Eine Frage der Zeit

13012723_10201762651903502_305539107447834518_n

Vor ein paar Jahren erzählte meine Mutter mir, dass innerhalb von Familien meist ein Kind geboren wird, wenn jemand stirbt. Es gäbe da aber keine Regel – manchmal geschieht es davor und manchmal danach, manchmal auch gar nicht. Das variiere, aber die Natur habe das eigentlich so vorgesehen. Sie erzählte mir auch, dass damals, als meine Schwester zur Welt kam, im etwa gleichen Zeitraum die Mutter meines Vaters starb, meine Großmutter also, eine Frau, die ich nicht kannte, da sie starb, bevor ich geboren wurde, die ich mir aber anhand der schwarzweiß Fotos und der Erzählungen meiner Eltern wie das weibliche Pendant zu meinem Vater vorstellte. Die spitze Nase, der scharfe Blick auf das Leben, der ausgeprägte Sinn für Lustiges.

Ich glaubte diese Geschichte vom geschenkten und gleichzeitig gestohlenem Leben nicht. Es klang so bemüht positiv, verquer und romantisiert. Als wolle es einem um jeden Preis die Traurigkeit nehmen, albern.

Schon vor dem Tag, an dem feststand, dass mein Vater sterben wird, stand auch fest, dass er meine Kinder nicht mehr kennen lernen wird. Das bedeutete gleichzeitig auch, dass meine Kinder ihren Opa nie kennen lernen würden, obschon mir das immer sehr schmerzlich schien und ich das sehr bedauerte, musste ich es hinnehmen, ich musste es akzeptieren.
Ich kenne Menschen in meinem Alter, mit genauso „alten“ Vätern, die Kinder bekamen, damit deren Großvater sie aufwachsen sehen konnte. Ich fand das ist eine sehr schöne Idee, eine tolle Maßnahme, um gegen die Natur zu rebellieren, aber ich stellte mir das Kinderkriegen anders vor und ich wollte meine Mutterschaft nie von dem Tod meines Vaters abhängig machen. Auch wenn ich mir sicher bin, dass er sich gefreut hätte, meine Kinder kennen zu lernen und sie „Räuberrieke“ „Niesfisch“ oder „Räuber“ zu nennen. Aber das Leben ist nicht erzwingbar und der Tod nicht aufzuhalten. Das eine war bisweilen nicht geplant und das andere absehbar. Mehr als das ganze abzunicken, war nicht drin.

Dann starb mein Vater und das war ein natürlicher, vorhersehbarer aber dennoch unglaublich katastrophaler Umstand, und ich war wütend auf die Natur und den scheiß „Lauf des Lebens“. Aber sechs Tage später war meine Schwester M. Schwanger und neun Monate später war dann dieses große und starke Mädchen auf dieser Welt, mit ganz vielen schwarzen Haaren und der dunklen Haut – ein unglaublicher Anblick, so zart und klein, so dicht am Tod und so verrückt, dass ich darüber mehr als einmal weinen musste. „Eine Frage der Zeit“ weiterlesen

Advertisements

Empfehlungen |||

Gestern habe ich bei Twitter unter dem Hashtag #trauern geguckt, welche Menschen tatsächlich so ihre Trauer im Netz leben bzw. davon erzählen, wie sie auch davon berichten, dass das Kind gerade einen lustigen Satz gesagt oder der Partner mal wieder den Müll nicht runter gebracht hat. Aber bis auf die derzeitige Trauer über das Wetter oder einen Prominenten (was ich gar nicht abwerten möchte), war wenig Trauer zu finden. Ich hatte die romantische Vorstellung davon, dass sich jemand einmal hingesetzt und in 140 Zeichen seine Wut und Traurigkeit in das Internet geschrien hat. Wie zum Beispiel damals, als unter dem Hashtag #notjustsad über die eigene Depression geschrieben wurde, und was heute noch gemacht wird. Ich dachte, dass es dort ein kleines Becken gibt, eine handvoll Menschen, die sagen, hier guckt mal, ich habe auf dem Weg etwas verloren und ich will, dass ihr wisst wie scheiße das ist, ich dachte, dass irgendwo jemand ein Tabu bricht und dass ich mal fragen kann: hey, wieso haben wir Menschen eigentlich Angst vor dem Tod und vor dem Umgang mit trauernden Personen. (Wahrscheinlich habt ihr meine Tipps dazu gesehen.) Ich fand nichts derart. Vielleicht habe ich das Internet aber auch einfach noch nicht verstanden und irgendwo gibt es diese Nische. Ich freue mich, wenn ihr mich darauf hinweisen würdet.

Allerdings habe ich unter #trauern dann doch noch zwei Beiträge gefunden, die ich sehr interessant fand und deswegen mit euch teilen möchte.

Warum schweigen schlimmer als Trauern ist, fand ich auf dem Totenhemd-Blog, der, wie der Name schon sagt, immer und immer wieder interessante Beiträge zum Thema bereithält.

Am 10. November 1977 habe ich einen Bruder bekommen, Johannes. 18 Tage darauf stirbt er an einem Herzklappenfehler, einen Tag nach dem ersten Advent. Jetzt ist er beerdigt, er liegt mit im Grab seiner Urgroßeltern. Sein Name wird nicht auf dem Grabstein stehen. Mein Vater räumt die Babysachen weg und meine Mutter versinkt in Trauer. Meine Eltern machen dieses Foto. Man sieht das Drama nicht und spürt es doch. Niemand wird, als ich älter werde, mit mir über Johannes reden.

 

Beim scrollen kam ich dann noch zu diesem Beitrag, den ich wahrscheinlich ohne meine sinnlose Suche nie gefunden hätte, aber tatsächlich sehr lesenswert finde. Leben bis zum Ende

Sie gehörte einer Generation an, bei der nicht die Selbstverwirklichung im Zentrum ihres Lebens stand. Sie hat in ihrem Leben nicht das gemacht, was man als Erfüllung ihrer Träume bezeichnen würde. Aber sie nahm die Herausforderungen an, vor denen sie jeweils stand und akzeptierte die gestellten Aufgaben. Vor allem setzte sie sich für das Wohl der anderen ein: für Kranke, Alte, Bedürftige, Flüchtlinge und Ungerecht-Behandelte. Vielen Menschen stand sie mit ihrer praktischen Hilfe zur Seite, wenn es nötig war. Und vor allem hatte sie eine besondere Gabe: Sie konnte wunderbare Briefe schreiben, die den Menschen Trost und Hoffnung gaben.

 

Aber wie immer habe ich noch viel anderes gelesen:

Mareice Kaiser hat mal wieder eine schöne Liste mit Texten zusammen gestellt. Von Gespenstern und anderen Menschen, die kennt ihr aber wahrscheinlich sogar schon. Darunter auch ihr eigener Text, der mich immer wieder berührt und den ich deswegen hier auch teile. Mein Kind, das Gespenst

Meine große Tochter ist das Kind, vor dem sich alle werdenden Eltern fürchten. Sie ist das Kind, wegen dem pränatale Untersuchungsmethoden entwickelt wurden. Sie ist das Kind, für – nein, gegen – das es Schwangerschaftsabbrüche gibt. Die Vorstellung, ein Kind wie sie zu bekommen, spukt zwischen den Zeilen und Kreuzen des Mutterpasses umher, oft auch in den Gedanken der werdenden Eltern. Bis die Hebamme nach der Geburt des Kindes sagt: „Alles gut, das Kind ist gesund“. Nach der Geburt von Kaiserin 1 war nicht “alles gut”. Meine behinderte Tochter ist ein Gespenst

 

In der FAZ war kürzlich ein Artikel über den Umgang mit der Trauer am Arbeitsplatz. Ich fand ihn aus verschiedenen Gründen sehr interessant. Erstens, weil dort Sätze stehen, die ich so ähnlich in meinem Text bei Edition F geschrieben habe, und das bestätigt mir, dass ich gar nicht ganz falsch liege. Und weil ich es für wichtig halte, Trauer am Arbeitsplatz auch mal in den Kontext zu stellen. In Trauer Arbeiten

Aber Unsicherheiten sind groß, die wenigsten trauen sich an Trauernde heran. Das hat jeder schon erlebt oder beobachtet: Biegt Kollege S. ums Eck, der gerade seine Frau verloren hat, dann weicht man ihm aus, kurvt abermals über den Parkplatz oder verharrt im Büro, alles nur, um ihm nicht begegnen zu müssen – und seiner eigenen Unfähigkeit, mit der Ausnahmesituation umzugehen. Das Motto der Sprachlosen: Ich sage mal nix, dann kann ich auch nichts Falsches sagen.

Durch einen schönen Zufall bin ich dann auch noch auf diesen etwas längeren aber wirklich schönen und berührenden Text von Julia Latscha gekommen. Auf Reisen mit einem behinderten Kind – Ins Ungewisse

Im Auto sortiert Lotte am liebsten Schuhe im Fußraum und wirft sie dann voller Freude aus dem Fenster, was Tulga zum Glück meistens rechtzeitig bemerkt. Auch Tulgas Musikgeschmack begeistert Lotte. Vor allem bei Modern Talking klatscht sie laut den Rhythmus mit, wippt ihren Oberkörper nach vorn und hinten und wirft die Arme voller Freude in die Luft. Ich hasse Modern Talking. Lottes Summen macht mich glücklich. Lotte kann nicht sprechen. Nur vereinzelte Wörter wie »Mama« und »Papa« oder »Ja« und »Nochmal« verstehen wir. Es gibt auch Laute, die Lotte permanent wiederholt und deren Sinn wir selbst nach Jahren nicht entschlüsseln.

11 Tipps, für den Umgang mit Trauernden

Ungehemmte Trauer

Mein Vater starb vor zwei Jahren. Ich war vierundzwanzig Jahre alt und wirklich auf fast alles im Leben vorbereitet, aber nicht auf das Gefühl, das der Tod mitbrachte. Eine ungehemmte Trauer, die ich weder steuern noch wegdrücken konnte.
Denn Tod ist nicht nur Tod ist nicht gleich Tod ist nicht einfach so abgetan wie das Leben, das ja permanent passiert, das wir kennen, und ob wir es glauben oder nicht, eigentlich auch ganz gut verstehen. Er ist Gefühl in tausend Nuancen. Er reibt dir die Netzhaut solange mit Chilischoten ein, bis du nicht mehr aufhören kannst zu weinen. Der Tod ist ein Verlust, er ist kompromisslos, er ist ehrlich und so irre es klingt, das Wahrhaftigste, was man je erleben wird. Und die Person die er nimmt, ist unwiederbringlich. Das ist in der Theorie schon total schmerzhaft, aber die Praxis ist erheblich schlimmer.
Die Gefühle, die mich als Hinterbliebene übermannten, wirkten sich manchmal so aus, als sei ich nicht nur die Angehörige eines Toten, sondern eine Vergessene. In meiner Nähe keine zum Greifen nahen Hände, keine Ohren, in die ich meine Worte stopfen konnte, keine Herzen, die genauso obsessiv um jemanden weinten. Oder die bemerkten, was nur ich fühlen konnte: Den Stillstand auf der Welt, ausgehend von einem Menschen, den die Welt gar nicht kennt.

 

13900472_10202138009007195_2084274268_n
(c) Julia Feller*

 

Durch meinen offenen Umgang mit Tod und Trauer, werde ich häufig gefragt, wie man das denn macht, als Freund oder Bekannter, wie man denn nachfragt, oder jemanden etwas Gutes tun kann in dieser schweren Zeit. Die Antwort ist: ich weiß es ehrlich gesagt auch nicht. Es gibt kein Patentrezept für den Umgang mit trauernden Personen. Und ich kannte selbst dieses Unbehagen, das schon alleine beim kondolieren, umarmen oder Hände schütteln auftaucht. Das war, bevor ich den Tod kannte.

Aber wenn ich Mails mit dieser Frage bekomme, beantworte ich sie gerne, weil es demjenigen, der sich damit auseinandersetzt, wirklich wichtig zu sein scheint und ich mich freue, dass jemandem das Wohl seiner Mitmenschen nicht am Arsch vorbei geht. Ich versuche bei der Beantwortung immer möglichst dicht an mir dran zu bleiben, denn mein Blickwinkel ist der einzige, den ich kennen kann. Mein Verlust und die damit errungene Erfahrung ist mein Kostüm, das ich nicht weiterreichen aber dennoch in Form von 11 Punkten, die mich das Trauern gelehrt haben, an Menschen, die unsicher sind, weitergeben kann.

Eines vorweg, die Trauer ist so individuell wie der Mensch selbst, aber das weiß ja sowieso jeder. Deswegen sind meine Tipps alle ohne Gewähr, und rein aus meinem subjektiven Empfinden heraus geschrieben. Ihr kennt eure Freunde und Familienangehörigen besser, deswegen solltet ihr immer danach gehen, was für sie passend ist. Aber vielleicht ist diese Liste ja als Leitfaden ein bisschen hilfreich.

1. Frag nach!
Es ist wichtig, dass Du ehrlich nachfragst, wie es der trauernden Person geht. Und dass Du dabei nicht übervorsichtig bist oder durch die Blume sprichst. Denn wir reichen hier keine heiße Kartoffel weiter, sondern reden von einem ganz krassen Gefühl, einem unabänderlichen Wesenszustand, der uns allen früher oder später passieren wird. Die trauernde Person fühlt sich in der Trauer nur ernst genommen, wenn Du sie ernst nimmst und nicht nur vorgibst, es zu tun. In dem Du Interesse an ihrem Befinden zeigst, vermittelst Du auch das Gefühl, dass Du wirklich Notiz von ihrer Trauer nimmst. Die Wichtigkeit dieses Gefühls wird oft unterschätzt.

2. Nimm Dich zurück
Die Trauer ist unbeeinflussbar und kommt in Intervallen, die die trauernde Person auch nicht abschätzen kann. Nimm Dich daher anfangs etwas zurück und achte darauf, dass Du nicht permanent versuchst, die trauernde Person mit Erzählungen aus Deinem Leben abzulenken. Das funktioniert nämlich nicht. Eine trauernde Person hat gerade etwas verloren, was sie nie wieder zurückbekommen wird: einen Menschen, und das verändert ein stückweit ihr gesamtes Leben. Eine Erzählung wie: „Gestern hatte ich richtig Spaß auf einer Party, schade, dass Du nicht dabei warst“, gibt ihr in ihrem Kummer das Gefühl, dass sie diesen Spaß nie wieder haben wird oder das es falsch ist, dass sie es (noch) nicht geschafft hat, mitzugehen.

3. Der Tod ist keine ansteckende Krankheit
Am besten hörst du sofort auf, dem Gespräch über den Tod aus dem Weg zu gehen. Er ist keine ansteckende Krankheit, sondern etwas ganz Normales. Und nur weil Du Muffe davor hast, Dich dem zu stellen, heißt das nicht, dass es der trauernden Person genauso geht. Überleg doch mal, wer wirklich was verloren hat und Du bist es in dem Fall nicht. Außerdem ist reden schließlich wichtig, das sagst Du doch sonst auch immer, oder? Probiere es einfach aus, dann wirst Du bemerken, dass es gar nicht so schlimm ist, wie Du dachtest. Hinterher sitzt ihr vielleicht sogar im Schlafanzug gemeinsam vor der Glotze und heult, weil ihr einen traurigen Film gesehen habt und Du verstehst, was die Person neben Dir wirklich fühlt. Aber diese Intimität lässt die trauernde Person erst zu, wenn sie das Gefühl hat, dass Du es auch tust!

4. Es darf auch mal gelacht werden
Ja, der Tod ist traurig. Aber der Tote war das ja nicht immer, er hatte vielleicht sogar jede Menge Humor oder es gab einen Gesichtsausdruck, eine Angewohnheit, an die ihr euch gemeinsam erinnern könnt. Wieso solltet ihr nicht auch mal darüber lachen, was er zu Lebzeiten für Unfug gemacht hat? Tut bitte nicht so, als dürfte man dem Tod nicht manchmal auch einen kleinen Witz abgewinnen. Mein Vater, zum Beispiel, hätte sehr laut darüber gelacht, dass er gestorben ist. Das kann ich mit Gewissheit sagen, weil ich ihn gut kannte und weiß, dass er sich für unsterblich hielt.

5. Du musst nicht unbedingt was schenken
Aufmunternde oder lustige Postkarten oder Süßigkeiten zwingen die trauernde Person dazu, sich aus ihrem Gefühlssumpf aufzuraffen, weil sie sich darüber freuen muss, denn die trauernde Person hat ihren Anstand nicht verloren, und möchte dankbar sein. Nur bringt ihr die Tafel Schokolade nichts, wenn sie vielleicht keinen Happen herunter bekommt. Und der Schriftzug „Keep Smiling“ entlockt ihr vielleicht erst wieder ein Lächeln, wenn ein bisschen Zeit vergangen ist. Ich habe mich über solche Dinge nicht gefreut, aber vielleicht weißt Du ja, ob sich Dein/e Schwester/Bruder/Freund_In darüber freut. Das musst Du dann abschätzen können. Aber ich glaube, in der ersten Phase zählt die menschliche Nähe und nicht der materielle Wert von „Dingen“. Möglicherweise sind Aufmerksamkeiten auch nur eine Ausrede, um am Ende sagen zu können: ich habe mich gekümmert. Aber ich möchte niemandem etwas unterstellen.

6. Sei da
Egal wie weit Du weg wohnst, wenn Du es irgendwie möglich machen kannst, Dir kurzfristig mal freizunehmen, dann mach das und zeig der trauernden Person, dass sie Dir wichtig ist und dass Du da bist, weil ihre Trauer über den Verlust Dir genauso wichtig ist. Seien es auch nur ein paar Stunden, aber überleg Dir keine faulen Ausreden, weshalb es nicht geht. Irgendwie geht das nämlich immer. Und eine trauernde Person ist nicht blöd, sondern traurig und manchmal sogar sehr wütend auf die Ungerechtigkeit des Schicksals. Wenn Du die Wut nicht verschlimmern möchtest und der trauernden Person das Gefühl, plötzlich ganz schrecklich einsam zu sein, nehmen möchtest, dann nimm Dir die Zeit! Das wird eure Freundschaft vielleicht sogar verfestigen.

7. Vermeide Hektik
Bitte mach der trauernden Person keinen Druck, in dem Du glaubst, dass nach drei Monaten das Leben wie gewohnt weiter gehen muss. Der Verlust ist manchmal so plötzlich und unerwartet wie ein Schluckauf wieder da und erschüttert die trauernde Person sowieso total, so dass die Aufforderung „jetzt muss aber langsam wieder alles gut sein“ eher kontraproduktiv wirkt. Vielleicht isoliert sie sich deswegen sogar, weil sie sich dem Druck nicht aussetzen möchte. Nur für den Fall: Zeit bedeutet eine Weile vielleicht sogar, nicht zu wissen, welcher Wochentag ist. (Aber das trifft mit Sicherheit nicht auf die Mehrheit der trauernden Personen zu.)

8. Trenne das Berufliche vom Privaten
Wenn Du in einem Beruf arbeitest, in dem häufig gestorben wird, wie im Krankenhaus oder im Hospiz, dann sag nicht, dass Du den Tod ständig erlebst, sondern biete Hilfestellungen. Wenn Du das nicht kannst, dann lass Deine Erfahrungen weg und sei einfach nur ein Freund, wie jeder andere. Der trauernden Person ist bewusst, dass du den Tod besser kennst als sie, aber vielleicht nicht den einer nahestehenden Person. Außerdem weiß sie, dass Du manchmal darüber meckerst, wenn in Deiner Nachtschicht mal wieder jemand gestorben ist und Du in Deinem Beruf den Tod anders wahrnimmst, als sie gerade.

9. Nimm Deine Probleme nicht zu wichtig
Gestalte Dein Leben kurz ein bisschen um, und versuche, Deinen Stress nicht in die episodische Trauerzeit eines anderen mit einzufügen, irgendwann ist es vorbei und dann wird es wieder mehr um Dich gehen, versprochen. Und sieh es mal so: es ist doch auch mal okay, wenn man seine Probleme minimieren kann, weil man Protagonist in einem schaurigen Film der Endlichkeit ist, oder? Sei kurz einfach froh darüber, dass Dir der Tod keine nahestehende Person genommen hat und stütze die Person, die es gerade wirklich am dringlichsten braucht. Oder rede derweil mit anderen Freunden von dem vermasselten Bewerbungsgespräch. Nichts ist für eine trauernde Person schlimmer, wie das Gefühl, der Verstorbene sei vergessen und ihre Trauer eine Nebensache oder sogar unwichtig.

10. Vergleiche sind eine schlechte Idee
Versuch bitte den Satz zu vermeiden „Als sich Peter von mir trennte, habe ich mich auch so gefühlt.“ Ja, eine Trennung ist schlimm, aber der Tod ist anders schlimm. Für gewöhnlich hinken Vergleiche sowieso immer, vielleicht fragst Du am besten die trauernde Person, ob es etwas vergleichbares gibt, und wenn sie nein sagt, akzeptiere das und gib zu, dass Du Dir den Verlust eines Menschen einfach nicht vorstellen kannst. Ehrlichkeit währt immer noch am längsten. Und niemand möchte neben dem Tod noch einen echten Freund verlieren.

11. Frag wieder nach
Auch ein Jahr später bedeutet es nicht, dass die Trauer vorüber ist. Frag einfach gelegentlich nochmal nach, vielleicht möchte die trauernde Person sogar erzählen, wie es ihr inzwischen geht und wie sich der Tod auf das Leben ausgewirkt hat. Du lernst dadurch ja nur. Das ist quasi eine Win-Win-Situation.

 

Hier spielt der Tod die Muse

 

Kürzlich war ich in Berlin beim Unprätentiös-Podcast von Sophia Hembeck. Wir haben dort über die Themen Sterben, Tod und natürlich Trauern gesprochen. Es war ein wirklich schönes und interessantes Gespräch. Obschon ich vorher und währenddessen sehr nervös war, bin ich froh, dass dieses Gespräch stattgefunden hat!

Es war außerdem das alleralleraller erste Mal, dass ich öffentlich über den Tod und das damit verbundene Schreiben gesprochen habe, deshalb seid bitte ein bisschen nachsichtig mit mir, dass ich deutlich weniger eloquent bin, wie erwartet.

Viel Spaß beim Hören!

Wie lange braucht eigentlich Zeit, bis sie verschwindet?

Ein Beitrag vom 25. April 2015, den ich auf fuerhilde geschrieben habe, der aber immer wieder zu heute wird.

 

1

Wie lange dauert es eigentlich, bis eine Erinnerung verloren geht?

Wie lange dauert so eine Phase der Trauer eigentlich wirklich, so ganz im ernst jetzt mal unter uns, wie lange ist eigentlich dieses ominöse lange und wann verdammt sieht man ein, wann verdammt kapiert man, wann um Himmels Willen weiß man, dass etwas wirklich weg ist?

Ein halbes Jahr hat der Mensch bis jetzt gebraucht, um etwas zu verstehen, bei dem es weder Formeln, noch Zahlen, noch einen Leitfaden gibt. Es hat gedauert, etwas zu verstehen, bei dem niemand da sitzt, der einem sagt, wohin die gebrochenen Gefühle kommen, oder diese ganze scheiß Apathie, die Angst, das Herzrasen, der volle Kopf, der, mit den leeren Gedanken. Sechs Monate, für das Umhertragen dieser transparenten Füllmenge in diesem rauen Körper. Eine Füllung, die aus den Ohren und aus den Augen, aber nie aus dem Mund herausquillt.

Der Mensch hat schon verstanden, dass jetzt ein halbes Jahr um ist, dass jetzt sechs Monate vergangen, dass jetzt verdammt viele Tage und Stunden und Sekunden verstrichen sind, in denen man hätte etwas bemerken, etwas neues fühlen müssen. Monate, in denen man hätte ein bisschen mehr lieben, ein bisschen mehr küssen, ein bisschen zu wild feiern sollen, bei dem man hätte, noch ein bisschen mehr verstehen müssen. Sechs Monate, in denen man hätte mehr reden und mehr zuhören müssen. Man hat verstanden. Verstanden, dass man einfach überhaupt nie etwas so wirklich verstehen wird. Aber was man wirklich erkennt, in diesem idiotischen Sonnenschein, ist, dass man sich sicher ist, dass das nicht so viel Zeit gewesen sein kann. Dass nie und nimmer ein verficktes halbes Jahr im Stande ist, so dermaßen zu rennen, an einem vorbei. Und weg. Einfach weg. Aber Erinnerungen, Trümmer und Wut, das alles bleibt, geht nicht verloren, wie eine vermeintliche Zeitspanne, die so weg ist, wie ein Leben. Das ist doch wohl Endlichkeit. Stillleben verpuppt in Monaten. Stilles Leben verpuppt sich jetzt in schwülen Nächten. Nach einem halben Jahr. So unbemerkt hat sich etwas vollendet.

2

Aber es muss doch eine wirkliche Geschichte geben für die Monate. Ein Fragment und noch eines, da müssen doch Balken sein, die ein halbes Jahr halten, da müssen doch Menschen sein, irgendwo, die für die ganzen Tränen einstehen. Da muss doch jemand sein, der beantwortet, was ungefragt bleibt. Da muss es doch eine Lösung geben, eine einzige scheiß Lösung, ein Stück klapprige Hoffnung, ein Geruch, ein Schnitt, eine Bruchstelle, die doch sichtbar heilt. Da muss doch ein Mensch sein, irgendwo, der sich seinen Frühling in den Arsch steckt und stattdessen mit dir in Alaska bleibt. „Wie lange braucht eigentlich Zeit, bis sie verschwindet?“ weiterlesen

Egal wie lange es dauert

Wir rackern uns ab mit der Gartenarbeit, wir schwitzen und lachen, genießen die Sonne und staunen über die Pflanzen, die Büsche und das viele Gestrüpp. Es sieht aus, als würden wir nie fertig werden. Aber mein Bruder sagt: „Das hier war früher das Richtige für Papa. Der hat immer gesagt, jeder Anfang hat auch ein Ende.“
Ich erinnere mich, das hat er wirklich gesagt. Immer. Bei jedem „Ich kann das nicht mehr“ oder „Es geht nicht weiter“, hat er gesagt, dass jeder scheiß Anfang irgendwann ein Ende hat. Und er kam nicht mit der dummen Pointe, dass aber wirklich erst dann das Ende ist, wenn es gut ist. Er war ein schlauer Mann, weil er damit sehr richtig lag. Der Tod ist das beste Beispiel. Und schließlich ist er tot. Er muss es wissen.

In den positiven Fluten von „Ich weiß jetzt wie es geht“ und „Ich komme damit klar“, gibt es immer so viele Augenblicke, in denen eine Welle kommt und mich mitnimmt auf die gegenüberliegende Seite, die schreit: Ich werde das nie verstehen!
Es ist einfach kein Ende in Sicht, noch nicht, denn immer wieder fällt mich der Verlust an, liegt neben mir und drückt meine Hand. Ich denke daran, wie es wäre, sein Lachen zu hören oder einen seiner klugen Sprüche. Vielleicht würde er auch sagen: „Mach dir da nichts draus. Lach einfach drüber, Mäuschen.“ Und ich würde nicken und sagen, dass er Recht hat. Wie immer. Aber jetzt ist das nicht mehr so einfach, denn jetzt ist er nicht mehr da und sagt mir, das alles okay ist, auch wenn es anders aussieht.

Nach anderthalb Jahren Verlust angucken, Verlust kennen lernen und über den Tod reden und reden und brüllen, ja manchmal wirklich schreien und unter Tränen dann wieder eisern schweigen, sehe ich, dass die Farbe von Traurigkeit nicht schwarz und nicht nur im Herbst, oder erst im Winter zurück kommt, weil es da eh grau ist und weil da eh mehr vermisst wird als im Sommer, sondern bei Sonnenschein kommt die Trauer, sie kommt hoch wie Galle, gelb wie die Sonne und ist so dickflüssig, dass das Runterschlucken ein klägliches Unterfangen wird, an dem ich jämmerlich scheitere. Jeden verdammten Morgen, seit Tagen.

Ich suche einen Ort, um meine Traurigkeit hin zu schmeißen. Doch da ist nichts. Nichts ist mehr übrig, nur die Hemden und die Jacken, die Gerüche, der Tod, aber kein Ort, an dem ich mit der Stärke brechen und Worte hinlegen kann, wie früher, als er noch lebte. Beim Essen. Beim Rätseln. Beim Kartenspielen. Beim Nasenbrille anlegen, Blutdruckmessen, Tabletten fressen.

Er hat kein Grab. Er schwimmt im Meer ohne Rettungsring, taucht die ganze Zeit unter und nie wieder auf, dabei konnte er nicht tauchen, nicht mal schwimmen. Aber, wie er immer gesagt hat, alles geht. Und vielleicht geht das bei ihm, vielleicht schwimmt er wie ein Fisch im Meer und lacht darüber, dass er das früher, als er noch lebte, nicht getan hat. Vielleicht lacht er wirklich immer noch so über die Dinge, die er nicht kann, und versucht sie, weil er weiß, dass auch das Versuchen ein Ende hat. Wenn man es dann kann oder wenn man das nicht-Können irgendwann einfach akzeptiert hat.

An manchen Tagen bereue ich es, dass wir uns kollektiv gegen ein Grab entschieden haben. Und an anderen bin ich froh darüber, sonst würde ich jeden Tag da stehen, meine Sorgen mit Blumen niederlegen und nicht aufhören, daran zu zweifeln, dass es irgendwann ein Ende gibt. Das Ende der Traurigkeit. Ich würde dann vielleicht nie lernen, was es heißt, das nicht-Können zu akzeptieren. Egal wie lange es dauert. Aber jeder Anfang hat ein Ende. Und wenn mein Vater nach dem Tod schwimmen kann, dann werde ich lebendig doch zu mehr fähig sein. Aber erst mal muss vieles vom Unkraut befreit werden. Anders hätte es mein Vater auch nicht gemacht.

Das Netz ist groß, das Netz ist tief

Liebe Leser_Innen,

falls jemand von Euch Literatur, Songs, Blogs, (Blog-)Texte oder Filme mit dem Schwerpunkt Tod, Sterben, Krankheiten, Bestattungen oder Ähnliches hat, würde ich mich sehr freuen, wenn Ihr mir hier als Kommentar oder per Mail Tipps oder Links zukommen lassen würdet. Denn das Netz ist groß, das Netz ist tief und alleine finde ich nicht alles, aber ich möchte doch so gerne alles. Alles lesen, alles sehen und vor allem versuchen, dass Meiste zu verstehen.
Solltet ihr davon ausgehen, dass ich dieses oder jenes schon kenne, ist das egal. Ich filtere das dann alleine.

Danke,
Sarah

Früher hatte ich Angst vor Gespenstern

Einen großen Teil meiner Kindheit verbrachte ich in einem 135-Seelenort. 135 Menschen, das ist in manchen Städten nicht einmal eine halbe Straße, so wenige Leute befinden sich nicht einmal in einem Zug, in einer Schule, in einem Kaufhaus. Ein großer Teil dieser Bewohner war irgendwas zwischen Säugling und Teenager, unwissend, so wie ich.

Dort wurde, durch die geringe Anzahl von Menschen, sehr wenig gestorben. Und wenn, dann starben nur jene Menschen die alt und grau und grantig waren. Diejenigen, die schimpften, wenn wir unsere Kreidebilder bis auf ihr Grundstück malten, unsere Räder an ihre Gartenzäune lehnten; es starben nur jene, die ständig die ohnehin schon sauberen Fenster putzten oder sich mühsam durch eine der drei Straßen schleppten – Menschen die man kaum kannte und daher nur am Rande wahrnahm. Erkrankungen, die bis über einen Schnupfen hinaus gingen, gab es keine, zumindest wurde darüber nur hinter vorgehaltener Hand gesprochen. Ich erinnere mich daran, dass es mal einen Herzinfarkt mit leichten Folgen gab, dass mal von Arztbesuchen und Krankenhausaufenthalten die Rede war, auch tödliche Unfälle passierten, aber nichts davon bewegte die kleine Welt, in der wir lebten. Nichts von all dem bekam einen größeren Platz, es wurde runter geschluckt, in Ecken versteckt – es wirkte nahezu bedeutungslos, wenn jemand starb. Sogar die geweinten Tränen wurden unter den Teppich gekehrt, als seien sie Verbrechen, von denen niemand wissen darf. Dunkle Schatten unter den Augen, habe ich gedacht, die hat man irgendwann einfach so.

Die Kirchglocke läutete ein oder zweimal im Jahr, nur wenige kamen zu den Beerdigungen, aber man trug selbstverständlich schwarz, das gehörte sich damals so. Anschließend standen sie vor der Kneipe und haben gelästert oder gelacht – in jedem Satz schwang Gleichgültigkeit, im Gelächter die latente Angst. Wir Kinder bekamen 1 Mark für ein Eis und das war es dann auch schon mit der Offenheit.

Ich kannte den Tod in meiner Kindheit daher nicht. Er wurde nie sichtbar gemacht. Es gab ihn, natürlich, aber eben nur ganz verschwommen, hinter dicken Fenstern, so hintergründig, als wäre daran nichts besonderes. Als Kind habe ich mir keine Gedanken um die Toten gemacht, sie waren ja nicht mehr da, es gab nur noch Anekdoten, die erinnerten, dass sie mal gelebt haben. Aber auch diese Anekdoten wurden weniger, der Mensch verblasste und wurde mehr und mehr zu einem Gespenst. Aber das Verblassen und Vergessen erklärte mir den Umstand der Endlichkeit nicht. Ein Ende kannte ich nur aus anderen Momenten: Aus Büchern, Filmen und den Ferien. „Früher hatte ich Angst vor Gespenstern“ weiterlesen