Carpe diem, fuck you

Vor einem Jahr, kurz nach meinem ersten Geburtstag nach dem Tod meines Vaters, schrieb ich einen Text auf meinem alten Blog. Gestern kam mir diese Zeitspanne wieder in den Sinn, deswegen möchte ich ihn nun hier veröffentlichen.
Es war das erste Mal danach, dass ich ein Krankenhaus besuchte. Es war das erste Mal, dass ich bemerkte, wie krass so eine Begegnung ist, wenn etwas auf einmal vorbei ist, was sechs Jahre lang präsent war: Medikamente, Desinfektionsmittel, Krankenbetten, Kranke.
In ein paar Tagen jährt sich dieser Tag. Es wird mein 2. Geburtstag sein. Und meine Begegnungen sind jetzt Menschen, die mir schreiben. Die mit mir über den Tod reden, die mir erzählen, wie sie sich fühlen oder gefühlt haben. Alles hat sich verändert seitdem. Wir reden mehr vom Tod. Wir sehen ihn endlich. (Danke an Mareice)

 

Der Alltag läuft so ganz ohne, dass es eine Schablone gibt. Eine Schablone für Orte, Worte und Menschen. Der Alltag läuft und manchmal komme ich nicht hinterher, sondern bleibe einfach irgendwo stehen.

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Ich weiß nicht was es ist, aber ich warte über eine Stunde darauf, dass meine Füße sich allmählich dem Eingang nähern, sich bewegen, meinen Körper in diesen großen Komplex aus irgendwie allem tragen. Dieser Ort, der einen großen Namen und viele Türen hat. Der Herzen und Menschen beherbergt, sie zum Schlagen und somit zum (weiter)leben bringt und in dem manchmal das Wort Exitus wie ein Echo durch Gehörgänge und Gliedmaßen rennt. Ich stehe nicht auf Kriegsfuß mit dem Ort, aber irgendwie ist es der falsche Monat und ein beschissener Moment. Ich weiß einfach nicht, ob ich dieses Haus betreten soll. Dieses Alles, was dort drinnen existiert. Alles, was es auf der Welt gibt, scheint hier vereint. Denn die Sache mit den Krankenhäusern ist ja die, dass es so viele Fälle gibt. So viele. Fälle.

Ich bleibe immer weiter stehen, den Blick durch die Scheiben in den Innenraum gerichtet. Ich denke: hier mischt sich Gesundheit mit Krankheit, ein Lächeln und Hallo, aufrecht gehen, die Schläuche nicht sehen, fangen spielen mit den ganzen kaputten und auch mit den heilen Seelen. Es gibt den Fall von Hochmut: “Steh auf, geh geradeaus, halt dich wacker und ja, verdammt, carpe diem, alles liegt eigentlich in deiner Hand. Und es gibt das andere, das krasse, harsche Leiden: „Carpe diem, fuck you, ich muss für immer hier bleiben.“

Im Foyer treffen sich alle. Ein Beinbruch, ein Querschnitt, Zähne zusammenbeißen, denn es gibt noch andere die leiden. Nierenversagen, Lähmungen die plagen, blaue Flecken am ganzen Körper, Schläuche in rot und Taschen voll Blut.

Ich weiß nicht was es ist, dass mit dem Krankenhaus und mir, mit diesem Tag und dem hier, ich weiß nicht was es ist, doch es ist bedrückend und verwirrend, es fühlt sich merkwürdig an, denn während ich jammere sehe ich auf der Bank dort sitzt ein alter kranker Mann.
Er sieht mich an und fragt mich wie spät. Ich antworte ihm und plötzlich sprechen wir von Blutkrebs. Das ist schon komisch irgendwie, da sitzen 79 Jahre neben mir und lachen über die echte Sterblichkeit. Er hätte nicht gedacht, sagt er, dass ihm das auf seine letzten Meter noch passiert. Er grinst und röchelt und wir rauchen sogar, obwohl er doch Krebs hat und ich ja aufgehört habe, und er sagt, dass das doch jetzt auch egal ist eigentlich, weil er sich keine Gedanken mehr macht, schließlich hat er eine finale Krankheit. Und ich denke, dass gibts ja nicht, wir Menschen können besser (mit Fremden) über Leukämie reden, als (mit Freunden) über unsere Seelen, über schöne Gefühle, vielleicht so etwas wie Liebe. Wir reden besser über offene Wunden und das eigene scheiß Leiden und wir kichern sogar dabei, das ist doch wahnsinnig. Er lacht immer wieder und scherzt wild herum, er sagt, was soll er denn auch sonst machen, Schmerzen hat er keine und kriegt er nicht, weil Blutkrebs merkste nicht, sagt er und grinst. Blutkrebs ist einfach da und irgendwann bist du dafür dann weg. Neulich ist er abgehauen aus diesem Haus, erzählt er und zieht an seiner Zigarette, er wollte noch mal trinken. Ganz viel trinken und ganz viel sehen, er wollte noch mal, einen kleinen Tag so richtig leben. Carpe Diem, oder so.

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Wir räumen jetzt das Feld von hinten auf, dass macht man so bei Umzügen und einem Wechsel der Befindlichkeit. Das kennt ja jeder. Erst schleppt man den ganze Krempel rein und dann wieder raus und ich weiß noch, wie wir vor einer kleinen Ewigkeit schon einmal hier standen, in diesem Gang, zwischen den vielen Regalen und den Menschen, mit einem Lächeln und diesen ganzen Erwartungen. Der Einkaufswagen war voller, irgendwie, und wir nicht ganz so leer.
Aber wir stehen einfach wieder hier in diesem Supermarkt und kaufen Kaffee und Pizza und gesunde Smoothies, weil wir ja gesund sein wollen und sollen, gar unsterblich, deswegen brauchen wir Obst und Gemüse mit reichlich Vitaminen kurz nach dem Aufwachen, wo uns doch früher eine Zigarette und eine Tasse Kaffee reichte um heldenhaft zu sein. Zu tun.
Ich gucke mich um. Und ich weiß, hier im Supermarkt kämpft ja jeder auch nur ums Überleben, das sieht man ja an den vollen Wagen und den nichtssagenden Gesichtern. Es quietscht durch die Gänge und es gibt welche die reden und andere gucken gebannt auf einen Zettel in der Hand, als wärs eine Notfallliste für schlechte Tage, aber am Ende ändert sich dadurch ja auch wieder nichts. Die Veränderung, dass sind ja eigentlich wir. Wir ändern uns, so idiotisch es auch klingt. Aber wir trinken jetzt sogar Champagner aus Pappbechern und wir reden über Tote und die anderen, die alle irgendwann mal da waren, damals, als wir das Feld hier vor dieser kleinen Ewigkeit, zu unserem Leben gemacht haben.

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Ich meckere innerlich über das Geburtstaghaben, wieder ein Jahr mehr und wieder einmal weniger geschafft, als man wollte. Fünfundzwanzig scheiß Jahre im Trott verbracht, auf die Liebe gewartet, sich um diesen und jenen gesorgt und am Ende ein banaler Tag im Februar, wach werden und sehen, dass alle die schon immer da waren, noch genau da sind und dass nur diejenigen, die nicht wollten, irgendwann gegangen sind. Und dass nur einer so wirklich fehlt, und dass es vielleicht nur das ist, was mich gerade richtig quält und mir Geburtstage so klein erscheinen lässt. Und dann denke ich, vielleicht ist der Mann mit Blutkrebs ein Geschenk für diesen Tag gewesen, weil er es erinnert, dieses Glied, welches nun in dieser langen Kette aus Menschen fehlt.

Wir räumen das Feld von hinten auf und ich bleibe stehen, um mich noch mal kurz umzusehen. Wir schieben wieder einmal Wagen durch Supermärkte, trinken wieder mal zu viel Bier, wir feiern Tage an denen jemand geboren wurde und wir freuen uns auf neue Erdenbürger, wir sind traurig, weil jemand gegangen ist und eigentlich ist alles so wie es ist und das ist nicht einmal ganz schlecht, weil ich ja sehe, dass sich so vieles von einer Raupe zum Schmetterling verändert hat. Ich trage jetzt Hemden, die mir nicht passen, weil sie mir früher nicht gehörten, aber ich fühle mich wohl damit, wohl mit fünfundzwanzig, wohl in meinem Leben, wohl in meiner Haut. Ich hasse die Welt und das Leben nicht, denn alles kann so schön sein. Das sehe ich, wenn ich um zwei Uhr nachts nach Hause komme und dort ein Päckchen Liebe liegt. Wer braucht schon Jungs, Klamotten und diesen ganzen Quatsch? Wir ziehen um und wir wohnen gar nicht richtig hier, weil wir irgendwann ja wieder weiterziehen, spätestens, wenn unsere Nieren versagen oder wir am Leben verzagen.

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Empfehlungen

Wir sind noch hier ist gerade mal einen Monat alt und dennoch erhalte ich ganz ganz viele Rückmeldungen. Offene, ehrliche Worte. Bestätigung wie auch Kritik. Anfangs war ich mir sehr unsicher, ob es die richtige Entscheidung ist, wirklich so offen über den Tod und alles, was damit zusammenhängt, zu schreiben. Etwas anzufangen, was nie ein richtiges Ende haben wird, denn ich könnte, wenn ich wollte, in 900 Ausführungen vom Tod erzählen. Ich könnte noch so viel schreiben. Und das werde ich, denn es war die richtige Entscheidung, da bin ich mir inzwischen sicher. Ich möchte dem Tod und auch Krankheiten einen Raum geben. Deswegen möchte ich euch auf vier sehr lesenswerte Texte aufmerksam machen.

 

Ilka Maier-Piepgras hat im September im Zeitmagazin einen berührenden und schönen Text über die Sterbebegleitung geschrieben: Von einer, die auszog, das Sterben zu lernen

Nach Holgers jähem Tod wird mir etwas bewusst: Ich brauche Klarheit über das Sterben. Sonst werde ich das Erlebnis nicht los. Ein zweites Mal will ich dem Tod nicht unvorbereitet begegnen. Aber wie kann man Sterben lernen, ohne selbst betroffen zu sein? Gewöhnlich nähere ich mich schwierigen Themen, indem ich die Literatur befrage. Auch nach Holgers Tod häufe ich Bücher und Aufsätze an: Besser leben mit dem Tod oder Sterben für Anfänger . Und doch: Ich finde nicht hinein. Die Bücher langweilen mich, nichts davon hat mit mir zu tun, der Tod bleibt Buchstabengewimmel, bedrohlich, aber abstrakt.

 

Eine Reportage von Juliane Schiemenz. Dort erzählt sie vom Alzheimer ihres Vaters. Eine Geschichte, die mich sehr mitgenommen hat und die ich ausnahmslos jedem ans Herz legen möchte. Alzheimer on the Road

Wir hatten das alles anders geplant. Mutti wollte dich zu Hause pflegen. «Nach vierzig Jahren Ehe lasse ich ihn nicht im Stich», hatte sie erklärt, als vor drei Jahren die Diagnose Alzheimer kam. Da warst du 64. Der Arzt sagte: Das kann dauern. Zehn Jahre, vielleicht fünfzehn, er ist noch jung. Alle rechneten mit deinem langsamen Verfall. Wie man das so kennt aus dem Fernsehen: Irgendwann sitzt der Demente sabbernd im Rollstuhl, das Gehirn nur noch ein bunter Haufen Knete.

 

Die Verlegerin Christiane Frohmann ist vielen durch ihr Projekt 1000 Tode bekannt. Auf dem Totenhemd-Blog hat sie vor ein paar Monaten selbst einen Text zum Thema Tod geschrieben: Warum habe ich als Kind meinen Eltern nichts von meiner Todesangst verraten?

Ich hatte Angst vor dem Tod, aber ich war auch sehr fasziniert, ästhetisch gab es nichts Interessanteres für mich. In jeder auf Reisen besuchten Kirche führte mich mein erster Weg in die Krypta, und sehenswert waren in meinen Augen allein Kirchen mit juwelengeschmückten Heiligenskeletten oder vergleichbar glamourösen Reliquien.

 

Auf diesen Text von Berlinmittemom hat mich eine liebe Leserin aufmerksam gemacht. An dieser Stelle noch einmal danke dafür. Berührend und so unglaublich wahr. Liebe mama… ::: über die Unbescheidenheit der Sehnsucht

Natürlich weiß ich das alles noch. Jeder Moment mit dir ist in mir eingebrannt und ja, da bist du noch – in mir und in all den Bildern aus den vielen Jahren mit dir. Aber hier, bei mir, da bist du nicht. Und alle Erinnerung, so schön sie ist, kann das nicht ersetzen. Die Lücke füllen, die du hinterlassen hast. Nichts und niemand kann das.

(Wir) Kinder und der Tod

 

 

Oh Sari, guck mal da oben, da am Himmel. Das ist bestimmt Opa, der brät grad sicher Schweinebauch“, sagt L. Ich lächele und nicke und bewundere die Wolken und den Nebel und ihr strahlendes Gesicht.

Das Sauerstoffgerät läuft immer noch. Die Nasenbrille liegt auf einem Gesicht, das aus Schmirgelpapier besteht. Ich weiß nicht wieso es noch läuft, wieso da noch die Nasenbrille liegt, wieso auf dem Tischchen neben seinem Bett noch ein Glas Wasser steht, weshalb die volle Tablettenbox noch auf dem Tisch liegt, weswegen der Toilettenstuhl noch neben seinem Bett steht, oder der Galgen über ihm hängt, als würde er sich da je wieder dran hochziehen. Ich weiß nicht, wieso das alles so ist, obwohl sein Atmen sich anhört wie der letzte Schluck Cola, den man durch einen Strohalm zieht. Ein Kocheln, ein Gluckern. Ein Aufhören.

Die kleine A. (5) läuft am Zimmer vorbei. „Opa schnorchelt ja“, quiekt sie belustigt und rennt dann weiter. Wir nicken und wenden unseren schwammigen Blick wieder zum Bett. Die Pflegerin spritzt ihm etwas. Durch den Flur rennen lärmend die Kinder. Die Tür steht weiterhin auf. Eine glückliche Geräuschkulisse entsteht. Der kleine J. (4), A. und M. (2) rennen auf und ab und kichern. Nur L. (10) sitzt in der Küche am Tisch und spielt Halma mit meiner Schwester K. Für die Kinder ist alles normal. Opa liegt im Bett und schläft, sie spielen, wie sie es immer gemacht haben, wenn sie alle zusammen in diesem Haus waren. Sie werden vielleicht nie verstehen, was passiert. Sie werden nie verstehen, dass sie nebenan saßen, als ihr Opa gestorben ist. Und das ist sehr schön. Diese Unbefangenheit – keine Angst und keine Furcht. Die Hinnahme dessen, was passiert, zulassen, was man eh nicht beeinflussen oder begreifen kann an einem Todestag, der alles bereithält.

Wir weinen. Ich lege einen Kuss auf seine Stirn. Wenn man die Haut berührt, fühlt es sich nicht an wie Schmirgelpapier, es sieht nur so aus, es fühlt sich ölig an, eingecremt. Mit einem Stäbchen befeuchte ich seine Lippen. Ich habe das Gefühl, dass er es merkt. Aber ich habe auch das Gefühl, dass das alles nicht wahr ist. Ich habe das Gefühl, dass es einfach nicht wahr sein kann. Und doch engt mich das Bewusstsein ein, dass das hier das Klarste ist, was ich je erlebt habe. Jedes Geräusch ist eindringlich. Vor allem jede Atempause, der Moment, in dem das Herz und der Bauch ganz still steht. Und sich dann wieder bewegt. Die breiige Masse im Urinbeutel, das letzte sichtbare Überbleibsel von ihm, manifestiert sich in meinem Kopf wie eine Wahrheit.

„Zwei Stunden, höchstens“, sagt der Arzt. Wir schließen die Tür.

Wir warten ab. Die Kinder kreischen vergnügt, werfen Bälle durch das Wohnzimmer, essen Kekse und trinken Fanta. Ich spiele mit L. und K. Halma. Auf dem Tisch steht bereits eine brennende Kerze. Man fühlt den Tod schon, ehe er da ist. Wir möchten vorbereitet sein. Wir sind es. Zumindest tun wir so. Zwei Stunden verstreichen. Während er stirbt sind wir wieder zurück im Zimmer, nur wir vier Geschwister, halten seine Hand und halten es aus.

„Opa schnorchelt gar nicht mehr“, sagt A. Wir nicken stumm.

Die Pflegerinnen öffnen das Fenster und stellen eine Kerze auf den Tisch neben seinem Bett. Gekämmt und hübsch positioniert liegt er auf Kissen, regungslos. Wir erzählen den Kindern, dass Opa jetzt auf eine Reise geht und sie sich verabschieden müssen. Da stehen sie, vier Enkelkinder, das fünfte (8) wollte nicht kommen und das ist okay. In blond und in brünett, mit Schokolade an den Mündern und Verwirrung im Gesicht stehen sie vor dem Bett in dem ihr toter Großvater liegt. J. streicht seinem Opa über die Hand. L. zögert ein wenig. Mit zehn weiß man schon, was es heißt, wenn jemand jetzt auf eine Reise geht. Ich sage: „Er fühlt sich ganz normal an.“ Sie berührt ihn und lächelt zwischen den Strömen von Tränen. J. sagt liebevoll auf Wiedersehen und M. drückt ihren Körper an die Beine ihres Vaters, meinem Bruder, dessen Tränen sein T-Shirt bedecken. Danach gehen die Kinder wieder spielen und wir bleiben noch einen langen Moment im Raum stehen, bei Vater, obwohl wir merken, dass er nicht mehr da ist.

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Er starb im Haus meiner Schwester, das Zuhause von L. und J. Zwischen seinem Einzug und seinem Tod lagen exakt neun Monate. Eine Zeitspanne, die Gewohnheit suggeriert, eine Weile in der etwas zur Normalität wird. Aufstehen und seinem Opa guten Morgen sagen. Das Notieren der Urinmenge aus dem Beutel auf einem Blatt Papier, die Kekse auf dem Tisch anknabbern. Das Frühstück ins Zimmer bringen, Fieber messen, sich im leeren Bett am Galgen hochziehen. Die Spaziergänge im Rollstuhl. Käsekuchen essen. Die Besuche. Und die nicht-mehr-Besuche.

Wir haben die ganze noch vorhandene Kleidung aus dem Schrank geräumt und in einen Sack gestopft. Einfach ganz lieblos in einen großen Plastiksack. Und den haben wir fest verschlossen. J. und L. haben uns dabei geholfen. Wir haben auch ein paar Dinge aufgehoben. Das rotweiß karierte Hemd und die warmen Fließjacken, aber auch ein paar Gegenstände, die ihn ausmachten. In den Stoffen der Kleidung steckt noch immer sein Geruch, nach mehr als einem Jahr. Ich ziehe sie an, wenn ich innerlich mal wieder friere. Wir haben auch seine alten Bilder abgehangen. K. hat das große Bild von unserer Taufe, auf dem ein einziges Mal in unserem Leben alle Familienmitglieder stehen, in ihrem Wohnzimmer hängen. Wenn man bei ihr ist, ist man irgendwie näher an der Vergangenheit, der Krankenzeit, das ist dann ein Papa-hat-da-immerhin-noch-gelebt-Moment, auch wenn die Lebendigkeit mehr auf dem Bild zusehen war, als in dem Menschen „damals“ in diesem Bett, von wo aus man das Foto immer sehen konnte.

Dem kleinen J. zu erklären, dass Opas Zimmer jetzt für immer leer sein wird, schien uns anfangs wie das Schwierigste am Tod. Die beiden hatten ein sehr inniges, liebevolles Verhältnis. Der Abschied schien noch normal zu sein. Opa lag ja immer da in diesem Bett und jeden Abend hat der Kleine ihm eine gute Nacht gewünscht, sich verabschiedet. Aber auf einmal lag Opa nicht mehr in diesem Bett. Auf einmal war Opa gar nicht mehr da. Auf einmal gab es kein „Opiiii aufwachen, es gibt essen.“ Es gab kein „Komm her, du Rüpel, iss‘ ma en paar von den Keksen hier.“ Auf einmal war nichts mehr da. Und für J. wurde das sehr schnell zur Gewohnheit.

Aber weil alle immer dazu raten, Dinge aufzuarbeiten, hatte meine Schwester dieses Buch besorgt, in dem Kindern erklärt wurde, was es bedeutete Abschied zu nehmen. Aus dem versuchte sie ihm vorzulesen. Sie schaffte es nicht, ohne auf der dritten Seite mit dem Weinen zu beginnen. Ich versuchte es ebenfalls und scheiterte genauso daran. J. sagte: „Nicht mehr weiterlesen“, an einer Stelle, an der wir dann alle immer und immer wieder zu Weinen begannen. J. klappte dann das Buch zu, strich mir die Tränen von den Wangen und umarmte mich. Weil Kinder doch oft schon mehr wussten, als wir Erwachsenen annahmen. J. wusste, dass Opa tot war. Er wusste, dass er nie wieder zurückkam.

Den Kindern den Tod zu erklären war einfacher, als es selbst zu verstehen.

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Ich habe mir vorher immer vorgestellt, wenn ich an den Tod meines Vaters dachte, dass die Kinder dann bei Nachbarn sind, zumindest nicht im gleichen Haus. Doch an diesem Tag geschah alles, als hätte jemand zuvor einen Plan gemacht. Keiner hat auch nur eine Sekunde darüber nachgedacht, die Kinder wegzuschicken.

Und doch war es nur ein Versuch. Die Teilnahme am Abschied war nur ein Versuch, der auch hätte schiefgehen können. Aber die Kinder reden heute offen darüber. Immer wieder. Sie lachen auch. Manchmal sagt J. er vermisse Opa. Und das scheint mir ein sehr gesundes Maß an Trauerkultur im Kindesalter zu sein.

Der kleine J. steht in Cowboy-Montur im Flur. „Papa hat mit seinem Handy schon ein Foto von meinem Kostüm gemacht und es Opa in den Himmel geschickt“, sagt er. „Cool“, sage ich. Irgendwo in meinem Kopf sammelt sich ein Gemisch aus Tränen und Freude.

Die Zeit heilt nur die Gesunden

Ein kleines Durcheinander über die Zeit für Candy.

Was tut die Zeit, während sie nicht heilt

Die Zeit ist alles und nichts zugleich. Die Zeit ist wie Papier, wie Zigarettenqualm, ist Plan G, ist Bier, sind Zeiger, in groß und in klein, ist ein Zwischenhalt, in dem alles leise und viel zu laut ist, in dem man gefangen ist, in dem nichts, aber auch wirklich gar nichts zu heilen scheint. Während du dich umdrehst und dich fragst, wo sie hin ist, die Zeit, steht sie da, in einer Kneipe, in die du nicht mehr gehst, und besäuft sich mit all dem, was dir passiert ist. Die Zeit ist immer sehr beschäftigt. Sie guckt nicht nach dem, der übrig geblieben ist. Sie guckt nicht, ob da jemand sitzt und weint, ob da einer hofft und schreibt. Ob da einer zu viel Wein trinkt, der die noch nassen Wunden auswringt und versucht, zu sterilisieren, was dreckig und entzündet in einem Körper liegt. Die Zeit hat immer viel zu tun, sie vergeht, unmerklich und schweigt dabei. Ich weiß, dass sie das tut, vergehen und sich dabei nicht sichtbar zeigen. Ich habe es selbst erlebt. Sie war da und ich saß ein halbes Jahr später noch genau an Ort und Stelle und habe genau die Dinge getrunken und gedacht, was doch längst zu Ende gedacht war, und ich habe auf Momenten herumgekaut, anstatt auf Brot und mich gefragt, wann es nicht mehr weh tut.

Wir verlangen viel von der Zeit, wenn wir uns erhoffen, dass sie etwas mit uns anstallen kann, was wir selbst nicht hinbekommen.

Wir wollen die Zeit so, als sei sie ein Produkt, das man kaufen kann und dass dann sofort reparieren muss. Als wäre das möglich. Und wenn sie es dann wirklich nicht tut, bekommen wir nicht mit, was sie eigentlich macht und was sie kann. Oder, dass sie vielleicht nichts mehr tun kann. Die Betrachtung machts. Die Betrachtung macht am Ende erst wirklich Sinn.

2

Vor mehr als einem Jahr war da dieser Tag, dieser unfassbar große Tag, der so klein wird, wenn man ihn jemanden zeigt. Hier, sage ich manchmal zu irgendwelchen Menschen, die meine Freunde sein könnten, guck dir diesen Tag an, der hat ganze 24 Stunden gedauert, doch er war sehr viel länger. Der Tag, der ist noch heute. An diesem Tag saß ich da. Unter mir der Boden, über mir seitdem nur noch Meer. Ich zeige dann diesen Tag rum und ich sage: da ist jemand gestorben.

Vor vielen vielen Wochen habe ich gedacht, dass ich nie wieder in einer Art und Weise atmen kann, wie es zum Überleben notwendig ist. Atmen als Imperator. Wer nicht atmet, der lacht auch nicht. Wer nicht atmet, der lebt auch nicht. Wer nicht atmet, der schreibt auch nicht. Nur ein Schmerz, der wie eine Kugel in der Luftröhre festhängt und die Atemwege einengt, die man herunter schlucken möchte, egal wie weh es tut. Einfach schlucken und das Brennen hört auf. Das Brennen im Hals. Aber es wandert nur. Es wandert in den scheiß Magen. Es wandert in die Beine, überfällt die gesamte Muskulatur. Es fällt in die Blutbahnen und verteilt sich im ganzen Körper, verbrennt das Herz. Und von dem Moment an sagen dir die anderen genau das, was du nicht hören möchtest. Irgendwas mit Zeit und Geduld und Heilung. Sie sagen: du musst warten. Ein gebrochener Knochen wächst ja auch nicht wieder sofort zusammen, sagen die, die keine Ahnung haben von Zeit und Geduld, Brüchen und der Bedeutung von Wartezeiten- und Räumen.

In allen Beziehungen bedeutet Zeit Entwicklung. Zeit scheint immer ewig. Zeit kann die Wut nicht alleine nehmen und keine Entzündung stillen, aber sie ist da und ich meine: wenn alles so weit weg scheint, wenn alles tot, beerdigt, verschwunden ist, sind es die Verletzungen, die Schläge, die Widrigkeiten des Lebens, die man nie vergisst. Und würden ein paar Stunden, Wochen oder Monate sie nehmen, wäre das schon ziemlich verrückt, oder nicht?

Die Zeit soll nicht heilen, sie soll nur da sein, eine Schulter sein, ein Polster, ein Wattebausch in das man sich legen und würdevoll weinen kann. Sie wird nicht die ganzen Monster mit Jod einreiben, sie wird dich nicht zur Besinnung bringen oder sogar glücklich machen. Aber sie ist immerhin noch da, wenn der Rest im Himmel bleibt. Die Zeit brennt, genauso wie du, und deswegen sieht man ihr auch so genau zu. Aber sie ist eigentlich das Gegenfeuer, dass das Brennen im Körper löscht, doch nicht ganz, denn es bleibt ein bisschen Glut vom Verlust, vom Schmerz, mit der man weiterschreiben muss.

Und dann ist es ja doch so, dass genau der Moment, in dem sich der rote Kreis um die Wunde etwas minimiert, die Nadel ist. Und dass die Zeit der Faden ist, der das Klaffende mit Behutsamkeit verschließt. Anhaltender Schmerz ist vielleicht nicht komfortabel. Aber wer am Ende schöne Narben möchte, der muss abwarten und Bier trinken.

3

Alles, was sehr lange weh tut, braucht genau die gleiche Zeit, bis es aufhört, bis es heilt. Doch die Betrachtung schlägt jeder Hoffnung in die Fresse. Denn ich denke so: Wenn mir jetzt jemand sagt, dass sich in meinem Körper eine Wunde immer mehr vergrößert, die nie wieder weggeht, und wenn man dann wirklich nichts mehr machen kann, keine Kompressen, keine Pillen, keine Hoffnung, wenn man mir sagt, dass ich sterben werde, was bedeutet die Zeit, die angeblich so sehr heilt, dann noch? Was bleibt noch übrig von einer Zeit und einer Wunde? Welche Bedeutung bekommt dann der Satz: „Die Zeit heilt alle Wunden?“ Von welchen Wunden ist denn verdammte Scheiße immer die Rede?

Während wir also abwarten und darauf hoffen, dass etwas passiert mit uns, in uns, zwischen uns, ist Heilung für einen Sterbenden keine Möglichkeit mehr, vielleicht nicht mal mehr ein Wunsch. Und die Zeit ist dann nur ein Begriff, der da ist, aber nichts mehr tun muss. Und das was in jener Spanne aus nochleben und ableben passiert, ist leben. Wäre ja vielleicht auch mal eine Option für mich?

Die Zeit heilt letztlich nur die Gesunden. Und das ist okay so, weil die Toten ja am Ende eh nicht mehr da sind und gucken können, wie schön die Narbe geworden ist. Aber während sie nicht heilt, macht sie Momentaufnahmen und sammelt Verschlüsse für die offenen Flaschen in deinem Körper, die du schließen kannst, wenn das Wundwasser abgeflossen ist.

Ein einziges Mal

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„Die Lunge könnte während der Operation in sich zusammenfallen“, teasert der Arzt. „Das ist nicht ganz ungefährlich“, erzählt er wie beiläufig weiter und guckt dabei, als wäre es ein Scherz. „Denn dann ist ihr Vater tot.“ Ein Schulterzucken suggeriert die Verharmlosung seiner deutlichen Worte.
Er redet von 50/50 Chancen, einem allgemein schlechten Gesundheitszustand und „mal gucken, operieren wir erst mal“, sagt er noch und geht. Ok, gucken wir mal, operieren wir mal, vielleicht ist er am Ende dann halt mal tot.

Ich bin einundzwanzig und kurz vor dem Ende meiner ersten großen Liebe. Der Rest ist nur noch Dunst, nur noch feuchte Luft und der sichtbare Atem von uns, nach einem: „Machs gut, auf Wiedersehen“, keine Fragen mehr, kein Winken, kein Abschiedskuss, nur Liebesschwüre, die nach altem Öl schmecken, wenn man sie wieder in den Mund nimmt. Die Konstanten in meinem Leben verlieren sich. Das einzige was noch an Ort und Stelle steht ist der vielleicht-Verlust.

50/50 Chancen, wie oft ich das schon gehört habe. Dieser Ausdruck ist zu einer Gewohnheit geworden. Das ist wie wenn einer niest und ein anderer sagt unisono „Gesundheit.“ Als hätte das wirklich eine Wirkung. Auch bei fast-Toten sagt man noch Gesundheit, ein Reflex sagt das. Oder das Unterbewusstsein, dass sich sicher ist, dass der Tod nur eine Utopie ist.

Rauch mal einen Joint, rät A. mir nach unserer Trennung, nach unseren letzten schlaflosen Gesprächen im Freunschaftskonzept. „Damit du mal wieder schlafen kannst.“ Damit du mal wieder, damit du mal wieder, damit du mal wieder. Ja damit ich mal wieder was eigentlich? Aufhöre, darüber zu reden, dass es hier nicht um Traurigkeit sondern um Gespenster geht. Aufhören, damit ich mal wieder die Fresse halte und mich um die Ordnung im Leben der anderen bemühe? Aufhören, damit ich mal wieder die bin, die ich war, bevor ständig jemand Worte abfeuerte, wie Schüsse aus einer Kalaschnikow, die mich treffen und animieren, selbst irgendwann zu schießen. Ich bin Pazifistin. Doch was man war, wird man nicht bleiben. Ich rauche keinen Joint, entferne mich nur Stück für Stück vom Rest der Welt, falle auf die Knie und halte die Fresse.

2

Mein Leben liegt auf einer Matratze und nutzt die Leere von weißen Wänden um sich auszubreiten und an den Tod zu denken. Die Worte des Arztes, das Zurechtrücken meiner Innerlichkeit, das kann man mal so sagen, er ist ja auch nur ein Mensch, red ich mir ein.

Ich habe Angst vor Papas Angst, die er mit keinem Wort erwähnt. Das ist das Schlimme. Wie geht es ihm wohl mit dem Wissen, um seinen eigenen Erstickungstod? Um mich herum sind undenkbare Vermutungen. Ich stelle mir meine Leblosigkeit vor.

Ich sitze an der Bettkante. Die Bettkante ist nur einen Gedankensprung vom Boden entfernt. Ein Stück entfernt von modriger Erde. Von der Tiefe eines Grabes. Ein Stück entfernt vom Weinen, ein Stück Entfernung von einem Herzinfarkt.

Ich stelle mir vor, dass ich tot bin. Dass das in mir gespeicherte Wasser sintflutartig aus mir herausschwappt – aus den Armen, aus den Beinen, aus meinem Bauch und aus dem Rücken. Und wie meine Augen die Menschen nur noch wie durch Glaskugeln anstarren, so dass sie vor mir Angst bekommen. Sehe die Verformung meiner Ohren und meinen offenen Mund. Ich stelle mir vor, ich habe die gleichmäßigste Hautfarbe, die ich je an mir gesehen habe, stelle mir vor, wie ich mich kalt und ledrig anfühle, dabei fühle ich gar nichts mehr. Dabei bin ich auf einmal gar nichts. Und außer die Bezeichnung „Leichenstarre“, erklärt mich auch nichts mehr.

3

Die Nächte sind graue Schleier vor Fensterrahmen, die das aus-mir-heraus-gucken in lebende Gesichter an jedem Tag überziehen, wie ein schwarzweißer Kriegsfilm. Die Leute sagen mir, dass sie gerne helfen würden, schicken mir Grußkarten mit aufmunternden Sprüchen: Keep Smiling. Halts Maul! Das einzige, was sie damit auslösen, ist noch mehr Verzweiflung, noch mehr Verdeutlichung meines emotionalen Zustands, noch mehr tragischer Rest Ich-sein, in Kartenform, in losen Buchstaben.

Wir stehen da und wir kennen uns genauso gut, wie den Geschmack von Bier, wie den Geruch von Meer, nachdem man sich immer so sehr sehnt. Es fühlt sich an, als seien wir eine Replik aus Jugendtagen, plastische Gespräche, kindliche Fragen. Sie unterhalten mich, während meine eine Gehirnhälfte meine rechte Hand lediglich dazu animiert, den Nagellack von den Fingern meiner linken Hand zu kratzen. Das ist alles, was in aller Offensichtlichkeit wirklich noch zwischen uns passiert: Nagellackspäne die auf den Boden fallen. Zu sagen, dass ich eigentlich nur noch Angst habe, wäre ein Bekenntnis meiner Überforderung, danach fragt aber sowieso nie jemand.

Sie sagen mir: jeder stirbt halt irgendwann, das ist normal und gehört dazu und ist normal und gehört dazu und ist normal! Es ist nur wie das Rumoren im Verdauungstrakt, ist wie das letzte Blättchen aus der Packung nehmen auf dem Land ohne Späti, Kiosk oder Kaufland, ist wie das Leben eben ist, man gewöhnt sich dran. Erzählen vom Scheitern an eigenen Zielen, davon, Freunde aufzuheitern, nach einer endenden Liebe, erzählen vom Ziehen an Türen auf denen Drücken steht und wie peinlich das ist und dass man genau da jetzt nicht mehr vorbei gehen kann. Wir verrauchen obligatorisch die gemeinsamen Stunden, die anschließend nur noch ein Haufen Asche sind, und sie erzählen immer wieder von der unerwiderten Liebe. So, als wäre das etwas Neues und jeden Tag ganz ganz anders, jeden Tag die Besonderheit, jeden Tag das einzige in unserem Leben. Dabei verlieben wir uns tausend Mal in irgendwem und lachen hinterher darüber. Aber sterben tut doch jeder nur ein einziges Mal. Wer weint am Ende eigentlich über sich?