Die Zeit heilt nur die Gesunden

Ein kleines Durcheinander über die Zeit für Candy.

Was tut die Zeit, während sie nicht heilt

Die Zeit ist alles und nichts zugleich. Die Zeit ist wie Papier, wie Zigarettenqualm, ist Plan G, ist Bier, sind Zeiger, in groß und in klein, ist ein Zwischenhalt, in dem alles leise und viel zu laut ist, in dem man gefangen ist, in dem nichts, aber auch wirklich gar nichts zu heilen scheint. Während du dich umdrehst und dich fragst, wo sie hin ist, die Zeit, steht sie da, in einer Kneipe, in die du nicht mehr gehst, und besäuft sich mit all dem, was dir passiert ist. Die Zeit ist immer sehr beschäftigt. Sie guckt nicht nach dem, der übrig geblieben ist. Sie guckt nicht, ob da jemand sitzt und weint, ob da einer hofft und schreibt. Ob da einer zu viel Wein trinkt, der die noch nassen Wunden auswringt und versucht, zu sterilisieren, was dreckig und entzündet in einem Körper liegt. Die Zeit hat immer viel zu tun, sie vergeht, unmerklich und schweigt dabei. Ich weiß, dass sie das tut, vergehen und sich dabei nicht sichtbar zeigen. Ich habe es selbst erlebt. Sie war da und ich saß ein halbes Jahr später noch genau an Ort und Stelle und habe genau die Dinge getrunken und gedacht, was doch längst zu Ende gedacht war, und ich habe auf Momenten herumgekaut, anstatt auf Brot und mich gefragt, wann es nicht mehr weh tut.

Wir verlangen viel von der Zeit, wenn wir uns erhoffen, dass sie etwas mit uns anstallen kann, was wir selbst nicht hinbekommen.

Wir wollen die Zeit so, als sei sie ein Produkt, das man kaufen kann und dass dann sofort reparieren muss. Als wäre das möglich. Und wenn sie es dann wirklich nicht tut, bekommen wir nicht mit, was sie eigentlich macht und was sie kann. Oder, dass sie vielleicht nichts mehr tun kann. Die Betrachtung machts. Die Betrachtung macht am Ende erst wirklich Sinn.

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Vor mehr als einem Jahr war da dieser Tag, dieser unfassbar große Tag, der so klein wird, wenn man ihn jemanden zeigt. Hier, sage ich manchmal zu irgendwelchen Menschen, die meine Freunde sein könnten, guck dir diesen Tag an, der hat ganze 24 Stunden gedauert, doch er war sehr viel länger. Der Tag, der ist noch heute. An diesem Tag saß ich da. Unter mir der Boden, über mir seitdem nur noch Meer. Ich zeige dann diesen Tag rum und ich sage: da ist jemand gestorben.

Vor vielen vielen Wochen habe ich gedacht, dass ich nie wieder in einer Art und Weise atmen kann, wie es zum Überleben notwendig ist. Atmen als Imperator. Wer nicht atmet, der lacht auch nicht. Wer nicht atmet, der lebt auch nicht. Wer nicht atmet, der schreibt auch nicht. Nur ein Schmerz, der wie eine Kugel in der Luftröhre festhängt und die Atemwege einengt, die man herunter schlucken möchte, egal wie weh es tut. Einfach schlucken und das Brennen hört auf. Das Brennen im Hals. Aber es wandert nur. Es wandert in den scheiß Magen. Es wandert in die Beine, überfällt die gesamte Muskulatur. Es fällt in die Blutbahnen und verteilt sich im ganzen Körper, verbrennt das Herz. Und von dem Moment an sagen dir die anderen genau das, was du nicht hören möchtest. Irgendwas mit Zeit und Geduld und Heilung. Sie sagen: du musst warten. Ein gebrochener Knochen wächst ja auch nicht wieder sofort zusammen, sagen die, die keine Ahnung haben von Zeit und Geduld, Brüchen und der Bedeutung von Wartezeiten- und Räumen.

In allen Beziehungen bedeutet Zeit Entwicklung. Zeit scheint immer ewig. Zeit kann die Wut nicht alleine nehmen und keine Entzündung stillen, aber sie ist da und ich meine: wenn alles so weit weg scheint, wenn alles tot, beerdigt, verschwunden ist, sind es die Verletzungen, die Schläge, die Widrigkeiten des Lebens, die man nie vergisst. Und würden ein paar Stunden, Wochen oder Monate sie nehmen, wäre das schon ziemlich verrückt, oder nicht?

Die Zeit soll nicht heilen, sie soll nur da sein, eine Schulter sein, ein Polster, ein Wattebausch in das man sich legen und würdevoll weinen kann. Sie wird nicht die ganzen Monster mit Jod einreiben, sie wird dich nicht zur Besinnung bringen oder sogar glücklich machen. Aber sie ist immerhin noch da, wenn der Rest im Himmel bleibt. Die Zeit brennt, genauso wie du, und deswegen sieht man ihr auch so genau zu. Aber sie ist eigentlich das Gegenfeuer, dass das Brennen im Körper löscht, doch nicht ganz, denn es bleibt ein bisschen Glut vom Verlust, vom Schmerz, mit der man weiterschreiben muss.

Und dann ist es ja doch so, dass genau der Moment, in dem sich der rote Kreis um die Wunde etwas minimiert, die Nadel ist. Und dass die Zeit der Faden ist, der das Klaffende mit Behutsamkeit verschließt. Anhaltender Schmerz ist vielleicht nicht komfortabel. Aber wer am Ende schöne Narben möchte, der muss abwarten und Bier trinken.

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Alles, was sehr lange weh tut, braucht genau die gleiche Zeit, bis es aufhört, bis es heilt. Doch die Betrachtung schlägt jeder Hoffnung in die Fresse. Denn ich denke so: Wenn mir jetzt jemand sagt, dass sich in meinem Körper eine Wunde immer mehr vergrößert, die nie wieder weggeht, und wenn man dann wirklich nichts mehr machen kann, keine Kompressen, keine Pillen, keine Hoffnung, wenn man mir sagt, dass ich sterben werde, was bedeutet die Zeit, die angeblich so sehr heilt, dann noch? Was bleibt noch übrig von einer Zeit und einer Wunde? Welche Bedeutung bekommt dann der Satz: „Die Zeit heilt alle Wunden?“ Von welchen Wunden ist denn verdammte Scheiße immer die Rede?

Während wir also abwarten und darauf hoffen, dass etwas passiert mit uns, in uns, zwischen uns, ist Heilung für einen Sterbenden keine Möglichkeit mehr, vielleicht nicht mal mehr ein Wunsch. Und die Zeit ist dann nur ein Begriff, der da ist, aber nichts mehr tun muss. Und das was in jener Spanne aus nochleben und ableben passiert, ist leben. Wäre ja vielleicht auch mal eine Option für mich?

Die Zeit heilt letztlich nur die Gesunden. Und das ist okay so, weil die Toten ja am Ende eh nicht mehr da sind und gucken können, wie schön die Narbe geworden ist. Aber während sie nicht heilt, macht sie Momentaufnahmen und sammelt Verschlüsse für die offenen Flaschen in deinem Körper, die du schließen kannst, wenn das Wundwasser abgeflossen ist.

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14 Comments

  1. Großartig, ich danke Dir sehr, liebe Sarah! Genau deswegen, weil Du Dich mit Sprachbildern an alles anzunähern vermagst, weil bei Dir die Zeit ein Mensch wird, ein Versager, ein immer wieder Aufsteher, jemand zum in den Arm nehmen und Wegstossen, – genau deshalb habe ich Dich zu der Frage eingeladen. Wie auf FB geschrieben: für dieses Können im Kampf, für Deine Bilder, verehre ich Dich sehr. Danke! ❤ Candy

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  2. Das, was du über die Zeit und die Heilung schreibst, das ist so viel mehr aus dem Fundus deines Empfindens geschrieben, als das, was ich auf Candys Aufforderung zum gleichen Thema geschrieben habe. Ich habe da angedeutet, dass die Zeit vielleicht eine Persönlichkeit hat. Wenn ich dich hier lese, dann wird mir klar, dass sie eine hat, das sie einer Person ist, mit der man schelten, lachen, weinen und verzweifeln kann. Großartig. Die Zeit ist für alle da, sie heilt nicht und wenn, da gebe ich dir Recht, nur die Gesunden.

    Gruß

    Achim

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    1. Tatsächlich war ich ja von deinem wahnsinnig starken und unglaublich intelligenten Text so begeistert, dass ich dadurch voller Zweifel meiner Art zu schreiben gegenüber war. Und ich war mir nicht mehr sicher, ob ich dieser Frage überhaupt gewachsen bin. So, dass ich alles, was ich bis dato geschrieben habe, löschen wollte. Dann habe ich mich aber doch wieder hingesetzt und weiter geschrieben. Unsere beiden Texte unterscheiden sich zwar, aber genau das ist ja das schöne, finde ich.
      Außerdem sind sie nötig, diese verschiedenen Betrachtungen und Möglichkeiten, um von der Zeit nicht mehr ganz so viel zu erwarten.
      Ich danke dir für deinen Text und deine Worte hier!
      Liebe Grüße

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      1. Wir sollten voneinander lernen. Es darf nicht sein, dass ein Text einen anderen verhindert, weil er die eigenen Bemühungen in Zweifel zieht. Dein Text ist großartig. Wichtig ist nur, dass es immer mehr Texte gibt als Zweifel 🙂

        Gruß

        Achim

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  3. Hat dies auf fuerhilde rebloggt und kommentierte:
    Ich habe in meiner neuen Heimat Wir sind noch hier, auf die Frage „Was tut die Zeit, während sie nicht heilt“, von Candy Bukowski geantwortet.

    „Die Zeit soll nicht heilen, sie soll nur da sein, eine Schulter sein, ein Polster, ein Wattebausch in das man sich legen und würdevoll weinen kann. Sie wird nicht die ganzen Monster mit Jod einreiben, sie wird dich nicht zur Besinnung bringen oder sogar glücklich machen. Aber sie ist immerhin noch da, wenn der Rest im Himmel bleibt. Die Zeit brennt, genauso wie du, und deswegen sieht man ihr auch so genau zu. Aber sie ist eigentlich das Gegenfeuer, dass das Brennen im Körper löscht, doch nicht ganz, denn es bleibt ein bisschen Glut vom Verlust, vom Schmerz, mit der man weiterschreiben muss.“

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  4. Ich habe deine Gedanken mit ins Bett genommen, und mir meine dazu gemacht:
    Zeit überholt dich, überrennt dich bisweilen, wirft dich zu Boden und lässt dich im Gestern stehen. Du versuchst ihr hinterher zu eilen, aber stolperst aber über zu viele ungelebte Sekunden, Minuten, Stunden und Tage. Sie lässt dich deine Unzulänglichkeiten erkennen, und scheint dich dadurch noch langsamer zu machen. Du läufst ihr hinterher, wie ein Verdurstender in der Wüste einer Oase herstolpert, die es nicht gibt. Zeit heilt gar nichts. Sie treibt dich an, Dinge zu tun, die du gar nicht tun willst, weil du etwas Anderes brauchst: Auszeit.
    Nicht die Tage, die vergehen, heilen. Sondern die Momente, in denen du innehältst, dir deine Wunden ansiehst, und ihnen selbst die Hoffnung schenken kannst, dass es wieder gut werden kann. Anders, aber trotzdem gut.
    Zeit verursacht bisweilen ein Vakuum um Verwundete herum, und isoliert sie von allen/m. Sie ist der Wunden Feind.
    Ich nenne meinen Zeitverlust Timewarp, aus dem ich nur temporär aussteigen kann. Ich habe aber gelernt, dass das okay ist.

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    1. Liebe Jane,
      vielen vielen Dank für deine Auseinandersetzung mit dieser (für mich sehr komplexen) Frage. Ich selbst habe auch viele Tage und Nächte damit verbracht, darüber nachzudenken und kann dir in all dem nur zustimmen. Zeit bringt keine Heilung, aber manchmal bringt sie einfach eine neue Sicht und während man das erkennt, ist die Zeit verstrichen und vielleicht fällt man deswegen all zu oft auf das Ticken der Uhr und das Abreißen von Kalenderblättern herein.
      Liebe Grüße
      Sarah

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  5. Die Zeit heilt nur die Gesunden. Ein toller Satz. Allerdings impliziert Gesundheit nicht von selbst Heilung? Insoweit wäre die Zeit ein Medikament, dass bei einigen wirkt und bei anderen nicht. Wenn es wirkt, dann wird man gesund. Wenn nicht, dann hat man ein Problem bzw vielleicht hilft etwas anderes.

    Ich weiß nicht ob ich es Dir schon einmal empfohlen habe oder nicht. Schau Dir einmal auf YouTube eine Rede von US Vizepräsident Joe Biden vor Angehörigen von verletzten oder gefallenen Soldaten an. Er spricht dort über den Unfalltod seiner Frau und eines seiner Kinder. Und er spricht darüber wie ihn jemand empfiehlt jeden Tag von 1-10 zu bewerten. Wie es am Anfang rein gar nichts bringt, da jeder Tag eine 1 oder eher eine 0 ist. Wie aber im Laufe der Zeit es immer mal wieder eine höhere Zahl gab und der Trend irgendwann deutlich wurde. Vielleicht gibt Dir die Rede neue Anregungen.

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    1. Eine interessante Darlegung meines Satzes. Gesundheit schließt Heilung meiner Meinung nach komplett aus, denn Gesunde müssen nicht geheilt werden. Allerdings gehts bei Candys Frage ja auch nicht darum, ob die Zeit heilt, sondern was die Zeit macht, während sie es nicht tut. Und da fiel mir als Fallbeispiel nur die Tatsache ein, dass bei jemandem mit der Diagnose „Tod“ keinerlei Heilung mehr besteht. Und wenn der Arzt von sechs Monaten spricht, dann ist genau das die Zeit, die nicht mehr heilt und in der sie nur noch zum leben animiert, in einem Maße des Möglichen versteht sich. Vielleicht habe ich mich missverständlich ausgedrückt, ich weiß es nicht.

      Nee, das hattest du mir bisher noch nicht empfohlen. Ich werde mir es mir am Wochenende mal ansehen, danke dafür!
      Liebe Grüße!

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  6. wirklich tolles Thema, aber ich glaube nicht das Zeit heilt, egal wen, das vergehen von Zeit verändert…wenn man ganz esoterisch davon ausgeht das alles ist und das gleichzeitig und es gar kein wirkliches vergehen von zeit gibt, und Zeit ist ja so wie Wir sie messen irgendwo doch auch ein Konstrukt oder? So in diesem gleichmaß? Also wenn alles jetzt wäre stelle ich mir vor das wir von verschienden Standpunkten auf die Dinge schauen, aufeinmal..so ungefähr, Zeit verändert die Relation? Die Bewertung? Herzliche Grüße

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    1. Das Thema ist auf so, so, so vielen Ebenen betrachtbar. Ich habe auf eine eher emotionale Ebene darüber geschrieben, aber schau mal, Achim hat das aus einer ganz anderen Sicht geschrieben. Das könnte für dich möglicherweise auch interessant sein. http://achim-spengler.com/2016/02/08/was-tut-die-zeit-wenn-sie-nicht-heilt/

      Im Ganzen gebe ich dir aber Recht. Die Zeit verändert die Sicht und relativiert, aber heilen tut sie nicht.

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