Sechs Jahre lang fährt lärmend ein Güterzug durch meinen Körper. Es ist so laut, und es zieht so sehr. Leben auf dem Bahnsteig: Wann kommt der Tod an?

Dazwischen liegen viele Leben, kommen und gehen. Es liegt eine Liebe leblos am Boden, ein paar unromantische Küsse aus irgendwelchen fadenscheinigen Nächten hinter dunklen Häuserecken. Ein Neuanfang, ein Abbruch, ein Versehen. Ein „aus Versehen“ wieder Zurückgehen und dann „aus Versehen“ bleiben. Am Ende einer jeden Prognose steht ein Semikolon. Den Punkt macht dann die sichtbare Endlichkeit.

Ein paar Mal ist Frühling, ein paar Mal eisiger Winter und einige Male hört man den Satz „Wir haben ja keinen richtigen Sommer“, bei 28 Grad im Herbst, während ich schwitzend in Zügen sitze und in den Venen meines Vaters Tschernobyl passiert.

Ich führe eine schwierige Liebesbeziehung mit der Hoffnung, in der nie etwas rosig oder wahr ist. Ich glaube zu wenig und ich trinke zu viel. Um mich herum leben die ganzen Helden, die ihren Lebensalltag unter jedweder Art der Erschütterung wuppen, unter mir bröckelt schon der Boden, wenn ich mich nur minimal zu bewegen versuche. Ich hänge an Klinken, die ich nie herunterdrücke, wähle Nummern, die ich anschließend aus meinem Telefonbuch lösche, falte ein „Ich liebe dich“ wie ein Origami und warte Strahlung für Strahlung – 50 Mal – ab, was das mit einem Menschen macht.

Mehr als 100 Tage in Arztpraxen stehen und mütterlich den Papa anmelden, dabei nach und nach den Wunsch entwickeln Innenarchitektin für Wartebereiche zu werden. Ein paar Jahre mit dem Fahrstuhl in Krankenhäusern hoch und runter fahren. In der Sonne sitzen, sich verbrennen lassen, und Carpri-Sonne trinken wie vor 20 Jahren. Ein paar Mal an den falschen Stellen ja sagen. Ein paar Mal nicht hinterher kommen. Einige Explosionen im Innern später und wieder mehr Zeit, die keiner mitbekommen hat, ist Vergänglichkeit so gegenwärtig wie nie zuvor.

Es ist die Gleichzeitigkeit die die Geschwindigkeit weder messbar noch merkbar macht. Dass alles auf einmal passiert. Dass dieser lustige Moment einem die Schminke verschmiert. Dass die Hoffnung genau da steht, wo das Wissen um den Tod das Unbedingte ist. Tief drinnen weiß man Bescheid, aber dann immer diese Gegensätzlichkeit: Metastasierung, Genesung, austherapiert, Tumorzerfall. Eine Woche lang durchschlafen und die nächste wieder die ganz große Lebendigkeit. Alles passiert einfach Jahr für Jahr, und ich bin mir ziemlich sicher: das Schicksal trifft die einsamsten Entscheidungen im Wahn. Leben und Sterben gehen irgendwann Hand in Hand, die Kinder rennen, toben, tanzen, kreischen, während sich die Alten über die Wirklichkeit mit wilden Gesten flüsternd unterhalten. Doch trotz all der Ruhe, bleibt es so unglaublich laut, denn jede Stimme schreit, egal wovon sie erzählt. Ob es bloß um den Einkauf geht, das Liebesleben oder um die Arbeit in einem Irren- oder Autohaus. Alles ist sehr laut, wie wenn man neben einem Hubschrauber steht, sechs Jahre lang, und man wartet, dass er endlich abhebt, aber man doch eigentlich gar nicht verlassen werden kann.

Es passiert etwas, das man Ankündigung, Vorwarnung oder „guck dir das an, guck dir diesen Moment mal an“, nennen kann.  4 Tage lang weint er und es ist kaum zum Aushalten. Schlimmer als jeder Schmerz zuvor, liegt da ein Gesicht und ein Körper, der zerfällt bei vollem Bewusstsein. Dann wird seine Emotionalität und seine noch vorhandene Wachsamkeit sediert. 3 Tage später ist es ganz still.

Denn der Tod ist ganz leise. Und vor allem ist er schnell. Wenige Stunden und die Beschaffenheit des Körpers reduziert sich nur noch auf die Hälfte. Da sind dann Knochen und Knochen und Knochen und eine dünne Haut. Ein paar Sekunden stehe ich da, an dem Bett, an dem ich viele Augenblicke verbracht habe, erkenne aber weder den Raum noch den Mensch darin, bestaune nur die Offenheit von einer Person, die immerzu verschlossen war, und uns auf einmal im intimsten Moment bei sich haben will: seine 20 Sekunden aktive Sterbezeit. 20 Sekunden Todesangst in meinem Abdomen. 20 Sekunden braucht es und dann war das, was sechs Jahre mein Leben war, vorbei. Alle Wegmarken meiner Adoleszenz nimmt der Tod mit in sein Grab, denn was soll ich auf der Erde mit dem Wissen um Katheterbeutel oder Verschlüsse, Deiche für Pisse und einem ausgewachsenem Sensorium für Gebrechlichkeit, wenn der Sterbende mich nicht mitgenommen hat? Was soll ich jetzt, nach sechs Jahren, noch auf der Welt?

Ich gucke mir den Tod an. Rieche an ihm. Der Tod riecht aber nach nichts. In den ersten Stunden riecht der Tod wie Luft, wie Wind, der an mir rüttelt und die Fensterscheiben um meine Gedanken herum zerstört. Durch die Isolierung um mich herum kriecht, sich in mir ausbreitet. Dann ist eigentlich das einzige sichtbare Merkmal des Todes die Leblosigkeit. Und die ist heftig. Sie ist ein Unfall. Und niemand wird je wegsehen können.

Was bleibt sind schlechte Fotografien und gute Erinnerungen und die Frage nach dem „Wohin mit mir“?

 

 

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17 Kommentare zu „Schnelligkeit

    1. Liebe Lis, das ist ja ein interessanter Ansatz, als würde man einem Depressiven sagen: hör auf depressiv zu sein, verdammt, leb jetzt! und als würde das dann auch wirklich so funktionieren.
      (Von 18 bis 24 ist eine laaange Zeitspanne, in der ich permanent mit dem Tod konfrontiert war und dies ist mir nun mal in Fleisch und Blut übergangen. Ich mag den Tod, ich mag sogar den Gedanken an meinen eigenen, das macht mich automatisch sehr viel lebendiger.)

      Es ist möglicherweise schwer vorstellbar, aber der Tod gehört zu meinem Leben dazu wie der morgendliche Kaffee und aus genau dem Grund schreibe ich darüber, hier, genau SO, wie ich es tue. Ich bin vielleicht nicht die talentierteste Schriftstellerin, die wichtige Emotionen literarisch verständlich aufschreiben kann, doch versuche ich es hiermit. Solange wie es mir nötig erscheint.

      Dennoch: ich danke dir für deinen Kommentar, den ich nicht böse verstehe, sondern dankbar annehme, da er mir wieder verdeutlicht, wie wichtig es für mich ist, darüber zu schreiben.
      Herzlichst,
      Sarah

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      1. Danke liebe Sarah für Deine Antwort. Ist schon ganz richtig was Du hier schreibt. Jeder muss sein Leben leben jeder lebt es aus seine Art und Weise und das ist gut so. Wünsche Dir für Deine Zukunft alles Glück … ❤ lich Lis

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      2. Lis, ich werde sicherlich auch noch mal genau das thematisieren. Und dafür ist so ein Blog ja auch ein bisschen da. Verschiedene Meinungen und Ansichten zum Leben und eben auch zum Tod. Ich hoffe, du liest hier trotz allem das eine oder andere Mal noch. Vielen Dank und liebe Grüße!

        Gefällt 1 Person

    2. Liebe Lis,

      in deiner flappsigen Art dich auszudrücken ist dir wahrscheinlich entgangen, dass dieser Blog sich um die Thematik des Todes dreht. Der Titel „Wir sind noch hier“ hätte ein erstes Indiz für dich sein können.
      Im Gegensatz zu deiner Lesart des „Jammerns“ sehe ich in Sarahs Text(en) eine aktive Auseinandersetzung mit dem Tod, die das Leben nicht ausklammert. Schließlich „ist sie noch hier“ und eben nicht verstorben. Dass man sich als junger Mensch damit befasst scheint dir, wie vielen anderen auch, befremdlich zu sein. Die Inhalte der Texte müssen und können nicht jeden Geschmack treffen, denn nicht jeder ist offen dafür und in der Lage sie zu verstehen. Aber genauso wenig muss Sarah die Rosamunde-Pilcher-Schublade bedienen um dem Leser Komfort zu verschaffen.

      Liebe Grüße

      Julia

      Gefällt 7 Personen

  1. Was das Sterben betrifft, sind wir in unserem Wollen wohl noch erdrückt, wie werdende Mütter es über Jahrtausende waren. Die hätten in der Masse wohl selbst nach mehrmaligen Nachfragen nicht gewusst, was man damit meine, ob sie das Kind überhaupt wollen würden? Und so beim Thema Tod: kaum ist die lebensbedrohende Diagnose gestellt, wird von allen Seiten energisch der Kampf aufgenommen. An jeder Ecke Gesunde, die ein scharfes Auge darauf haben, dass der Erkrankte ja nicht den Lebensmut verliert… Und so lange unsere Gesellschaft in ihrer Vorstellungskraft nur eine Richtung kennt, bleiben die meisten Versuche zum Thema Tod wohl eher unerlöst…

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  2. Liebe Sarah, ich kämpfe immer und immer gegen meine Sprachlosigkeit beim Thema Tod an, das ist so ein Kindheitserbe, als mein Vater tödlich verunglückte. Mit meinen viereinhalb Jahren verstand ich nichts und niemad erklärte mir was, also verstummte ich eben und das 3 Monate lang. So lese ich all deine Worte und Gefühle, bin dankbar und habe die Hoffnung vielleicht doch einmal Worte anstelle von Schweigen zu finden. Heute bleibt mir besonders hängen, dass der Tod in den ersten Stunden wie Luft und Wind riecht …
    Zugewandte Grüsse
    Ulli

    Gefällt 2 Personen

  3. Du hast das unglaublich gut in Worte gefasst. Auch wenn ich grade ganz müde bin und das Thema so schwer, eigentlich, bin ich hängengeblieben. Ich bekomme eine Vorstellung von… irgendwie ist das eine sperrige Sache auf solche Texte zu antworten, ich möchte es aber tun weil ich es immer bedauere wenn gerade bei solchen essentiellen Themen nicht viel gesagt wird. Ich habe etwas in dieser Richtung auch und ganz anders erlebt, und weißt Du was mir am Ende auch aufgefallen ist, das der Tod kalt ist. Das hat sich so sehr eingeprägt, und ist logisch aber immer noch irritiert es mich wenn ich daran denke.
    Ich wünsche Dir das Du auf die andere Seite zurückfindest, so ein Stückchen, in den Zwischenräumen zumindest. Ich finde das schreiben ist mit das beste was man tun kann, denn Trost gibt es sehr wenig auf der Welt. Und die Dinge brauchen und haben alle Ihre eigene Zeit. Alles Liebe Dir ❤

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  4. Liebe Sarah,
    du schreibst sehr schön und ich verstehe dich so, so gut.
    Mein Vater bekam die Diagnose Lungenkrebs, als ich so alt war wie du jetzt. Du warst noch sehr jung und bist praktisch in dieser Zeit erwachsen geworden – achtzehn bis Mitte zwanzig, da passiert so viel. Bei uns war es nur ein Jahr bis zu seinem Tod. Es war ein schönes Jahr, bei dem aber hinter jeder Ecke der Schrecken, die Angst, die Wut, das Unverständnis lauerten. Ich bin dankbar, dass wir es hatten, um Abschied zu nehmen, aber ich bin auch froh, dass es nur ein Jahr war. Ich glaube ich kann ermessen, was es bedeutet, das sechs Jahre lang als Tochter mit und durchzumachen. Ich habe mich lange nicht erholt von der permamenten Angst um das WIE des Todes. Es war so zermürbend und doch muss man funktionieren.
    Schreibe hier weiter, du hast viel, sehr viel zu verarbeiten. Du konntest deinen Vater begleiten, das ist ein Trost. Aber es will auch verkraftet werden.
    Alles Gute,
    Stefanie

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