Gestern habe ich bei Twitter unter dem Hashtag #trauern geguckt, welche Menschen tatsächlich so ihre Trauer im Netz leben bzw. davon erzählen, wie sie auch davon berichten, dass das Kind gerade einen lustigen Satz gesagt oder der Partner mal wieder den Müll nicht runter gebracht hat. Aber bis auf die derzeitige Trauer über das Wetter oder einen Prominenten (was ich gar nicht abwerten möchte), war wenig Trauer zu finden. Ich hatte die romantische Vorstellung davon, dass sich jemand einmal hingesetzt und in 140 Zeichen seine Wut und Traurigkeit in das Internet geschrien hat. Wie zum Beispiel damals, als unter dem Hashtag #notjustsad über die eigene Depression geschrieben wurde, und was heute noch gemacht wird. Ich dachte, dass es dort ein kleines Becken gibt, eine handvoll Menschen, die sagen, hier guckt mal, ich habe auf dem Weg etwas verloren und ich will, dass ihr wisst wie scheiße das ist, ich dachte, dass irgendwo jemand ein Tabu bricht und dass ich mal fragen kann: hey, wieso haben wir Menschen eigentlich Angst vor dem Tod und vor dem Umgang mit trauernden Personen. (Wahrscheinlich habt ihr meine Tipps dazu gesehen.) Ich fand nichts derart. Vielleicht habe ich das Internet aber auch einfach noch nicht verstanden und irgendwo gibt es diese Nische. Ich freue mich, wenn ihr mich darauf hinweisen würdet.

Allerdings habe ich unter #trauern dann doch noch zwei Beiträge gefunden, die ich sehr interessant fand und deswegen mit euch teilen möchte.

Warum schweigen schlimmer als Trauern ist, fand ich auf dem Totenhemd-Blog, der, wie der Name schon sagt, immer und immer wieder interessante Beiträge zum Thema bereithält.

Am 10. November 1977 habe ich einen Bruder bekommen, Johannes. 18 Tage darauf stirbt er an einem Herzklappenfehler, einen Tag nach dem ersten Advent. Jetzt ist er beerdigt, er liegt mit im Grab seiner Urgroßeltern. Sein Name wird nicht auf dem Grabstein stehen. Mein Vater räumt die Babysachen weg und meine Mutter versinkt in Trauer. Meine Eltern machen dieses Foto. Man sieht das Drama nicht und spürt es doch. Niemand wird, als ich älter werde, mit mir über Johannes reden.

 

Beim scrollen kam ich dann noch zu diesem Beitrag, den ich wahrscheinlich ohne meine sinnlose Suche nie gefunden hätte, aber tatsächlich sehr lesenswert finde. Leben bis zum Ende

Sie gehörte einer Generation an, bei der nicht die Selbstverwirklichung im Zentrum ihres Lebens stand. Sie hat in ihrem Leben nicht das gemacht, was man als Erfüllung ihrer Träume bezeichnen würde. Aber sie nahm die Herausforderungen an, vor denen sie jeweils stand und akzeptierte die gestellten Aufgaben. Vor allem setzte sie sich für das Wohl der anderen ein: für Kranke, Alte, Bedürftige, Flüchtlinge und Ungerecht-Behandelte. Vielen Menschen stand sie mit ihrer praktischen Hilfe zur Seite, wenn es nötig war. Und vor allem hatte sie eine besondere Gabe: Sie konnte wunderbare Briefe schreiben, die den Menschen Trost und Hoffnung gaben.

 

Aber wie immer habe ich noch viel anderes gelesen:

Mareice Kaiser hat mal wieder eine schöne Liste mit Texten zusammen gestellt. Von Gespenstern und anderen Menschen, die kennt ihr aber wahrscheinlich sogar schon. Darunter auch ihr eigener Text, der mich immer wieder berührt und den ich deswegen hier auch teile. Mein Kind, das Gespenst

Meine große Tochter ist das Kind, vor dem sich alle werdenden Eltern fürchten. Sie ist das Kind, wegen dem pränatale Untersuchungsmethoden entwickelt wurden. Sie ist das Kind, für – nein, gegen – das es Schwangerschaftsabbrüche gibt. Die Vorstellung, ein Kind wie sie zu bekommen, spukt zwischen den Zeilen und Kreuzen des Mutterpasses umher, oft auch in den Gedanken der werdenden Eltern. Bis die Hebamme nach der Geburt des Kindes sagt: „Alles gut, das Kind ist gesund“. Nach der Geburt von Kaiserin 1 war nicht “alles gut”. Meine behinderte Tochter ist ein Gespenst

 

In der FAZ war kürzlich ein Artikel über den Umgang mit der Trauer am Arbeitsplatz. Ich fand ihn aus verschiedenen Gründen sehr interessant. Erstens, weil dort Sätze stehen, die ich so ähnlich in meinem Text bei Edition F geschrieben habe, und das bestätigt mir, dass ich gar nicht ganz falsch liege. Und weil ich es für wichtig halte, Trauer am Arbeitsplatz auch mal in den Kontext zu stellen. In Trauer Arbeiten

Aber Unsicherheiten sind groß, die wenigsten trauen sich an Trauernde heran. Das hat jeder schon erlebt oder beobachtet: Biegt Kollege S. ums Eck, der gerade seine Frau verloren hat, dann weicht man ihm aus, kurvt abermals über den Parkplatz oder verharrt im Büro, alles nur, um ihm nicht begegnen zu müssen – und seiner eigenen Unfähigkeit, mit der Ausnahmesituation umzugehen. Das Motto der Sprachlosen: Ich sage mal nix, dann kann ich auch nichts Falsches sagen.

Durch einen schönen Zufall bin ich dann auch noch auf diesen etwas längeren aber wirklich schönen und berührenden Text von Julia Latscha gekommen. Auf Reisen mit einem behinderten Kind – Ins Ungewisse

Im Auto sortiert Lotte am liebsten Schuhe im Fußraum und wirft sie dann voller Freude aus dem Fenster, was Tulga zum Glück meistens rechtzeitig bemerkt. Auch Tulgas Musikgeschmack begeistert Lotte. Vor allem bei Modern Talking klatscht sie laut den Rhythmus mit, wippt ihren Oberkörper nach vorn und hinten und wirft die Arme voller Freude in die Luft. Ich hasse Modern Talking. Lottes Summen macht mich glücklich. Lotte kann nicht sprechen. Nur vereinzelte Wörter wie »Mama« und »Papa« oder »Ja« und »Nochmal« verstehen wir. Es gibt auch Laute, die Lotte permanent wiederholt und deren Sinn wir selbst nach Jahren nicht entschlüsseln.

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4 Kommentare zu „Empfehlungen |||

  1. Schaul mal, hier sind noch ein paar Artikel vom Blog Mädchenmannschaft:

    Über Verlust und Trauer
    http://maedchenmannschaft.net/ueber-verlust-und-trauer/

    Über Verlust und Trauer – Bücher und Zines zu Trauer, Suizid und Unterstützung für Trauernde
    http://maedchenmannschaft.net/ueber-verlust-und-trauer-buecher-und-zines-zu-trauer-suizid-und-unterstuetzung-fuer-trauernde/

    Vom Trauern und Liebe(n)
    http://maedchenmannschaft.net/vom-trauern-und-lieben/

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