mich selbst tröste, wenn ich meine Toten suche. Ich finde sie in den Gesichtern meiner Familie und in Azzotiationen bestimmter Gerüche und Düfte. Sie sind lebendig um mich geblieben, auch wenn ich ihre Körper und die Stimmen zeitweilig angestrengt im Detail zu erinnern versuche. Dann in den Spiegel sehen, die eigenen Augen blicken und sagen: Ach ja…da bist du doch…noch immer und mit jedem älteren Tag wird es offensichtlicher. In Mimikfalten, dem Lächeln oder der Art fragend aus der Wäsche zu schauen.
    Einen lieben Gruß und Dank fürs Lesendürfen von etwas so Persönlichem.
    Stefanie

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  2. Ich bin eher zufällig über Edition F auf dich gestoßen und finde jetzt bereits so schön und so wichtig, was du tust und wie du schreibst. Als jemand, der selbst gerade erst ein Elternteil und damit ein wenig Orientierung verloren hat, Danke dafür und liebe Grüße zu dir!

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  3. Die Erklärung ist so schön und für mich doch so weit von der Realität… Meine Mutter starb 2008, mein Vater 2011. ich war 20. nun, einige Jahre später, hatte ich letztes Jahr die erste Fehlgeburt – und dieses Jahr die zweite. Wie schön es wäre, wenn mir Leben geschenkt werden würde..

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  4. Es gibt viel unerklärliches zwischen Himmel und Erde. Die Verstorbenen leben unter uns und Kleinkinder haben noch die Verbindung zu ihnen. Kuebler-Ross Bücher lesen

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