1

„Die Lunge könnte während der Operation in sich zusammenfallen“, teasert der Arzt. „Das ist nicht ganz ungefährlich“, erzählt er wie beiläufig weiter und guckt dabei, als wäre es ein Scherz. „Denn dann ist ihr Vater tot.“ Ein Schulterzucken suggeriert die Verharmlosung seiner deutlichen Worte.
Er redet von 50/50 Chancen, einem allgemein schlechten Gesundheitszustand und „mal gucken, operieren wir erst mal“, sagt er noch und geht. Ok, gucken wir mal, operieren wir mal, vielleicht ist er am Ende dann halt mal tot.

Ich bin einundzwanzig und kurz vor dem Ende meiner ersten großen Liebe. Der Rest ist nur noch Dunst, nur noch feuchte Luft und der sichtbare Atem von uns, nach einem: „Machs gut, auf Wiedersehen“, keine Fragen mehr, kein Winken, kein Abschiedskuss, nur Liebesschwüre, die nach altem Öl schmecken, wenn man sie wieder in den Mund nimmt. Die Konstanten in meinem Leben verlieren sich. Das einzige was noch an Ort und Stelle steht ist der vielleicht-Verlust.

50/50 Chancen, wie oft ich das schon gehört habe. Dieser Ausdruck ist zu einer Gewohnheit geworden. Das ist wie wenn einer niest und ein anderer sagt unisono „Gesundheit.“ Als hätte das wirklich eine Wirkung. Auch bei fast-Toten sagt man noch Gesundheit, ein Reflex sagt das. Oder das Unterbewusstsein, dass sich sicher ist, dass der Tod nur eine Utopie ist.

Rauch mal einen Joint, rät A. mir nach unserer Trennung, nach unseren letzten schlaflosen Gesprächen im Freunschaftskonzept. „Damit du mal wieder schlafen kannst.“ Damit du mal wieder, damit du mal wieder, damit du mal wieder. Ja damit ich mal wieder was eigentlich? Aufhöre, darüber zu reden, dass es hier nicht um Traurigkeit sondern um Gespenster geht. Aufhören, damit ich mal wieder die Fresse halte und mich um die Ordnung im Leben der anderen bemühe? Aufhören, damit ich mal wieder die bin, die ich war, bevor ständig jemand Worte abfeuerte, wie Schüsse aus einer Kalaschnikow, die mich treffen und animieren, selbst irgendwann zu schießen. Ich bin Pazifistin. Doch was man war, wird man nicht bleiben. Ich rauche keinen Joint, entferne mich nur Stück für Stück vom Rest der Welt, falle auf die Knie und halte die Fresse.

2

Mein Leben liegt auf einer Matratze und nutzt die Leere von weißen Wänden um sich auszubreiten und an den Tod zu denken. Die Worte des Arztes, das Zurechtrücken meiner Innerlichkeit, das kann man mal so sagen, er ist ja auch nur ein Mensch, red ich mir ein.

Ich habe Angst vor Papas Angst, die er mit keinem Wort erwähnt. Das ist das Schlimme. Wie geht es ihm wohl mit dem Wissen, um seinen eigenen Erstickungstod? Um mich herum sind undenkbare Vermutungen. Ich stelle mir meine Leblosigkeit vor.

Ich sitze an der Bettkante. Die Bettkante ist nur einen Gedankensprung vom Boden entfernt. Ein Stück entfernt von modriger Erde. Von der Tiefe eines Grabes. Ein Stück entfernt vom Weinen, ein Stück Entfernung von einem Herzinfarkt.

Ich stelle mir vor, dass ich tot bin. Dass das in mir gespeicherte Wasser sintflutartig aus mir herausschwappt – aus den Armen, aus den Beinen, aus meinem Bauch und aus dem Rücken. Und wie meine Augen die Menschen nur noch wie durch Glaskugeln anstarren, so dass sie vor mir Angst bekommen. Sehe die Verformung meiner Ohren und meinen offenen Mund. Ich stelle mir vor, ich habe die gleichmäßigste Hautfarbe, die ich je an mir gesehen habe, stelle mir vor, wie ich mich kalt und ledrig anfühle, dabei fühle ich gar nichts mehr. Dabei bin ich auf einmal gar nichts. Und außer die Bezeichnung „Leichenstarre“, erklärt mich auch nichts mehr.

3

Die Nächte sind graue Schleier vor Fensterrahmen, die das aus-mir-heraus-gucken in lebende Gesichter an jedem Tag überziehen, wie ein schwarzweißer Kriegsfilm. Die Leute sagen mir, dass sie gerne helfen würden, schicken mir Grußkarten mit aufmunternden Sprüchen: Keep Smiling. Halts Maul! Das einzige, was sie damit auslösen, ist noch mehr Verzweiflung, noch mehr Verdeutlichung meines emotionalen Zustands, noch mehr tragischer Rest Ich-sein, in Kartenform, in losen Buchstaben.

Wir stehen da und wir kennen uns genauso gut, wie den Geschmack von Bier, wie den Geruch von Meer, nachdem man sich immer so sehr sehnt. Es fühlt sich an, als seien wir eine Replik aus Jugendtagen, plastische Gespräche, kindliche Fragen. Sie unterhalten mich, während meine eine Gehirnhälfte meine rechte Hand lediglich dazu animiert, den Nagellack von den Fingern meiner linken Hand zu kratzen. Das ist alles, was in aller Offensichtlichkeit wirklich noch zwischen uns passiert: Nagellackspäne die auf den Boden fallen. Zu sagen, dass ich eigentlich nur noch Angst habe, wäre ein Bekenntnis meiner Überforderung, danach fragt aber sowieso nie jemand.

Sie sagen mir: jeder stirbt halt irgendwann, das ist normal und gehört dazu und ist normal und gehört dazu und ist normal! Es ist nur wie das Rumoren im Verdauungstrakt, ist wie das letzte Blättchen aus der Packung nehmen auf dem Land ohne Späti, Kiosk oder Kaufland, ist wie das Leben eben ist, man gewöhnt sich dran. Erzählen vom Scheitern an eigenen Zielen, davon, Freunde aufzuheitern, nach einer endenden Liebe, erzählen vom Ziehen an Türen auf denen Drücken steht und wie peinlich das ist und dass man genau da jetzt nicht mehr vorbei gehen kann. Wir verrauchen obligatorisch die gemeinsamen Stunden, die anschließend nur noch ein Haufen Asche sind, und sie erzählen immer wieder von der unerwiderten Liebe. So, als wäre das etwas Neues und jeden Tag ganz ganz anders, jeden Tag die Besonderheit, jeden Tag das einzige in unserem Leben. Dabei verlieben wir uns tausend Mal in irgendwem und lachen hinterher darüber. Aber sterben tut doch jeder nur ein einziges Mal. Wer weint am Ende eigentlich über sich?

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6 Kommentare zu „Ein einziges Mal

  1. Vor allem: wir haben nur einen Vater! Trotzdem beschäftigen Kinder sich meist mit irgendjemanden, in den sie sich gerade verliebt haben. Und wie sehr ist ein Vater am Leben, wenn Kinder über Wochen keinen sonderlichen Gedanken erübrigen können für ihn? In diesem Sinne hat Luise Rinser mit der „kleinen Frau Marbel“ das Gleichnis meines Lebens geschaffen. Auf den ersten Blick geht es darum, dass die Kinder der Nachbarschaft nach dem Krieg lieber hungern, als von der alten Dame etwas anzunehmen, worauf Frau Marbel keinen Sinn mehr erkennt in ihrem Dasein… Sehe ich darin nun ein Prinzip, bin ich schnell bei der Frage, ob es im Alter wirklich der schlimmste Tod ist, von einer Operation nicht mehr aufzuwachen? Leider schweigen die, deren Dasein höchstens noch 50/50 ist, meist hartnäckig über ihre Gefühlslage. Was vielleicht auch daran liegt, dass niemand sein jahrzehntelang erarbeitetes Andenken riskieren mag. Und Vorgabe unserer Gesellschaft ist nunmal das Gleichnis vom verlorenen Sohn, wonach ein Vater mit offenen Armen dazustehen hat. Für alles weitere gilt auch hier: Klappe halten! „Das ist normal und gehört dazu.“

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  2. Letztens sagte eine wichtige Frau zu mir, es wäre extrem schwer, sich von seinem Vater „abzugrenzen“ („abgrenzen“ sagen solche wichtigen Leute oft, denn darin liegt anscheinend das eigene Glück, keine Ahnung) und dass das wahrscheinlich nur im Laufe der Zeit geschehen könnte. Und dass ich womöglich bis ins Erwachsenen-alter damit kämpfen werde. Aber dass da eine ursprüngliche Trauer einer Tochter ist, das vergessen anscheinend alle. Denn als wirkliche Tochter bleibt dir doch gar nichts anderes übrig. Wenn der Vater ablebt oder sich einen Dreck um seine Tochter schert, dann ist man doch traurig! Wie wäre es wohl, wenn man es nicht wäre.
    Gerade deine Reflexion in den Texten zeigt doch, dass es einfach nicht einfach ist. Und dass alle mal die Fresse halten sollten, danke Sarah dafür! Sowohl du als auch ich haben wohl gerade diesen Text gebraucht! Im Ernst…
    Maxi

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  3. Es erscheint mir so wichtig, dass die Trauer und das Entsetzen einen Raum bekommen. Dass mal jemand darüber spricht. So spricht … wirklich Einblicke gibt in das Innere. Danke für das Teilhabendürfen.
    JedeR ist damit allein. Tod und Sterben will in unserer Gesellschaft niemand haben … bis es passiert.

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  4. Der Text berührt mich. Ich kenne die Angst vor der Angst einer schwer kranken Person. Was ich jetzt gerade aber auch bemerke, ist die riesige Angst davor, dass sich diese Person selbst aufgeben könnte- ich habe Angst und werde hilflos wütend, wenn ich daran denke. Kennst du diese Angst auch? Oder ist das die gleiche Angst? Die Angst vor dem Tod einer anderen, schwer kranken Person löst bei mir Mitgefühl und den Wunsch zu trösten aus. Wenn ich das Gefühl habe, dass sich die Person aber aufgeben will, ohne gekämpft zu haben, dann macht mich das wütend. Und dann frage ich mich, ob ich wütend sein darf? Steht mir das zu? Aber ich bin es doch- so oder so?

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