Carpe diem, fuck you

Vor einem Jahr, kurz nach meinem ersten Geburtstag nach dem Tod meines Vaters, schrieb ich einen Text auf meinem alten Blog. Gestern kam mir diese Zeitspanne wieder in den Sinn, deswegen möchte ich ihn nun hier veröffentlichen.
Es war das erste Mal danach, dass ich ein Krankenhaus besuchte. Es war das erste Mal, dass ich bemerkte, wie krass so eine Begegnung ist, wenn etwas auf einmal vorbei ist, was sechs Jahre lang präsent war: Medikamente, Desinfektionsmittel, Krankenbetten, Kranke.
In ein paar Tagen jährt sich dieser Tag. Es wird mein 2. Geburtstag sein. Und meine Begegnungen sind jetzt Menschen, die mir schreiben. Die mit mir über den Tod reden, die mir erzählen, wie sie sich fühlen oder gefühlt haben. Alles hat sich verändert seitdem. Wir reden mehr vom Tod. Wir sehen ihn endlich. (Danke an Mareice)

 

Der Alltag läuft so ganz ohne, dass es eine Schablone gibt. Eine Schablone für Orte, Worte und Menschen. Der Alltag läuft und manchmal komme ich nicht hinterher, sondern bleibe einfach irgendwo stehen.

1

Ich weiß nicht was es ist, aber ich warte über eine Stunde darauf, dass meine Füße sich allmählich dem Eingang nähern, sich bewegen, meinen Körper in diesen großen Komplex aus irgendwie allem tragen. Dieser Ort, der einen großen Namen und viele Türen hat. Der Herzen und Menschen beherbergt, sie zum Schlagen und somit zum (weiter)leben bringt und in dem manchmal das Wort Exitus wie ein Echo durch Gehörgänge und Gliedmaßen rennt. Ich stehe nicht auf Kriegsfuß mit dem Ort, aber irgendwie ist es der falsche Monat und ein beschissener Moment. Ich weiß einfach nicht, ob ich dieses Haus betreten soll. Dieses Alles, was dort drinnen existiert. Alles, was es auf der Welt gibt, scheint hier vereint. Denn die Sache mit den Krankenhäusern ist ja die, dass es so viele Fälle gibt. So viele. Fälle.

Ich bleibe immer weiter stehen, den Blick durch die Scheiben in den Innenraum gerichtet. Ich denke: hier mischt sich Gesundheit mit Krankheit, ein Lächeln und Hallo, aufrecht gehen, die Schläuche nicht sehen, fangen spielen mit den ganzen kaputten und auch mit den heilen Seelen. Es gibt den Fall von Hochmut: “Steh auf, geh geradeaus, halt dich wacker und ja, verdammt, carpe diem, alles liegt eigentlich in deiner Hand. Und es gibt das andere, das krasse, harsche Leiden: „Carpe diem, fuck you, ich muss für immer hier bleiben.“

Im Foyer treffen sich alle. Ein Beinbruch, ein Querschnitt, Zähne zusammenbeißen, denn es gibt noch andere die leiden. Nierenversagen, Lähmungen die plagen, blaue Flecken am ganzen Körper, Schläuche in rot und Taschen voll Blut.

Ich weiß nicht was es ist, dass mit dem Krankenhaus und mir, mit diesem Tag und dem hier, ich weiß nicht was es ist, doch es ist bedrückend und verwirrend, es fühlt sich merkwürdig an, denn während ich jammere sehe ich auf der Bank dort sitzt ein alter kranker Mann.
Er sieht mich an und fragt mich wie spät. Ich antworte ihm und plötzlich sprechen wir von Blutkrebs. Das ist schon komisch irgendwie, da sitzen 79 Jahre neben mir und lachen über die echte Sterblichkeit. Er hätte nicht gedacht, sagt er, dass ihm das auf seine letzten Meter noch passiert. Er grinst und röchelt und wir rauchen sogar, obwohl er doch Krebs hat und ich ja aufgehört habe, und er sagt, dass das doch jetzt auch egal ist eigentlich, weil er sich keine Gedanken mehr macht, schließlich hat er eine finale Krankheit. Und ich denke, dass gibts ja nicht, wir Menschen können besser (mit Fremden) über Leukämie reden, als (mit Freunden) über unsere Seelen, über schöne Gefühle, vielleicht so etwas wie Liebe. Wir reden besser über offene Wunden und das eigene scheiß Leiden und wir kichern sogar dabei, das ist doch wahnsinnig. Er lacht immer wieder und scherzt wild herum, er sagt, was soll er denn auch sonst machen, Schmerzen hat er keine und kriegt er nicht, weil Blutkrebs merkste nicht, sagt er und grinst. Blutkrebs ist einfach da und irgendwann bist du dafür dann weg. Neulich ist er abgehauen aus diesem Haus, erzählt er und zieht an seiner Zigarette, er wollte noch mal trinken. Ganz viel trinken und ganz viel sehen, er wollte noch mal, einen kleinen Tag so richtig leben. Carpe Diem, oder so.

2

Wir räumen jetzt das Feld von hinten auf, dass macht man so bei Umzügen und einem Wechsel der Befindlichkeit. Das kennt ja jeder. Erst schleppt man den ganze Krempel rein und dann wieder raus und ich weiß noch, wie wir vor einer kleinen Ewigkeit schon einmal hier standen, in diesem Gang, zwischen den vielen Regalen und den Menschen, mit einem Lächeln und diesen ganzen Erwartungen. Der Einkaufswagen war voller, irgendwie, und wir nicht ganz so leer.
Aber wir stehen einfach wieder hier in diesem Supermarkt und kaufen Kaffee und Pizza und gesunde Smoothies, weil wir ja gesund sein wollen und sollen, gar unsterblich, deswegen brauchen wir Obst und Gemüse mit reichlich Vitaminen kurz nach dem Aufwachen, wo uns doch früher eine Zigarette und eine Tasse Kaffee reichte um heldenhaft zu sein. Zu tun.
Ich gucke mich um. Und ich weiß, hier im Supermarkt kämpft ja jeder auch nur ums Überleben, das sieht man ja an den vollen Wagen und den nichtssagenden Gesichtern. Es quietscht durch die Gänge und es gibt welche die reden und andere gucken gebannt auf einen Zettel in der Hand, als wärs eine Notfallliste für schlechte Tage, aber am Ende ändert sich dadurch ja auch wieder nichts. Die Veränderung, dass sind ja eigentlich wir. Wir ändern uns, so idiotisch es auch klingt. Aber wir trinken jetzt sogar Champagner aus Pappbechern und wir reden über Tote und die anderen, die alle irgendwann mal da waren, damals, als wir das Feld hier vor dieser kleinen Ewigkeit, zu unserem Leben gemacht haben.

3

Ich meckere innerlich über das Geburtstaghaben, wieder ein Jahr mehr und wieder einmal weniger geschafft, als man wollte. Fünfundzwanzig scheiß Jahre im Trott verbracht, auf die Liebe gewartet, sich um diesen und jenen gesorgt und am Ende ein banaler Tag im Februar, wach werden und sehen, dass alle die schon immer da waren, noch genau da sind und dass nur diejenigen, die nicht wollten, irgendwann gegangen sind. Und dass nur einer so wirklich fehlt, und dass es vielleicht nur das ist, was mich gerade richtig quält und mir Geburtstage so klein erscheinen lässt. Und dann denke ich, vielleicht ist der Mann mit Blutkrebs ein Geschenk für diesen Tag gewesen, weil er es erinnert, dieses Glied, welches nun in dieser langen Kette aus Menschen fehlt.

Wir räumen das Feld von hinten auf und ich bleibe stehen, um mich noch mal kurz umzusehen. Wir schieben wieder einmal Wagen durch Supermärkte, trinken wieder mal zu viel Bier, wir feiern Tage an denen jemand geboren wurde und wir freuen uns auf neue Erdenbürger, wir sind traurig, weil jemand gegangen ist und eigentlich ist alles so wie es ist und das ist nicht einmal ganz schlecht, weil ich ja sehe, dass sich so vieles von einer Raupe zum Schmetterling verändert hat. Ich trage jetzt Hemden, die mir nicht passen, weil sie mir früher nicht gehörten, aber ich fühle mich wohl damit, wohl mit fünfundzwanzig, wohl in meinem Leben, wohl in meiner Haut. Ich hasse die Welt und das Leben nicht, denn alles kann so schön sein. Das sehe ich, wenn ich um zwei Uhr nachts nach Hause komme und dort ein Päckchen Liebe liegt. Wer braucht schon Jungs, Klamotten und diesen ganzen Quatsch? Wir ziehen um und wir wohnen gar nicht richtig hier, weil wir irgendwann ja wieder weiterziehen, spätestens, wenn unsere Nieren versagen oder wir am Leben verzagen.

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