Langsamkeit

 

Der Dachboden wurde mit Diagnosenschlüsseln tapeziert. Nicht deine, nie deine, denn: du bist gesund. Gesünder, als nötig, du bist jung, jünger als nötig, du bist Kind, zu wenig Kind, du bist frei, zu eingeengt in der scheiß Freiheit, die kein Mensch wirklich kennt. Du zählst die Tapetenkanten, fährst mit den Fingern an den abstehenden Ecken entlang, Tod, Tod, Tod, flüstern sie dir zu. Du bemerkst, dass das alles nicht stimmt. Bemerkst, dass noch nie etwas gestimmt hat.

Was dir begegnet wenn jemand stirbt: Langsamkeit. Fragen. Reisen. Reisen ins Unergründliche. Bis in die fünf Sterbephasen von Elisabeth Kübler-Ross, die du auswendig lernst. Jeden Abend sprichst du eine der Phasen aus, langsam sprichst du sie, wie alles, was du sagst, weil alles nur noch langsam ist. Du sprichst es, wie Gebete, die keiner hört. Du sprichst es, wie Hoffnungen, die keiner hören will. Du sprichst es wie Vermutungen, wie Wünsche, wie Wunder. Doch an Wunder glaubt ja keiner mehr. Außerdem hat dir das auch nur Wikipedia erzählt. An Wikipedia glaubst du eh nur, wenn da steht, was die anderen in deinem Alter schon erreicht haben: Alles. Und du: Nichts. Du bist nur Zuschauer. Jemand der guckt, von außen, wie ein anderer jemand einknickt, nicht aufgibt, aber aufhören muss, sterben soll. Jeden Moment kann es soweit sein. Und in genau dem Moment wirst du alles sein, außer bereit.

Der Dachboden ist eine Tatsächlichkeit mit den Diagnosen und deinen Umzugskartons, die Unzulänglichkeiten sind, Widrigkeiten des Lebens, dein Schicksal, dieser scheiß Sadist. Irgendwo sitzt jemand und lacht darüber, dass du weinst, wenn du hinguckst und dass du mal wieder lachst, wenn du in dich reinschaust und bemerkst, dass du eigentlich gar nicht mehr da bist. Dass du schon echt lange fehlst, aber dennoch Teilnehmer bist. Ein absurder, abstrakter Teilnehmer in einem Leben, wie der Silberfisch vor der Waschmaschine im Bad. Wie der Abfluss, der langsam zu stinken beginnt, weil da schon lange niemand mehr geduscht hat. Wie das Leben, dass um dich herum aufgebaut wurde. Was aber keiner mehr sehen kann: dich. Obwohl du lebst.

Aber du nimmst dich zurück, nimmst dein Innen aus dem Leben der anderen heraus. Erzählst keinem, dass du nachts nicht nur beschissen, sondern gar nicht schläfst, denkst immer an die Tapetenkanten, die Arztbriefe, den Arzt mit rotem Rauschebart, der dir sagt: „Ihr Vater wird sterben.“, er nennt Daten, es sind Monate oder Wochen, es werden Jahre. Jahre, in denen dein Herz nur für eines schlägt. Für den Tod. Tod. Tod.

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2 Comments

  1. Frau Dr. Kübler-Ross hätte mir eine Warnung sein sollen. Zuerst konnte ich ihrem „Rad des Lebens“ noch folgen. Etwa wie sie kurz nach der Befreiung Auschwitz besuchte, und Hoffnung fand in all den vielen Schmetterlingen, die dort zum Himmel aufstiegen. Dann aber wurde es mit jeder Seite esoterischer, bis ich nicht mehr weiterlesen mochte. Zum Tode hin war Frau Dr. Kübler-Ross in meinen Augen keineswegs mehr die nüchterne Wissenschaftlerin, die ich schätzen gelernt hatte durch ihre „Interviews mit Sterbenden“. Tragischerweise gelangte ich nach dem „Rad des Lebens“ aber noch nicht zu der Erkenntnis, dass das, was jemand aus Beobachtungen schlüssig komponieren mag, in der Praxis selten von Wert ist. Und so verehrte ich weiterhin, was am Wochenende einging an Problemkompositionen aus Film, Musik und Literatur. Derart vergiftet bin ich nun durch Refrains und Reime, dass ich erstmal wieder leben lernen muss mit der Natur der Vögel und des Regens. Kaum Schreiben kann ich, weil mein Wesen zerschossen ist durch Schrotladungen aus Plots: Kein Umzugskarton, der einfach sein darf. Er muss schon nach irgendwohin gehofft werden…
    Wenn man so will, ist Vivian Maier ihr Leben lang Umzugskarton geblieben. Sie tat wenig mehr, als das Leben um sich herum abzulichten. Sie gab ihrem Leben Arbeit, sie gab ihrem Leben Struktur. Vivian Maier war nicht Zeit, war nicht Raum, sie war Tat. Der beste Tod, den ein Mensch sterben kann, glaube ich.

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