Schnelligkeit

 

Sechs Jahre lang fährt lärmend ein Güterzug durch meinen Körper. Es ist so laut, und es zieht so sehr. Leben auf dem Bahnsteig: Wann kommt der Tod an?

Dazwischen liegen viele Leben, kommen und gehen. Es liegt eine Liebe leblos am Boden, ein paar unromantische Küsse aus irgendwelchen fadenscheinigen Nächten hinter dunklen Häuserecken. Ein Neuanfang, ein Abbruch, ein Versehen. Ein „aus Versehen“ wieder Zurückgehen und dann „aus Versehen“ bleiben. Am Ende einer jeden Prognose steht ein Semikolon. Den Punkt macht dann die sichtbare Endlichkeit.

Ein paar Mal ist Frühling, ein paar Mal eisiger Winter und einige Male hört man den Satz „Wir haben ja keinen richtigen Sommer“, bei 28 Grad im Herbst, während ich schwitzend in Zügen sitze und in den Venen meines Vaters Tschernobyl passiert.

Ich führe eine schwierige Liebesbeziehung mit der Hoffnung, in der nie etwas rosig oder wahr ist. Ich glaube zu wenig und ich trinke zu viel. Um mich herum leben die ganzen Helden, die ihren Lebensalltag unter jedweder Art der Erschütterung wuppen, unter mir bröckelt schon der Boden, wenn ich mich nur minimal zu bewegen versuche. Ich hänge an Klinken, die ich nie herunterdrücke, wähle Nummern, die ich anschließend aus meinem Telefonbuch lösche, falte ein „Ich liebe dich“ wie ein Origami und warte Strahlung für Strahlung – 50 Mal – ab, was das mit einem Menschen macht.

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Langsamkeit

 

Der Dachboden wurde mit Diagnosenschlüsseln tapeziert. Nicht deine, nie deine, denn: du bist gesund. Gesünder, als nötig, du bist jung, jünger als nötig, du bist Kind, zu wenig Kind, du bist frei, zu eingeengt in der scheiß Freiheit, die kein Mensch wirklich kennt. Du zählst die Tapetenkanten, fährst mit den Fingern an den abstehenden Ecken entlang, Tod, Tod, Tod, flüstern sie dir zu. Du bemerkst, dass das alles nicht stimmt. Bemerkst, dass noch nie etwas gestimmt hat.

Was dir begegnet wenn jemand stirbt: Langsamkeit. Fragen. Reisen. Reisen ins Unergründliche. Bis in die fünf Sterbephasen von Elisabeth Kübler-Ross, die du auswendig lernst. Jeden Abend sprichst du eine der Phasen aus, langsam sprichst du sie, wie alles, was du sagst, weil alles nur noch langsam ist. Du sprichst es, wie Gebete, die keiner hört. Du sprichst es, wie Hoffnungen, die keiner hören will. Du sprichst es wie Vermutungen, wie Wünsche, wie Wunder. Doch an Wunder glaubt ja keiner mehr. Außerdem hat dir das auch nur Wikipedia erzählt. An Wikipedia glaubst du eh nur, wenn da steht, was die anderen in deinem Alter schon erreicht haben: Alles. Und du: Nichts. Du bist nur Zuschauer. Jemand der guckt, von außen, wie ein anderer jemand einknickt, nicht aufgibt, aber aufhören muss, sterben soll. Jeden Moment kann es soweit sein. Und in genau dem Moment wirst du alles sein, außer bereit.

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