Ein Beitrag vom 25. April 2015, den ich auf fuerhilde geschrieben habe, der aber immer wieder zu heute wird.

 

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Wie lange dauert es eigentlich, bis eine Erinnerung verloren geht?

Wie lange dauert so eine Phase der Trauer eigentlich wirklich, so ganz im ernst jetzt mal unter uns, wie lange ist eigentlich dieses ominöse lange und wann verdammt sieht man ein, wann verdammt kapiert man, wann um Himmels Willen weiß man, dass etwas wirklich weg ist?

Ein halbes Jahr hat der Mensch bis jetzt gebraucht, um etwas zu verstehen, bei dem es weder Formeln, noch Zahlen, noch einen Leitfaden gibt. Es hat gedauert, etwas zu verstehen, bei dem niemand da sitzt, der einem sagt, wohin die gebrochenen Gefühle kommen, oder diese ganze scheiß Apathie, die Angst, das Herzrasen, der volle Kopf, der, mit den leeren Gedanken. Sechs Monate, für das Umhertragen dieser transparenten Füllmenge in diesem rauen Körper. Eine Füllung, die aus den Ohren und aus den Augen, aber nie aus dem Mund herausquillt.

Der Mensch hat schon verstanden, dass jetzt ein halbes Jahr um ist, dass jetzt sechs Monate vergangen, dass jetzt verdammt viele Tage und Stunden und Sekunden verstrichen sind, in denen man hätte etwas bemerken, etwas neues fühlen müssen. Monate, in denen man hätte ein bisschen mehr lieben, ein bisschen mehr küssen, ein bisschen zu wild feiern sollen, bei dem man hätte, noch ein bisschen mehr verstehen müssen. Sechs Monate, in denen man hätte mehr reden und mehr zuhören müssen. Man hat verstanden. Verstanden, dass man einfach überhaupt nie etwas so wirklich verstehen wird. Aber was man wirklich erkennt, in diesem idiotischen Sonnenschein, ist, dass man sich sicher ist, dass das nicht so viel Zeit gewesen sein kann. Dass nie und nimmer ein verficktes halbes Jahr im Stande ist, so dermaßen zu rennen, an einem vorbei. Und weg. Einfach weg. Aber Erinnerungen, Trümmer und Wut, das alles bleibt, geht nicht verloren, wie eine vermeintliche Zeitspanne, die so weg ist, wie ein Leben. Das ist doch wohl Endlichkeit. Stillleben verpuppt in Monaten. Stilles Leben verpuppt sich jetzt in schwülen Nächten. Nach einem halben Jahr. So unbemerkt hat sich etwas vollendet.

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Aber es muss doch eine wirkliche Geschichte geben für die Monate. Ein Fragment und noch eines, da müssen doch Balken sein, die ein halbes Jahr halten, da müssen doch Menschen sein, irgendwo, die für die ganzen Tränen einstehen. Da muss doch jemand sein, der beantwortet, was ungefragt bleibt. Da muss es doch eine Lösung geben, eine einzige scheiß Lösung, ein Stück klapprige Hoffnung, ein Geruch, ein Schnitt, eine Bruchstelle, die doch sichtbar heilt. Da muss doch ein Mensch sein, irgendwo, der sich seinen Frühling in den Arsch steckt und stattdessen mit dir in Alaska bleibt.

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Ich frage mich, wieso sind wir da, wenn niemand mit uns da ist. Ich frage mich, wieso wir eigentlich laufen lernen, obwohl wir niemals losgehen. Weshalb wir sprechen lernen, wenn wir nie nie niemals nie drüber reden. Wofür wir lieben lernen, wenn es doch so viel leichter ist, andauernd zu hassen.
Ich frage mich, wieso wir etwas aufbewahren, wenn wir es irgendwann sowieso verbummeln, die Dinge, die einen Wert haben, die wir eigentlich schätzen, die wir brauchen, damit das Herz nicht anfängt zu rasen, sondern gleichmäßig schlägt, solche Sachen gehen immer verloren in der Hetze, in der Eile, in irgendeinem Liebeskummer, in irgendeiner Erzählung, in irgendeinem romantisierten Erinnern.
Ich frage mich, wofür wir eigentlich da sind, wenn wir uns selbst überhaupt nicht sehen.

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Wieso zählen wir manchmal Tage, manchmal Wochen, manchmal einzelne Sekunden oder die Jahre, die Momente, die Fragen, und auch die Menschen, die gestern noch da waren, wenn wir nie verstehen werden, wo die Zeit und die Leute hin sind. Wo dieses halbe Jahr angefangen und dann plötzlich aufgehört hat. Wenn der Halt und die Hände irgendwann weg sind, wie ein Ring, wie ein Wort, wie ein Film, wie ein kleines unscheinbares Menschenleben. Es hat ein halbes Jahr gedauert, um zu bemerken, dass neben vielem anderen, einfach die Zeit verschwunden ist.

Ein halbes Jahr und kein bisschen schlauer, nur ein bisschen mehr am Rande des Wahnsinns. Da ist keine Schutzfolie, in die sich der Mensch einwickeln kann, um seelenruhig ein paar Nächte zu schlafen. Da ist keine Verkleidung. Da ist nur ein Film, den man sich noch zehnmal angucken kann und bei dem man noch zehnmal heulen kann. Jedes Mal, wie ganz am Anfang. Jedes Mal, wie vor einem halben Jahr, als man diesen Film noch gar nicht kannte, nur halt das kalte Leben.

Da ist nur ein sehr langer, einsamer Moment, wie unter Tagen. Ein Bergwerk, in dem man gefangen bleibt. Ein Mensch wie ein Bergarbeiter, in der Dunkelheit, mit einer Stirnlampe, deren Licht ohne große Kraft leuchtet. Ein kleines kaputtes Bergwerk, in dem man sich, wie in einem tiefen Winkel, in der großen Welt verstecken kann. Versteckt bleiben kann. Liegen bleiben kann. Der Mensch kann liegend weiterhin eine bloße Randnotiz im Leben der anderen bleiben, noch ein halbes Jahr, wartend, dass irgend jemand kommt, und einfach mal den verdammten Baum der Hoffnung bewässert. Jemand, der einen Anlass gibt, aus der Dunkelheit nach draußen zu treten, um die Sonne zu mögen und sie nicht nur mit schwülen, ekligen Nächten zu verbinden. Jemand, der die Muße hat, Hoffnung zu verschenken und vielleicht sogar ein kleines bisschen Mut, ein Freund, der einem vielleicht auch mal eine in die Fresse haut, um zu zeigen, dass da noch Leben ist, nach dem Tod und der ganzen verloren gegangenen Zeit.

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Der Mensch hat nach einem halben Jahr verstanden, dass der Weg nie im Leben das Ziel sein kann, denn so käme er nirgendwo an. Der Mensch hat verstanden, dass Verständigung in der Schnelllebigkeit nicht mehr existent ist. Dass das, was nach dem Tode eintritt die Ratlosigkeit und kein Spaziergang ist. Heulen ist menschlich und dennoch nicht zu gebrauchen. Ein verschmutzter Bergarbeiter macht keinen Sinn. Das Leben wandelt sich von Pommes und Disko in Wein und Wein und Weinen und Wein und wenn du dir selber fremd wirst, ist dir niemand ein Freund.

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Ich frage mich, wieso wir da sind, wenn am Ende nicht alles gut wird, sondern jeder und alles einfach verschwindet.

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2 Kommentare zu „Wie lange braucht eigentlich Zeit, bis sie verschwindet?

  1. Hat dies auf Bitterkalt rebloggt und kommentierte:
    „Wie lange dauert so eine Phase der Trauer eigentlich wirklich, so ganz im ernst jetzt mal unter uns, wie lange ist eigentlich dieses ominöse lange und wann verdammt sieht man ein, wann verdammt kapiert man, wann um Himmels Willen weiß man, dass etwas wirklich weg ist?“

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