Wir rackern uns ab mit der Gartenarbeit, wir schwitzen und lachen, genießen die Sonne und staunen über die Pflanzen, die Büsche und das viele Gestrüpp. Es sieht aus, als würden wir nie fertig werden. Aber mein Bruder sagt: „Das hier war früher das Richtige für Papa. Der hat immer gesagt, jeder Anfang hat auch ein Ende.“
Ich erinnere mich, das hat er wirklich gesagt. Immer. Bei jedem „Ich kann das nicht mehr“ oder „Es geht nicht weiter“, hat er gesagt, dass jeder scheiß Anfang irgendwann ein Ende hat. Und er kam nicht mit der dummen Pointe, dass aber wirklich erst dann das Ende ist, wenn es gut ist. Er war ein schlauer Mann, weil er damit sehr richtig lag. Der Tod ist das beste Beispiel. Und schließlich ist er tot. Er muss es wissen.

In den positiven Fluten von „Ich weiß jetzt wie es geht“ und „Ich komme damit klar“, gibt es immer so viele Augenblicke, in denen eine Welle kommt und mich mitnimmt auf die gegenüberliegende Seite, die schreit: Ich werde das nie verstehen!
Es ist einfach kein Ende in Sicht, noch nicht, denn immer wieder fällt mich der Verlust an, liegt neben mir und drückt meine Hand. Ich denke daran, wie es wäre, sein Lachen zu hören oder einen seiner klugen Sprüche. Vielleicht würde er auch sagen: „Mach dir da nichts draus. Lach einfach drüber, Mäuschen.“ Und ich würde nicken und sagen, dass er Recht hat. Wie immer. Aber jetzt ist das nicht mehr so einfach, denn jetzt ist er nicht mehr da und sagt mir, das alles okay ist, auch wenn es anders aussieht.

Nach anderthalb Jahren Verlust angucken, Verlust kennen lernen und über den Tod reden und reden und brüllen, ja manchmal wirklich schreien und unter Tränen dann wieder eisern schweigen, sehe ich, dass die Farbe von Traurigkeit nicht schwarz und nicht nur im Herbst, oder erst im Winter zurück kommt, weil es da eh grau ist und weil da eh mehr vermisst wird als im Sommer, sondern bei Sonnenschein kommt die Trauer, sie kommt hoch wie Galle, gelb wie die Sonne und ist so dickflüssig, dass das Runterschlucken ein klägliches Unterfangen wird, an dem ich jämmerlich scheitere. Jeden verdammten Morgen, seit Tagen.

Ich suche einen Ort, um meine Traurigkeit hin zu schmeißen. Doch da ist nichts. Nichts ist mehr übrig, nur die Hemden und die Jacken, die Gerüche, der Tod, aber kein Ort, an dem ich mit der Stärke brechen und Worte hinlegen kann, wie früher, als er noch lebte. Beim Essen. Beim Rätseln. Beim Kartenspielen. Beim Nasenbrille anlegen, Blutdruckmessen, Tabletten fressen.

Er hat kein Grab. Er schwimmt im Meer ohne Rettungsring, taucht die ganze Zeit unter und nie wieder auf, dabei konnte er nicht tauchen, nicht mal schwimmen. Aber, wie er immer gesagt hat, alles geht. Und vielleicht geht das bei ihm, vielleicht schwimmt er wie ein Fisch im Meer und lacht darüber, dass er das früher, als er noch lebte, nicht getan hat. Vielleicht lacht er wirklich immer noch so über die Dinge, die er nicht kann, und versucht sie, weil er weiß, dass auch das Versuchen ein Ende hat. Wenn man es dann kann oder wenn man das nicht-Können irgendwann einfach akzeptiert hat.

An manchen Tagen bereue ich es, dass wir uns kollektiv gegen ein Grab entschieden haben. Und an anderen bin ich froh darüber, sonst würde ich jeden Tag da stehen, meine Sorgen mit Blumen niederlegen und nicht aufhören, daran zu zweifeln, dass es irgendwann ein Ende gibt. Das Ende der Traurigkeit. Ich würde dann vielleicht nie lernen, was es heißt, das nicht-Können zu akzeptieren. Egal wie lange es dauert. Aber jeder Anfang hat ein Ende. Und wenn mein Vater nach dem Tod schwimmen kann, dann werde ich lebendig doch zu mehr fähig sein. Aber erst mal muss vieles vom Unkraut befreit werden. Anders hätte es mein Vater auch nicht gemacht.

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3 Kommentare zu „Egal wie lange es dauert

  1. Danke.. mein Vater ist knapp ein Jahr tot.. und es ist jeden Tag anders.. und manchmal frag ich mich wie lange man traurig sein darf.. oder wie oft..

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    1. Liebe Christina, ich weiß, was Du meinst. So ging es mir auch ganz lange und ich bin mir seit einer Weile bewusst darüber, dass das nicht bestimmbar ist. Traurigkeit ist ein Gefühl und wir Menschen sind nun mal keine Maschinen, die mit Knöpfen funktionieren. Sondern mit Zeit. Ich habe darüber auch ein paar Mal geschrieben. Hier: https://wirsindnochhier.wordpress.com/2016/02/11/die-zeit-heilt-nur-die-gesunden/
      und hier: https://fuerhilde.wordpress.com/2015/04/25/wie-lange-braucht-eigentlich-zeit-bis-sie-verschwindet/?preview_id=1767&preview_nonce=f6af74048b&post_format=standard&preview=true

      Aber ganz aufhören, wird das Traurigsein wohl nie, glaube ich.

      Ich wünsche Dir alles Liebe,
      Sarah

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  2. Traurig sein hört nicht auf. Es gibt weniger Momente, an denen die Gedanken Brücken schlagen. Aber dann passiert es doch wieder-ganz unverhofft, Z.B. Beim Leser solcher Texte wie deinem. Und das nach 16 Jahren…

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