So schnell kann es vorbei sein

Der Tod von Roger Cicero, genau wie auch all die anderen Tode aus diesem und dem vergangenen Jahr, zeigen deutlich, wie viel Präsenz und Gewalt die Endlichkeit hat. Wie erschrocken und betroffen wir alle davon sind. Wie viel Anteilnahme und Kondolenz wellenartig durch das Netz, durch Zeitungen und Blogs, durch unsere gesunden Zellen schwappt. Es ist enorm und es geht so schnell, es ist so viel und es ist einen Tag lang die ganze Zeit da. Das Berührtsein und die Erschrockenheit über die Plötzlichkeit, der Schock über den Verlust, das Wissen um das Unabänderliche. Der Tod ist eine feste Tatsache, die uns alle mitnimmt, egal wie nahe wir dem Toten standen. Und dennoch fällt es mir sehr schwer, zu sehen, wohin das führen kann. Nämlich in die entgegengesetzte Richtung.

Anhand des Entsetzen über den Tweet von Niels Ruf, den man scheiße oder richtig scheiße finden kann, zeigt sich rudimentär, wie traurig und krass und schlimm der Mensch das Ableben wirklich findet, obschon er scheinbar immer sicher ist, dass der Tod „ganz normal ist“, zum Leben dazu gehört und uns ja auch noch passiert und ihn abtut, als wäre es nur ein Bänderriss. Gleichzeitig fällt der Tod von einem Prominenten uns weit entfernten Menschen, vielleicht Fans, vielleicht so wie ich – mal gehört, mal gesehen, nie bewusst wahrgenommen, sondern als Musiker am Rand irgendwo notiert – nur kurz auf, nur in dem Moment, in dem wir aus den Medien davon erfahren. Im Sekundentakt sammeln sich Nachrufe, Video- und Bildmaterial, Zitate, Musikvideos, Songfetzen in unserer Timeline. Wir kommen nicht umhin aus dem Kreis der Betroffenen auszuscheiden, das wollen und sollen wir auch gar nicht, im Gegenteil, es berührt uns alle, immer wieder, als würden wir zum ersten Mal vom Tod erfahren. Aber uns bleibt eigentlich nur der Moment, vielleicht vierundzwanzig Stunden, dann folgt irgendwo ein Aufschrei, ein Attentat, ein „neuer“ Verstorbener, oder unser eigenes Leben, das uns wieder mal in den Wahnsinn treibt.
Aber in dem Moment, in dem wir auf direktem Wege davon erfahren, breitet er sich deutlich in unserem Leben aus, da ist der Schrecken, der uns an unsere eigene Sterblichkeit erinnert, er erinnert an Krebs, an Hypertonie, an Schnelligkeit und an lange Leidenswege. An die letzte Kippe, die wir geraucht haben, an das letzte Mal, an dem wir mal wieder nicht joggen waren und an dem wir das mit dem gesunden Essen vergessen und uns von Instant-Fraß, Alkohol und stickiger Heizungsluft ernährt haben. Es erinnert uns an: „So schnell kann es vorbei sein, so jung kann man sein, so schnell kann es gehen.“ Und es erinnert an denjenige, der da jetzt nicht mehr ist, da, wo man ihn immer gewusst hat, obschon weit weg, doch irgendwie da. Und jetzt ist da ein Loch, jetzt ist da jemand nicht mehr, sondern nur noch ein Apoplex, der uns einschüchtert, ein Vorbei, der Tod.

Aber die Tatsache des Todes in unserem unmittelbaren oder auch entfernten Umfeld (das Internet) ändert den Mensch nicht. Ändert nicht die Ansichten, nicht die Streitigkeiten, lässt nicht mal dann Ruhe einkehren. Denn es ist eigentlich egal, wann man das Internet öffnet, wann man guckt, wie die Menschen auf einen Tod reagieren, irgendwo entfacht immer ein Streit, anstatt die Idiotie oder die Unbeholfenheit zu ignorieren. Die Unbeholfenheit, die mich glauben lässt, dass mancher dann doch noch nicht verstanden hat, was der Tod eigentlich bedeutet. Und genau diese Tatsache löst irgendwo Wut, wo eigentlich etwas Mitgefühl nur für den Verstorbenen sein sollte. Vielleicht sogar einfach mal ein Moment Ruhe, oder stille Gedanken, eine kleine Minute Anteilnahme, wirklich, mal eine einzige Minute nicht reagieren auf das, was passiert, sondern auf den der gewesen ist. Es geht hierbei nicht ums Trauern, es geht darum mal zu sagen: Fick dich, Niels Ruf, heute bist du uns scheißegal, du bist morgen auch noch da, aber Rogers Tag ist heute!

Aber letztlich geht es einfach nie um richtig, sondern immer nur um falsch beim Trauern. Wer es falsch macht, der wird hervorgehoben. Es geht immer um die falschen Worte, die falschen Zitate, die falsche Anteilnahme, die falsche Zeit und sowieso nicht der richtige Mensch, der irgendwas sagt. Aber es sagt halt auch einfach nie jemand: „Hey, du trauerst richtig. Schön hast du das gemacht. Toll, prima, weiter so.“ Es sagt auch keiner: „Schön, wie du diese Anekdoten erzählst“, es sagt keiner:  „Schön, wie du weinst und guck mal, was der Tote uns alles an großartigen Dingen hinterlassen hat. Das ist das Schöne am Internet“, so sagt das keiner, „dass wir alles abrufen können, quasi jederzeit, und lass uns heute mal nur Roger Cicero Platten hören und das Internet ausstellen und dann das machen“, was wir behaupten zu tun – in Gedanken bei den Hinterbliebenen sein, mit den Gedanken bei dem Verstorbenen sein, mit den Gedanken beim Tod sein und nicht mit einem Fuß schon wieder in einem Streit. Vielleicht sogar einfach mal nichts sagen. Anteilnahme hat nicht immer was mit einem Facebook-Posting oder einem Tweet zu tun. Vor allem nicht, wenn der Tod für jemanden nach wie vor nur ein einfacher Begriff ist.

Das wirklich Schlimme und immer wieder auftretende am Tod ist das, was wieder einmal passiert ist: Dass jemand etwas dazu sagen muss. Und dass dieser jemand dann im Rampenlicht steht. Gestern hatte Niels Ruf fast die meiste Aufmerksamkeit. Nicht einer von den schönen Artikeln über Roger Cicero, nicht einfach Roger Cicero, nein Niels Ruf und die Wut auf seine Worte, und der Hass auf diese Dummheit, auf die „falsche“ Anteilnahme, anstatt entweder nur den Toten zu gedenken oder zu lachen oder zu weinen oder zu leben. Oder #aufdieliebe und das Leben zu trinken und dabei einen Cicero Song zu hören. Denn wir sind noch hier, und ich glaube, das Letzte, was ein Toter möchte, ist eine Internet-Schlägerei auf seinem Rücken.

Aber was weiß ich schon.

 

 

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3 Comments

  1. Ich wusste bis gestern gar nichts über diesen Moderator.
    Traurig … du hast Recht … der kriegt jetzt einen Medien-Hype.
    Für einen Tag bis er wieder in der Versenkung verschwindet.
    Dem Verstorbenen kann das nichts mehr anhaben …nur der Familie, den Hinterbliebenen, die solche dummen Geschmacklosigkeiten lesen oder hören müssen.
    Doch die tragen ihren Angehörigen ja im Herzen, und das ist der Platz, der unantastbar ist … jenseits aller Dumpfbackigkeit.

    Gefällt 1 Person

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